Die Harpyie: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Harpyie: Roman' von Megan Hunter
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Harpyie: Roman"

Als Lucy erfährt, dass ihr Ehemann Jake sie betrügt, soll eine verhängnisvolle Abmachung die Ehe retten: Drei Mal darf Lucy Jake bestrafen. Wann und auf welche Weise, entscheidet sie. Ein gefährliches Spiel zwischen Rache und Vergebung entbrennt – und schließlich erwacht eine Seite in Lucy, die schon immer tief in ihr geschlummert hat. Bildreich und sprachmächtig erzählt Megan Hunter ein atemberaubendes, dunkles Märchen über eine Verwandlung, aus der es kein Zurück mehr gibt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:229
Verlag: Beck C. H.
EAN:9783406766633

Rezensionen zu "Die Harpyie: Roman"

  1. Beklemmend-faszinierendes Leseerlebnis

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Mär 2021 

    „Es geschah an einem Freitag, die Jungs waren in den letzten Zügen ihrer Wochenroutine, ich bemühte mich ihretwegen um Gefasstheit, ein Schiff im Trockendock, etwas, dessen Ende kaum abzusehen war. Ich holte sie von der Schule ab, verteilte Snacks, sammelte Schnipsel des Tages, die Verpackungen ihrer Süßigkeiten.“(S. 16)

    Ich-Erzählerin Lucy und ihr Ehemann Jake leben mit ihren zwei Kindern am Rand einer wohlhabenden englischen Kleinstadt. Sie haben zwei Söhne im Grundschulalter. Jake hat lange Arbeitstage, kommt häufig erst nach Hause, wenn die Kinder schon schlafen. Lucy hat eine Teilzeitarbeit, die sie von zu Hause aus erledigen kann. Sie scheint nicht zufrieden zu sein mit diesem Leben als Hausfrau und Mutter, fühlt sich reduziert. So parkt sie die Kinder vor dem Fernseher, serviert ihnen lieblose Mahlzeiten und fühlt sich ihrer Rolle nicht gewachsen. Sie hat ein geringes Selbstwertgefühl, bemüht sich aber stets, für die Außenwelt sichtbar gut zu funktionieren. Lucy erlegt sich manchen Perfektionismus auf und lechzt nach Anerkennung durch Nachbarn und Bekannte.

    Das oberflächlich intakte Familienleben wird plötzlich durch einen Anrufer zerstört, der Lucy mitteilt, dass Jake eine Affäre mit einer deutlich älteren Kollegin, der Ehefrau des Anrufers, hat. Diese Nachricht wirkt wie ein „Atomzertrümmerer“ und erschüttert Lucys ohnehin fragile Psyche: „Etwas in mir brach aus seiner Verankerung, dergleichen hatte ich schon oft befürchtet. Als habe sich ein Organ losgerissen, um entwurzelt durch meinen Körper zu treiben.“ (S. 31)

    Lucy ist völlig überfordert mit der Situation. Sie stellt ihren Mann zur Rede, der die Affäre als unbedeutend herunterspielt und sogar in Tränen ausbricht. Die Eheleute gehen auf Distanz, gestalten aber den Alltag, so gut es geht, gemeinsam. Lucy gibt uns Einblicke in die Vergangenheit. Nach und nach reflektiert sie ihre bewegte Familiengeschichte, das gemeinsame Kennenlernen, ihre junge Ehe, den aufkommenden Kinderwunsch. Die Rückblicke ergänzen sich mit den aktuellen Geschehnissen. Als Leser bekommt man dadurch einen tiefen Einblick in Lucys Gedanken, die extrem hin und her gerissen werden. Lucy stellt sich die Affäre sehr bildlich vor, empfindet Schwäche und Ekel. Im nächsten Moment ist da nur noch unbändige Wut ihrem Mann gegenüber. Man kann sich ihre Empfindungen angesichts des Treuebruchs sehr gut vorstellen.

    Lucy und Jake schließen ein Abkommen: Auch Lucy darf Jake verletzen. Drei Mal. Danach soll die Schuld abgegolten sein. Lucy plant ihre Rache perfide und genau. Sie erwischt Jake völlig unvermittelt, die Folge ihres Tuns zieht weite Kreise. Die Handlung nimmt immer mehr Fahrt auf. Gebannt verfolgt man die Geschehnisse, die zunehmend ihre eigene unvorhersehbare Dynamik entfalten.

