Die Kakerlake

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Kakerlake' von Ian McEwan
3.3
3.3 von 5 (17 Bewertungen)

Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens – und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und noch nicht mal von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die Kopf steht.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:112
Verlag: Diogenes
EAN:9783257071320

Rezensionen zu "Die Kakerlake"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Jan 2020 

    Ein schnelles Buch für eine schnelle Welt?

    Die Geschichte einer Welt, die kopfsteht und eine Verneigung vor Kafka wagt Ian McEwan in seiner Novelle „Die Kakerlake“, wobei die Geschichte des Ungeziefers Gregor Samsa nur der Aufhänger einer bösen Brexit-Satire ist.

    Begriffe wie „Reversalismus“ und „Vordreher/Rückdreher“ als einfache politische Kakerlakensprache funktionieren in McEwans Werk genauso wie das kakerlakenhafte Pheronon-Kollektivbewusstsein zur Gleichschaltung britischer Kabinettsmitglieder.
    Zu Beginn des Textes tauscht die Gemeinschaft der Kakerlaken den britischen Premier unbemerkt durch einen der ihren aus, in kurzen äußerst satirischen Passagen verfolgt man zunächst die Menschwerdung der Kakerlake zum britischen Premier Jim Sams, um dann staunend mitzuerleben, wie dieser den Willen des Volkes nach mehr Sicherheit und Abschottung entgegen aller üblichen Absprachen zwischen Regierung und Opposition trickreich umsetzt. Es ist eine kopfstehende Wirtschaft, in der man am Monatsende dafür bezahlen muss, arbeiten zu gehen, und das Verschleudern von Geld belohnt wird, ja sogar notwendig ist.

    Eine Kakerlake in Menschengestalt an der Spitze der Britischen Regierung - was für eine grandiose Idee, absurd und satirisch von dem Schriftsteller, vor dem man sich wegen seiner vielen gelungenen Romane einfach nur verneigen kann. Dass McEwan ein Brexit-Gegner ist und das ihm zur Verfügung stehende Mittel der Kritik, das Schreiben, zeitnah und tagesaktuell ausnutzt, hätte hervorragend funktionieren können, wenn er seiner subtilen ironischen Art durchweg treu geblieben wäre. Auch die Kürze des Textes wäre nicht störend gewesen, aber im Verlauf der Handlung verliert sich McEwan, die Idee wirkt mit der Zeit „abgelutscht“ und massentauglich.
    Die komplizierten Verstrickungen und Fäden, anfangs so geschickt gesponnen und mit dem klugen Witz erzählt, den ich bei McEwan schätze, verlieren sich, sprachlich flacht der Text ab, und es passiert auch nichts wirklich überraschendes mehr.

    Dennoch habe ich das Buch gerne gelesen, denn es strotzt vor Widerstandsgeist, der sich zwar im zweiten Teil ein bisschen in Resignation zu wandeln scheint, so dass man sich am Ende traurig fragt, in welcher Zeit wir eigentlich leben, in der so etwas Verrücktes wie Reversalismus möglich sein könnte, in der Populismus Konflikte und Kriege heraufbeschwört und die Demokratie scheitert (zumindest in McEwans Text).

    McEwan Fans dürften wie ich ein klein wenig enttäuscht sein. Zu schnell geschrieben, liest man in vielen Kritiken. Ich sehe es so, dass McEwan vielleicht ein einfaches Buch, für viele verständlich schrieb, und dabei sein subtiler Humor und seine ansonsten grandiosen Romankonstrukte ein bisschen auf der Strecke blieben.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Jan 2020 

    Premierminister kann jeder

    Da war aber jemand mächtig sauer und hat seinen Unmut mit dem kundgetan, was er am besten kann: Schreiben.
    Die Rede ist von Ian McEwan, der in seinem aktuellen Buch "Die Kakerlake", die britische Regierung zerpflückt. Natürlich sind Ähnlichkeiten mit aktuellen Ereignissen oder Politikern rein zufällig.

    Wie der Titel schon sagt, geht es um die Kakerlake. Quasi über Nacht wird die Kakerlake zum Menschen, besser gesagt zum Politiker, noch besser gesagt zum englischen Premierminister. Hier trägt er den klangvollen Namen Jim Sams. (Ähnlichkeiten mit dem Charakter Gregor Sams aus Franz Kafkas Werk "Die Verwandlung" sind hier weniger zufällig als eher beabsichtigt.)
    Und Jim macht einen Tag lang Politik in der Downing Street No. 10 bzw. in Westminster. Dabei schlägt er sich bravourös und skrupellos mit politischen Gegnern rum, setzt im Hauruckverfahren seinen umstrittenen und fragwürdigen politischen Ansichten um. Dabei verfolgt er eine Wirtschaftspolitik, die fernab von jeder Logik und Vernunft ist. Und zu guter letzt streckt er noch seine Fühler Richtung Übersee aus, wo er in Amerika einen gleichgesinnten, ähnlich gestrickten Politikerfreund findet, der sich ebenfalls nicht um Sinn und Verstand bei seinen politischen Entscheidungen schert.
    Die "Kakerlake" macht auf mich den Eindruck eines McEwanschen Schnellschusses. Der Mann ist frustriert über die britische Politik und den Brexit im Besonderen. Daher hat er mal eben seinem Zorn Luft gemacht und sich den Frust von der Schriftstellerseele geschrieben. Das Ergebnis ist eine verbale Explosion in Form einer deftigen Politsatire, die den Leser zunächst umhaut. Doch nachdem dieser wieder auf die Füße gekommen ist und sich fragt, was das jetzt gewesen ist, was ihn von den Füßen geholt hat, ist sie auch schon wieder verpufft.
    Damit will ich sagen: Aufgrund des aktuellen Bezugs hat man einen Mordsspaß durch McEwans beißenden Humor. Doch ich frage mich, ob dieser Mordsspaß auf Dauer, also ohne diesen aktuellen Bezug, Bestand haben wird. Denn irgendwann werden die Briten ihr Brexit-Problem gelöst haben - wie und wann auch immer. Und ich befürchte, dass "Die Kakerlake" dann irgendwann nur noch eine von vielen Politsatiren sein wird, die in der Versenkung verschwindet, weil andere Ereignisse das politische Tagesschehen bestimmen und somit interessanter sein werden.
    Hinzu kommt, dass die "Die Kakerlake" vom Sprachniveau her nicht an die bisherigen Romane von Ian McEwan heranreicht. Die Sprachbrillanz, die man von McEwan gewohnt ist und daher auch erwartet, wird man hier nicht finden.

    Mein Fazit:
    Ian McEwan hat ein Problem mit der englischen (Europa-)Politik. Diese Einstellung bringt er in "Die Kakerlake" in einer sehr unterhaltsamen und originellen Weise rüber. Aber auch nicht mehr. Reicht ja auch. Da die Welt tagtäglich mit dem Brexit-Kasperletheater konfrontiert wird, hätte ich ehrlich gesagt auch gar keine Lust gehabt, mich intensiv literarisch damit zu beschäftigen. McEwan hat also mal eben in 160 Seiten seinen Standpunkt deutlich gemacht. Nicht mehr und nicht weniger.

