Die Grammatik der Rennpferde: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Grammatik der Rennpferde: Roman' von Angelika Jodl
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Broschiertes Buch
Warmherzig und voller lebenskluger Beobachtungen Eine Lehrerin, die Ausländern Deutsch beibringt. Ein russischer Ex-Jockey, der Pferdeställe ausmistet. Zwei, die nichts miteinander gemein haben, aber plötzlich miteinander zu tun bekommen, entdecken, dass es manchmal keine Regeln gibt ... Für die Studenten von Salli Sturm ist die Grammatikstunde täglich großes Kino. Und für Salli wird daraus eine Liebesgeschichte, mit der sie nicht mehr gerechnet hätte. Weil sie die Altersgrenze für Romanzen überschritten hat und weil sich ihr Schüler Sergey so hartnäckig gegen Konjunktive und Artikel stemmt. Bis Salli schließlich in einer kalten Februarnacht alle erlernten Regeln fallen lässt. Und sich selbst gleich dazu.

Format:Broschiert
Seiten:320
EAN:9783423261050

Rezensionen zu "Die Grammatik der Rennpferde: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Jun 2017 

    Nicht Hopp sagen vor dem Loch

    Auf die Frage, ob es sich bei diesem Roman um ein Pferdebuch handelt (Titel und Cover legen den Verdacht nahe) lässt sich mit einem Jein antworten. Pferde kommen darin vor, spielen jedoch nur Nebenrollen. Die Hauptrollen werden von zwei überaus interessanten Protagonisten übernommen: eine Deutschlehrerin (alter ego: Sprachwissenschaftlerin) und ein russischer Stallknecht (alter ego: Pferdeflüsterer)
    Das Zusammenspiel dieser beiden Charaktere macht den Roman zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre.

    Worum geht es?
    Salli, Lehrerin in der Erwachsenenbildung, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, träumt davon, ihre fehlenden akademischen Doktorweihen mit einem Experiment aus der Sprachwissenschaft wett zu machen. Zufällig trifft sie auf Sergey, einem russischen Stallknecht und ehemaligen Jockey, der seine Deutschkenntnisse aufpolieren möchte und ein geeignetes Studienobjekt für ihr Experiment abgibt. Sergey, der als Kind von Russland nach Deutschland ausgewandert ist, hat Zeit seines Lebens mit Pferden zu tun gehabt und seinen Lebensunterhalt im Pferdesport verdient, anfangs als Trabrennfahrer, in den letzten Jahre als Stallknecht. Er träumt von einem eigenen Pferd, das er zum Rennpferd ausbilden oder für die Zucht einsetzen kann. Als armer Stallknecht, mit massiven Verständigungsproblemen, hat er jedoch keine Chance, einen Kredit für den Pferdekauf aufzunehmen oder einen Pachtvertrag abzuschließen. Unter der Vorgabe Deutschunterricht nehmen zu wollen, setzt er sich also mit Salli in Verbindung. Aber eigentlich ist ihm eher daran gelegen, dass sie ihn in finanziellen Dingen unterstützt, sogar einen Kredit abschließt und den Pachtvertrag für einen kleinen Bauernhof unterschreibt. Der anschließende Pferdekauf auf ihren Namen versteht sich von selbst. Lässt Salli sich auf dieses Arrangement ein? Lässt sie. Finanzieller Aufwand und finanzielles Risiko sind durchaus vertretbar hinsichtlich ihres Experimentes bei dem Sergey unwissentlich als Versuchskaninchen herhalten soll. Salli zieht sogar für ein paar Monate zu ihm auf den Bauernhof - immer unter dem Vorwand, Deutschunterricht zu geben bzw. Hof und Pferd zu hüten, wenn Sergey mit Geldverdienen beschäftigt ist. Die beiden kommen sich näher und das Unvorstellbare tritt ein. Sie werden ein Paar, allerdings nur in der eigenen kleinen Welt des Bauernhofes. Insbesondere Salli hat Probleme damit, sich mit Sergey in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ein Pferdeknecht ist einfach nicht standesgemäß für eine intellektuelle Lehrerin.

