Die Großmächtigen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Großmächtigen: Roman' von Hédi Kaddour
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Großmächtigen: Roman"

Gebundenes Buch
"Die Großmächtigen birgt in sich den Zündstoff einer ganzen Epoche. Ein großer Weltroman." Le Monde des Livres

1922 ist die Welt in der maghrebinischen Stadt Nahbès zu aller Zufriedenheit aufgeteilt. Bis ein amerikanisches Filmteam wie ein Meteor in dem Wüstenort einschlägt. Für einen Moment begegnen sich die Amerikanerin Kathryn und Raouf, der Sohn des Caïd, die junge Witwe Ranja, der altersmilde Kolonialist Ganthier und die kesse Pariser Journalistin Gabrielle in einer ebenso unbeschwerten wie abenteuerlichen Utopie - ehe das Rad der Geschichte einen jeden wieder an seinen Platz verweist.
In seinem vielfach ausgezeichneten Roman erzählt Kaddour mit Witz und Weisheit, Poesie und Tempo von einer vergangenen, verblüffend vertrauten Epoche voller Aufbrüche und dramatischer Kollisionen.

"Kaddour versteht es, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln: mit psychologischem Feingefühl genauso wie mit stilistischen Finessen und verdecktem ironischen Augenzwinkern."
Christoph Vormweg, Deutschlandfunk

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:477
Verlag: Aufbau Verlag
EAN:9783351036812

Rezensionen zu "Die Großmächtigen: Roman"

  1. Aufeinanderprallen der Kulturen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Sep 2017 

    Die Großmächtigen - damit sind in Hédi Kaddours gleichnamigen Roman die französischen Besatzer gemeint, die nach dem ersten Weltkrieg, Nordafrika unter ihr Protektorat gestellt haben. "Afrique du Nord" - zu diesem Teil Afrikas (auch Maghreb genannt) gehörten damals Algerien und Tunesien sowie Teile von Marokko und Libyen. Der Roman führt uns in die Stadt Nahbès, die in zwei Hälften geteilt ist: diejenige, der französischen Kolonialherren und diejenige, der "Eingeborenen". Eines Tages schlägt hier mit viel TamTam ein amerikanisches Filmteam auf, um einen Hollywoodstreifen zu drehen. Und schon ist die Welt von Nahbès in Unordnung geraten. Die Amerikaner benehmen sich, als ob ihnen die Welt gehört. Die Franzosen scheinen eine angeborene Aversion gegen Amerikaner zu haben. Und die meisten Maghrebiner lehnen generell alles ab, was nicht der wahren Religion angehört.
    Im Verlauf der ersten hundert Seiten kristallisieren sich einige Charaktere als Hauptprotagonisten heraus:
    Raouf - Sohn eines maghrebinischen Oberen, der eine französische Schulausbildung genossen hat und daher sowohl in der orientalen als auch der westlichen Kultur zuhause ist.
    Seine Kusine Rania, verwitwet, die es geschafft hat, sich eine Nische in der von Männern dominierten Kultur zu schaffen, in der sie ein geringes Maß an Selbstbestimmung erlangen konnte.
    Kathryn, amerikanische Schauspielerin, verheiratet, die sich an den deutlich jüngeren Raouf heranschmeißt.
    Die Pariser Journalistin Gabrielle sowie der Kolonialist Ganthier, der sich ein Leben in Nahbès aufgebaut hat.

    Nach 6 Monaten bricht die Filmcrew zunächst einmal ihre Zelte ab, um nach ein paar Monaten wiederzukommen und die Dreharbeiten fortzusetzen.

    "Raouf hatte verstanden, David Chemla, sein Jugendfreund, hatte recht, sobald man diesen Amerikanern nicht nach der Pfeife tanzte, ließen sie einen stehen, das war Kapitalismus in seiner ganzen Überheblichkeit." (S. 31)

    In der Zwischenzeit verlagert sich die Handlung nach Europa und konzentriert sich dabei auf Raouf und Kathryn sowie Ganthier und Gabrielle. Die vier reisen durch das kriegsgebeutelte Europa. Der erste Weltkrieg ist gerade beendet, der nächste Weltkrieg steht bereits vor der Tür. Die Sieger des Krieges feiern sich, die Verlierer leiden und werden "bestraft". Im Großen sind es Reparationszahlungen, die zu leisten sind, im Kleinen sind es Verachtung und Schikanen der Sieger gegenüber den Menschen der Verlierernationen. Dem Leser zeigt sich das Bild eines zerrissenen Europas, ein guter Nährboden für Hitlers Gedankengut, der bereits als zukünftiger Machthaber in den Startlöchern steht.
    Am Ende werden die vier Protagonisten wieder nach Nordafrika zurückgehen. Doch auch hier befindet sich die politische Situation im Wandel. Denn die Großmächtigen bleiben nicht ewig großmächtig.