    © Renie

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 21. Jan 2020 

    Ist das britischer Humor?

    Der Autor hatte mich mit "Kindeswohl" und "Abbitte" geflasht, weshalb ich gern wieder etwas von ihm lesen wollte. Und da die Inhaltsangabe mich an Kafkas "Die Verwandlung" erinnerte, war meine Neugier direkt groß.

    In der Geschichte geht es um Jim Sams, der plötzlich vom ehemaligen Ungeziefer zum wichtigsten Mann von Großbritannien wird. Wie wird sich sein Leben verändern? Und kann das gut gehen, wenn eine ehemalige Kakerlake an der Macht ist?

    Interessant fand ich noch zu lesen wie Jim seine Verwandlung wahrnimmt und was sich für ihn ändert. Da musste ich auch immer mal kurz schmunzeln.

    Die Aktionen im Parlament und die Erklärungen zu politischen Themen haben mich leider so gar nicht angesprochen und eher gelangweilt, leider.

    Die Anspielungen auf andere Politiker, die sehr viel Ähnlichkeit zu real existierenden Persönlichkeiten haben, waren eine nette Idee, aber von der Umsetzung her leider recht schwach, dass mir das nicht wirklich ein Lächeln entlocken konnte.

    Ich kann mir gut vorstellen was der Autor dem Leser damit vermitteln wollte, aber die Thematik des Brexit ist mittlerweile so durchgekaut wie ein alter Kaugummi, dass ich diesen Roman leider nicht gern gelesen habe.

    Fazit: Ich hatte mir mehr Satire erwartet und der Autor kann eindeutig besser schreiben als er hier gezeigt hat, weshalb ich keine Leseempfehlung aussprechen möchte.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Jan 2020 

    Hier ist einer richtig böse!

    Als Jim Sams eines Morgens erwachte, findet er sich in einem ungewohnten Körper wieder. Gestern noch war er eine Kakerlake, heute ist er der englische Premierminister. Noch nicht vertraut mit der menschlichen Bewegungsart und Artikulation betritt er forsch das politische Parkett. Gleichwohl, es fällt niemandem auf. Die Kakerlaken in Menschengestalt übernehmen skrupellos die Macht und etablieren den „Reversalismus“, die Umkehrung des Geldflusses.
    Hier ist wohl einer richtig böse: Der britische Autor Ian Mc Ewan rechnet ab mit der Politik Großbritanniens, dazu muss er nicht ein einziges Mal das Wort „Brexit“ schreiben.
    Wer bei den ersten Zeilen dieser Novelle an Franz Kafka denken muss, liegt genau richtig. Der kafkaeske Bezug ist erwünscht und soll wohl die literarische Verknüpfung zu der geballten Unmutsäußerung des Verfassers sein. Der satirische Ansatz dieser bitterbösen Parabel verliert sich aber sehr rasch. Die Mensch gewordene Kakerlake benimmt sich nicht wesentlich anders als die menschlichen Vorbilder. Das politische Handeln ändert sich nicht, wirkt wie all das was wir sowieso alltäglich miterleben, ob sechsbeiniges Ungeziefer oder alte weiße Männer in Machtpositionen, da trifft der englische Titel Cockroach ins Schwarze. Genaugenommen aber finde ich den Vergleich unliebsamer politisch Andersdenkender mit Ungeziefer historisch betrachtet nicht amüsant.
    So bleibt die Kakerlake für mich ein zynischer politischer Essay. Literarisch konnte Ian McEwan mich schon besser überzeugen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Jan 2020 

    Ein Statement

    Auf dem Cover dieses Büchleins steht zwar McEwan drauf; es ist aber kein typischer McEwan drin.

    Dabei fand ich den Aufhänger der Geschichte genial. McEwan lehnt sich an Kafkas Verwandlung an und lässt seine Hauptfigur Jim Sams morgens in der Downing Street No. 10 erwachen, wo er feststellt, dass er seinen Kakerlakenkörper gegen das menschliche Äußere des britischen Premierministers getauscht hat. Die Entdeckung des menschlichen Körpers und der zwangsläufige Vergleich mit den Vorzügen eine Chitinpanzers werden sehr bildhaft und urkomisch in Szene gesetzt. Doch Sams bleibt kaum Zeit, sich an sein neues Äußeres zu gewöhnen. Er hat wichtige politischen Geschäfte zu erledigen. Seine Mission ist, eine neue Wirtschaftsideologie Realität werden zu lassen. In Großbritannien soll der Geldfluss umgekehrt werden (sog. Reversalismus). D.h. wer Waren erwerben will, muss dafür Geld nehmen. Der Besitz von Geld soll unter Strafe gestellt werden. Das Geld muss also wieder ausgegeben werden, beispielsweise indem man selbst Waren oder seine Arbeitskraft gegen Abnahme einer bestimmten Summe anbietet.

    Soweit so gut. Was vielversprechend anfängt, erschöpft sich dann aber leider in einer bissigen Kommentierung des Politgeschehens, in dem auch ein amerikanischer Präsident und diverse Twitternachrichten nicht fehlen dürfen. Der geniale Coup, mit dem ich rechnete, bleibt leider aus. Größtes Manko der Geschichte bleibt für mich, dass es für die Machtübernahme durch die Kakerlaken keine überzeugende Geschichte gibt. Die diesbezügliche „Auflösung“ ist allzu durchsichtig und enttäuschte mich.

    Meiner Ansicht nach, merkt man der Geschichte leider an, dass McEwan sich hier in erster Linie vom Herzen schreiben wollte, dass er den Brexit für Idiotie und die Brexeteers für Idioten hält. Die Gleichsetzung des britischem Premierministers mit einer Kakerlake gefiel ihm dabei wohl zu gut, sodass die Schlüssigkeit leider auf der Strecke blieb.

    Fazit: Schöne Idee. Leider nicht überzeugend ausgeführt. Daher nur drei Sterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Jan 2020 

    Wenn Kakerlaken regieren

    Hier rechnet ein mit dem politischen Geschehen in Großbritannien unzufriedener Autor ab und dieses Abrechnen hat mir gefallen. Sehr sogar! Ich habe mich gut unterhalten gefühlt, teilweise hat dieses Buch eine gewisse Nuance Humor, aber es ist ein sehr eigener Humor, denn das Lachen bleibt schnell im Halse stecken. Denn eigentlich zeigt dieses Büchlein sehr viel Reales im schriftstellerischen Gewand. Alles ist etwas auf die Spitze getrieben, aber gerade durch dieses Überzeichnete/diese Satire kommt auch ein gewisser Widersinn des Geschehens zu tage. In meinen Augen kann man das Procedere des Romans auch auf andere Gebiete außerhalb von England anwenden, Das direkte Geschehen des Buches ist natürlich auf England gemünzt, aber das Verhalten der Politik im Buch ist mit vielerlei realem Geschehen vergleichbar. Und wenn McEwans weitere Werke viel dichter sind, bin ich schon sehr auf diese gespannt. Wieder einmal bin ich neugierig gemacht worden!

