Die kleinen Wunder von Mayfair: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die kleinen Wunder von Mayfair: Roman' von Robert Dinsdale
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3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die kleinen Wunder von Mayfair: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:464
Verlag: Knaur HC
EAN:9783426226728

Rezensionen zu "Die kleinen Wunder von Mayfair: Roman"

  1. Ein Märchen mit weniger Magie als erwartet...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Nov 2018 

    Entdecken Sie mit Robert Dinsdales "Die kleinen Wunder von Mayfair" Londons einzigartigen Spielzeug-Laden und einen ergreifenden Liebes- und Familien-Roman zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

    Alles beginnt mit einer Zeitungsannonce: 'Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Willkommen in Papa Jacks Emporium.' Die Worte scheinen Cathy förmlich anzuziehen, als sie nach einer neuen Bleibe sucht. Denn im England des Jahres 1906 ist eine alleinstehende junge Frau wie sie nirgendwo willkommen, zumal nicht, wenn sie schwanger ist – und so macht Cathy sich auf nach Mayfair. In Papa Jacks Emporium, Londons magischem Spielzeug-Laden, gibt es nicht nur Zinnsoldaten, die strammstehen, wenn jemand vorübergeht, riesige Bäume aus Pappmaché und fröhlich umherflatternde Vögel aus Pfeifenreinigern. Hier finden all diejenigen Unterschlupf, die Hilfe bitter nötig haben. Doch bald wetteifern Papa Jacks Söhne, die rivalisierenden Brüder Kaspar und Emil, um Cathys Zuneigung. Und als der 1. Weltkrieg ausbricht und die Familie auseinander reißt, scheint das Emporium langsam aber sicher seinen Zauber zu verlieren …

    Nostalgisch, rührend und zauberhaft romantisch erzählt Robert Dinsdales "Die kleinen Wunder von Mayfair" von einer jungen Frau, zerrissen in ihrer Liebe zu zwei Männern mit einzigartigen magischen Talenten. Ein Liebes-Roman für alle Leserinnen und Leser von Erin Morgenstern und Jessie Burton und alle, die sich von einem Spielzeug-Laden voller Wunder verzaubern lassen.

    Dieser Roman war aufwühlend, in der Tat. Doch weniger, wie im vorangestellten Klappentext postuliert, aufgrund einer dramatischen Liebesgeschichte, womöglich einer Dreiecksbeziehung, und auch nicht, weil die Erzählung den Leser entführen würde in eine magische Welt, die zauberhafter nicht sein könnte. Beides hätte ich aufgrund der Beschreibung irgendwie erwartet - und habe beides nicht wirklich bekommen.

    "Es gibt Hunderte verschiedener Uhren im Emporium. Einige sind im Einklang mit der Londoner Zeit, andere zeigen die Stunde jenes fernen Küstenstreifens an, den die Godman-Brüder früher ihre Heimat nannten. Wieder andere messen die Zeit auf eine sprunghafte, unberechenbare Weise: Eine zählt jede dritte Sekunde rückwärts, um die Zeit zwischen den ungeliebten Pflichten zu verlängern; eine andere dehnt die Abendstunden aus, um das Schlafengehen hinauszuzögern. Sie alle messen die Zeit, so wie Kinder es tun - etwas, das die Erwachsenen verlernt haben. Nur Kinder wissen, warum der eine Tag eine Ewigkeit dauern kann, während der andere in einem Wimpernschlag vergeht." (S. 41)

    Zugegeben, Papa Jacks Emporium ist schon kein gewöhnlicher Spielzeugladen. Viele Dinge entwickeln hier durchaus ein Eigenleben und ziehen Groß und Klein in den Bann, wenn das Geschäft mit dem ersten Frost des Jahres seine Pforten öffnet. Allerdings - bei aller Begeisterung über die kufenlosen Schaukelpferde, das über allem schwebende Wolkenschloss und sekundenschnell hochschießende Papierbäume - erinnerte manches Detail doch sehr an Begebenheiten aus den Harry Potter Romanen, und zudem gab es hier für mich von Beginn an einen dunklen Unterton in der Erzählung.

    Cathy, die sich mit 16 Jahren aufgrund einer verfrühten Schwangerschaft gezwungen sieht, ihre Familie zu verlassen und nach einer anderen Unterkunft zu suchen, begibt sich aufgrund einer Zeitungsannonce in Papa Jacks Emporium. Während der trubeligen Verkaufstage und ihrer Gewöhnung an all die ungewohnten, nahezu magischen Spielzeuge kommt Cathy kaum zum Luftholen, doch dann erfährt sie zu ihrer Verzweiflung, dass der Spielzeugladen mit dem Erblühen des ersten Schneeglöckchens seine Pforten wieder schließt - und alle Angestellten bis zum nächsten Frost anderweitig unterkommen müssen.

