Die Königin von Berlin

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Königin von Berlin' von Roth, Charlotte
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Königin von Berlin"

Ein aufregender Roman über Carola Neher, eine der schillerndsten Schauspielerinnen der Weimarer Republik von der Bestseller-Autorin Charlotte Roth. Wo sie auftritt, jubeln die Menschen der geheimnisvollen Carola Neher zu. Die Theater reißen sich um sie. Berlin liegt ihr zu Füßen in jenen letzten Jahren der Weimarer Republik. In durchfeierten Nächten verdreht sie einem berühmten Mann nach dem anderen den Kopf – doch im Herzen bleibt sie allein. Das ändert sich, als sie dem Dichter Klabund begegnet, ein Suchender und ein Getriebener wie sie selbst. Ausgerechnet sie, die begehrte femme fatale, verliebt sich in den scheuen, zurückhaltenden Dichter, der von der gleichen inneren Glut verzehrt wird wie sie selbst. Was keiner für möglich gehalten hätte, tritt ein: Sie heiratet ihn. Doch eine brave Ehefrau wird Carola nicht, denn schon bald lockt sie das wilde Leben – und die Künstler Berlins, darunter Bertolt Brecht, der ihr die Chance ihres Lebens bietet … In diesem Roman setzt Bestseller-Autorin Charlotte Roth der Schauspielerin Carola Neher ein Denkmal, die in den 20er Jahren die Muse vieler berühmter Männer war und als Brechts erste Polly unsterblich wurde.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
Verlag:
EAN:9783426282328

Rezensionen zu "Die Königin von Berlin"

  1. Eine vergessene Persönlichkeit zu neuem Leben erweckt...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Mai 2020 

    Als Fan von Charlotte Roth kam ich nicht umhin zu diesem Roman zu greifen, der irgendwie anders, aber dennoch gut ist.

    In der Geschichte geht es um Carola Neher, die vor dem zweiten Weltkrieg eine bekannte Schauspielerin war und heute beinahe vergessen scheint. Ihrem Traum hinterher jagend, lässt sie nichts unversucht, um ihr Schicksal zu meistern. Wird die Femme fatale die Liebe und das Glück finden?

    Da ich von Carola Neher zuvor noch nie etwas gehört hatte, war ich besonders neugierig auf den Roman.

    Zunächst einmal muss ich loben, dass der Roman wie eine Art Theatervorstellung gestaltet ist, unterteilt in Akte und versehen mit Zitaten. Ein Abendspielleiter startet und beendet die Handlung. So etwas habe ich zuvor noch nie gesehen und ich mochte die Idee sehr, passt sie doch hervorragend zu Brecht und zur Theaterschauspielerin.

    Die Handlung wird dem Leser über zwei Zeitebenen vermittelt. Wir begleiten Carola in den 20er Jahren und Ende der 70er Georg, der sich auf die Suche nach seiner Mutter begeben hat. Hier muss ich gestehen, dass die Geschehnisse rund um Carola deutlich fesselnder waren als Georgs Suche.

    Carola als schillernde Frauenfigur mochte ich sehr. Sie weiß was sie will und lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Ich empfand sie im Roman als Vorreiterin ihrer Zeit, denn nicht viele Frauen haben sich getraut ihren Eltern zu widersprechen und ihren eigenen Willen durchzusetzen.

    Georg hätte ich in der Geschichte ehrlich gesagt gar nicht gebraucht. Man empfindet wenig für ihn, so sehr steht er im Schatten seiner Mutter. Man spürt im gesamten Roman wie begeistert die Autorin von Frau Neher und dem Theater im Allgemeinen ist, dass Georg als Figur nur verlieren konnte. Ich bin ja sonst ein Fan von zwei Handlungssträngen, aber hier wäre dies nicht zwingend nötig gewesen.