    Dabei ist dieses Abrechnen mit dem momentanen Geschehen in seiner Heimat in eine Geschichte gekleidet, die an kafkaeskes Geschehen erinnert, aber dies nur ganz leicht, denn das Geschehen des Romans verläuft gänzlich anders und mit einer anderen Priorität. Die "Seele" einer Kakerlake schlüpft in einen menschlichen Körper, und zwar nicht in irgendeinen menschlichen Körper, nein, es ist der Körper des Premierministers von Großbritannien, Jim Sams. Und dieser "neue" Jim Sams versucht in seinem Lande die politischen Weichen auf den Reversalismus einzustellen, einem System, in dem derjenige Geld bezahlen muss, der arbeitet und derjenige Geld bekommt, der einkauft, um dann noch mehr zu arbeiten, weil man das Geld wieder loswerden möchte, denn wer in diesem System Geld hat, der wird vom Staat bestraft. Bei seinem Tun bemerkt der Premierminister schnell, dass die meisten anderen Mitwirkenden in der englischen Politik, ebenso wie auch er, ihre seelischen Wurzeln in der Kakerlaken-Welt haben. Die meisten wohlgemerkt, nicht alle, es gibt auch Gegenspieler, wie z. B. den Außenminister. Funktionieren kann dieses System natürlich nur, wenn andere Staaten mitmachen, Verbündete werden also gesucht und beim amerikanischen Präsidenten Tupper gefunden und ebenso wird eine eventuelle Verwandtschaft zwischen Sams und Tupper vermutet. Politische Gegner werden über böse intrigante Machenschaften unter der Hilfe bestimmter Medien ausgeschalten. Was für ein herrliches Spie!?!? Ein Spiel, welches wir kennen?!?!

    Die Handlung erinnert sehr an reales Geschehen und verdeutlicht die Meinung des Autors. Nun mag dieses Buch Einigen nicht gefallen, weil Politiker mit Kakerlaken verglichen werden und/oder weil dieser Roman literarisch nicht so ausgefeilt daherkommt. Maybe. Gefallen hat mir dieses Geschehen aber allemal. Denn seicht empfand ich das Geschriebene durchaus nicht, man muss sich schon etwas im politischen Geschehen Englands und der Welt auskennen, um den ganzen Roman begreifen zu können. Und den Vergleich der Politiker mit Kakerlaken, nun gut, schön ist das nicht. Aber was soll man dazu sagen, wenn politisches Geschehen ein Szenario bewirkt, welches das Volk des betreffenden Landes schädigen wird? ...

  1. 3
    (3 von 5 *)
     - 01. Jan 2020 

    Die Mission der Kakerlaken

    Ein ekelerregendes Tier, Ungeziefer … eine Kakerlake! Und gerade sie verwandelt sich in der 112-seitigen satirischen Novelle „Die Kakerlake“ von Ian McEwan, im November 2019 bei Diogenes erschienen, in einen Menschen. Doch nicht in einen gewöhnlichen Menschen, sondern gleich in den englischen Premierminister, Jim Sams, himself. Und schon bald soll sich herausstellen, dass dieser nicht der einzige Parasit in der britischen Regierung ist, nein, sie ist unterlaufen von diesen Schmarotzern. Allein schon dieser Umstand lässt erkennen, was der Autor von der Regierung seiner Heimat und der momentanen politischen Situation hält.
    Doch von vorn. Ähnlich wie in Kafkas berühmtem Werk „Die Verwandlung“ findet sich Jim Sams, auch dieser Name neben der Verwandlungsidee an sich eine Hommage an den großen Vorgänger, eines Morgens „in eine ungeheure Kreatur“ verwandelt vor. Jedoch spielt sich dieser Prozess hier umgekehrt ab: Eine Kakerlake findet sich im Körper eines Menschen, des englischen Premiers, wieder. Nach einigen, literarisch leider wenig ausgearbeiteten Eingewöhnungsschwierigkeiten macht sich dieser daran, die Politik und Wirtschaft seines Landes zu revolutionieren. Er folgt seiner Mission, den „Reversalismus“ zu etablieren: „Kehren wir den Geldfluss um, und das gesamte Wirtschaftssystem, die Nation selbst gar, wird geläutert werden, gereinigt von allen Absurditäten, von Verschwendung und Ungerechtigkeit.“ Die Menschen zahlen keine Steuern mehr, nein, sie erhalten die Steuern vom Staat. Beim Einkauf bekommt man nicht nur die Waren, sondern gleich obendrauf auch noch den passenden Betrag. Dafür arbeiten Arbeitnehmer/innen allerdings nicht mehr für Geld, sondern sie arbeiten, um ihre Einkünfte loszuwerden, sprich sie ihrem Arbeitgeber auszuzahlen. Und damit dieses System auch gut funktioniert, soll gleichzeitig verboten werden, Geld „anzuhäufen“, zu sparen. Die Wirtschaft wird aufblühen! Wie abstrus diese Idee ist, stellt man allerdings spätestens fest, wenn man nachzuvollziehen versucht, wie dieses System im internationalen Handel funktionieren soll. Schnell steht für die klar denkende Leserschaft fest: Dieses kann nur in einer Isolation Großbritanniens enden. Um seine Absicht entgegen aller Vernunft durchzusetzen, erhält Sams durch andere Politiker/innen, die fast ausnahmslos verwandelte Kakerlaken sind, Unterstützung und greift zu politischen Mitteln, die der Realität sehr nahe kommen, in ihrer geballten und irrwitzigen Darstellung jedoch mehr als unlauter erscheinen.
    Das Erscheinungsdatum des Romans sowie die Darstellung einzelner Charaktere und Abläufe lassen schnell klarwerden, was hier kritisiert wird: der Brexit. Die Übertreibungen und das Groteske führen Leserinnen und Lesern unverblümt vor Augen, was McEwan selbst von der Idee und den aktuellen politischen Praktiken hält. Insbesondere der Umstand, wie Sams seine Idee in den Medien durchsetzt, lässt tief blicken. Auf die Frage der deutschen Kanzlerin, warum Jim Sams das alles tue, gibt es nur eine Antwort seitens des britischen Regierungschefs: „Weil. Weil wir das nun mal tun.“ Was hat man von Politiker/innen zu halten, die nicht nur aberwitzig und egoistisch handeln, sondern darüber hinaus nicht einmal die Motivation für ihre eigenen Entscheidungen benennen können? Richtig: nichts! So wird die ganze Praxis des Brexit und ihrer Befürworter/innen an den Pranger gestellt.
    Sprachlich ist der Roman ausgefeilt: McEwans Schreibstil ist literarisch und nicht ohne Anspruch, doch auch vor einem etwas derberen Ton schreckt der Autor nicht zurück – was eben sehr gut zum Inhalt und zur Realität, die dahintersteht, passt.
    Allerdings fehlt es an einigen Stellen des Romans dann doch an Feinschliff: So sind die ersten Minuten in Sams neuem Leben zwar sehr ansprechend und plastisch geschildert, jedoch verliert sich die Kakerlake zu schnell, sodass von dem ursprünglichen Wesen nicht mehr viel übrig ist und nur noch Menschen agieren. Und auch wenn die Übertreibung der Satire immanent ist, hat es mich wenig angesprochen, dass fast die gesamte Regierung aus diesen Tieren besteht, denn dadurch geht die Eigentümlichkeit – und damit die Faszination – desselben leider verloren. An einigen Stellen driftet das Satirische fast in Klamauk ab: „Walking back to happiness, wuppaa oh yeah yeah.“ – Hier hatte ich beim Lesen förmlich tanzende Kakerlaken vor Augen, was ich persönlich ebenfalls sehr schade und dem Anliegen des Autors wenig angemessen finde.
    Insgesamt hat man beim Lesen den Eindruck, als habe der Autor ein Sprachrohr gesucht (und gefunden), um sich seinen ganzen Frust über die aktuelle politische Lage von der Seele zu schreiben – allerdings sind Gefühle allein in der Regel ein schlechter Ratgeber. Daher fehlt es auch hier teilweise an Tiefe und Substanz, was dem eigentlichen Anliegen zuwiderläuft und höhere Ansprüche nicht unbedingt befriedigen kann. Dennoch handelt es sich bei „Die Kakerlake“ um ein Werk, das Denkanstöße mit Unterhaltung vereint und das ich – mit einigen Abstrichen freilich – zur Lektüre durchaus weiterempfehlen kann.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Dez 2019 

