Die Herzen der Männer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Herzen der Männer: Roman' von Nickolas Butler
4.15
4.2 von 5 (7 Bewertungen)

Über eine Zeitspanne von drei Generationen und ebenso vielen Kriegen erkundet dieser Roman die Herzen der Männer: ihre Schwächen und Geheimnisse, ihre Bedürfnisse und Werte. Damit legt Nickolas Butler nach »Shotgun Lovesongs« ein vielschichtiges und sensibles Epos über die Verletzungen, die Männer einander und anderen zufügen, vor. In den Augen seines Vaters ist Nelson eine Enttäuschung. Wer will schon ein Kind, das weder Freunde noch Selbstbewusstsein besitzt? Je intensiver der verunsicherte Junge sich nach Zuwendung sehnt, desto stärker sondert sich der Vater ab, bis er irgendwann ganz aus dem Leben seines Sohnes verschwindet. Doch in einem Punkt hat er sich getäuscht. Nelson ist nicht allein. Jonathan, sein bester Freund aus dem Pfadfinderlager, ist das genaue Gegenteil von Nelson: bei allen beliebt, pragmatisch und mit einer unverwüstlichen Leichtigkeit ausgestattet. Was aber treibt jemanden wie Jonathan dazu, sich mit einem Außenseiter anzufreunden? Und stand Jonathan wirklich immer so rückhaltlos zu ihm? Das Leben im rauhen Wisconsin verlangt Nelson, Jonathan und dessen Familie Prüfungen ab, die Freundschaft und Loyalität auf eine harte Probe stellen.

Format:Kindle Edition
Seiten:477
Verlag: Klett-Cotta
EAN:

Rezensionen zu "Die Herzen der Männer: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Feb 2019 

    Männerherzen

    Ein amerikanischer Roman der bewegt, mitreißt, nachdenklich macht, abstößt, kurz der viel Emotionen erzeugt. Dieser Roman ist in klarer Sprache geschrieben, in drei Abschnitte/Zeitabschnitte geteilt und erzählt wie und warum die Hauptpersonen werden, wie sie werden. Es ist ein Buch über männliche Werte, über Versuche diese von der Vätergeneration auf die Söhne zu vermitteln und leider auch das Scheitern darüber. Aber es hat auch sehr ergreifende Charaktere, die ihre Sache doch ganz gut machen.

    Dieses Buch schildert das Leben der beiden Hauptpersonen, zweier Jungen/Männer, die sich in ihrer Jugend anfreunden. Nelson und Jonathan. Im ersten Teil des Buches der 1962 spielt, begegnen sich die Beiden. Nelson, der irgendwie andersartige Außenseiter, kaputtes Elternhaus, erfährt wenig Liebe darin, hat keine Freunde, geht ins Pfadfinderlager, wird gemobbt und erfährt da eine Wandlung und Hilfe. Jonathan, schon ein Leiter einer Gruppe, älter als Nelson, nähert sich Nelson etwas an, hilft ihm schließlich etwas, wobei es irgendwie fraglich bleibt warum. Charakterlich sind die Beiden vollkommen unterschiedlich. Der zweite Teil des Buches spielt 1996, beide sind inzwischen erwachsen. Nelson war im Vietnamkrieg, ist zu jemand anderem geworden, trägt aber natürlich noch seine Wunden, hat eine Freundin, aber keine Kinder, zumindest keine von denen er weiß. Jonathan hat eine Familie, ist ein angesehener Bürger, ist aber eigentlich vollkommen unglücklich. Hat aber einen Sohn und möchte diesem die männlichen Werte nahebringen. Und der dritte Teil des Buches spielt im fiktiven 2019, ist der für mich eigentlich ergreifendste, anspruchsvollste, inhaltsreichste Teil des Buches. In diesem Teil macht für mich das Buch einen deutlichen Sprung in meiner Wertung nach oben.

    Es geht um irgendwelche hehren Ziele, große Moralvorstellungen, und schließlich die Verwirklichung dessen. Und zeigt wie schonungslos die Wirklichkeit ist. Es geht um die großen Gefühle der Männer, und zeigt wie schwierig es werden kann, diese im realen Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Es zeigt aber auch das es manche Männer schaffen können. Butler ist dabei schonungslos ehrlich, fast schon penetrant offen, was mir aber sehr gefallen hat. Gerade aus dem Grund gebe ich die Empfehlung es zu lesen.

    Für mich gerade durch den dritten Teil ein tolles Buch, aber auch sonst sehr lesenswert !

