Die Ladenhüterin: Roman

Rezensionen zu "Die Ladenhüterin: Roman"

  1. Ungewöhnliche Protagonistin

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2020 

    Sayaka Murata, 1979 geboren, ist eine erfolgreiche japanische Schriftstellerin. Ihr Roman „ Die Ladenhüterin“ erhielt 2016 einen der renommiertesten Literaturpreise ihres Landes.
    Die Ich- Erzählerin Keiko, eine Frau Mitte Dreißig, arbeitet schon seit vielen Jahren als Aushilfe in einem sog. Konbini, einem kleinen Supermarkt, der rund um die Uhr geöffnet hat. Keiko ist eine Außenseiterin. Schon als Kind fiel sie durch ihr sonderbares Verhalten auf. Sie scheint eine leichte Form von Autismus zu haben. Keiko hat Schwierigkeiten mit Gefühlen, verspürt selbst wenig Emotionen und kann die anderer nicht nachempfinden. Immer wieder werden ihre Eltern zur Schulleitung gebeten, weil die Tochter unangenehm auffiel. Keiko beschließt deshalb, sich in Zukunft still zu verhalten. Für die Eltern ist es nicht leicht mit einem solchen Kind. Trotzdem hält sich Keiko für geliebt.
    Als Studentin findet sie einen Job als Ladenhilfe in einem Konbini. Hier herrschen strenge Verhaltensregeln; es gibt genormte Sätze, die man im Kontakt mit den Kunden benutzen muss. In Übungsvideos sieht Keiko, was von ihr erwartet wird und sie imitiert die Verhaltensweisen perfekt. Dieser Job ist geradezu ideal für die junge Frau, denn er gibt ihr Sicherheit im Umgang mit anderen.
    Zitat: „Zum ersten Mal war es mir gelungen, am normalen Leben teilzunehmen. Als wäre ich gerade geboren worden. Mein erster Tag im Konbini war mein Geburtstag als normales Mitglied der Gesellschaft.“ ( S. 22 )
    Was ursprünglich als Übergangslösung gedacht war, wird für Keiko zur Lebensaufgabe. Sie überlegt ständig, welche Verbesserungen sinnvoll wären, wie man bestimmte Produkte gezielter verkaufen kann usw. Sie identifiziert sich völlig mit ihrem Laden, kennt ihn auch besser als alle anderen Mitarbeiter, da sie am längsten hier arbeitet.
    Allerdings stößt dieser Job bei ihrer Familie und ihren ehemaligen Studienkolleginnen auf Unverständnis. In ihrem Alter sollte man einer qualifizierteren Arbeit nachgehen. Und vor allem müsste eine Frau Mitte Dreißig längst verheiratet sein und Kinder haben. Ein Gedanke, der Keiko völlig fremd ist.
    Da kommt ihr eine neue männliche Aushilfskraft gerade recht . Shiraha ist ein verlotterter, fauler Mann, der sich total dem Arbeitsleben verweigert. Eigentlich ist Keiko abgestoßen von ihm, aber vielleicht würde eine Heirat ihr die gesellschaftliche Anerkennung bringen. Doch dieser Typ kann nicht die Lösung sein.
    Sayaka Murata beschreibt hier zwei völlige Außenseiter der japanischen Gesellschaft. Doch während der Leser für Keiko mit ihrer Andersartigkeit und ihrem Bemühen, ein für sich richtiges Leben zu führen, Sympathien entwickeln kann, stößt einem Shiraha mit seinem rücksichtslosen Egoismus ab. Beide Figuren sind skurrile Charaktere, die leicht überspitzt gezeichnet sind. Die Autorin zeigt an ihnen, unter welchem Druck Menschen stehen, die nicht den Erwartungen anderer entsprechen.
    Gleichzeitig bietet der Roman einen interessanten Einblick in den Arbeitsalltag von Angestellten in Japan. Er schildert anschaulich und leicht satirisch die japanische Gesellschaft mit ihrem Leistungsdruck und den dort herrschenden starren Konventionen.
    „ Die Ladenhüterin“ ist ein unterhaltsamer, leicht zu lesender Roman aus dem heutigen Japan mit einer ungewöhnlichen Protagonistin.

  1. Die wahre Bestimmung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2020 

    Schon als Kind war Keiko anders, sie nahm es schon damals allzu wörtlich. Fand sie einen toten Vogel, dachte sie, er könne zum Verzehr geeignet sein, während ihre Schwester das Tierchen ehrenvoll bestatten wollte. Und so zieht es sich durch ihre Kindheit und Jugend. Ihr Studium schafft Keiko zwar mit Ach und Krach, aber einer richtigen Anstellung fühlt sie sich nicht gewachsen. Ihr Aushilfsjob in einem Convenience Store einem sogenannten Konbini ist wie eine Offenbarung. Endlich hat sie ein Vorbild im Verhalten ihrer Kollegen und ein Handbuch, endlich fällt sie nicht mehr auf.