    Potential verschenkt

    Jim Sams erwacht eines Morgens - in völlig veränderter Gestalt! Bisher war er eine Kakerlake, nun befindet er sich im Körper eines zweibeinigen Menschen. Diese ,,Verwandlung" nimmt deutliche Anleihen an Kafkas ,,Verwandlung". Allerdings dreht Ian McEwan den Spieß um, was zu Beginn zu einer durchaus witzigen Lektüre führt. Die ersten ,,Dialoge" von Jim Sams mit seiner persönlichen Assistentin, in denen er nur ,,hms" und einzelne Laute von sich gibt, sind wirklich unterhaltsam. Bald jedoch ist Jim Sams in seinem Körper angekommen, er verhält sich wie ein ,,normaler" Mensch und ab da verliert sich irgendwann auch der Witz. Schnell ist klar, dass Jim Sams der mächtigste Mann Großbritanniens sein soll, der skrupellos und mit allen Mitteln seine Ideen umsetzt und Konkurrenten mundtot macht.
    Dabei verhält sich Jim Sams nun aber so, wie wir das - leider - aus der alltäglichen Politik kennen, weswegen die Satire kaum zum Tragen kommt.
    Einzig die Idee des ,,Reversalismus", was die Umkehrung des Geldflusses beinhaltet, bringt nochmals frischen Wind in den Roman. So sollen die Menschen nach Jim Sams Plan z.B. dafür bezahlen, dass sie arbeiten, wohingegen sie beim Einkauf Geld dazu bekommen. Allerdings soll der Besitz von größeren Geldmengen strafbar sein. Diese sehr originelle Idee spaltet natürlich das Land, der US-Präsident kann sich dagegen auch dafür erwärmen. Die Politik verzettelt sich in endlosen Diskussionen, am Ende bleibt ein politisches Chaos - und bei Leser das Gefühl, eine zu durchsichtige und zu wenig unterhaltsame Satire gelesen zu haben. Schade, denn die Idee der umgekehrten ,,Verwandlung" sowie auch die des umgekehrten Geldflusses hätten deutlich mehr Potential gehabt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Dez 2019 

    Kakerlaken an die Macht

    Kakerlaken an die Macht

    Ian McEwan - Die Kakerlake

    Was erwartet den Leser hier? Definitiv eine bissige Satire, die der Autor an die aktuellen Geschehnisse rund um den Brexit ausgelegt hat.
    Der britische Premierminister Jim Sams tauscht sein Dasein für kurze Zeit mit einer Kakerlake, auch viele andere Minister durchleben diese Verwandlung. Mc Ewan beschreibt die Transformation recht anschaulich und amüsant. Der endgültige Prozess ist dann doch recht schnell abgeschlossen und Jim alias Kakerlake läuft zu Höchstformen auf. Er treibt seine Idee des Reversalismus voran, ein Konzept das hirnrissig klingt, und den Leser sehr schnell an den Brexit denken lässt. Die Sache wird natürlich absichtlich überspitzt dargestellt und man bekommt stellenweise den Eindruck, dass der Autor den Roman sehr schnell aus dem Ärmel geschüttelt hat, um noch rechtzeitig seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Vergleiche mit Kafka kommen natürlich auf, dennoch finde ich nicht, dass man diese beiden Werke miteinander vergleichen kann.

    Ian McEwan ist ein Autor, dessen Romane ich sehr gerne lese, seine zynische Art gefällt mir, noch dazu setzt er sich mit allem was er schreibt sehr kritisch auseinander. Die Kakerlake gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsbüchern aus seiner Feder, dennoch habe ich es sehr gerne gelesen, da es Spaß gemacht hat von einem Brexitgegner aus den eigenen Reihen zu lesen.
    Eine kurzweilige politische Satire die man gelesen haben sollte.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Dez 2019 

    Bitterböse Satire auf den Brexit

    Der Autor Ian McEwan muss sehr enttäuscht von seinen eigenen Landsleuten sein. Erst stimmten sie mehrheitlich für den Austritt aus der EU. Später wurde ein regelrechtes Polittheater aufgeführt, als es um die Festlegung und Ausgestaltung der Regeln für diesen Austritt ging. Köpfe rollten. Ein stark frustrierter Autor kann nur schreiben. Ob es etwas nützt oder nicht, wird dabei zweitrangig sein. Manchmal muss man einfach „die innere Hygiene“ herstellen und sagen, was gesagt werden muss. Diesen Eindruck habe ich zumindest von dieser vorliegenden kleinen Novelle (oder Parabel oder Fabel?) gewonnen: Hier hat sich ein großer Autor den Frust von der Seele geschrieben, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Eine Kakerlake, die bis gestern noch in der Wandtäfelung des Parlamentes lebte, hat die Gestalt gewechselt und erwacht im Körper von Jim Sams, dem britischen Premierminister. Recht ungewohnt empfindet er seinen Körper zunächst, schnell gewöhnt er sich jedoch daran und ist sofort in der Lage, menschliche Verhaltensweisen zu übernehmen. Nicht nur der Premierminister wurde ausgetauscht, sondern der Großteil der britischen Führungsriege. Das gemeinsame Ziel lautet, den „harten Reversalismus“ als neues Wirtschaftssystem durchzusetzen – gegen alle Widerstände. Der Reversalismus dreht im Kern sämtliche Geldströme um: Wer arbeitet, muss dafür bezahlen. Wer einkauft, bekommt Geld zurück. Bargeldbestände zu horten, ist verboten. Er ist eine völlig abstruse Wirtschaftsform.