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Apr 2018 

    Drei Männergenerationen, lesenswert und eingehend

    Nelson ist 13, als er 1962 einen Sommer im Pfadfinderlager verlebt. Der eher schmächtige Junge hat keinen liebevollen Vater, der Choleriker neigt dazu seiner Rage mit dem Gürtel Ausdruck zu verleihen. Die Mutter, die Nelson abgöttisch liebt, ist aber zu schwach um sich dem Ehemann und Vater zu widersetzen. Nelson leidet darunter keine Freunde zu haben. Eine unheimlich berührende Szene schildert eine Geburtstagsparty, bei der der Junge vergeblich auf Besuch wartet. Der einzige, der schließlich erschient ist Jonathan, der einzige Junge, der hin und wieder Zeit mit Nelson verbringt, aber zumeist nur dann, wenn er sich einen Vorteil erhofft.
    Nelson weiß, dass er anders ist als die andern Jungs im Lager, er sammelt verbissen Abzeichen, zeichnet sich durch Fleiß und Geschick aus, was ihn aber nur immer mehr zum Außenseiter macht. Heute würde man das, was mit ihm geschieht als Mobbing bezeichnen.
    Mit einem Zeitsprung werden wir ins Jahr 1996 versetzt. Nelson hat sich mittlerweile als Kriegsheld in Vietnam hervorgetan und leitet nun das Pfadfindercamp seiner Jugend. Seine Kindheit und auch der Krieg haben ihn zu einem emotional distanzierten Einzelgänger gemacht
    Bei einem Treffen mit Jonathan und dessen Sohn Trevor kommt es zu einer Eskalation zwischen diesen beiden. Jonathan verkörpert den typischen Emporkömmling der 90er, dem Alkohol und außerehelichen Eskapaden nicht abgeneigt, während Trevor sehr ruhig und moralisch gefestigt wirkt.
    Im dritten Teil befinden wir uns im Jahr 2019. Die Erzählperspektive wird plötzlich weiblich. Rachel, die schon in den e90ern Trevors Freundin war, ist nun mit ihrem Sohn Thomas im Camp, das nach wie vor von Nelson, der mittlerweile grauen Eminenz des Pfadfinderlagers, geleitet wird. Rachel sieht sich in diesem Sommer männlicher Arroganz und Übergriffigkeit ausgesetzt, bis die Situation außer Kontrolle gerät.
    Drei Generationen, drei heranwachsende junge Männer, deren Werdegang durch ihre Väter, deren Präsenz beziehungsweise auch gerade ohne deren Präsenz geprägt wird. Was macht Erziehung, aber auch Vorbildwirkung anderer Männer, wie beeinflusst sie das Leben eines jeden. Um diese Themen kreist diese Buch.
    Die wenigsten erwachsenen Männer kommen in diesem Buch gut weg. Es sind die jungen, noch nicht ausgereiften Burschen, deren Wertesystem noch intakt ist, mit Ausnahme von Nelson, der über allen als moralische Instanz schwebt.
    Freilich schildert Nickolas Butler mit jeder seiner Figuren archetypische Männer, den Choleriker, den Kriegshelden, den Strategen, den Moralisten, den Blender, den Einzelgänger, den Macho. (Das muss wohl so sein, denn das Leben eines ganz durchschnittlichen, normal werteverbundenen Mann ohne nennenswerte Eigenschaften gibt wohl nicht viel her für einen Roman.)
    Nicht alle Männer auf der Welt sind so und doch kennt wohl jede von uns solche Typen, die Stammtischparolen poltern, die mit ihren Anzüglichkeiten sich jedes Recht an einer Frau herausnehmen wollen. Es hat sie immer schon gegeben und seit der öffentlichen #metoo Debatte gerade immer noch sehr aktuell.
    Nickolas Butler hat genau diese Typen gezielt herausgearbeitet. Der Mythos vom starken Mann beschränkt sich meist nur auf das physische.
    Ich mochte die Art zu erzählen, vor allem die Stellen, die Gefühllosigkeit der Personen oder deren Unmöglichkeit, Gefühle zuzulassen, beschreiben und dabei aber hoch emotionale Wirkung beim Lesen erzeugte. Ich litt mit dem einsamen Jungen Nelson mit, auch später fand ich diesen emotional so eingeschränkten Mann sehr viel Sympathie.
    Das Übergreifen der drei Abschnitte über so viele Jahre hinwegineinander wurde durch diverse Rückblenden gut gelöst. Die ersten beiden Teile fand ich eingehender und stärker als den letzten. Der dritte Teil nahm für meinen Geschmack gegen Ende zu sehr an Tempo auf, welches nicht zu dem Rest des Buches passte. Ein bisschen weniger sich überschlagende Ereignisse hätten dem Buch besser gestanden.

