Die Letzten ihrer Art: Roman

Rezensionen zu "Die Letzten ihrer Art: Roman"

  1. Ein aufregendes Leseerlebnis, das noch lange nachhallt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2020 

    "Die Geschichte der Bienen" fand ich gut, "Die Geschichte des Wassers" noch viel besser. Mit "Die Letzten ihrer Art" hat Maja Lunde einen weiteren Klima-Roman geschaffen, der mich ausgesprochen begeistern konnte.

    In diesem Buch gibt es wieder drei Zeitstränge: 1881, 1992 und 2064. Diesmal dreht es sich um eine Tierart, die man verzweifelt versucht, am Leben zu erhalten: um Wildpferde. Da Pferde nicht zu meinen Lieblingstieren zählen, habe ich mir anfangs noch gedacht: "Oh, nein! Es geht um Pferde ..." Wider Erwarten hat mich die Geschichte aber dennoch sehr mitgenommen und ich habe durchaus interessiert alles über diese Tiere gelesen. In Lundes bisherigen Büchern geht es vor allem darum, wie die Menschen in gewissen Zukunftsszenarien versuchen am Leben zu bleiben. In "Die Letzten ihrer Art" versucht man nun aber, neben dem Menschen, auch eine andere Spezies überleben zu lassen. Nun fragt man sich wahrscheinlich: Warum gerade Pferde? Gibt es nicht unzählige andere Arten, die ebenfalls am Aussterben sind und Hilfe beim Überleben benötigen würden? Warum also Pferde? Maja Lunde gibt auf diese Frage vor allem im 1992er-Strang eine einleuchtende Antwort, die mir heute noch manchmal im Kopf umgeht ...

    Wie in den anderen Büchern habe ich auch hier einen Lieblingsstrang gehabt. Der Zukunftsteil hat mich hier wahrlich am meisten beschäftigt und mitgerissen, denn die dortigen Geschehnisse sind wirklich spannend und teilweise sehr nervenaufreibend. Hierbei handelt es sich um ein dramatisches Zukunftsszenario, das man einfach gebannt verfolgen muss. Man fragt sich ständig: Wie geht's da jetzt weiter? Die Kapitel sind nicht immer besonders lang, weswegen man schnell mal ein paar Kapitel mehr liest als ursprünglich geplant waren.
    Immer wieder aufmerksam festgestellt habe ich, dass Lunde ähnliche Umstände in den verschiedenen Zeitsträngen eingebaut hat. Das hat die drei Geschichten zusätzlich miteinander verbunden, was mir sehr gefallen hat. Und was ich noch als sehr positiv und lesenswert angeben muss, ist Lundes feines Gespür für Zwischenmenschliches und ihre Fähigkeit, Kleinigkeiten und Details so bildhaft niederzuschreiben. Das, was sie über die Gefühlswelt, das Innenleben und das, was zwischen den Charakteren "in der Luft schwebt" schreibt, ist dermaßen eindringlich und faszinierend. Diese Geschichte geht wahrlich in die Tiefe und berührt zutiefst. Den einen Protagonisten liebt man, den anderen findet man durch und durch unsympathisch, und trotzdem möchte man am liebsten nie von dem Roman ablassen.

    Wer die ersten beiden Klima-Romane von Lunde gemocht hat, wird auch von "Die Letzten ihrer Art" begeistert sein. Die aufwühlenden Geschehnisse, Lundes geschickt feinfühlige Erzählkunst und nicht zuletzt das nicht weit hergeholte Klimaszenario aus 2064, das uns alle in unserer Zukunft so oder so ähnlich betreffen könnte, machen diesen Roman zu einem aufregenden Leseerlebnis, das man so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommt.