    „Die Richtung des Geldflusses war schuld an allem, was mit diesem Land nicht stimmte, an der ungleichen Verteilung von Chancen und von Wohlstand, am Nord-Süd-Gefälle, den stagnierenden Löhnen. Wer sein Land und das Volk liebte, musste die bestehende Ordnung umkehren.“ (S. 46)

    Da dieses System nur in Großbritannien eingeführt werden soll, kann man sich vorstellen, wie stark es mit den internationalen Gepflogenheiten kollidiert. Doch Jim Sams will die Isolation, er hat Allmachtsphantasien. Er sucht sich Verbündete in Übersee – dort, wo der Präsident Horace Crabbe ähnlich tickt wie er selbst und morgendliche Twitternachrichten versendet. Sams manipuliert die Nachrichten, er produziert sogar selbst Fake News, was in einer diplomatischen Krise mit den europäischen Nachbarn mündet. Rücksichtslos geht er gegen politische Gegner vor, fingiert Affären, um Rücktritte zu provozieren, selbst über einen Mordauftrag denkt er nach…

    „Der Reversalismus nahm ihn derart in Beschlag, dass er kaum noch wusste, warum und wozu. (…) Er war besessen davon, brannte wie im Wahn vor Leidenschaft, vor ungeduldigem Verlangen nach Erklärungen, Details, Überarbeitungen.“

    Das Ganze ist kolossal überzeichnet, jedoch sind die Parallelen zum Brexit nicht zu übersehen. Es gibt tatsächlich zahlreiche Anspielungen zu Personen, Sachverhalten und politischem Geschehen, man findet fast überall Entsprechungen.
    McEwan hält den Brexit kaum aus, er muss ihn für eine absolute Schizophrenie halten, eingebrockt von oberflächlichen Populisten, die das Machtgefüge ausnutzen. Warum im Buch die Kakerlaken das Ruder an sich reißen, ist von untergeordneter Bedeutung. Sie stehen für die politische Kultur im Land. McEwan schreibt seine Satire mit spitzer Feder, seine Sätze sind geschliffen, der Humor bleibt einem angesichts des derzeitigen Polittheaters und anderer nationalistischer Bewegungen, die für das Buch Pate stehen, im Halse stecken.

    Man wirft dem Autor vor, er habe einen Schnellschuss verfertigt, der Text sei nicht ausgereift. Zugegeben, so satirisch wie hier, habe ich McEwan bisher noch nicht gelesen. Dennoch ist seine Prosa alles andere als anspruchslos und ich fühlte mich gut unterhalten. Warum er die Anleihe beim Meister des Verborgenen, bei Franz Kafka, aufgenommen hat, das erschließt sich mir nicht so recht. Ansonsten kann ich die Novelle aber guten Gewissens allen politisch interessierten Lesern empfehlen, die mit bitterbösem britischen Humor etwas anfangen können.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Dez 2019 

    Tierische Machtübernahme

    Noch vor wenigen Stunden war sie unter unzähligen Artgenossen hinter der Vertäfelung im Westminster Palace. Nun findet sich die Kakerlake im Körper des britischen Premierministers Jim Sams wieder – und zwar in dessen Bett im obersten Stockwerk der Londoner Downing Street Number 10. Von einem gehassten oder bestenfalls ignorierten Insekt hat sie sich in den mächtigsten Politiker Großbritanniens verwandelt, und das nicht ohne Grund: Zusammen mit einigen anderen ihrer Art hat sie eine ebenso wichtige wie geheime Mission. Die Kakerlaken haben das Ziel, den Willen des Volkes durchzusetzen – um jeden Preis.

    „Die Kakerlake“ von Ian McEwan wird vom Verlag als Roman, vom Autor als Novelle bezeichnet.

    Meine Meinung:
    Unterteilt ist die Geschichte in vier Kapitel, die wiederum aus mehreren längeren Absätzen bestehen. Erzählt wird in meist chronologischer Abfolge aus der Perspektive der Kakerlake, die den Körper von Jim Sams übernommen hat. Dieser Aufbau funktioniert gut.

    Das Werk ist – wie vom Autor gewohnt – in einer gehobenen, pointierten Sprache verfasst und dennoch gut verständlich. Den Einstieg empfinde ich als sehr gelungen, danach fällt die Geschichte aber etwas ab.

    Interessant finde ich die Idee, Kafkas „Verwandlung“ umzudrehen und ein Insekt in einen Menschen zu stecken. In Jim Sams finden sich Eigenschaften und Eigenheiten von Theresa May und Boris Johnson vereinigt. Auch die übrigen Kakerlaken weisen Ähnlichkeiten mit anderen Figuren der britischen Politik auf. So originell die Protagonisten der Geschichte sind, so wenig erschließt es sich, wie es den Insekten glücken kann, in so kurzer Zeit so problemlos in die Rolle von Menschen zu schlüpfen. Eine absolute Realitätsnähe erwarte ich bei einem solchen Szenario nicht. Dennoch hapert es in punkto Rollentausch in der Geschichte an der Nachvollziehbarkeit und Logik.

    Sehr kreativ ist auch das Übertragen des Brexit-Themas auf ein neues Wirtschaftssystem, den Reversalismus. Die recht abstrus anmutende Idee des umgekehrten Geldflusses verfügt über eine Menge Potenzial, das jedoch leider nicht ganz ausgeschöpft wird. An einigen Stellen hinkt die Analogie. Zudem erfordert dieser Einfall einige Erklärungen, die auf den nur rund 130 Seiten viel Raum einnehmen und für Langatmigkeit sorgen. Letztere entsteht auch dadurch, dass der Humor insgesamt zu kurz kommt.

    Aufgrund der aktuellen Thematik rund um die Geschehnisse im Vereinigten Königreich war ich sehr auf das Buch gespannt. Aus der Tatsache, dass er die Abspaltung von der EU – in meinen Augen absolut berechtigt – für einen großen Fehler hält, macht Ian McEwan seit Längerem kein Geheimnis. Leider ist die ganze Geschichte jedoch recht durchschaubar und weniger pfiffig als erhofft. Viele Parallelen sind mehr als offensichtlich. Die Kritik am Brexit scheint nicht nur subtil durch, sondern schreit dem Leser förmlich ins Gesicht, auch ohne dass dieses Wort nur einmal fällt. Viel Nachdenken wird bei der Lektüre nicht verlangt. Das Ganze erscheint recht plakativ. Auch die Auflösung, weshalb die Kakerlaken den Reversalismus umsetzen möchten, ist schnell klar. Einige lose Enden werden gar nicht weiterverfolgt, Widersprüche und Unklarheiten in Kauf genommen. So ergibt sich insgesamt der Eindruck, dass die Geschichte mit viel Frust und in Eile geschrieben wurde und daher in Teilen eher plump und unausgegoren bleibt.

    Das deutsche Cover, mit dem der Verlag seinem Stil treubleibt, gefällt mir sehr gut. Gelungen ist auch der einprägsame, knappe und sehr treffende Titel, der sich am englischsprachigen Original orientiert („The cockroach“).

    Mein Fazit:
    In „Die Kakerlake“ von Ian McEwan steckt eine Menge kreatives Potenzial, das jedoch nicht in Gänze ausgeschöpft wird. Dass der Autor wegen der aktuellen politischen Entwicklungen unter großem Zeitdruck geschrieben hat, ist einleuchtend. Mit seiner Novelle, die etliche Schwächen offenbart und ich deshalb nur eingeschränkt empfehlen kann, bleibt er allerdings hinter meinen Erwartungen zurück.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Dez 2019 

    Kafka gegen Brexit...

    Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens – und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und noch nicht mal von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die Kopf steht.

    Etwas erstaunt war ich schon, dass so kurz nach dem Erscheinen seines letzten Romans (Maschinen wie ich) nun bereits ein neues Buch von Ian McEwan auf den Markt kam. Gerade einmal 144 Seiten - wirklich ein Roman, wie es auf dem Cover steht? Nun, McEwan selbst bezeichnet sein neuestes Werk als Novelle, für mich ist es am ehesten eine Parabel, zumindest aber eine Parodie. Aber sei's drum. Wie war es denn nun?

    Um es vorwegzunehmen: diesem Werk ist anzumerken, dass der Autor es eilig hatte. Zu groß die Sorge, dass die aktuellen Ereignisse in Großbritannien die Geschehnisse in dieser Erzählung überholen könnten. Denn hier geht es - wenn auch nicht einmal mit Namen erwähnt - um den Brexit, auf den die Briten blindlings zustolpern, die Gefahren leugnend, die McEwan durchaus sieht. Durch die Hast beim Schreiben lässt der Text die sonstige Sorgfalt vermissen, die subtilen Feinheiten, die gewohnte Eleganz. Die Sprache ist zwar gewohnt klar und präzise, und auch der schwarze Humor findet sich hier stellenweise, doch wirkt das Setting nicht wirklich bis ins letzte durchdacht, und manche Details kommen einfach recht platt rüber.

    So kehrt Ian McEwan beispielsweise Kafkas bekanntes Werk 'Die Verwandlung' einfach um. Hier verwandelt sich nicht ein Mensch über Nacht plötzlich in einen Käfer, sondern eine Kakerlake erwacht als Mensch - und zwar nicht als irgendein Mensch, sondern als der britische Premierminister. Zwar beteuert McEwan, dass Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Kakerlaken rein zufällig seien, doch sind Paralellen zu Boris Johnson unverkennbar, und auch einige andere Vertreter der Regierung lassen sich in dem Stück erkennen. So interessant der Ansatz der Verwandlung jedoch zu Beginn erscheint, so wenig spielt er letztlich wirklich eine entscheidende Rolle - schade eigentlich. Herauslesen lässt sich dabei für mich höchstens, dass auch in der Realität etliche Briten samt Regierung derzeit wie fremdgesteuert wirken und dass niemand mit gesundem Menschenverstand tatsächlich so etwas wie den Brexit zulassen würde.

    Zwar nennt McEwan den Brexit nie beim Namen und setzt eine andere absurde Entwicklung an dessen Stelle, aber jedem, der in den letzten Monaten Nachrichten las, ist klar, was eigentlich gemeint ist. Beim Lesen setzte bei mir eine zunehmende Ernüchterung ein. Es wird durchaus deutlich, was McEwan von der absurden Lage in Großbritannien hält - doch gelingt es ihm nicht, mit seinem satirischen Ansatz die politische Wirklichkeit in seinem Land zu übertreffen. Meine Ernüchterung hielt leider bis zum Schluss an, zumal auch das Ende für mich wenig elegant war.

    Mit der heißen Nadel gestrickt - so sagt man doch so schön - wurde dieses Werk wohl. Wie recht McEwan es mit seiner Eile hatte, zeigen die gerade erzielten Wahlergebnisse - doch wer hätte angesichts des grandiosen Populismus schon jemals auf die Stimme der Vernunft gehört? Populismus regiert die Welt. Intellektuelle wie McEwan haben recht, dagegen zu mahnen und mit ihrer Waffe - dem Schreiben - dagegen anzugehen. Aber ich fürchte, hier lesen die Falschen...

    Alles in allem: ambitioniert und mit greifbarer Empörung, jedoch ohne die gewohnte Eleganz...

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Dez 2019 

    McEwan trifft Kafka

    „Der Reversalismus nahm ihn derart in Beschlag, dass er kaum noch wusste, warum und wozu. Er steigerte sich in einen Zustand kaum bewusster Ektase hinein, vergaß Zeit und Hunger, gar die eigene Identität.“ (S. 89)

    „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte…“ – nein, hier folgt jetzt weder die Niederschrift des Kafka’schen Textes noch geht es hier um Kafka (nur in Ansätzen *g*). Der britische Autor Ian McEwan, der mich dieses Jahr schon bereits mit „Maschinen wie ich“ begeistern konnte, hat nun „Das Buch der Stunde“ (Werbeaufkleber) über den unsäglichen Brexit geschrieben.

    Er verpackt ihn allerdings in eine Novelle von gerade mal 133 Seiten und besagter Brexit wird auch nicht explizit erwähnt. Doch jede*r, die/ der das schmale Büchlein liest, weiß um was und wen es sich dreht – dafür ist es zu offensichtlich. Hier soll und wird der Reversalismus (man bezahlt für´s Arbeiten und wird für´s Einkaufen entlohnt – absurder geht´s schon nicht mehr *g*) eingeführt. McEwan bemüht sich also nicht wirklich, dass was offensichtlich ist (den Zusammenbruch der Wirtschaft nach dem Brexit), zu verschleiern. Muss er auch nicht. Er hat sich mit dieser Erzählung einfach seinen Frust über seine Landsleute, über das britische Kasperletheater im Parlament von der Seele geschrieben und hat sich dafür (frech oder als Hommage – je nach Sichtweise) bei Franz Kafka bedient. Nur verwandelt sich hier eine Kakerlake in den britischen Premierminister und nicht ein Geschäftsreisender in einen Käfer.

    Ob es den am Anfang und Ende platzierten Aufhänger mit der Kakerlake wirklich gebraucht hätte, kann und soll jede*r für sich entscheiden. Dazwischen spielt das Leben von Jim Sams als Kakerlake nämlich kaum noch eine Rolle (nur noch in versteckten Andeutungen). Das muss und wird nicht jedem gefallen. Aber vielleicht wollte Ian McEwan hier einfach aufzeigen, wie schnell wir unsere eigene Identität „vergessen“, wenn wir uns in bestimmten (gesellschaftlichen) Kreisen bewegen oder wie viel Kakerlake in jedem von uns steckt.

    4*

    ©kingofmusic

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Dez 2019 

    Mit heißer Nadel gestrickt

    "Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt." (11)
    Aus der einstigen Kakerlake ist ein Mensch geworden, der sich über den "glitschige[n] Fleischlappen" (11) in seinem Mund wundert, über seine eingeschränkte Sichtweise und darüber, dass sein Skelett, sein Panzer nach innen verlagert ist.

    Höchst amüsant werden die ersten Gehversuche der Kakerlake beschrieben, die als britischer Premierminister aufgewacht ist - offensichtlich nach einer alkoholgeschwängerten Nacht. In der ersten Begegnung mit einer persönlichen Referentin reichen Grunzlaute zur Verständigung, sein erstes Wort: Okidoki.
    Die Parallelen zu Kafka sind offensichtlich und gewollt, ebenso der bitterböse, satirische Blick auf die zeitgenössische britische Politik. Die Botschaft, auch eine Kakerlake kann Premierminister sein, drängt sich auf, wobei der Verdacht genährt wird, es gebe einen "göttlichen" Plan, den die Kakerlake, die (leider) schnell in den Hintergrund rückt, ausführen möchte.
    Genährt wird der Verdacht, als Jim in der ersten Kabinettssitzung "ein verblüffendes Wiedererkennen" (34) erlebt - er ist, bis auf eine Ausnahme - von Kakerlaken umgeben, die ebenfalls menschliche Gestalt angenommen haben.
    Seine Marschroute für die kommende Zeit steht fest: Er wird den Willen des Volkes, nämlich die Einführung des Reversalismus durchsetzen.