  1. 4
    (4 von 5 *)
     - 25. Apr 2018 

    Schön zu lesen

    Nelson ist ein 13 jähriger Junge, der einfach zu schlau, zu sensibel, für seine Mitschüler ist. In seiner näheren Umgebung hat Nelson keine Freunde. Nur ein einziger Junge kommt, viel zu spät, zu seinem Geburtstag und bleibt auch nur aus Anstand. Im Pfadfinderlager bewohnt Nelson ein Zelt alleine. Keiner möchte mit ihm etwas zu tun haben. Er ist ein einsames Kind, das von den Anderen geärgert und gehänselt wird. Nur Jonathan, der ihn an seinem Geburtstag besucht hat, scheint zu ihm zu halten. Aber eines Tages nimmt sich Nelson ein Herz, und beweist sich und den anderen Jungen, dass er ein tougher Kerl ist.
    Auch zu Hause, wird Einiges anders. Der Vater wird, von der sonst so stillen Mutter, aus dem Haus gejagt und Nelson bekommt die Chance, auf eine Militärschule zu gehen.
    Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt (1962, 1996, 2019) . 60 Jahre lang, werden Nelson und Jonathan begleitet. Eine seltsame und tiefe Freundschaft.

    In diesem Buch anzukommen, braucht es höchstens 3 Seiten. Nickolas Butler schreibt so wunderbar, dass man sich innerhalb kürzester Zeit mit seinen Charakteren identifizieren kann. Seine Schreibweise, ist einfühlsam und direkt. Vielleicht liegt es auch daran, dass Nickolas Butler aus seinem eigenen Leben erzählt. So enthält das zweite Kapitel einige Episoden aus dem Leben des Autors. Butler war mit seinem Vater als Fünfzehjähriger unterwegs, als der Vater ihm seine neue Lebensgefährtin vorstellte.
    Butlers Männer zeigen sich mit angeblicher Stärke, sie zeigen Muskeln und wollen nicht weich sein. Doch hinter den Figuren stecken empfindliche und verletzliche Helden, die in den Kriegen dieser Zeit, viele Blessuren (körperlich, wie seelische) davontragen.

    Das Pfadfinderlagersteht als Metapher zur amerikanischen Gesellschaft. Welche Werte sind heute noch wichtig, die damals unerlässlich schienen. Gemeinschaft, Würde, Miteinander und Füreinander, waren 1960 noch vorrangig. Aus den „gestählten“ Pfadfindern, gingen wichtige Persönlichkeiten hervor. Heute, steht jeder für sich alleine, ist mit seinem Handy oder Computer in der Welt unterwegs und übersieht seinen Nachbarn.
    Die Pfadfinderlager verkommen zu Witzveranstaltungen, die nicht mehr ernst genommen werden, obwohl sie doch genau für die guten Werte stehen und geschulte, selbstbewusste Männer hervorbringen sollten. Kritisch beschreibt Butler die selbstsüchtige (amerikanische) Gesellschaft.
    Eine wunderbare Geschichte. Ich kann es nur empfehlen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Apr 2018 

    Von Pfadfindern, Freundschaft und mehr...

    In den Augen seines Vaters ist Nelson eine Enttäuschung. Wer will schon ein Kind, das weder Freunde noch Selbstbewusstsein besitzt? Je intensiver der verunsicherte Junge sich nach Zuwendung sehnt, desto stärker sondert sich der Vater ab, bis er irgendwann ganz aus dem Leben seines Sohnes verschwindet. Doch in einem Punkt hat er sich getäuscht. Nelson ist nicht allein. Jonathan, sein bester Freund aus dem Pfadfinderlager, ist das genaue Gegenteil von Nelson: bei allen beliebt, pragmatisch und mit einer unverwüstlichen Leichtigkeit ausgestattet. Was aber treibt jemanden wie Jonathan dazu, sich mit einem Außenseiter anzufreunden? Und stand Jonathan wirklich immer so rückhaltlos zu ihm? Das Leben im rauhen Wisconsin verlangt Nelson, Jonathan und dessen Familie Prüfungen ab, die Freundschaft und Loyalität auf eine harte Probe stellen.