    "In jedem Fall werden sich alle fragen, was Salli Sturm mit diesem Menschen zu tun hat. Mit einem Mann, der schwarz verfärbte Arbeitspfoten hat und die deutsche Grammatik misshandelt." (S. 308)

    Ein wichtiger Aspekt in diesem Buch ist die deutsche Sprache. Als Buchblogger und Vielleser hat man eine besondere Beziehung zu unserer Sprache. Doch ist diese Beziehung eher romantischer Natur. Man lässt sich von ihr begeistern, gerät ins Schwärmen, wenn man auf ausdrucksstarke und fantasievolle Sprache trifft. Aber nie käme der Buchblogger auf die Idee, die Sprache vom wissenschaftlichen Standpunkt aus zu betrachten. Doch genau das macht die Autorin Angelika Jodl stellenweise in diesem Roman. Wenn sie keine Bücher schreibt, ist sie Deutschlehrerin wie Salli. Daher betrachtet die Autorin Sprache auch durch eine andere Brille als der Buchblogger, nämlich durch die des Sprachlehrenden. Das ist für den Leser eine interessante Erfahrung. Denn viele Dinge, die einem in der deutschen Sprache als selbstverständlich erscheinen, sind es auf einmal nicht mehr bzw. beweisen, wie schwierig es doch ist, Deutsch als Fremdsprache zu lernen.

    "Die kurzen Pronomen vor den elefantösen Nomen. Der kürzere Akkusativ vor dem längeren Dativ. Syntax mit eingebautem Rhytmusprogramm! Sie kann ihre Pronomenäffchen hören, wie sie vor Begeisterung lauft aufschnattern." (S. 150)

    In diesem Roman prallen zwei Extreme aufeinander: die Welt der Akademiker und Lehrer sowie der Rest der Welt. Ich habe mich köstlich über die klischeehafte Darstellung des Lehrerkollegiums um Salli amüsiert.

    (Was jetzt folgt, gibt den Eindruck wieder, den mir dieser Roman vermittelt hat und entspricht nicht meiner persönlichen Meinung zum Beruf des Lehrers!):

    Hier tummeln sich Eitelkeiten, Überheblichkeit sowie Neid und Missgunst. Lehrer sind faul, festgefahren in ihren Ansichten und Unterrichtsmethoden und fühlen sich dem Rest der Welt überlegen. Der Schüler (in diesem Buch sind es durch die Bank weg Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen) ist minderwertig. Einzig Salli beweist, dass es auch anders geht. Sie fühlt sich zwar zur Herde der Lehrer dazugehörig. Jedoch besitzt sie nicht diese Überheblichkeit ihrer Kollegen im Umgang mit Schülern bzw. Nicht-Akademikern. Das macht sie natürlich sehr sympathisch.

    Die beiden Hauptprotagonisten Salli und Sergey durchlaufen in diesem Roman eine interessante Entwicklung. Salli, alleinstehend, in den 50ern, richtet ihr Leben komplett nach dem Lehrbetrieb aus. Wenn sie nicht unterrichtet, trifft sie sich mit Kollegen, um dann doch wieder über die Schule zu reden. Wenn sie sich nicht in ihrem gewohnten Metier aufhält, wirkt sie unsicher und ängstlich. Man sollte meinen, dass sie außerhalb ihres Unterrichts nicht überlebensfähig ist. Sergey ist da anders. Er hat von klein auf gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Auch wenn das Schicksal es nicht immer gut mit ihm gemeint hat, so hat er doch gelernt sein Leben mit fast schon stoischer Gelassenheit zu leben. Er scheint einfach gestrickt zu sein - das denkt zumindest Salli von ihm, doch im Verlauf der Geschichte wird man eines Besseren belehrt. Da er immer ein Einzelgänger war, hat er Schwierigkeiten, sich anderen gegenüber zu öffnen. Insofern ist das Zusammenleben von Salli und Sergey eine interessante Konstellation. Sie versucht, ein partnerschaftliches Miteinander aufzubauen, er verweigert sich, ganz einfach weil er nicht die Notwendigkeit sieht, sich mit einem anderen Menschen auszutauschen. Beide lernen voneinander. Er beginnt langsam sich zu öffnen, und sie lernt langsam in einem Leben außerhalb der Schule zurechtzukommen.