  1. Klimawandel-Quartett Teil 3

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    Ich habe den dritten Band des Klimawandel-Quartetts von Maja Lunde, "Die Letzten ihrer Art" beendet. Und er hat mir gefallen. Dieses Buch wirkt anders auf mich als seine beiden Vorgänger, "Die Geschichte des Wassers" und auch "Die Geschichte der Bienen" wirkten auf mich weniger emotional, eher nüchtern berichtend. Dies ist nun bei diesem Roman hier anders. Die Struktur der bisherigen Bücher ist dagegen beibehalten worden. Es gibt wieder drei Erzählstränge in drei verschiedenen Zeiten. Aber die Hauptprotagonisten in allen drei Erzählsträngen sind empathischer und deutlich gefühlvoller gezeichnet. Alle drei berühren mich. Und dies ging mir ja bei den vorangegangenen Büchern nicht so, entweder ließen mich da die Charaktere kalt, denn sie waren vollkommen unnahbar gezeichnet oder sie waren so nervend gestrickt, dass es Charaktere waren, die ich schütteln wollte. Dieses nicht emotional Beschriebene habe ich bei beiden Vorgängern sehr bemängelt. Von daher ist dieses Buch ein würdiger Nachfolger im Klimawandel-Quartett und ich bin gespannter auf den vierten Teil. 4 Sterne von mir für dieses Buch.

    Noch etwas. Es gibt ja einige Meinungen zu diesem Buch, wo die Rezensenten auf die Botschaft/den Appell warten. Welche Botschaft? Wir alle wissen in welcher Welt wir leben und welche Welt auf uns wartet, wenn wir so weitermachen. Wir alle sehen Nachrichten und können uns mittels verschiedener Reportagen in bestimmten Sendern informieren wie sich unsere Welt verändert. Diese Botschaft/dieser Appell ist um uns herum und wir alle sehen es. Diese Veränderungen in der Welt sind mittlerweile so deutlich, dass man blind sein müsste sie nicht zu bemerken, oder borniert, das geht auch noch. Und mal ganz ehrlich, in den dystopischen Welten, die hier gezeichnet werden, liegt doch genug Botschaft, genügend Appell. Diese gesamten Botschaften müssten nur gehört werden. Nicht nur von den Schülern dieser Welt, sondern eher von den Menschen in den Schaltzentralen dieser Welt. Wachstum ist nicht mehr allein das Zauberwort. Wenn es keine Veränderungen gibt, warten die dystopischen Welten der Maja Lunde auf uns. Und mal ehrlich, wollen wir das erleben???

  1. Gelungene Fortsetzung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    St. Petersburg, 1881: Der Zoologe Michail braucht dringend eine neue Attraktion, um die desolaten Besucherzahlen des Zoos zu verbessern. Als er erfährt, dass in der Mongolei das Urpferd schlechthin aufgetaucht ist, begibt er sich auf eine Expedition, um einige Exemplare zu fangen und nach Russland zu bringen.

    Mongolei, 1992: Die Tierärztin Karin arbeitet an einem Projekt, die in der Wildbahn ausgerotteten Wildpferde wieder in ihrer Heimat anzusiedeln. Begleitet wird sie von ihrem Sohn Mathias, zudem sie sich aufgrund seiner Drogensucht entfremdet hat.

    Norwegen, 2064: Gemeinsam mit ihrer Tochter Isa harrt Eva nach einer Klimakatastrophe auf ihrer Farm aus. Obwohl ihnen das Überleben zunehmend schwerer fällt, will sie die beiden letzten Wildpferde, die ihr noch geblieben sind, nicht allein zurücklassen.

    Nachdem Maja Lunde sich in den beiden ersten Teilen ihres Klimaquartetts bereits dem Insektensterben und der Wasserknappheit gewidmet hat, zeichnet sie in diesem Buch ein Bild davon, wie das Artensterben und der menschengemachte Wandel der Natur zusammenhängen. Die Handlung wird erneut aus verschiedenen Perspektiven erzählt, neben den drei Hauptcharakteren kommen auch Evas Tochter und Karins Sohn zu Wort. Bindeglied sind dieses Mal die Takhis, die Wildpferde der Mongolei. Ein Wiedersehen gibt es auch mit einer Figur aus "Die Geschichte des Wassers" - so erfährt der Leser zumindest etwas darüber, wie es nach Band 2 weiterging.

    Klimawandel und die Bedrohung bestimmter Tierarten sind die vordergründigen Themen des Romans, aber eigentlich geht es auch um menschliche Beziehungen. Jeder der drei Hauptcharaktere hat in dieser Hinsicht zu kämpfen: Michail mit seiner Sexualität und dem Wunsch seiner Mutter, ihr Enkelkinder zu schenken. Karin mit ihrem Sohn, den sie nie so lieben konnte, wie er es gebraucht hätte. Und Eva mit ihrer Tochter, die sie unbedingt beschützen möchte und dadurch einsperrt. Diese zweite Ebene, die die Handlungsstränge miteinander verbindet, macht die Geschehnisse noch eindringlicher und zeigt auf, wie eng das Schicksal aller Lebewesen auf dem Planeten miteinander verknüpft ist.

