Die Königin der Orchard Street

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Königin der Orchard Street' von Susan Jane Gilman
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

New York, 1913. Die kleine Malka lebt mitten im Trubel der dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen im Einwandererviertel auf der Lower East Side. Die meisten hier sind arm, haben zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, leben von der Hand in den Mund. Doch listig und raffiniert, wie sie ist, lernt Malka schnell, sich im Viertel durchzuschlagen. Und genau da, mitten im abenteuerlichen Gemenge, wo die jiddischen und italienischen Rufe der fahrenden Händler durch die Straßen schallen, wendet sich Malkas Schicksal. Denn dort trifft sie Papa Dinello, der sie in das köstlichste Geheimnis der Welt einweiht: das Wunder der Eiscreme, die Verführung der süßen Magie. Für Malka beginnt eine wahre Tour de Force durch das Leben – und aus dem pfiffigen und erfinderischen Mädchen wird die Grand Dame Lillian Dunkle, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium … Dieser Roman fegt wie ein Wirbelwind durch das 20. Jahrhundert und erzählt die außergewöhnliche Geschichte einer ungezähmten Heldin, eines turbulenten Lebens und der Entdeckung der süßen Magie.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:600
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458176251

Rezensionen zu "Die Königin der Orchard Street"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Aug 2016 

    Der amerikanische Traum wird wahr!

    Inhalt
    Der Roman erzählt in Form einer Lebensbeichte den kometenhaften Aufstieg einer russisch-jüdischen Immigrantin zur Eiskönigin Amerikas. Dass dieser Aufstieg zu Ende scheint, erfahren wir direkt zu Beginn:

    "Doch wenn die Leute heutzutage meinen Namen hören, denken sie nur an miese Schlagzeilen. An einen einzelnen Vorfall im Live-Fernsehen. Anklagen wegen Steuerhinterziehung und eine Verhaftung - auch das falsch, wie ich wohl nicht extra betonen muss." (S.13)

    Im Rückblick wird die Lebensgeschichte aus der Ich-Perspektive der Eiskönigin erzählt, im Wechsel mit Episoden aus der Gegenwart, in der sie vor einigen wichtigen Gerichtsverhandlungen steht. Wie konnte es dazu kommen?

    1913 erreicht die 5-jährige Malka mit ihren Eltern und drei Schwestern das Land der Träume: Amerika. Während der Pogrome in Russland geflohen, will die jüdische Familie ursprünglich nach Südafrika, zu einem Onkel. Doch in Hamburg, während die Mutter und ihre drei Schwestern in Quarantäne sind, entschließt sich Malkas Vater kurzerhand die Tickets umzutauschen und statt dessen in das Land zu reisen, von dem so Großartiges berichtet wird. Die Nähe und Beachtung, die Malka in diesen wenigen Tagen von ihrem Vater erfährt, wird sie ein Leben lang immer wieder suchen.

    "Die Aufmerksamkeit:Sie fühlte sich an wie flüssige Liebe, wie Äpfel und Honig, die mich überschütteten." (S.29)

    Der Vater nimmt das von der Mutter sorgsam versteckte Geld aus Malkas Mantel, so dass die Mutter Malka immer dafür verantwortlich machen wird, dass sie ins "falsche" Land gekommen sind.
    Der Anfang in der Orchard Street ist hart - in einem winzigen Zimmer eines Schneiders haust die Familie unter ärmlichen Bedingungen - Hunger und Schmutz prägen die erste Zeit.