    Doch in diesem berührenden kleinen Roman bleibt es nicht lange bei dem angenehmen Leben im Konbini. Mit Mitte dreißig hat Keiko ihre Aushilfsstellung immer noch inne und wieder fällt sie auf. Normale junge Frauen haben in dem Alter eine ordentliche Arbeit, Hobbys, eine Familie. Keiko beginnt zu überlegen, wie sie ihre Situation verbessern könnte. Vielleicht bietet der neue Mitarbeiter, der ihr irgendwie ähnlich zu sein scheint, die Rettung.

    In diesem kurzen Hörbuch/Büchlein steckt eine ganze Menge. Wie engstirnig ist die Gesellschaft - und das ist hier sicherlich nicht viel anders als in Japan - wenn sie eine junge Frau wie Keiko nicht einfach so sein lassen kann wie sie ist. Augenscheinlich hat Keiko eine Art autistische Störung, die sie zwar ganz gut funktionieren lässt, sie aber doch von denen unterscheidet, die sich als normal bezeichnen. Gut kann man Keikos Erleichterung nachempfinden als sie endlich im Konbini angekommen ist und ihre Bestimmung gefunden zu haben scheint. Warum verlangt ihre Familie von ihr, normal zu werden. Warum lassen ihr die Kollegen nicht einfach ihren Job? Wie traurig, dass sie darüber nachdenken muss, etwas an ihrem Leben zu ändern, um nicht mehr aufzufallen. Und mit ihrem männlichen Gegenpart findet sie tatsächlich einen, neben dem sie wie ein Ausbund an Normalität wirkt. Am Ende befreit sich Keiko von allen Konventionen und geht mit Freude und Erleichterung ihrer waren Bestimmung nach.

    Ein gefühlvoller kleiner Roman, der einem vor Augen hält, dass Menschen grundsätzlich so genommen werden sollten wie sie sind.

  1. Lesetipp

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Dez 2019 

    Es geht um Keiko, eine Mittdreißigerin mit autistischen Zügen.
    Der Roman beginnt mit einer treffenden Beschreibung ihrer Empathielosigkeit und ihrer Unfähigkeit/Schwierigkeit des Zugangs zu ihrer eigenen Gefühlswelt. Der Leser erfährt, dass für Keiko nur Ratio und Logik zählen und dass sie durch Imitation einen Weg findet, um in der Gesellschaft einen, wenn auch noch so kleinen, Platz und eine Aufgabe, die ihr Sinn gibt, zu bekommen, um sich „normal“ zu fühlen und um in Ruhe gelassen, also nicht gemobbt, kritisiert oder bevormundet zu werden.

    Mit dem Eintritt Shirahas, einem extrem unsympathischen, abwertenden, unverschämten und selbstgefälligen Mann in Ihr Leben, werden interessante und bedeutsame Themen eingeführt und beginnt der Weg in den Irrsinn und in die Absurdität, der dann aber, glücklicherweise, ein für Keiko recht gutes Ende findet.

    Es geht um Anpassung, Unterwerfung, Konformität versus Individuation, Unabhängigkeit und Freiheit.

    Eine These ist: Anpassung führt zur Akzeptanz, während Andersartigkeit zu Ausstoßung und Ausgrenzung führt.

    Ins Auge springende Stilmittel der Autorin sind Übertreibungen, Extreme und Zuspitzungen bishin ins Absurde.

    Shiraha, der Mann, der ihr Leben aus dem Tritt bringt, vertritt solch’ extreme Positionen, dass man sich nur über ihn empören kann. Dennoch führt gerade diese Aggravierung dazu, dass man sich wirklich mit dem Thema auseinandersetzt. Dass man sich wirklich fragt, ja fragen MUSS, ob in seinen Thesen ein Körnchen Wahrheit liegt.

    Während er zwar verbal gegen Anpassung, Gesellschaftsdruck und Konformität rebelliert, passt er sich an und resigniert aus Bequemlichkeit, fehlendem Mut und Selbstgefälligkeit.