    "Manchmal lachen Menschen beim Arbeiten, ein Zeichen dafür, dass das Elend nicht gewonnen hat, ... wenn sie lachen, spüren sie dass die Welt besser sein könnte, und dann bekommen sie vielleicht Lust, sie zu verändern." (s. 219 f.)

    Hédi Kaddour schildert hier eine Epoche, die die eigentliche Hauptrolle in diesem Roman spielt: die Franzosen als Besatzungsmacht in Nordafrika, unter dem Einfluss der 2 Weltkriege. Er spart dabei nicht mit Humor. Nicht nur Franzosen und Amerikaner bekommen hier ihr Fett weg. Auch die einheimische Bevölkerung Nordafrikas wird mit sämtlichen Klischees, was die arabische Kultur angeht, versorgt. Viel Potenzial zur Komik bietet dabei das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen.
    Der Sprachstil des Autors ist dabei gewöhnungsbedürftig. Hédi Kaddour scheint ein Freund von laaangen Sätzen zu sein. Hier werden Nebensätze in rekordverdächtiger Länge aneinandergereiht. 2-Zeiler sind da eher die Ausnahme.
    Und trotzdem hat mir sein Sprachstil gefallen. Denn der Autor schreibt sehr bildhaft. Insbesondere diejenigen Passagen, die die islamischen Zeitgenossen behandeln, erinnern ein bisschen an 1001 Nacht.

    Fazit:
    Ein Lesevergnügen, das mich in eine Epoche zurückversetzt, der ich bisher nur wenig Beachtung geschenkt habe. Ich mag Bücher, die einen geschichtlichen Hintergrund haben und dabei noch viel Humor an den Tag legen. Bei "Die Großmächtigen" bin ich voll auf meine Kosten gekommen.

    © Renie

  1. Sollte man sich nicht entgehen lassen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jul 2017 

    Der Maghreb in den Zwanziger des letzten Jahrhunderts, eine Welt in der es brodelt. Zwischen den französischen Kolonialisten und den politisch geprägten Nationalisten, zwischen den traditionellen Muslimen und den Fortschrittsgläubigen. Diese labile Konstellation gerät aus den Fugen, als ein amerikanisches Filmteam in Nahbès einzieht. Die geschlossenen Kreise werden durcheinander gewirbelt und die „Großmächtigen“ so der Spottname für die einfluss-und geldreichen Franzosen fürchten um ihre Vormachtstellung.

    Hier treffen die fünf Hauptcharaktere aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können:

    Rania, eine junge Araberin, von Büchern fasziniert und aufgeschlossen, schon mit 19 Jahren Witwe geworden, versucht sie ein eigenständiges Leben zu führen und sich der Bevormundung von Vater und Bruder zu entziehen.

    Raouf, ein achtzehnjähriger Abiturient, ist angezogen von der französischen Literatur und Sprache, er ist charmant, gebildet und gehört als Sohn des Caîd zu oberen Schicht der Araber.

    Ganthier ist Franzose, gehört also zu den Großmächtigen, ist ein gebildeter, aber auch zynischer und reaktionärer Mann.

    Kathrin Bishop gehört als Schauspielerin zur Filmcrew, charmant und reizend wirbelt sie gehörig Staub auf. Dazu kommt noch die Journalistin Gabrielle Conti.

    Zwischen diesen fünf Hauptfiguren entwickeln sich dramatische, leidenschaftliche und folgenreiche Beziehungen. Hier prallen Welten und Weltanschauungen aufeinander. Der Roman ist ein farbenreiches Epos aus einer für mich bislang fremden Welt. Doch finde ich in all diesen Konflikten und politischen Machtspielen schon den Kern des Konflikts, der bis heute die Region bestimmt. Aber nicht nur der geschichtliche oder politische Hintergrund hat mich gefesselt. Es ist vor allem die Entwicklung der Figuren. Großartig vor allem Rania und Raouf, zwei junge Menschen, die durch die Begegnung mit der Literatur und den Fremden auch die Enge ihrer Welt begreifen.

    Es gibt viele wunderbare Geschichten in der Geschichte, kleine zwischenmenschliche Episoden von Neid, Liebe, Eifersucht und Enttäuschung, die mich an Episoden aus Tausendundeiner Nacht erinnerten. Die Handlung führt in einem weiten Bogen aus Nordafrika bis nach Europa und ins Ruhrgebiet und wieder zurück nach Nahbès. Sogar Hollywood darf mit einigen Skandalen auftreten. Die Atmosphäre ist stimmig und nahm mich sofort gefangen.

    Die Geschichte ist lebensprall und farbenprächtig, unterhaltsam und traurig zugleich. Ich bin begeistert!