    Nach einem großartigen Band 1 und einem mäßigen Band 2 gelingt Maja Lunde eine emotionale Fortsetzung, die nicht nur für Pferdefans und Klimaktivisten lesenswert ist.

  1. Wo bleibt der Appell?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Feb 2020 

    Es ist ein bedeutender Fund, den der russische Forschungsreisende Oberst Przewalski im Jahre 1878 in der Mongolei macht. Es ist der Schädel und das Fell eines Takhi, dem Urpferd. Der Petersburger Zoologe Michail Alexandrowitsch Kowrow reist daraufhin gemeinsam mit dem deutschen Tierfänger in die mongolische Steppe, um lebende Tiere aufzustöbern und für den Zoo einzufangen.
    Mehr als hundert Jahre später begibt sich die Tierärztin Karin mit ihrem erwachsenen Sohn Matthias in die Mongolei, um eine Herde Przewalski-Pferde, wie man Takhis dann zu nennen pflegt, auszuwildern.
    In einer nicht mehr ganz so fernen Zukunft, kämpfen Eva und Isa, Mutter und Tochter in Norwegen Europas ums tägliche Überleben. Ihr Tiergarten hat schon längst kein Publikum mehr, die wenigen verblieben Tiere dienen der eigenen Versorgung. Nur die beiden Takhis erfüllen diesen Zweck nicht und trotzdem setzt Eva viel auf Spiel, diese Pferde am Leben zu erhalten.
    Die norwegische Autorin Maja Lunde folgt auch in ihrem dritten Band des Klimaquartetts ihrem Muster, mehrere Stränge aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – diesmal vom Zaristischen Russland über den Zweiten Weltkrieg in die heutige Zeit bis in eine postapokalyptische Welt - zu verknüpfen. Alle drei Geschichten verbindet die Geschichte der Pferde, den letzten ihrer Art. Während Michails und Karins immer wieder auf historische Begebenheiten verweisen, ist die dystopische Welt, in der Eva und Isa leben fiktional und schließt an die Geschichte des Wassers an. So begegnen wir auch wieder Louise, dem kleinen Mädchen aus dem zweiten Band des Klimaquartetts. Europa hat die Dürreperiode überstanden, das Leben ist keineswegs gesichert. Die Landstriche sind entvölkert, die Felder liegen brach. Das Wenige zum Überleben wird verteidigt.
    Maja Lunde erzählt die Geschichten von Michail, Karin und Eva nicht linear, springt zwischen den Zeitebenen hin und her, verzahnt diese und bringt sie in Beziehung zueinander. Um Beziehungen geht es auch sehr stark in allen drei Erzählsträngen. Da ist die verwirrende und verpönte Liebe Michails zu seinem Begleiter Wolff. Karin sieht ihren Lebensinhalt in der Aufzucht und im Erhalt der alten Pferde, dabei hat sie ihren Sohn schon lange verloren. Auch die Mutter-Tochter Beziehung zwischen Eva und Isa ist von Konflikten getragen. Isa, die 14-jährige will weg von zu Hause, weiter in den Norden, während Eva nicht loslassen kann.
    Maja Lunde hat sich mit ihren Romanen zur Aufgabe gemacht, den Klimaschutz literarisch zu vertreten. Sie zeigt die Auswirkungen menschlicher Ignoranz gegenüber der Umwelt und allen schützenswerten Gütern und Lebewesen. Sie sensibilisierte den Leser über die Konsequenzen des Bienensterbens, schilderte eindrücklich wie schnell das Leben ohne Wasservorräte zur Katastrophe führt. Nun sind es die Przewalski-Pferde, die mongolischen Urpferde, wie auch immer man sie nennen mag, Thema im Klimaquartett. Aber welchen Einfluss nehmen denn diese Pferde auf das Ökosystem. Gibt es hier irgendeinen Anreiz für mich, für alle Leser, das eigene Verhalten zu überdenken? Rüttelt mich diese Geschichte auf?
    Die Erhaltung von Arten ist eine berechtigte Forderung. Ich unterstütze Maja Lundes Anliegen, für den Klima-, Umwelt und Artenschutz einzutreten, unbedingt. Allerdings verblasst hier meiner Ansicht nach die Dringlichkeit des Appelles hinter der (Pferde)Romantik.