    Sergey ist übrigens ein wahrer Quell russischer Lebensweisheiten, die sehr komisch, aber immer treffend sind.
    Hier ist mein Favorit:

    "'Kamma Ziege Krawatte umbinden. Aber dann bleibt auch Ziege.'" (S. 106)

    Die Erzählperspektive in diesem Roman wechselt zwischen Salli und Sergey. Der Leser erfährt durch Sergey, wie er zu dem geworden ist, der er heute ist. Dabei hält die Autorin konsequent an Sergeys Sprachstil fest, einem Kauderwelsch aus russisch eingefärbtem Deutsch und Bayrisch, den sie zwischendurch immer wieder einfließen lässt. Der Nichtbayrische Leser wird dadurch manches Mal an seine sprachlichen Grenzen getrieben ;-) Aber mit der Zeit versteht auch der Nicht-Bayer Bayrisch.

    Fazit:
    Ein unterhaltsames und humorvolles Buch, das interessante Themengebiete offenbart und somit sehr facettenreich ist. Pferdeliebhaber kommen hier weniger auf ihre Kosten ;-) Es hat Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen!

    © Renie

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Apr 2017 

    Das Leben ist ein Zebra...

    Grammatik und Rennpferde? Himmel, es gibt schon seltsame Titel. Und manchmal machen sie so neugierig, dass man doch einen zweiten Blick riskiert. Wie um alles in der Welt sollen diese zwei Dinge zusammen passen? Nun, Angelika Jodl lässt einfach beides auf unterhaltsame Art aufeinander treffen.

    Grammatik ist das Steckenpferd von Salli Sturm - und mehr als das. Damit verdient sie ihren Lebensunterhalt. An einem Sprachinstitut bringt sie ausländischen Studenten die deutsche Sprache bei. Doch die Sicherheit, die ihr die Regeln der Grammatik sonst auch bescheren, kann über die wachsenden Sorgen der Zweiundfünfzigjährigen nicht hinwegtäuschen. Am Institut regiert seit einiger Zeit ein neuer Direktor - und mit ihm die wachsende Angst vor Entlassungen. Um bösen Überraschungen vorzubeugen, bricht Salli aus ihrer Routine aus und beschließt, sich auf eine private Zeitungsanzeige hin zu melden: "Brauche ich Lehrer für Deutsch. Bitte anrufen mir." Darunter eine Mobilfunknummer.

    Sergey Dyck ist der Inserent besagter Kleinanzeige. Der Exil-Russe lebt schon seit einigen Jahren in Deutschland, hat aber nie die Gelegenheit erhalten, die deutsche Sprache korrekt zu erlernen. Als ehemaliger russischer Jockey mistet Sergey jetzt Ställe aus, doch hat er nun einiges vor, wofür es sich lohnt, besser Deutsch zu lernen. So rechnet er sich beispielsweise aus, bessere Chancen zu haben, ein Rennpferd zu kaufen, wenn ihn der Besitzer nicht für einen armseligen Trottel hält. Als Salli auf Sergey trifft, stoßen beide rasch an ihre Grenzen - hier prallen zwei Leben aufeinander, die verschiedener nicht sein könnten...

    "Als ich war Kind, ich hatte schöne leben. Später war schwieriger, weil ich muss Geld verdint für ganze familie. Auf Rennbahn ist wider besser worden. Aber jezt in Deutschland ist alles problem. So man kann sagen: mein leben ist gestreift." (...) Sie unterkringelt das letzte Wort und schreibt darüber wechselhaft. "Sonst denkt man an ein Zebra", erklärt sie. - "Sagtma so in Russland", protestiert er: "Leben is Zebra." - "Wirklich?" Sie muss lächeln. "Na schön, dann aber: Das Leben ist ein Zebra." - Artikel einsetzen, mein Gott, das muss er auch endlich lernen, denkt sie. (S. 181)

    Grammatik - das klingt nach einer verflixt trockenen Materie. Und tatsächlich gab es einige Stellen im Buch, bei denen ich die Faszination Sallis für das Sujet nicht wirklich nachvollziehen konnte. Glücklicherweise waren dies meist nur kurze Einschübe in die eigentliche Handlung, so dass ich hier zügig darüber hinweglesen konnte. Auch die Thematik der Rennpferde gehört keineswegs zu meinen Hobbys, doch dominierten diese fachspezifischen Passagen noch weniger das Geschehen des Romans. Grammatik sowie Rennpferde stehen hier einfach für die Lebenswelten der beiden Hauptcharaktere.