    Keiko hingegen ist da etwas aktiver. Sie will etwas tun und verändern, aber ihr Ziel ist zunächst auch nur Konformität und Ein-, Unterordnung, um dazu zu gehören. Sie erkennt, dass Veränderung notwendig ist. Aber ist die Veränderung, die sie vornimmt bzw. vorzunehmen bereit ist, eine andere, als Anpassung und Resignation? Nein, zunächst nicht. Sie fügt sich fast, erwägt, dem (vermeintlichen) gesellschaftlichen Druck nachzugeben, um dazuzugehören und Kritik zu umgehen.

    Der Preis, den sie dafür - zunächst - bezahlt, ist ziemlich hoch. Denn sie „muss“ sich dafür erneut unterordnen... einem Taugenichts, Pascha, Hallodri und Filou… und sich dadurch demütigen (lassen).
    Der Preis: ein falsches ICH und faule Kompromisse.

    Verbergen sich hinter der „ach so fortschrittlichen und toleranten Welt“ vielleicht tatsächlich archaische, konservative und eig. vollkommen veraltete Vorstellungen, Werte und Normen, die auf uns einwirken und uns antreiben?

    Die Autorin greift eine unglaublich spannende, ernste und tiefgründige Thematik auf, aber manchmal scheint es mir, als würde sie den Leser zu sehr mit der Nase darauf stoßen. So, als würde sie ihm nicht zutrauen, zu verstehen, um was es geht.
    Aber sie bettet das Thema in eine kurzweilige und unterhaltsamer Geschichte ein; das gefällt mir und hält mich bei der Stange.

    Was halte ich von der These, dass Anpassung zu Akzeptanz und Andersartigkeit zur Ausstoßung führt?
    - Manchmal ist das so. Zum Beispiel unter Kindern.
    - Nicht überall ist das so. In manchen Kulturen scheinen es eher Exklusivität und Einzigartigkeit zu sein, die angestrebt werden.
    - Das ist bestimmt nicht immer so.
    - Es gibt viele Menschen, die selbstverständlich davon ausgehen, dass dieser Zusammenhang stimmt und die befürchten, dass das Bedrohliche - Zurückweisung und Ablehnung wegen fehlender Konformität - eintritt.

    Fragen drängen sich auf:
    Muss es Abwertung und Außenseitertum geben, um sich der eigenen „Normalität“ und Größe zu versichern?
    Müssen lästernde Äußerungen und sich einmischendes Verhalten sein, um sich der eigenen „Richtigkeit“ und Großartigkeit zu versichern?
    Darf man Toleranz erwarten und Normen hinterfragen?
    Wird man als „unnormal“ abgestempelt, wenn man nicht ins Bild passt?

    Als Keiko nach ihrer Kündigung ihre Uniform auszieht habe ich das Gefühl, dass sie einen großen Fehler macht. Ich hätte sie am liebsten davon abgehalten. „Tu‘s nicht!“ Ich hatte die Sorge und den Eindruck, dass sie ihr ICH und ihren Lebenssinn an den Nagel hängt, um zu tun, was MAN tut. Dann das zu erwartende Resultat: Wehmut über den Verlust des bisherigen Lebensinhalts. Verlust von Halt, Orientierung und Struktur. Vernachlässigung ihrer selbst. Depression.

    Da sie kaum Zugang zu ihrer Gefühlswelt hat und alles mit Verstand und Logik anzugehen versucht, kommt ihr der Gedanke, wieder Halt zu finden, indem sie ihre „ursprünglichste“ Funktion erfüllt: gebähren. Glücklicherweise wird sie davon abgebracht.

    Keiko wird immer mehr zu Shirahas Marionette und geht sogar auf sein Geheiß zu einem Bewerbungsgespräch. Fast zumindest. Glücklicherweise führen Intuition und Instinkt sie dahin zurück, wo sie sich wohl und sicher gefühlt hat: In ein Konbini. Zu ihrer „Bestimmung“ und zu dem, was sie kann. Zu dem, was ihr Sinn, Halt und Struktur gibt.
    Zum vllt. ersten Mal weigert sie sich aktiv, sich unterzuordnen. Sie widersetzt sich Shiraha und findet ihren Weg wieder, den sie seit seinem Eintritt in Ihr Leben Schritt für Schritt verlassen hat. Und den sie vor seinem Eintritt noch gar nicht bewusst als ihren Weg gesehen hat. Den sie zunächst auch nur gegangen ist, um sich „normal“ zu fühlen, zu dem sie jetzt aber aus selbstbestimmteren und eigenmotivierteren Motiven zurückkehrt.

    Mir gefiel das kurzweilige, unterhaltsame, z. T. verstörende und gewichtige Themen enthaltende Buch sehr und ich empfehle es gerne weiter.

