Die Hungrigen und die Satten: Roman.

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Hungrigen und die Satten: Roman.' von Timur Vermes
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Deutschland hat eine Obergrenze für Asylsuchende eingeführt, ganz Europa ist bis weit nach Nordafrika hinein abgeriegelt. Jenseits der Sahara entstehen riesige Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen warten, warten, warten. So lange, dass man in derselben Zeit eigentlich auch zu Fuß gehen könnte, wäre das nicht der sichere Tod.

Als die deutsche Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch das größte dieser Lager besucht, erkennt der junge Lionel die einmalige Gelegenheit: Mit 150.000 Flüchtlingen nutzt er die Aufmerksamkeit des Fernsehpublikums und bricht zum Marsch nach Europa auf. Die Schöne und die Flüchtlinge werden zum Quotenhit. Und während sich der Sender über Live-Berichterstattung mit Zuschauerrekorden und Werbemillionen freut, reagiert die deutsche Politik mit hilflosem Wegsehen, Kleinreden und Aussitzen. Doch je näher der Zug rückt, desto mehr ist Innenminister Joseph Leubl gefordert. Und desto dringlicher stellen sich ihm und den Deutschen zwei Fragen: Was kann man tun? Und in was für einem Land wollen wir eigentlich leben?

Timur Vermes' neuer Roman ist eine Gesellschaftssatire, aktuell, radikal, beklemmend und komisch zugleich. DIE HUNGRIGEN UND DIE SATTEN fängt dort an, wo der Spaß aufhört.

Autor:
Format:Audio CD
Seiten:0
Verlag: Lübbe Audio
EAN:9783785758007

Rezensionen zu "Die Hungrigen und die Satten: Roman."

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mai 2019 

    Aktuell, radikal, beklemmend und komisch zugleich...

    Deutschland hat eine Obergrenze für Asylsuchende eingeführt, ganz Europa ist bis weit nach Nordafrika hinein abgeriegelt. Jenseits der Sahara entstehen riesige Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen warten, warten, warten. So lange, dass man in derselben Zeit eigentlich auch zu Fuß gehen könnte, wäre das nicht der sichere Tod.

    Als die deutsche Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch das größte dieser Lager besucht, erkennt der junge Lionel die einmalige Gelegenheit: Mit 150.000 Flüchtlingen nutzt er die Aufmerksamkeit des Fernsehpublikums und bricht zum Marsch nach Europa auf. Die Schöne und die Flüchtlinge werden zum Quotenhit. Und während sich der Sender über Live-Berichterstattung mit Zuschauerrekorden und Werbemillionen freut, reagiert die deutsche Politik mit hilflosem Wegsehen, Kleinreden und Aussitzen. Doch je näher der Zug rückt, desto mehr ist Innenminister Joseph Leubl gefordert. Und desto dringlicher stellen sich ihm und den Deutschen zwei Fragen: Was kann man tun? Und in was für einem Land wollen wir eigentlich leben?

    Timur Vermes versteht es, sich aktueller Themen auf seine ganz eigene Weise anzunehmen. Sein Mittel der Wahl ist die Satire - und die ist hier trotz einiger Längen in der Erzählung wieder hervorragend gelungen.

    Der Autor geht (noch) etwas weiter als die aktuelle Realität und schließt die Grenzen Europas für die Flüchtlinge aller Länder. In Afrika gibt es deshalb jenseits der Sahara unübersehbare Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen schon seit Jahren ausharren - ohne Aussicht darauf, dass sich an ihrer Lage noch jemals etwas ändern wird. Die Kosten für die sog. Schlepper sind ins Unermessliche gestiegen, so dass sich nun alle die hoffnungslose Perspektive teilen.

    Die Medien sind nach wie vor stets auf der Suche nach der 'ganz großen Story', und weil es das noch nie gab, schickt Mai-TV seine Starreporterin Nadeche Hackenbusch mitten rein in solch ein Lager, um vor Ort von den ärmlichen Bedingungen berichten zu können. Doch wider Erwarten schwindet bei der ebenso hübschen wie naiv-dummen Moderatorin mit jedem Tag im Lager die Bedeutung ihrer Luxusgüter und macht Platz für - Mitgefühl. Nadeche Hackenbusch will nicht nur aufmerksam machen auf die Missstände im Lager - sie will helfen!

    Als klar wird, dass die Sendezeit vor Ort sich trotz ihrer Proteste dem Ende zuneigt, beschließt Nadeche weiter zu gehen. Mit Lionel, einem jungen Afrikaner, der sie all die Tage durch das Lager begleitet hat, entwickelt sie einen gewagten Plan. Zu Fuß durch die Sahara! Was im ersten Moment klingt wie des Wahnsinns wilde Beute, entpuppt sich letztlich als raffiniertes Planungsspiel - und 150.000 Menschen beteiligen sich daran. 15 Kilometer am Tag läuft die Menge los, immer das Ziel vor Augen: Deutschland.

    Mai-TV bleibt dran mit seinen Live-Reportagen, Kamera-Drohnen und Tageszusammenfassungen - und kann sich über immer neue Zuschauerrekorde freuen. Anfangs von der Politik belächelt, nähert sich der Zug jedoch Schritt für Schritt der europäischen Grenze. Und als klar wird, dass Aussitzen letztlich nicht wirklich hilft und sich die Proteste im Land mehren, muss eine Lösung her. Doch wie soll die aussehen?

    Bei dieser Satire von Timur Vermes erscheint tragisch, dass alles so vorstellbar ist, kaum jenseits der Realität. Insofern ist dies ein Gedankenspiel von immenser Aktualität. Auch wenn es im Verlauf einige Längen zu überbrücken gibt: immerhin ist der Weg durch die Sahara und bis zu den Grenzen Deutschlands auch nicht gerade kurz. Und auf der Reise sorgt Vermes für reichlich Unterhaltung durch seine schwarzhumorigen Spitzen. Hier bekommt jeder sein Fett weg: die Medien ebenso wie die Politiker und die Wohlstandsgesellschaft.

    Tatsächlich gibt es hier viel zu lachen, obschon man auch zu Beginn schon ahnt, dass einem selbiges womöglich bald im Halse stecken bleibt. Besonders die Moderatorin Nadeche Hackenbusch mit ihrem sehr speziellen Englisch - einfach köstlich. Dies ist natürlich auch dem genialen Vortrag durch Christoph Maria Herbst zu verdanken, der diesem Hörbuch seine ganz eigene Note verleiht. Undbedingt würde ich hier das Hörbuch dem gedruckten Buch vorziehen (ungekürzte Ausgabe: 15 Stunden und 13 Minuten), ansonsten wäre es tatsächlich nur das halbe Vergnügen...

    Doch Vermes beschränkt sich nicht nur auf die Unterhaltung, sondern nimmt hier auch keine Rücksicht auf Verluste. Insofern spitzt sich die Situation letztlich gewaltig zu, und das Lachen weicht allmählich einer zunehmenden Beklemmung. Tatsächlich kommt man auch nicht umhin, das ein oder andere Mal gewaltig zu schlucken - und nachdenklich macht die vorgestellte Entwicklung allemal. Ein unbequemer Spiegel, den Vermes uns hier vorhält. Aber gleichzeitig eben auch sehr unterhaltsam.

    Alles in allem eine gelungene Satire mit komischen und beklemmenden Momenten - überaus aktuell und unterhaltsam. Vereinzelte Längen seien gleich wieder verziehen, denn das Gesamtpaket ist überaus überzeugend. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Vision von Timur Vermes sich niemals bewahrheiten möge...

    © Parden