    Ansonsten möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass es sich hier nicht um leichte Kost für Zwischendurch handelt, sondern durchaus anspruchsvoll ist. An die Sprachgewalt der Autorin muss man sich erst gewöhnen. Zu Beginn hatte ich ein paar Schwierigkeiten mich einzulesen, aber nach den ersten hundert Seiten kam ich dann in den richtigen Lesefluss. Dieses Buch ist eben doch anders als ihre historischen Romane, künstlerischer und nicht ganz so gefällig. Die vielen Namen zu Beginn haben mich auch einiges an Nerven gekostet, weil viele sehr ähnlich sind, aber letztlich habe ich mich rein gefunden.

    Frau Roth ist es gelungen meine Bildungslücke bezüglich Frau Neher zu schließen, mich mehr mit Brecht und Co zu beschäftigen und mich zudem noch gut zu unterhalten. Was will man mehr?

    Das Glossar am Ende sorgte für noch mehr Klarheit. So etwas finde ich immer hilfreich und hätte sein Fehlen vermisst.

    Fazit: Ungewohnt anders und dennoch gut. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus. Gelungen!

  1. Immer nur spielen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Mai 2020 

    München 1920: Karoline Neher ist noch sehr jung, als sie beschließt der bürgerlichen Enge ihrer Herkunft zu entfliehen. Kurzerhand gibt sie ihre langweilige Arbeitsstelle bei der Bank auf, verlässt die Familie, entledigt sich ihres Vornamens. Ohne Geld und Plan verlässt sie mit dem nächsten Zug München. Als Carola setzt sie alles daran Schauspielerin zu werden. Es ist ein hartes Stück Arbeit, ein weiter Weg und es braucht sehr gute, auch intime Beziehungen, bis sie es schafft, dass Berlin ihr zu Füßen liegt in den letzten Jahren der Weimarer Republik.
    Die Königin von Berlin ist keine Biografie, schreibt die Autorin Charlotte Roth gleich zu Beginn ihres Romans in ihrem Grußwort als Abendspielleiter. Es ist ein Roman, der von einer Frau erzählt die für das Theater lebt. Was Biografen verboten ist, ist dem Romanautor gestattet. So folgt die Geschichte Carola Nehers ihrer eigenen Dramaturgie. Carola Neher lebte und spielte wirklich. Es ist dem erzählerischen Geschick der Autorin zuzuschreiben, dass alles was sie geschrieben hat, genau so hätte passieren können. Mit dieser gelungen Einleitung und dem Aufbau des Romans wie ein Theaterstück zu gestalten mit mehreren Akten und Vorhängen hat mich Charlotte Roth zum ersten Mal erwischt.
    Carola Neher war für ihre Zeit wohl eine besondere Frau. Sie ist nicht zu feige, ihrem Leben hinterherzuspringen, als es ihr davon zu schwimmen drohte. Sie weiß, ihre Talente und Reize dort einzusetzen, wo es nötig ist. „Ich werde schamlos sein müssen, sagt sie sich….Schamlos, ja. Aber nicht wahllos. Und der da gefällt mir nicht.“ Carola hält an einer Devise fest, die Karriere niemals für einen Mann aufzugeben. Bis diese Devise stark auf die Probe gestellt wird, als Carola auf Bertolt Brecht, den wohlbekannte Dramatiker, Begründer des epischen Theaters trifft und von ihm protegiert wird, und sie sich in den unscheinbaren und kränklichen Alfred Henschke, besser bekannt als Klabund, verliebt und diesen heiratet. Da wo mich Charlotte Roth zum zweiten Mal schwer erwischt hat, ist es als sie Klabund „Ich hab dich so lieb“ (mein Lieblingsgedicht) von Ringelnatz aufsagen lässt. Ich hab dich so lieb, ich könnte dir ohne Bedenken, eine Kachel aus meinem Ofen schenken… „Aber ich habe gar keinen Ofen“, sagt Klabund zu Carola. „Der Herr Ringelnatz, glaube ich, hat auch keinen. Ich mag ihn gerne. Den Herrn Brecht gern zu mögen fällt mir ein wenig schwerer, und dich mit ihm zu teilen, gelänge mir wohl leichter, wenn ich mich im gewachsen fühlte.“
    Der Herr Brecht kommt in diesem Buch nicht gut weg. Um großartige Stücke zu schreiben, muss man nicht unbedingt ein großartiger Mensch gewesen sein, sagt viele Jahrzehnte später Carolas Sohn in einem Nebenakt der Handlung. Bertolt Brecht schrieb Carola die Polly Peachum und den Barbara-Song aus der Dreigroschenoper auf den Leib. „Ja da musste doch viel geschehen, ja da gab es überhaupt kein Nein.“ Brecht war es nicht gewohnt, dass eine Frau zu ihm Nein sagte. Carola Neher tat es, als sie ihren Mann beim Sterben nicht alleine lassen wollte. Ob ihr das zum Verhängnis wurde Jahre später zum Ende ihres Lebens und von Brecht keine Unterstützung bekam - „ja da muss man kalt und herzlos sein…und man blieb ganz allgemein“ – wer weiß?
    Über Carolas Schicksal und Lebensende hält sich Charlotte Roth sehr kurz. Weil die Nazis sie für eine Kommunistin hielten, musste sie Deutschland verlassen und ging in die Sowjetunion. Weil sie nie Mitglied einer kommunistischen Partei war, schickte man sie dort in ein stalinistisches Straflager, wo sie 1942 starb. Bretter, die die Welt bedeuten, in einer Welt, die an einem Wendepunkt stand. Carola Neher wollte nie politisch sein, sie wollte immer nur spielen. Dieses Spiel ging nicht auf.

