Die Hauptstadt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Hauptstadt: Roman' von Robert Menasse
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5 von 5 (2 Bewertungen)

In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen. Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:459
EAN:9783518427583

Rezensionen zu "Die Hauptstadt: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Okt 2017 

    Europa endlich literarisches Thema

    Vor 60 Jahren wurden die Römischen Verträge geschlossen, die den Weg hinein in die Europäische Union eröffneten. Die Entscheidung, auf dem Boden zerstörter, verfeindeter Nachbarstaaten, die sich jahrelang mit purer Feindschaft bekämpfend gegenüberstanden, eine europäische Staatengemeinschaft mit viel Gemeinsamkeit und vor allem mit einer demokratisch fundierten gemeinsamen Wertegrundlage zu bauen, hat uns mehr als 70 Jahre Frieden, Freiheit und weitreichenden Wohlstand gebracht. Dass dies für uns heute ein nicht nur wichtiges, sondern auch oftmals sperriges und absurdes politisches Gebilde im gefühlt so fernen Brüssel (und Straßburg) hervorgebracht hat, macht Robert Menasse in seinem nun mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Romans „Die Hauptstadt“ zum Thema. Nach umfangreicher Recherchearbeit, versucht er in dem Roman, eine Reihe von Charakteren und Typen auftreten zu lassen, die in ihrer Vielfalt und Buntheit verschiedene Facetten des Lebens in dieser besonderen Stadt. Da ist zum Beispiel:
    - Die griechische Zypriotin Fenia Xenopoulos, die den Karrieresprung in die Generaldirektion Kultur eher als Abschiebung an den Rand des Geschehens auffasst und alles tut, um wieder in wichtigeren und angeseheneren Politikfeldern eingesetzt zu werden;
    - Der österreichische Mitarbeiter Fenias – Martin Susmann - , dem bei einer Dienstreise nach Auschwitz der Gedanke kommt, dass das Erbe von Auschwitz und dessen Überlebende als gründungsstiftende Idee im Zentrum einer Jubiläumsfeier der EU-Kommission stehen sollten,
    - Der Brüsseler Kommissar Brunfaut, dessen Aufklärung eines Mordes in Brüssel auf Basis politischer Unwägbarkeiten irgendwie verlorengeht.
    - Und viele andere mehr, die im Sinne eines Episodenromans lose verbunden nebeneinander und miteinander agieren.
    Da sind verschiedene Handlungsstränge, die die Akteure antreiben und den Leser interessiert halten:
    - Ein Schwein (oder mehrere Schweine?) tauchen an den verschiedensten Stellen Brüssels auf und bringen das urbane Leben durcheinander,
    - Eine Person wird ermordet
    - Das Projekt „Jubiläumsfeier der EU-Kommission“ wird entwickelt und im Gang durch die Institutionen langsam zu Grabe getragen
    - Ein Lobbyist für die Sache der Schweinezucht drängt auf eine EU-Aktivität in Sachen Handelsabkommen der EU mit China und warnt vor den Folgen nationaler Alleingänge.
    - Und vieles mehr.
    Bei einer Lesung seines Romans konnte ich kurz nach dessen eigener Lektüre Robert Menasse selbst über das Buch und sein Entstehen reden hören und wurde ein zweites Mal in den Bann des Buches gezogen. Mit großer Leidenschaft berichtete Menasse dabei über seinen Entschluss, Europa zum Thema eines Romans zu machen, über den Umweg, den er über Essays dabei gehen musste (unter anderem veröffentlicht in: Robert Menasse: Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas, Zsolnay Verlag), über seine eigene intensive Recherchezeit in Brüssel, in der er sich im nun eher als „Terroristenviertel“ bekannt gewordenen Molenbeek eingemietet hatte. Und vor allem zeigte er seine große Begeisterung und Leidenschaft für das Projekt Europäische Union und die Möglichkeit, nationale Grenzen im Leben und in den Köpfen zu überschreiten.
    FAZIT:
    Ein wichtiger Roman zum richtigen Thema in richtiger Zeit, der auch noch literarische und sprachlich überzeugen kann. Er ermöglicht, auf durchaus sperrige Art und Weise dem Reiz des europäischen Projekts mit Schmunzeln und Erkenntnisgewinn nachzuspüren, in dem er den Aberwitz des politischen Alltags in der Vielfalt europäischer Kulturen und Interessen episodenhaft darstellt, dabei aber auch den Wert und die vielen Möglichkeiten eines gemeinsamen Handelns in Europa hervortreten lässt.
    Mein Dank und mein Respekt an die Juroren des Deutschen Buchpreises 2017: Gute Wahl!
    Meine 5 Sterne fallen da nur noch wenig ins Gewicht.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2017 