  1. Japanische Außenseiter

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    Ein Buch über zwei Außenseiter in Japan. Ein Land in dem die Gleichförmigkeit der Individuen ein wichtiger Aspekt der Kultur ist/war. Die Hauptpersonen, Keiko Furukara, 36-jährige Protagonistin, fiel ihrer Umgebung schon in jungen Jahren negativ durch fehlende Empathie auf, da sie selbst diese negativen Empfindungen der Umgebung nicht nachvollziehen kann, entschließt sie sich, sich in sich selbst zurückzuziehen, und versucht einfach Personen ihrer Umwelt nachzuahmen um nicht negativ aufzufallen. Genau aus diesem Grund sucht sie sich auch einen Aushilfsjob in einem Supermarkt und fängt diesen 18-jährig an. Und über die folgenden 18 Jahre verschmilzt sie förmlich mit diesem Job, er wird ihr Lebenszweck. Die zweite Person ist Herr Shiraha, kommt zur Aushilfe in die Supermarktfiliale, ein Kritiker des Systems an sich, aber eigentlich nur darauf aus, jemanden zu finden, der ihn aushält. Er unterbreitet Keiko seine Sichten darüber, was einen Menschen in der Gesellschaft zu einem wertvollen Mitglied macht, seine Arbeitskraft für die Gesellschaft und seine Zeugungskraft zum Erhalt der Gesellschaft. Alle anderen werden ausgegrenzt. Und Keiko überlegt und handelt … . Den Sarkasmus in diesem Buch finde ich schon hervorragend. Aber trotzdem finde ich solche Aussagen als sehr einfach, zu sehr Schwarz/Weißdenken. Jedes Individuum grenzt doch das aus, was es nicht verstehen kann bzw. will. Und Sichtweisen sind doch hoffentlich bei jedem Individuum verschieden. Sicherlich ist das in der japanischen Welt noch etwas Anderes. Aber ich denke doch das Menschen rein gefühlstechnisch überall auf der Welt ähnlich ticken/empfinden, die kulturellen Prägungen kommen nur zu den sozialen hinzu. Aber auf jeden Fall eine originelle Geschichte, die auch einen großen Sog besitzt.

  1. Schräge Lektüre mit viel bösem Witz

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Apr 2018 

    Keiko Furakawa ist 36 Jahre, ledig und arbeitet seit 18 Jahren als Aushilfe in einem Konbini, einem Supermarkt. Sie ist intelligent, doch Emotionen sind ihr völlig fremd, das Leben und die Menschen um sie herum verwirren sie, denn sie geht an Alles ausschließlich mit Logik heran (vielleicht ein bisschen wie Mr. Spock ;-)) Schon als Kind ist ihr klar, dass sie anders ist als alle Anderen und sich ihre Eltern große Sorgen um sie machen. So versucht sie nicht aufzufallen und wird ein stilles zurückgezogenes Mädchen. Sie besucht die Universität und arbeitet nebenher in einem Konbini, in dem sie sich zunehmend wohler zu fühlen beginnt. Dort wird sie als 'normaler' Mensch akzeptiert, auch deshalb weil sie sich angewöhnt, die Verhaltensweisen ihrer Kolleginnen zu imitieren, was niemandem auffällt. Doch ihre 'FreundInnen' beginnen sie argwöhnisch zu betrachten: in ihrem Alter, unverheiratet, kein richtiger Beruf - was stimmt nicht mit ihr? Da kommt sie auf eine aberwitzige Idee - ganz logisch natürlich.
    Würde man der Ich-Erzählerin Keiko im wahren Leben begegnen, würde sie einem sicherlich nicht auffallen, denn ihr Verhalten dürfte kaum von dem ihrer Kolleginnen zu unterscheiden sein. Doch durch ihre Gedanken wird einem klar, wieviele Mühe es sie kostet, diesen Schein aufrecht zu erhalten und wie absurd eigentlich dieses scheinbar so normale Verhalten im logischen Sinne wirkt. Durch ihre Augen sieht man die Welt in ihrer Irrationalität und bald schon drängt sich die Frage auf, wer hier eigentlich zu den 'Normalen' gehört.
    Doch ebenso deutlich wird, wie wichtig diese vermeintliche Irrationalität ist. Keiko zieht, ganz rational, den Sinn ihres Lebens allein aus ihrer Arbeit. Als diese wegfällt, bricht ihr Leben in sich zusammen: Weshalb soll sie sich noch pflegen, regelmäßig schlafen, essen, trinken?
    Ein dünnes Büchlein (gerade einmal 141 Seiten hat es), das einem nicht nur die Absurditäten unseres Lebens vor Augen führt, sondern auch nach meinem Empfinden ein Appell für mehr Menschlichkeit ist.