    Zum Glück hat sie mit beiden Söhnen des alten Papa Jack inzwischen Freundschaft geschlossen: Emil, der fleißige 18Jährige, der immer ein wenig im Schatten seines ein Jahr älteren Bruders Kaspar steht, der im Gegensatz zu Emil ausreichend Fantasie besitzt, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Beide Brüder mögen Cathy, und so kann sie sich in einem kleinen Spielhaus verstecken, das einst Papa Jack selbst erbaut hat. Cathy mag auch beide Brüder, doch noch lieber als den ernsthaften, von Ehrgeiz und Neid zerfressenen Emil, der stets das Gefühl hat, sich irgendwie beweisen zu müssen, mag sie den verspielten Kaspar, dem eine gewisse Leichtigkeit und Nonchalance zueigen ist.

    Doch anders als jetzt vielleicht zu erwarten wäre, geht es im Folgenden kaum einmal um die Gefühle der beiden Brüder zu Cathy und umgekehrt. Auch Papa Jacks Emporium steht hier nicht zwangsläufig im Mittelpunkt des Geschehens, zumindest nicht hinsichtlich der Magie. Die Realität hält Einzug, die Illusion des Ewig-Kindlichen hält dem nicht stand - der erste Weltkrieg fordert seinen Tribut. Und Kaspar kommt vollkommen verändert wieder, kann nicht da anknüpfen, wo er vor dem Krieg aufgehört hat.

    "Du bist auch ein neuer Mensch, Kaspar. Man kann nicht die Dinge sehen, die du gesehen hast, die Dinge tun, die du getan hast, und danach seinen alten Platz in der Welt einnehmen." (S. 344)

    Emil dagegen, ausgemustert wegen eines schwachen Herzens, hat Papa Jacks Emporium aufrechtgehalten. Doch eben auf seine Art. Da ihm Fantasie und magisches Vorstellungsvermögen fehlen, hat er sich auf das gestürzt, was er kann: die Produktion von Spielzeugsoldaten. Man kann sagen, der Laden und das Buch wimmeln vor Spielzeugsoldaten, sie sind zwischenzeitlich die heimlichen Protagonisten, reizen die Kinder der Väter, die mit ungewissem Ausgang an der Front sind, zu eigenen Kriegsspielen, niemals endend. Ein Aspekt, mit dem ich nicht gerechnet hatte - und einer, der mir auch nicht wirklich gefiel.

    Tatsächlich räumt Robert Dinsdale diesen Spielzeugsoldaten eine große Rolle ein. Ohne hier zu viel verraten zu wollen: sie sind es, die sich in dem Roman weiterentwickeln, die Charaktere dagegen leider nicht. Emil, Kaspar und Cathy werden älter, bleiben allerdings in alten Verhaltensmustern bzw. Traumata verhaftet - ein weiterer Aspekt, der mir missfiel, ebenso wie die oberflächliche und eindimensionale Zeichnung der Charaktere.

    Im Grunde hat mich die Erzählung über weite Strecken an ein Märchen erinnert, zauberhafte Elemente inbegriffen, was für mich auch erklärt, weshalb die Figuren stets auf Distanz blieben. Trotzdem hat mich das Buch an einigen Stellen unerwartet sehr berühren können, was ich zu den Pluspunkten zählen möchte. Doch Dinsdale verändert die Erzählweise mit Eintritt des Krieges - eine Realität hält nun Einzug, die fast schon schmerzt, philosophische Gedankengänge drängen sich in den Vordergrund, das magische Emprium befindet sich auf dem absteigenden Ast, unaufhaltsam.

    Sehr überrascht hat mich das Ende, das den Bogen zum Magisch-Märchenhaften wieder schloss, wobei mir einige Aspekte wenig durchdacht schienen. Während ich zwischenzeitlich fast geneigt war, die Lektüre abzubrechen, konnte mich das Ende wieder für sich einnehmen, wenn auch nicht vollkommen überzeugen. Im Grunde passt der fast durchgehende melancholisch-traurige Ton des Verfalls gut zu der Erzählung, war aber keinesfalls das, was ich erwartet hatte.

    Definitv schürt der Klappentext falsche Erwartungen, was m.E. hier zwangsläufig zu Ernüchterungen und / oder Enttäuschungen führen muss. Eine wilde Mischung aus Sehnsucht nach der Kindheit, traumatischen Kriegserlebnissen, Rivalität unter Geschwistern, philosophischen Anklängen und Antikriegs-Gedanken, die sich als anstrengend und in der Fülle für mich auch als überladen erwies. Kein Buch, das mich begeistern konnte - aber immerhin stellenweise berühren. Und das ist ja auch schon etwas...

    © Parden