    In kurzen, intensiven Einschüben erfahren wir zudem immer mehr über Lucys schwierige Kindheit, über ihre Ängste und ihre gewalttätigen Eltern. Außerdem hat Lucy seit jeher eine unbändige Faszination für die Harpyien, Mischwesen (Vogel/Frau) aus der griechischen Mythologie, die als Zorn- und Rachegöttinnen gelten. „Ich fragte meine Mutter, was eine Harpyie sei; sie sagte, dass sie Männer für das strafen, was sie tun.“ (S. 37) Der Zusammenhang zwischen diesem Wesen der Harpyien und dem Abkommen der Eheleute, dass Lucy ihren Mann drei Mal bestrafen darf, wird für den Leser offensichtlich…

    Literarisch hat der Roman ein hohes Niveau. Die Autorin verzahnt unterschiedliche Ebenen perfekt miteinander, man wird tief in die Gedankenströme Lucys hineingezogen. Man spürt früh, dass Lucy seelisch verletzt ist, dass ein familiäres Trauma im Hintergrund lauert. Zudem ist ihre Fokussierung auf die Harpyie, die immer mehr Gestalt annimmt und sich zur Verwandlungsfantasie steigert, nicht normal. Lucy entwickelt Charakterzüge einer Psychopathin, versucht dabei aber krampfhaft, ihre Demütigung nicht nach außen dringen zu lassen. Sie hat keine Freunde, die ihr in der verfahrenen Situation helfen könnten. Als Leser wird man in ihren dunklen Gedankenstrom hineingezogen und von der Handlung mitgerissen.

    Wir erfahren ausschließlich Lucys Perspektive, andere Figuren bleiben verhältnismäßig blass, spielen im Grunde nur Nebenrollen. Der Roman lebt vom Innenleben seiner Protagonistin. Schlicht begeistert bin ich vom Sprachstil! Megan Hunter schreibt metaphernreich und bildhaft. Die geheimnisvolle Psyche Lucys wird schrittweise aufgedeckt. Innen- und Außenleben der Figur verschwimmen vor den Augen des Lesers immer stärker, bis es zu einem fesselnden, unvorhergesehenen Finale kommt.

    Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seiten unglaublich fasziniert. Es ist dermaßen perfekt komponiert, dass ich es Lesern, die Spannung und psychologischen Thrill mögen, unbedingt ans Herz legen möchte.

  1. Die Harpyie

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mär 2021 

    Lucie und Jacob leben in einem englischen Universitätsstädtchen. Ihr Mann arbeitet in der Forschung auf einem Campus, sie arbeitet von zuhause und kümmert sich hauptsächlich um die Kinder, Haushalt + Putzen. Ihr Mann kommt sehr spät von der Arbeit, so dass in der Woche die Kinder kaum sieht. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als sie einen Anruf erhält. Der Anrufer ist der betrogene Ehemann, der sie aufklärt, dass ihr Mann und seine Frau eine Affäre haben.

    Lucie reagiert mit Wut und Zorn. Es fand eine kurze Konfrontation mit diesem Thema statt, bei dem ihr Mann behauptet, es sei nur Sex gewesen und er mache Schluß. Das "normale" Leben wird weiter geführt. Jacob kommt spät von der Arbeit und sie kümmert sich um den Rest. Doch unter der "braven" Fassade von Lucie bröckelt es. Sie möchte ihm weh tun, ihm Schmerzen zufügen. Die Vereinbarung lautet 3x darf sie Jacob bestrafen. Die Strafen fallen immer schwerwiegender aus. Und am Ende transformiert sich die Protagonistin zur Hrpyie.

    Was für mich eher negativ war, dass die Protagonistin eher schwach ist. Eine Frau, die sich eher in der Opferhaltung verharrt. Der einzige Ausbruch war, diese "Bestrafungen". Aber nicht um ihn zu Massregeln oder ihn wieder zurück zu bringen, sondern eher ihre Aggressionen zu kanalisieren. Auch hat sie am Ende eher Gewissensbisse und angst wegen ihrer Taten ins Gefängnis zu kommen.

    - Plot eher unwahrscheinlich

    Positiv fand ich die Erzählweise, die genaue Beobachtung des englischen Kleinstadtseinerlei, die Vergleichsgespräche unter Erwachsenen über ihre Kinder und das bürgerliche, enge Leben und das Gerede hinter dem Rücken der anderen.

    Da die positiven Punkte überwiegen, kann ich definitiv eine klare Empfehlung für dieses Buch geben!