    Geburtstag

    Zum Jahrestag der Gründung der EU-Kommission soll Fenia Xenopoulou einen Festakt organisieren, mit dem sowohl eine Feier begangen werden soll als auch das Image der Kommission aufgebessert werden soll. Fenia, die im Grunde schnellstmöglich wieder von der Kultur weg will, beauftragt Martin Susman mit der Erstellung eines Konzepts. Zur gleichen Zeit zieht einer der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz, David de Vriend, in ein Seniorenheim; Kommissar Brunfaut versucht einen Mord aufzuklären, der verschwunden ist; Professor Erhart bereitet sich auf eine Rede vor und ein unbekanntes Hausschwein geistert durch Brüssel.

    Etliche Geschichten verschiedener Personen, die als Ganzes doch einen Zusammenhang haben. Die Läufe der Brüsseler Bürokratie, die in dem Willen, die Eigenheiten jedes Mitgliedstaates zu berücksichtigen, kaum eine andere Chance hat als sich zu verzetteln. Einer der scheidenden Engländer bringt es auf den Punkt, was die Eliten im britischen Parlament ohne auf das Wohl des Volkes zu achten innerhalb von zwanzig Minuten entscheiden, dauert in der EU Wochen und Monate. Mit Anfragen, Communiqués, Sitzungen endet es in Kompromissen, die die Gepflogenheiten aller EU-Länder berücksichtigen (sollen), in denen sich der Einzelne aber nicht mehr wiederfindet. Was kann die eigentlich hervorragende Europäische Idee des „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Rassismus!“ noch retten?

    Tja, die normale Öffentlichkeit verlustiert sich mit der Namensgebung eines Schweins, das im Verlauf der Zeit immer mehr zum Phantom wird. Inzwischen werden Morde ignoriert, ein Festakt in der Bürokratie zermalmt, eigentlich bahnbrechende Ideen im Keim erstickt, gehen Erinnerungen mit den letzten Überlebenden verloren und nichts scheint wichtiger als der Absatz von Schweineschlachtabfällen in China.

    Mit seiner beinahe allumfassenden Geschichte über die europäische Bürokratie und ihre Auswüchse fordert Robert Menasse zum aufmerksamen Lesen. Teils kennt man die Strukturen, teils ist man überrascht und manchmal auch erschrocken, hin und wieder belustigt. Doch immer wirkt die Darstellung so, als ob es tatsächlich so sein könnte. Der Alltag in den EU-Behörden könnte so stattfinden. Da kann schon mal ein Pass gewechselt werden wegen der Karrierechancen. Da könnte man nachdenken, welche Bedeutung die eigene Herkunft noch haben könnte. Weiterentwicklung oder Stillstand. Hat die EU noch eine Vision? Eine Frage, die der Autor nicht beantwortet. Je nach Einstellung des Lesers könnte der Roman ein Abgesang sein, durch den die Unmöglichkeit des „Unter einen Hut bringens aller Beteiligten“ nur noch deutlicher wird, oder eine vage Hoffnung auf einen echten Fortschritt in Richtung eines wirklichen Staates EU, in dem die Herkunft nur noch der Name eines Ortes, einer Stadt ist, mit dem aber keine Eigeninteressen einzelner Staaten mehr verbunden sind. Interpretationen der Absicht des Autors bleiben natürlich den Lesern überlassen, doch dass dieses Buch den Anlass gibt solche Interpretationen anzustellen oder gar eine eigene Meinung zu finden, ist geradezu großartig. Vielleicht sollte tatsächlich der Schritt zu einer wahren Union gewagt werden.