    Ganz bewusst stelle ich hier meiner Rezension den Klappentext voran, damit deutlich wird, was mich an dem Buch reizte - und was ich erwartete. Ich erwartete einen Roman über eine Freundschaft zwischen zwei heranwachsenden Jungen, vielleicht auch über die beiden als Erwachsene - und wie sich diese Freundschaft im Laufe der Zeit verändert.

    Nun, der erste Abschnitt, der im Sommer 1962 spielt, erfüllte diese Erwartung vollkommen. Nach drei Seiten war ich dem Roman bereits verfallen, weil Nickolas Butler so eindringlich und bildhaft schreibt, dass ich richtiggehend begeistert war. Nelson steht im Mittelpunkt des Geschehens und ist mit seinen 13 Jahren ein einsamer Junge. Strebsam und pflichtbewusst, aber ohne Freunde und ohne die Anerkennung seines Vaters. Nun, im Sommer, befindet sich Nelson wie jedes Jahr im Pfadfinderlager und bläst morgens als erstes mit seiner Tompete die Reveille - das Signal für alle Pfadfinder, sich zum Flaggenhissen zu sammeln. Auch hier ist er einsam, und lediglich Wilbur, der alte Leiter des Pfadfinderlagers, hegt eine gewisse Sympathie für den Heranwachsenden. Und da gibt es noch Jonathan Quick, den zwei Jahre älteren Jungen aus Nelsons Nachbarschaft, der sich ihm gegenüber meist freundlich verhält. Allerdings irgendwie auf eine unverbindliche Art. Doch Nelson wagt zu hoffen, dass die Freundschaft echt ist. Die Ereignisse in dem Pfadfinderlager spitzen sich zu, die heitere, unbeschwerte Atmosphäre nimmt allmählich zunehmend bedrohliche Züge an, nach dem Sommer wird nichts mehr so sein wie zuvor - vor allem nicht für Nelson. Ihm stehen harte Prüfungen bevor, die ihn verändern werden. Und ihm wird klar sein, was er von der Freundschaft zu Jonathan zu erwarten hat.

    "Es ist ein herrlicher Tag, und Nelson wünscht sich, wie schon so oft, er hätte einen Freund, mit dem er sich die Zeit vertreiben könnte. Irgendein anderer Junge, der neben ihm am Feuer säße und mit dem er sich über Baseball, Bücher, Verdienstabzeichen oder die Schule unterhalten könnte. Aber er ist allein. Natürlich ist er das." (S. 127)

    Nach ca. einem Drittel des Buches beginnt jedoch plötzlich ein ganz anderer Abschnitt, der im Sommer 1996 spielt. Wieder ist das Pfadfinderlager das Ziel, doch den alten Wilbur gibt es dort nicht mehr. Jonathan ist mit seinem 16jährigen Sohn Trevor dorthin unterwegs, doch nicht ohne eine ordentliche Ladung an Flaschen mit Hochprozentigem. Trevor freut sich nur halbherzig auf das Lager, denn schließlich bleibt seine Freundin Rachel zu Hause - und er vermisst sie jetzt schon. Am Abend vor dem Pfadfinderlager treffen Jonathan und Trevor auf Nelson, der das Lager inzwischen leitet, seitdem er aus dem Vietnamkrieg wieder da ist. Der nette gesellige Abend eskaliert zunehmend - und Jonathan spielt hierbei keine rühmliche Rolle. Trevor wird in dieser Nacht viele seiner Illusionen und Ideale verlieren und als ein anderer erwachen.

    "Es ist ihm nach Weinen zumute. Er hat das Gefühl, sehr weit von zu Hause entfernt zu sein, sehr weit entfernt von dem jungen Mann, der er geglaubt hatte zu sein." (S. 303)

    Und im letzten Drittel schließlich gibt es erneut einen großen zeitlichen Sprung sowie einen weiteren Perspektivwechsel. Im Sommer 2019 plagt sich Rachel als alleinerziehende Mutter mit dem 16jährigen Thomas herum, der sich mit Händen und Füßen gegen die Fahrt ins Pfadfinderlager zu wehren versucht. Doch die Mutter besteht auf das Sommerlager - schließlich benötigt Thomas nur noch wenige Prüfungen, um das Adlerabzeichen zu erhalten, und überhaupt findet sie es allein aus Nostalgiegründen schon notwendig. Thomas' Vater Trevor hätte es sicher so gewollt. Und es ist Nelsons letzter Sommer als Pfadfinderleiter, bevor er sich zur Ruhe setzt. Um es kurz zu machen: auch diesmal wird etwas geschehen, das den heranwachsenden Thomas für immer verändern wird.