  1. Denkmal für einen Star

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2020 

    Carola Neher war ein großer Star in den 20er Jahren, eine berühmte Schauspielerin, Muse und Geliebte von Bertold Brecht, Freundin und Ehefrau von Klabund und ich habe noch nie von ihr gehört. Ein übles Versäumnis, das dieses Buch gründlich ausbügelt.

    Hier lernt man sie kennen mit allen Ecken und Kanten. Ein Sonnenschein war sie nicht, aber jemand, an dem man nicht vorbeigeht. Man begleitet sie auf ihrem steinigen Weg zum Ruhm. Sie hatte Talent, musste sich den Erfolg aber auch hart erarbeiten.
    Deutschland in den 20er Jahren ist nicht einfach, aber auch prickelnd lebendig. Während das Geld immer wertloser wird, orientiert sich die Theaterszene neu. Dabei will ein Eugen Brecht eine Rolle spielen, nennt sich Bertold und schreibt provokante Texte. Und sein Jugendfreund Fredi nennt sich Klabund und hat mit frechen Liedern Erfolge. Carola, Brecht und Klabund bilden ein ganz spezielles Dreiergespann.

    Charlotte Roth macht sie alle lebendig, einfühlsam und in wunderbarer Sprache. Man lernt sie gut kennen und ist dabei, atmet Berliner Luft und freut sich, so mancher Berühmtheit zu begegnen, die man bislang nicht richtig einordnen konnte. Dieses Buch ist unterhaltsam und auch lehrreich. Wunderbar.

    Nicht so gut hat mir die Rahmenhandlung gefallen, in der ein attraktiver Fremder Recherchen zu Carola anstellt und in der Stadtbibliothek auftaucht, wo die junge Annette ein Mauerblümchendasein führt, das klischeehafter nicht sein könnte. Hier gelingt nicht, was das restliche Buch auszeichnet, den Figuren Leben einzuhauchen, was vielleicht auch daran liegt, dass die Geschichte sie nicht braucht. Sie liefern ein paar Zusatzinformationen, die Carolas Leben abrunden, wirken aber aufgesetzt. Ihr Auftritt ist zu kurz, als dass man sich in diese Nebengeschichte einleben könnte, wirkt eher wie überflüssiger Schnickschnack.

    Trotzdem ist dieses Buch ein lesenswerter Schmöker, ein spannendes Häppchen Geschichte, das einen Theaterluft der 20er schnuppern und hinter die Kulissen blicken lässt. Ich hatte wunderbare Lesestunden und habe viel gelernt.