    Im Reversalismus, eine Erfindung McEwans, wird der Geldfluss umgedreht:
    "Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten ist gesetzlich untersagt." (41)

    Ein ökonomisches Prinzip, das nicht funktionieren kann, da waren wir uns in der Leserunde einig, vor allem, wenn ein Land einen Alleingang wagt. Reversalismus gleich Brexit - so ist diese Parabel zu lesen, denn Ökonomen sagen eine wirtschaftliche Katastrophe voraus, Ähnliches haben wir auch in Bezug auf den Brexit gelesen.
    McEwan prangert den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union an, da seine Heimat sozusagen den Rückwärtsgang einlegt. Bezeichnenderweise nennt er die Vertreter des Reversalismus Rückdreher - ein deutliches Statement.

    Darüber hinaus rechnet er in seiner "bitterbösen politischen Satire", wie es im Klappentext heißt, auch mit dem Politbetrieb an sich ab.

    "In schwierigen Zeiten wie diesen brauchte das Land einen verlässlichen Feind." (76)

    Ein Schiffsunglück wird politisch ausgeschlachtet, um die Stimmung im Land zu Gunsten Sams zu drehen. Unbequeme Minister werden verleumdet, Meinungen so getwittert, dass "eine solche Bedeutungsdichte [entsteht, die], aufs Eleganteste gepaart mit leichtfüßiger Loslösung von allen Details" ist (77). Die Anspielungen auf Trump sind eindeutig und überaus treffend.

    Am Ende gibt es tatsächlichen einen Plan...

    Die Meinung in der Leserunde war fast einhellig. Die Novelle (?) oder die Parabel sei mit heißer Nadel gestrickt, was zu Lasten der Literarizität geht. Die Figuren werden kaum entwickelt, die Verwandlung von der Kakerlake zum Menschen tritt schnell in den Hintergrund, einiges wird referiert statt erzählt. Schade!

    Die Sprache ist hingegen wie nicht anders zu erwarten messerscharf:

    "Jim hatte hervorragende Fühler für die öffentliche Gemütslage." (88)

    "Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz." (97)

    Es ist verständlich, dass McEwan das Bedürfnis hat, sich seine Frust über den Brexit von der Seele zu schreiben. Das Thema ist jetzt aktuell, also muss das Büchlein sofort auf den Markt. Zu deuten gibt es wenig, seine Aussagen sind glasklar: Der Alleingang Großbritanniens ist ein Rückschritt und aus seiner Sicht ein gewaltiger Fehler, die Politiker sehen nur ihren Vorteil, berücksichtigen das Wohl des Volkes zwar in ihren Reden, jedoch nicht in ihren Taten und Entscheidungen.

    Die Frage ist, wen diese Botschaft erreicht und ob sie von denen gehört wird, die es betrifft.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Dez 2019 

    Allzu durchsichtiger Schlüsselroman

    Mit „Die Kakerlake“ hat Ian McEwan einen Schlüsselroman über das Geschehen rund um den Brexit geschrieben. Alle wichtigen handelnden Personen finden kaum verschlüsselt ihre Entsprechung im Romangeschehen und führen so dem Leser die Absurdität des Projektes Brexit vor Augen. Als wäre der Absurdität in dem Geschehen noch nicht genug, ergänzt McEwan die Handlung noch um eine Wendung, die dem Roman seinen Namen gibt. Auch hier wenig verschlüsselt begibt McEwan sich auf die Spuren von Franz Kafka und startet sein Buch mit einer Verwandlung Insekt/Mensch. Nur diesmal ist die Verwandlung, wie auch die politische Idee, die im Roman die britische Nation umtreibt, quasi um Rückstrommodus, d.h. andersherum. Aus einem Insekt (Kakerlake) wird hier ein Mensch und zwar nicht irgendeiner, sondern der Premierminister Jim Sams.
    Als verwandeltes Insekt leitet er danach für einige Zeit die Regierungsgeschäfte und kann dabei feststellen, dass fast alle seine Kabinettskollegen das gleiche Schicksal teilen, d.h. auch in ihnen steckt im Grunde genommen eine Kakerlake. Als einziger Außenseiter bleibt der Außenminister übrig, der ab da den politischen Plänen seiner Kollegen oftmals entgegensteht. Alle anderen verfolgen den Kurs weiter, der zuvor von Regierung und Volk bereits auf den Weg gebracht wurde. In Großbritannien soll der monetäre Reversalismus eingeführt werden. Das bedeutet eine komplette Umkehrung des Geldflusses: wer etwas konsumiert, erhält dafür Geld, das er gleich wieder auszugeben hat für die Bezahlung seiner selbst zu leistenden Arbeit. Weiter muss hier nicht in die Tiefen dieses absurden Konzepts eingetaucht werden. Es muss jedem weiter Denkenden klar werden, dass dieses Konzept – insbesondere bei Einführung in nur einem Land - zum Scheitern verurteilt sein wird. Und doch wird es durchgezogen, mit der hauptsächlichen Begründung, dass irgendwann das Volk eine Entscheidung für dieses Konzept gefällt hat. Dass Reversalismus dabei eine Metapher für den Brexit ist, ist nur allzu deutlich.
    Irgendwann hat die Regierung dann die Einführung des Reversalismus durchgedrückt und er steht vor seinem Start. Der Rückzug der Kakerlaken und die Zurückverwandlung der Politiker in Menschen findet statt. Und alles geht so weiter wie bisher.
    Mein Fazit.
    Die Kakerlake ist für mich ein allzu durchsichtiges Machwerk, um den Brexit literarisch darzustellen. Dabei bringt diese literarische Verarbeitung aber wenig oder gar keinen Mehrwert gegenüber dem, was in journalistischen Texten, in Zeitungen und Zeitschriften zu lesen und zu erfahren ist. (Allerdings: das gilt für die Berichterstattung in unseren deutschen Medien, die britische Presse mag da weniger an aufklärerische Berichterstattung zu bieten haben und der Roman mag für Briten deshalb eine weit größere Bedeutung haben als für den europäischen Leser auf dem Kontinent).
    Insgesamt erscheint mir der Roman aber etwas schlampig und überschnell konzipiert und verfasst: McEwan lässt sich und seinen Figuren sehr wenig Zeit, sich zu entwickeln und darzustellen. So muss die verwandelte Kakerlake direkt ihren Weg in die Mühlen des Regierungsgeschäftes einschlagen, ohne sich in ihrem neuen Dasein, Körper und Denken einfinden zu können. Das politische Geschehen ist in meiner Sichtweise zu wenig fiktionalisiert und verschlüsselt und die Verwandlung (hin und zurück) bleibt irgendwie ohne Auswirkung auf den Lauf der Geschichte. Von daher ist es in der Leseweise des Romans letztlich egal, von wem wir regiert werden – von Politikern oder Kakerlaken – es kommt immer der gleiche Mist raus. Diese Darstellung ist mir dann aber doch etwas zu zynisch und pessimistisch. Da möchte ich mich McEwan wirklich nicht anschließen und muss diesem Roman als Note „nicht ausreichend“ ausstellen, zumal der Autor in seinen anderen Romanen seine hohe Kunst der Konzeption groß angelegter Geschichten nachweisen konnte. Deshalb hierfür leider enttäuschte 3 Sterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Dez 2019 