    "Der Junge nickt. Die schwere Pistole in seiner noch so weichen, kindlichen Hand riecht nach Waffenöl. Er kann den Blick nicht davon losreißen, von dem bläulichen Metall, dem aus Holz geschnitzten Griff." (S. 447)

    Der Leser begleitet durch den zeitlich gestaffelten Aufbau des Romans Nelson und Jonathan von der Jugend an bis zum hohen Alter, doch leider bringen es die Zeitsprünge und Perspektivwechsel mit sich, dass Nelson nach dem ersten Abschnitt nur noch eine Rolle am Rande spielt, ebenso wie Jonathan nach dem zweiten Teil. Einzelne Charaktere werden punktuell nahezu plastisch herausgearbeitet, nur um ein paar Seiten später als blasses Abbild weiter zu existieren und kaum mehr etwas von seinen Gedanken und Gefühlen preiszugeben. Andere Charaktere werden eher oberflächlich skizziert und sind so zu keinem Zeitpunkt wirklich greifbar. In jedem Abschnitt muss sich der Leser auf neue Charaktere einlassen sowie auf einen neuen Handlungsschwerpunkt, der jedoch selbst immer wieder durch Rückblenden auf andere Geschehnisse und Charaktere unterbrochen wird.

    Nickolas Butler verwebt hier eine Unzahl von Themen miteinander, die für sich genommen durchaus interessant sind, in der Vielzahl jedoch nicht den Raum erhalten, der ihnen zustünde:

    Vater-Sohn-Beziehungen
    die Veränderungen der Funktion und Bedeutung der Pfadfinder im Verlaufe der Jahre
    Pubertät und Erwachsenwerden
    posttraumatische Belastungsstörungen nach Kriegserlebnissen
    Waffen
    Mobbing
    Freundschaft
    Liebe zur Natur und bedrohte Umwelt
    Gewalt in der Ehe
    Vergewaltigung
    Prügelstrafe
    Respekt und Anerkennung
    Parallelen von Pfadfindern und Militär
    Rolle Mann und Frau
    Heldentum
    gesellschaftlicher Werteverfall
    u.v.m.

    Hier habe ich mich zeitweise überfordert gefühlt - drei Abschnitte, drei Jungen, eine Freundschaft, zwei Leben, tausend Themen - mich verlor der Roman irgendwann in dieser Vielfalt... Hätte der Roman mit dem ersten Abschnitt geendet - er hätte von mir fünf Sterne erhalten. Die Zeitsprünge habe ich als deutlichen Bruch erlebt, und ich bekam immer weniger Zugang zu den Handlungssträngen und den Charakteren. Vieles erwies sich zudem als 'typisch amerikanisch', wie z.B. der selbstverständliche Besitz und Umgang mit Waffen sowie der überzogene Patriotismus - diese Details finde ich gelinde gesagt einfach nur befremdlich. Der Schreibstil allerdings ist ein großer Pluspunkt des Romans, denn bis zum Schluss stieß ich immer wieder auf bemerkenswerte Formulierungen und eine bildhafte Schilderung.

    Nickolas Butler hat sich bemüht, einen sorgfältig komponierten Roman zu präsentieren. In meinen Augen hat er sich hier allerdings eher verzettelt, und das Thema, das durch den Buchtitel in den Vordergrund gerückt wird, ist hier nur eines von vielen. Für mein Empfinden wäre hier weniger mehr gewesen...

    © Parden

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 22. Mär 2018 

    Muss Mann lesen

    Nelson ist ein 13 jähriger Junge, der einfach zu schlau, zu sensibel, für seine Mitschüler ist. In seiner näheren Umgebung hat Nelson keine Freunde. Nur ein einziger Junge kommt, viel zu spät, zu seinem Geburtstag und bleibt auch nur aus Anstand. Im Pfadfinderlager bewohnt Nelson ein Zelt alleine. Keiner möchte mit ihm etwas zu tun haben. Er ist ein einsames Kind, das von den Anderen geärgert und gehänselt wird. Nur Jonathan, der ihn an seinem Geburtstag besucht hat, scheint zu ihm zu halten. Aber eines Tages nimmt sich Nelson ein Herz, und beweist sich und den anderen Jungen, dass er ein tougher Kerl ist.