    "Das Einwandererleben auf der Lower East Side - ach, wie die Leute das breittreten! Diese Wehmut. (...) Ich will euch mal eines sagen, meine Schätzchen: Einwanderer, ein einziges Elend. Die Straßen waren aus Kopfsteinpflaster und Asphalt, die Häuser aus Backstein. Die Treppen und Feuerleitern aus Eisen, die Dächer aus Teer, die Decken aus Pressblech. Es gab keine Bäume, kein Lüftchen vom Fluss, keine Erholung von der Sonne. (...) Und erst der Gestank! " (S.59)

    Malka versucht gemeinsam mit ihrer Schwester Flora Geld zu verdienen, indem sie gemeinsam singen und tanzen und im Haus putzen, denn das Einzige, was Malka laut ihrer Mutter hat, ist ein großes Mundwerk.
    Eines Tages verschwindet ihr Vater spurlos- ohne ein Wort, woran die Mutter zerbricht.
    Doch dann verändert ein weiteres Ereignis Malkas Leben von Grund auf. Sie wird vom Pferd des Eisverkäufers Salvatore Dinello getreten und muss ins Krankenhaus. Ihre Mutter besucht sie einmal, um ihr zu sagen, dass sie nicht wieder zurück kann.

    "Mit gequältem Blick zeigt sie vorwurfsvoll auf mein Bett. >Schlimm genug, dass sie hässlich ist. Und jetzt sagen Sie mir auch noch, dass sie ein Krüppel ist? Bitte, Herr Doktor, sagen Sie´s mir. Was soll ich mit so einer Tochter anfangen?< Sie nimmt ihren Korb und schluchzt: >Behalten Sie sie meinetwegen Sie ist nutzlos.< Dann läuft sie hinaus." (S.72)

    Eine Reaktion, die Malkas Vertrauen, dass sie es wert ist, geliebt zu werden, für alle Zeiten erschüttert.
    Salvatore Dinello, der sich am Schicksal des Mädchens schuldig fühlt, nimmt das verkrüppelte Kind bei sich auf. Sie schläft auf einer Bank in seiner "Werkstatt", dort wo das Eis hergestellt wird. Schritt für Schritt wird sie Teil seiner italienischen Familie, von dem sie die Grundlagen des Eisgeschäftes lernt. Sie tritt zum katholischen Glauben über und ändert ihren Namen:

    "Ich hatte die Kirche als Malka Treynovsky Bialystoker betreten. Verlassen habe ich sie als Lillian Maria Dinello. Die Legende meines amerikanischen Lebens hatte begonnen." (S.163)

    Beim Erzählen tituliert sie ihre Leser/innen als "meine Schätzchen" und prägt die Redewendung "verklagt mich doch." Denn es gibt einiges, was man dieser Antiheldin vorwerfen könnte.
    Da ist zum Einen ihr Hang zum Diebstahl. Zunächst in der Orchard Street aus Hunger, aber sie stiehlt auch bei den Dinellos und im gesamten Haus kleinere Gegenstände, um sie zu verkaufen, damit sie davon wiederum Nahrungsmittel kaufen kann. Man kann ihr zugute halten, dass sie es für ihre Schwester Flora tut, die ebenfalls in eine Familie aufgenommen wurde, nachdem ihre Mutter in ein Irrenhaus gebracht wurde, eine Schwester gestorben und eine als Haushälterin mit einer anderen Familie umgezogen ist. Doch die Angewohnheit Kleinigkeit mitgehen zu lassen und die Wahrheit zu strapazieren, behält sie ihr Leben lang bei.
    Die Dinellos sorgen dafür, dass Lillian weiter die Schule und sogar das College besucht - sie ist eine intelligente Frau mit einem verkrüppelten Bein und wenig gefälligem Äußeren. Trotzdem verliebt sich der sehr attraktive Albert Dunkle - ebenfalls ein verwaister jüdischer Emigrant - in sie, als sie ihm Nachhilfeunterricht im Lesen und Schreiben erteilt. Mithilfe Roccos, dem jüngsten Enkel der Dinellos, der gemeinsam mit seinen Brüdern den Eisladen seines Großvaters übernommen hat, gelingt es ihr den jüdischen Bert zu heiraten.