    Salli ist eine erfahrene Lehrerin für Deutsch und liebt es, sich kreative Methoden auszudenken, um ihren ausländischen Studenten die deutsche Sprache und deren Grammatik näher zu bringen. Sie geht ganz in ihrem Beruf auf, korrigiert zu Hause die Arbeiten ihrer Studenten, trifft sich gelegentlich mit einigen Kollegen, und ihr einziges Laster besteht darin, sich gelegentlich heimlich kitschige Filme anzuschauen, wenn Lebenssehnsüchte zu groß zu werden drohen. Salli lebt allein in ihrer Münchner Wohnung, die zwei Lieben in ihrem Leben sind Vergangenheit, Kinder gibt es keine. Sie führt ein korrektes Leben in geordneten Bahnen und ohne große Überraschungen.

    Sergey dagegen ist ein verschlossener Charakter, der nur redet, wenn es unbedingt sein muss. Langwierigen Erläuterungen kann er nichts abgewinnen, und er findet russische Sprichwörter meist als ausreichend, um eine Sachlage zu erklären. Dafür arbeietet er hart, zum einen um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, zum anderen aber auch, um seine Träume zu verwirklichen, für die er viel Geld benötigt. Als er Salli auf seine unnachahmliche Art bittet, ihn beim Kauf eines Rennpferdes zu unterstützen und auch beim Anmieten eines Hofes behilflich zu sein, rutscht die Sprachlehrerin unversehens tiefer in Sergeys Angelegenheiten hinein als geplant.

    Die beiden Charaktere wirken anfangs spröde und recht unnahbar. Jedoch wird rasch klar, dass Salli durchaus ihre Sehnsüchte hat und eine scharfe Beobachterin ist. Sie analysiert das Geschehen und die Menschen um sich herum und versucht, die Regeln der Grammatik irgendwie auch auf ihr Leben zu übertragen, damit alles planbar und vorhersehbar bleibt. Doch als der wortkarge Sergey in ihr Leben platzt, verliert die Grammatik zunehmend an Bedeutung. Hinter seinem zugeknöpften Wesen ahnt Salli eine sensible Seele. Auch wenn er nicht darüber redet, gibt es Wunden in Sergeys Leben, die bis heute nachwirken. Der Exil-Russe ist zielstrebig und optimistisch, auch wenn dazu nach Sallis Meinung oft gar kein Anlass besteht. Und auch wenn die beiden anfangs umeinander kreisen wie zwei Wesen von zwei verschiedenen Sternen, können sie bald nicht mehr leugnen, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen. Doch kann das eine Zukunft haben?

    Eine leise Geschichte hat Angelika Jodl da geschrieben, eine Erzählung rund um ungewöhnliche Themen, die jedoch wohl das Leben der Autorin selbst berühren: sie unterrichtet Studenten aus aller Welt in Deutsch und reitet ein ausgemustertes Rennpferd. In jedem Fall bringt Angelika Jodl hier ihre exzellente Beobachtungsgabe zum Ausdruck, denn die sprachlichen Besonderheiten der ausländischen Studenten sind exakt herausgearbeitet und rufen beim Lesen immer wieder Schmunzeln hervor. Auch wenn mich manche grammatiklastige Passagen etwas ermüdeten, gab es ebenso Schilderungen, die mich durch ihre Bildhaftigkeit und Ausdrucksstärke begeistern konnten.

    "...und fährt nun durch ein unbekanntes Land, schräg schraffiert vom Regen, mit Wiesen, die vor Feuchtigkeit zu schmatzen scheinen, und einer durch den Regen geahnten Linie zartblauer Berge am Horizont." (S. 39)

    Ein ungewöhnlicher Roman mit leisen Tönen und Charakteren, die sich erst im Laufe der Erzählung nahbarer zeigen - für mich hat es sich in jedem Fall gelohnt, diesem Buch eine Chance zu geben.

    © Parden