    Auch zu Hause, wird Einiges anders. Der Vater wird, von der sonst so stillen Mutter, aus dem Haus gejagt und Nelson bekommt die Chance, auf eine Militärschule zu gehen.

    Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt (1962, 1996, 2019) . 60 Jahre lang, werden Nelson und Jonathan begleitet. Eine seltsame und tiefe Freundschaft.

    In diesem Buch anzukommen, braucht es höchstens 3 Seiten. Nickolas Butler schreibt so wunderbar, dass man sich innerhalb kürzester Zeit mit seinen Charakteren identifizieren kann. Seine Schreibweise, ist einfühlsam und direkt. Vielleicht liegt es auch daran, dass Nickolas Butler aus seinem eigenen Leben erzählt. So enthält das zweite Kapitel einige Episoden aus dem Leben des Autors. Butler war mit seinem Vater als Fünfzehjähriger unterwegs, als der Vater ihm seine neue Lebensgefährtin vorstellte.
    Butlers Männer zeigen sich mit angeblicher Stärke, sie zeigen Muskeln und wollen nicht weich sein. Doch hinter den Figuren stecken empfindliche und verletzliche Helden, die in den Kriegen dieser Zeit, viele Blessuren (körperlich, wie seelische) davontragen.

    Das Pfadfinderlagersteht als Metapher zur amerikanischen Gesellschaft. Welche Werte sind heute noch wichtig, die damals unerlässlich schienen. Gemeinschaft, Würde, Miteinander und Füreinander, waren 1960 noch vorrangig. Aus den „gestählten“ Pfadfindern, gingen wichtige Persönlichkeiten hervor. Heute, steht jeder für sich alleine, ist mit seinem Handy oder Computer in der Welt unterwegs und übersieht seinen Nachbarn.
    Die Pfadfinderlager verkommen zu Witzveranstaltungen, die nicht mehr ernst genommen werden, obwohl sie doch genau für die guten Werte stehen und geschulte, selbstbewusste Männer hervorbringen sollten. Kritisch beschreibt Butler die selbstsüchtige (amerikanische) Gesellschaft.

    Eine wunderbare Geschichte. Ich kann es nur empfehlen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Feb 2018 

    Jugend - Liebe - Tod

    Schon als Jungendlicher ist Nelson ein Außenseiter. Er ist hochintelligent und er will sich auch nicht vor anderen zum Affen machen. Die alljährlichen Fahrten mit seinem Vater ins Pfadfinderlager genießt er nur mittelmäßig. Nur Wilbur, der Leiter des Camps, wird zu seinem Vorbild und Freund. Dennoch prägen die Pfadfinder Nelsons Leben. Jahre später wird Nelson selbst zum Leiter der Pfadfinder, gezeichnet zwar vom Krieg, und dennoch ein Freund der Menschen. Bei den Pfadfindern trifft er seinen einzigen Freund Jonathan und dessen Sohn Trevor wieder. Um die Reise durch die Generationen zu erfüllen, erscheint schließlich Thomas, der Sohn des allzu früh verstorbenen Trevor zu seinem Aufenthalt.

    Die Erzählung um Nelsons tragische Jugend, mit dem gewalttätigen Vater und die liebevolle, aber schwache Mutter, nimmt einen sofort für den Jungen ein. Man bestaunt seine Intelligenz, seine Gleichmut, das Fehlen einer Anbiederung. Er scheint nicht in die moderne Welt der 1960er zu passen. Kein Wunder also, dass der zu diesem Zeitpunkt schon betagte Wilbur zu einem Leitbild und Vaterersatz wird. Und so erstaunt es nicht, dass Nelson durch Krieg und Verlust gezeichnet den Posten Wilburs übernimmt. Jetzt ist er an der Reihe, jungen Menschen ein Vorbild zu sein. Mit seiner Ruhe, Freundlichkeit und Toleranz versucht er, dem etwas steifen Trevor Verständnis für den Vater zu vermitteln. Weitere Jahre später soll es Nelsons letzter Sommer werden. In diesem Sommer kommt auch Trevors Sohn noch einmal mit. Seine Mutter Rachel begleitet ihn. Die einzige Frau im Pfadfinderlager bewirkt leider kein fröhlicheres Beisammensein, eher im Gegenteil nimmt sie eine Außenseiterposition ein.