    Reversalismus

    Überraschend macht er eine unglaubliche Veränderung durch und er erwacht im Bett des britischen Premierministers. Nicht nur in dessen Bett, nein, er ist der Premier. Wie ungewohnt ist dieser Körper, wie ungelenk, wie schwer. Doch flugs gewöhnt sich der sein Geist an die neue Behausung und hat kaum Probleme, der Welt gegenüber als Regierungsoberhaupt aufzutreten. Es gilt, die Idee des Reversalismus zu vertreten. Mit Überzeugungskraft und Geschick führt er seine Argumente. Das ungläubige Staunen, dass er damit bei seinen europäischen Partnern weckt, ignoriert er einfach. Der amerikanische Präsident findet ihn schließlich toll. Der Premierminister ist überzeugt von seiner Idee.

    Beim Lesen des Buches möchte man es beinahe gerne als Erklärung für das Handeln in der politischen Welt, dass die Akteure in Wahrheit einer anderen Spezies angehören. Es zeugt von Forschheit und Mut des Autors, sich dem Brexit auf diese unerwartete Weise zu widmen. Obwohl es natürlich nicht explizit ausgesprochen wird, sind doch unverkennbare Parallelen zwischen dem Brexit und der Einführung des Reversalismus zu erkennen. Hier wie dort werden wider jede Vernunft, Entscheidungen herbeigeführt, die die Welt gewiss nicht besser machen. Zwar wird es ebenso gewiss weitergehen. Dennoch wünschte man vielleicht, es würde eine Pflicht zur Rechenschaft geben.

    Eine Innensicht des britischen Systems aus Sicht eines Autors, der dem Brexit eher nichts abgewinnen kann. Vielleicht etwas schnell aus der Feder geschüttelt ist diese in Teilen bitterböse Verwandlung des Brexit in den Reversalismus. Mit feinem Gefühl allerdings spielt McEwan mit den Widersinnigkeiten, die die Politiker den Menschen antun. Wo bleibt die Vernunft? Warum gibt es nur noch hohles Geschrei? Und warum wählen Leute so? In diesem Buch marschiert die Veränderung beinahe noch auf sechs Beinen voran und verkauft sich selbst bestens mit einem Darum. Ein Darum, das in seiner Sinnentleertheit jegliche vernünftige Argumentation abtötet. Man müsste schmunzeln, wenn man nicht langsam den Eindruck gewonnen hat, in der Welt geht es tatsächlich so zu.

    Eine garstig böse, aber auch humorige Satire, bei der einem häufiger mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Dez 2019 

    Wen Kakerlaken allzu menschlich werden

    "Die Menschen müssen begreifen, dass sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat." (Friedensreich Hundertwasser)
    Als Jim Sams am Morgen erwacht fühlt es sich anders an, er war in eine ungeheure Kreatur mit 4 Beinen verwandelt worden. Und was war mit seinem wunderschönen glänzenden Leib passiert und den Fühlern, das ihm als Kakerlake immer so gut stand? Dazu noch der glitschige Fleischlappen, der da in seinem Mund war, wo er nicht hingehörte. Natürlich wusste er das er in seinem alten Leben nicht anerkannt war, im Gegenteil er und sein Volk wurden bisher mit allen Mitteln bekämpft. Doch nun ist Jim plötzlich in der Lage der mächtigste Mann Englands zu sein und den Willen des Volkes umzusetzen. Weder von der Opposition noch von seinen anderen Gegnern möchte er sich aufhalten lassen. Sein Plan ist den Reversalismus dem Parlament schmackhaft zu machen und durchzubringen mit allen Mitteln. Sein größter Verfechter ist der Außenminister Benedict St John.

    Meine Meinung:
    Das Bild stellt den Unterleib der Kakerlake dar, könnte aber genauso gut die Fellmütze von den Wachen des Towers darstellen. Den Autor Ian McEwan kannte ich bisher noch nicht, doch den Klappentext fand ich sehr interessant. Ian McEwan schreibt hier in Anlehnung an Franz Kafkas Buch "Die Verwandlung" aus dem Jahre 1915, diese Geschichte in die Moderne der heutigen britischen Lage und Politik. Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig, den mitunter ist er doch sehr mühsam verfasst. Besonders da die Geschichte einiges an politischen Sprachgebrauch enthält. Trotzdem ich durchaus politisch interessiert bin, hatte ich dann doch etwas anderes bei dem Titel und Klappentext erwartet. Zwar fing sie durchaus satirisch, humorvoll an mit der Umwandlung der Kakerlake zum Menschen. Dabei sah ich einige Parallelen von David Safiers Buch "Mieses Karma" oder eben das Kafka Buch "Die Verwandlung". Wo aber Kafka eher dem Leser die Verwandlung nahebrachte, möchte McEwan das Chaos der Politik und des Brexits aufgreifen, das zurzeit in seiner Heimat Großbritannien herrscht. Da blieb dann allerdings die Verwandlung etwas auf der Strecke, schade den genau das war dies, was die Story so belebte und humorvoll machte. Natürlich habe ich beim Lesen viele Parallelen zum Brexit, aber auch zu anderen politischen Machenschaften und Gebaren festgestellt. Trotzdem wirkte auf mich das Buch am Ende unvollkommen, fast ein wenig abrupt beendet und ebenso erschloss sich für mich die Motivation der Kakerlaken den Reversalismus durchzuboxen nicht ganz. Genauso war es mir etwas zu unrealistisch, wie der anfänglich verwandelte, tollpatschige Jim Sams innerhalb kürzester Zeit, menschlich daher kam ohne Mühen und Schwächen. Ich hätte da doch mit mehr Problemen gerechnet, die man hier durchaus noch hätte einbringen können. Im eigentlichen Sinne geht es in diesem Buch jedoch um Politik, Macht, Beeinflussung und Manipulation, was wir sicher genauso heute im realen Leben wiederfinden. Man spürt vor allem das McEwan ein Brexit Gegner ist und ihm die chaotische, politische Lage Großbritanniens nicht gerade zusagt. Von daher denke ich das dieses Buch eher von Lesern bevorzugt wird, die politisch motiviert, engagiert sind und sich mit dem Brexit auseinandersetzen möchten. Insbesondere den Preis finde ich persönlich im Anbetracht der nicht einmal 150 Seiten zu teuer für das Buch. Ich konnte leider dieser Geschichte nur bedingt was abgewinnen, besonders weil mir einfach der britische Humor zu kurz kam. Darum gebe ich 2 1/2 von 5 Sterne für dieses sogenannte Buch der Stunde.