    Es ist die Liebe, die Bert für Lillian empfindet, die die Heldin auch in positivem Licht erscheinen lässt. Denn vieler ihrer Handlungen und Motive möchte man eigentlich "verklagen."
    So ereilt sie ein Wutausbruch, als die Dinellos ohne ihr Wissen mit einem Konkurrenten fusionieren und sie aus dem Geschäft draußen ist. Die Rache für diese Zurückweisung wird sie ihr Leben begleiten und artet fast in einen Verfolgungswahn aus - und es veranlasst sie zu einigen Handlungsweisen, die man schlicht als unmoralisch bezeichnen muss.

    Im Verlauf des Romans wird sehr spannend geschildert, wie es Bert und ihr gelingt mithilfe einer speziellen Maschine und einer Rezeptur Softeis herzustellen und schließlich Konzessionen an andere Geschäfte zu verkaufen. Ihr fulminanter Aufstieg erlebt Höhen und Tiefen, so spielt ihnen der 2.Weltkrieg in die Hände, die Ausbreitung von Polio dagegen, für die man tatsächlich Zuckerkonsum verantwortlich gemacht hat, ruiniert sie fast. Doch immer wieder gelingt es der Eiskönigin mit Hilfe genialer, teilweise moralisch bedenklicher Kniffe diese Hürden zu meistern. Bis sie sogar, die selbst eine wenig liebevolle Mutter ist, eine eigene Kinder-Fernsehshow hat. Doch sie trifft auch falsche Entscheidungen - dank ihres immensen Alkoholkonsums - , die eben zu jenen "miesen Schlagzeilen" führen und sie vor Gericht bringen.
    Das Ende jedoch zeigt, dass Lillian Dunkle eine Kämpferin ist und selbst mit über 70 Jahren noch bereit, neue Wege einzuschlagen und die zu belohnen, die unter ihr gelitten und die ihr etwas bedeuten.

    Bewertung
    Es ist keine süße Eisprinzessin, die sich hier präsentiert. Wie Susan Jane Gilman in ihrem Video selbst sagt, ist Lillian Dunkle eine Antiheldin.
    Eine cholerische, dominante Frau, die vom Verlust und Verrat ihres Vaters sowie von der Ablehnung ihrer Mutter geprägt ist und letztlich ohne ihren geliebten Mann eine sehr einsame Frau ist. Als Leser/in ist man geneigt, Verständnis für ihre Entscheidungen aufzubringen, vor allem da sie es versteht, sich stets eloquent zu rechtfertigen und sich auch reumütig zeigt. Und doch muss man sie dafür verklagen, wie sie einige Mitmenschen aus Rachsucht, aus Angst vor dem Verlust ihres Geschäftes, aber auch aus Profitgier behandelt hat.
    Bewundernswert dagegen ist ihre Aufstieg, der gelebte amerikanische Traum - von der Armut hin zur Herrscherin über ein Eis-Imperium, ist ihre Kreativität und ihr Durchsetzungsvermögen in einer von Männern dominierten Welt.

    Obwohl der Roman fiktiv ist, nimmt er die Leser/innen mit durch die amerikanische Geschichte des 20.Jahrhunderts und enthält neben den historischen Ereignissen auch Tatsachen rund um das Eis.
    Eine spannende, lesenswerte Geschichte, die zwar von Süßem handelt, aber alles andere als zuckersüß daherkommt!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Jun 2016 

    Eine Frau geht ihren Weg

    Malkas Familie flieht aus Russland. Mit dem Schiff soll es nach Kapstadt gehen. Die Mutter versteckt in Malkas Mantel das Geld und gibt ihr Order, zu brüllen wie am Spieß, wenn es jemand wagen sollte, an den Mantel zu gehen. Als die Mutter und Schwestern krank werden, müssen sie noch vor der Abreise in Quarantäne. Doch als der Vater Malka das Geld abnimmt, kommt sie nicht dagegen an. Dieser tauscht die Tickets nach Kapstadt gegen Tickets nach Amerika ein.
    Doch vom gelobten Land merkt die Familie nichts. Sie leben weiterhin in Armut. Die Mädchen müssen arbeiten gehen. Der Vater macht sich eines Tages, wie so viele Familienväter, aus dem Staub und lässt die Familie hängen. An der ganzen Misere gibt die Mutter Malka die Schuld, weil sie es zugelassen hat, dass der Vater das Geld nahm.
    Auf der Suche nach dem Vater rannte Malka vor ein Pferdegespann und wurde so schwer verletzt, dass sie in ein Spital musste. Die Mutter wollte sie nicht zurück haben.