    Nie ganz gut und selten richtig schlecht, so scheinen sie zu sein, die Männer. Manchmal grausam untereinander, aber doch mit einem Zusammengehörigkeitsgefühl. Ein trunkener Absturz schweißt eher zusammen als das er trennt. Und dennoch werden durch die Erkenntnis, dass Väter auch nur Menschen sind und keine Idole, manchmal Gräben aufgerissen, die kein späteres Verständnis völlig zu schließen vermag. Und so zweigen sie sich von ihrer guten gefühlvollen Seite, aber auch mit einer perfiden Schlechtigkeit, die nach Strafe ruft. Wie geht das zusammen? Wieso sind sie so? Das wird wohl nicht so wirklich geklärt werden können, man hofft, dass bei den meisten die positiven Momente überwiegen.

    Ein warmherziges Buch, das zwar auch nicht die unbequemen Wahrheiten ausspart, das eine wenn auch melancholische aber doch positive Stimmung auslöst.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Feb 2018 

    Einblicke in die männliche Seele

    Nelson Doughty ist ein Außenseiter und eine Enttäuschung für seinen Vater. Der 13-Jährige hat scheinbar weder Freunde noch ein Selbstbewusstsein. Doch Clete Doughty irrt, was seinen Sohn angeht: Nelson ist nicht allein. In dem beliebten Jonathan, den er aus dem Pfadfinderlager in Wisconsin kennt, findet er einen Freund, der ihn vor dem Mobbing der anderen in Schutz nimmt. Doch warum freundet sich Jonathan überhaupt mit dem Einzelgänger an? Und stand er immer so rückhaltlos zu ihm? Das Leben verlangt Nelson, Jonathan und dessen Familie so einige Prüfungen ab, die die Freundschaft der beiden auf eine harte Probe stellen.

    „Die Herzen der Männer“ von Nickolas Butler ist ein generationenübergreifender Roman.

    Meine Meinung:
    Erzählt wird die Geschichte im Präsens in 48 Kapiteln. Unterteilt ist der Roman außerdem in vier Teile: Der erste spielt im Sommer 1962 und zeigt die Perspektive Nelsons, der zweite betrifft den Sommer 1996 und legt den Fokus auf Jonathan und dessen Sohn Trevor, der dritte ist wiederum im Sommer 2019 angesiedelt und stellt Trevors Sohn in den Mittelpunkt. Der vierte Teil, der im Herbst 2019 spielt, ist relativ kurz. Normalerweise mag ich Romane mit mehreren Zeitebenen sehr gerne. In diesem Fall hatte ich etwas anders erwartet und ein Problem mit dem Aufbau des Buches, weil ich die Zeitsprünge als zu extrem empfunden habe. Auch die wechselnden Hauptpersonen haben mich gestört, weil es mir so schwerfiel, eine Nähe zu den Charakteren aufzubauen. Zwar gibt es verbindende Elemente, die nicht nur im ersten, sondern auch in den anderen Teilen immer wieder auftauchen wie Nelson und das Camp der Pfadfinder. Dennoch finde ich die Umsetzung insgesamt weniger gut gelungen.

    Sprachlich konnte mich der Roman dagegen vollends überzeugen. Der Schreibstil ist flüssig, detailreich, anschaulich und angenehm zu lesen, aber trotzdem nicht anspruchslos. Viele der Beschreibungen finde ich grandios.

    Die Hauptprotagonisten sind reizvoll gewählt. Sie werden authentisch dargestellt. Besonders Nelson konnte mein Mitgefühl wecken und war für mich besonders interessant.

    Ein weiteres Plus ist für mich die inhaltliche Vielschichtigkeit des Romans. Es geht um Freundschaft, Familie, Loyalität, Gewalt, Emanzipation und vieles mehr. Beleuchtet werden nicht nur die Herzen der Männer, sondern auch ihre Bedürfnisse, ihre Schwächen und ihre Geheimnisse – und das über mehrere Generationen hinweg. Dadurch ist es keine leichte Kost, konnte aber viele Gefühle vermitteln und mich zum Nachdenken animieren.

    Obwohl es eher ein ruhiges Buch ist, bietet die Handlung einige Wendungen und Überraschungen. Trotz der eher hohen Seitenzahl ist der Roman nur an einigen Stellen etwas langatmig geraten und konnte mich im Großen und Ganzen gut unterhalten.

    Das unaufgeregte Cover finde ich sehr geschmackvoll. Allerdings erweckt es fälschlicherweise den Eindruck, dass es hierbei nur um den 13-jährigen Nelson geht. Der stark am amerikanischen Original angelehnte Buchtitel ist äußerst treffend formuliert.