    Schlimm genug, dass sie eines von vier Mädchen ist. Schlimm genug, dass sie hässlich ist. Und jetzt sagen Sie mir auch noch, dass sie ein Krüppel ist? Bitte, Herr Doktor, sagen Sie's mir. Was soll ich mit so einer Tochter anfangen? [...] Behalten Sie sie meinetwegen. Sie ist nutzlos.

    Als es Malka einigermaßen ging, holte sie Mr. Dinello, durch dessen Pferd sie den Unfall erlitt, aus dem Spital zu sich nach Hause. Gegen den Willen seiner Frau. Die Dinellos hatten drei Söhne.
    Es war der Sommer 1913. Es herrschte eine verheerende Sommerhitze. Es war Poliozeit. Diphterie, rheumatisches Fieber, Cholera. Malkas Schwester Rose ist an Typhus gestorben. Die Mutter verlor den Verstand und wurde eingewiesen.

    Ein wenig Schonzeit gönnte Mrs. Dinello Malka. Sie konnte kaum laufen. Ihr Bein war geschient und verbogen. Sie musste lernen, an Krücken zu laufen. Doch allzu viel Zeit ließ sie ihr nicht, dann musste Malka für Kost und Logis mitarbeiten. Und so lernte sie von der Pike auf die Eisherstellung.

    Das war Malkas erstes Jahr im Land der Möglichkeiten. Die Dinellos ließen sie taufen. Die Legende ihres amerikanischen Lebens begann nun mit dem Namen Lillian Maria Dinello.

    Lillian Maria Dinello erzählt uns hier ihre Geschichte. Und sie spricht uns dabei persönlich an: Meine Schätzchen. "Verklagt mich doch" ist einer ihrer Lieblingssätze, der immer wieder mal auftaucht.

    Sie erzählt uns, wie viele Männer die essbare Eistüte erfunden und sie bei der großen Weltausstellung vorgestellt haben wollen, über die ersten modernen Eismaschinen. Der Erste Weltkrieg, der den Dinellos die Söhne kostete. Die Spanische Grippe, die sogar mit der Pest verglichen wurde.

    Lillian besucht die Schule. Mrs. Dinello schickte sie sogar aufs College. Sie meint, da Lillian nie richtig körperlich wird arbeiten können, muss sie mit dem Kopf arbeiten. Als das Ehepaar immer älter wird, vertraut sie Lillian sogar die Geschäftsbücher an.

    Und als man gerade beginnt zu denken, wie es weitergehen wird, gibt es eine Wendung in der Geschichte.
    Doch lest selbst...

    Susan Jane Gilman stammt aus New York und hat an der Universität von Michigan Kreatives Schreiben studiert. Nach drei Sachbüchern ist dies ihr erster Roman. In einer Buchwidmung erwähnt sie Frank McCourt. Ihr Schreibstil erinnert mich ein wenig an ihn. Auch sie benennt, wie er, die Armut und den Dreck, in dem die Menschen damals lebten, beim Namen.
    Durch Lillians Erzählung erfahren wir auch ein bisschen Amerika-Geschichte.

    Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen. Biografien, auch wenn sie als Roman daherkommen, mag ich gerne lesen. Und Susan Jane Gilman hat so einen schönen Schreibstil, dass man, wenn man sich erst einmal mit dem Buch hingesetzt und begonnen hat, es nicht mehr beiseite legen mag.