    Mein Fazit:
    Auch wenn der Roman anders ist als erwartet, ist „Die Herzen der Männer“ von Nickolas Butler eine lesenswerte Lektüre, die auch für Frauen interessant ist.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jan 2018 

    Das Leben verläuft oft anders als erwartet

    "Jede Generation ist eine Fortsetzung der andern und ist verantwortlich für ihre Taten." (Heinrich Heine)
    Sommer 1962: Der 13-jährige Nelson ist der Signaltrompeter der Pfadfindertruppe auf dem Camp Chippewa in das er seinen fünften Sommer geht. Doch Nelson hat keine Freunde, weder im Camp noch zu Hause oder in der Schule. Vielleicht liegt es an seinen 27 Verdienstabzeichen, die er inzwischen verliehen bekommen hat oder aber auch nur an seiner Brille? Lediglich Jonathan Quick, einer der älteren Pfadfinder, scheint ihm etwas wohlgesonnener zu sein. Doch was soll man tun, wenn man in den Augen des eigenen Vaters eine Enttäuschung ist? Dies lässt ihn sein Vater auch immer mehr spüren, bis die Kluft zwischen ihnen immer größer wird. Als eines Tages der Vater dann seine Familie verlässt, sieht Nelson nur einen Ausweg. Sein einziger Freund Wilbur Whiteside der Leiter des Pfadfindercamps, er ermöglicht ihm eine Zukunft und ist fortan der Halt in seinem Leben.
    Sommer 1996: Jonathan Quick inzwischen unglücklich verheiratet und sein Sohn Trevor sind auf dem Weg zum Camp. Eigentlich könnte er stolz sein auf Trevor, er ist wie er Pfadfinder geworden, himmelt den Leiter Nelson Doughty an und möchte ein Adler Pfadfinder werden. Doch dieses Mal wird alles anders kommen, vor dem Camp möchte Jonathan sich mit seinem früheren Freund Nelson, einer Bekannten und Trevor zu Abendessen treffen. Doch diese Begegnung wird alles verändern.
    Sommer 2019: Wichtige Ereignisse haben das Leben von Rachel und Trevors Sohn Thomas überschattet. Nun sind sie trotz Thomas Widerwillen aufgebrochen zum Camp. Doch auch in diesem Jahr werden einige Ereignisse den Sommer überschatten.

    Meine Meinung:
    Das Buch von Nickolas Butler gehört zweifelsohne zu den großen Gegenwartsromanen. In seinem Buch geht es um Männer, Pfadfinderschaft, Loyalität, Freundschaft, Disziplin, Väter aber auch um Liebe. Ich erlebte in dieser Geschichte eine ganz eigene Art Männer, wie ich sie bisher nicht kannte. Der Roman ist eingeteilt in 3 große und 1 kleiner Abschnitt, dabei begeben wir uns auf eine Zeitreise von mehreren Jahren und 3 Generationen. Butler hat es vortrefflich hinbekommen den Zeitgeist der einzelnen Abschnitte dem Leser nahezubringen. Diese Veränderungen merkt man vor allem im Pfadfindercamp am deutlichsten. Wo am Anfang noch Disziplin und Ordnung herrscht, wird es mit den Jahren immer lockerer gehandhabt. Wir erleben aber auch Männer mit ihren Schwächen, Problemen, gezeichnet durch Kriegserlebnisse und dabei sind diese nicht immer unbedingt sympathisch. Manches hat mich erschüttert, einiges entsetzt und vieles hat mich traurig gemacht. Die Geschichte strotzt vor Liebe, Wut, Emotionen und so hatte ich an einigen Stellen Tränen in den Augen. Der Schreibstil ist sehr gut, mitunter auch ein wenig ausholend, aber nie hatte ich das Gefühl von Langeweile. Das Cover mit dem Rücken gekehrten jungen Mann passt hervorragend zum Inhalt es Buches. Trotzdem der Klapptext vorwiegend nur von Nelson berichtet, ist dieses Buch viel mehr als nur das Leben von Nelson Doughty. Auch wenn das Buch sicher vorwiegend für Männer und Jungen geschrieben wurde, könne auch Leserinnen viel von dieser Geschichte lernen und mitnehmen. Mich hat dieses Buch begeistert, sehr bewegt und ich kann es nur weiterempfehlen, darum vom mir 5 von 5 Sterne.