Die Gesichter: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Gesichter: Roman' von Tom Rachman
4.65
4.7 von 5 (6 Bewertungen)

Ein gefeierter Künstler, ein liebender Sohn, eine Suche nach dem eigenen Leuchten

Mit einer einzigen beiläufigen Bemerkung wischt Bear Bavinsky (gefeierter Maler, zahlreiche Ex-Frauen, siebzehn Kinder) jede Hoffnung seines Lieblingssohnes Pinch beiseite, auch nur halb so viel Talent zu haben wie er. Desillusioniert zieht es Pinch raus in die Welt, in Kanada versucht er sich an einer Biografie über Bear, als Italienischlehrer in London hat er es fast geschafft zu vergessen, dass auch er einmal Großes vorhatte. Seine wahre Begabung findet er schließlich doch noch, und er schmiedet einen schier unmöglichen Plan, nicht nur sein eigenes Leuchten zu entfalten, sondern auch das Andenken seines Vaters zu retten.



Kann man gleichzeitig ein gefeierter Künstler und ein liebender Vater sein? Muss ein Sohn seinen Eltern verzeihen, nur weil sie bedeutend sind? Tom Rachman hat einen elektrisierenden und immer wieder auch nachdenklich stimmenden Roman geschrieben über das Streben nach Anerkennung – im Leben und in der Kunst.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
EAN:9783423289696

Rezensionen zu "Die Gesichter: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Okt 2018 

    Das Streben nach Anerkennung

    Wenn man als Sohn eines berühmten und egozentrischen Malergenies geboren wird, steht das eigene Lebensthema eigentlich von vornherein fest. Es geht um die Frage: Wie kann man sich aus dem Schatten des übermächtigen Vaters lösen und ein eigenes, erfülltes Leben führen.
    In Tom Rachmanns Roman "Die Gesichter" geht es genau darum. Die Hauptfigur in dem Roman ist Charles Bavinsky, eines von zahlreichen Kindern des berühmten Malers Bear Bavinsky. Als Leser begleitet man das gesamte Leben dieses Sohnes. Wir lernen ihn als 5-jährigen kennen, erleben seine Kindheit und Jugend, sein Erwachsenleben, seinen Tod und verfolgen darüber hinaus die Entwicklung nach seinem Tod.

    In eindringlichen Szenen schildert Tom Rachmann die Liebe und Bewunderung des Sohnes zu seinem Vater, den verzweifelten Wunsch, vom Vater wahrgenommen zu werden und auf der anderen Seite die kalte, egozentrische und manipulative Art des Vaters. Bear ist nicht offen ablehnend, sondern gibt vor, seinen Sohn zu lieben. Er sagt sogar, Charles sei sein Lieblingssohn. Als Leserin durchschaut man diese Lüge, mit der er den jungen Mann geschickt manipuliert. Bis sich Pinch, wie Charles von seinem Vater genannt wird, die Wahrheit eingesteht, muss man noch viele Buchseiten lang warten.
    Auf dem Buchcover sieht man pastos aufgetragene, leuchtend bunte Farben. Der Buchtitel und Autorenname droht von diesen Farben übermalt zu werden. Ein sehr schönes Buchcover, das an den raumgreifenden Charakter von Bear denken lässt.

    Die Mutter von Charles ist selbst Künstlerin. Sie besitzt aber kein Selbstvertrauen und verhält sich ihrem Mann gegenüber fast unterwürfig. Leider ähnelt Pinch charakterlich eher seiner Mutter, so dass man als Leserin immer Zweifel hat, ob es Charles gelingt, sich von seinem Vater zu emanzipieren.
    Charles ist selbst künstlerisch begabt. Er malt Bilder in seiner Jugendzeit, zu einer Zeit also, als sich Bear längst eine jüngere Frau gesucht hat und nicht mehr mit ihm und seiner Mutter zusammen lebt. Als er 15 Jahre alt ist, besucht er seinen Vater und zeigt ihm sein (aus seiner Sicht) bestes Bild. Als Leser ahnt man, dass das Bild gut ist, zumindest hatte seine Mutter ihn gelobt. Bear Bavinsky jedoch fällt ein vernichtendes Urteil. "...ein Maler bist du nicht...und du wirst auch nie einer werden."
    Nach dieser brutalen Bemerkung wird Charles sehr viele Jahr lang keinen Pinsel mehr in die Hand nehmen.

    Die Schilderung der Kindheit und Jugend von Charles haben mir sehr gut gefallen. Fast körperlich leidet man mit, wenn der Junge so wenig Anerkennung von seinem geliebten Vater bekommt. Die Entwicklungen im Erwachsenenalter lesen sich nicht ganz so spannend, nach meiner Meinung. Wir Leser lernen die Menschen kennen, die für Pinch wichtig werden. Seinen Freund, seine Freundin, seine Ehefrau (die Ehe ist nur eine kurze Episode) seine Kollegen (Charles arbeitet als Italienischlehrer). Die Dialoge und Interaktionen mit seinen Mitmenschen sind zwar meist unterhaltsam zu lesen, lenkten aber auch ein bisschen vom Handlungsfluss ab.
    Erst als sich Charles in seiner Lebensmitte die Wahrheit über die Beziehung zu seinem Vater eingesteht und danach im Alkoholrausch ein Bild seines Vaters zerstört, kommt wieder mehr Spannung auf. Die Beschädigung des Bildes führt zu einigen Verwicklungen, in deren Verlauf (so viel kann man verraten) Pinch wieder zum Malerpinsel greift. Er findet einen Weg für sich, seine Künstlernatur doch noch auszuleben.
    Am Ende seines Lebens scheint dem Künstlersohn klar zu werden, dass - wie er zu sich selbst sagt: "...die Höhepunkte meines Lebens in meinem Inneren stattgefunden haben." Damit hat er sich selbst aus der Abhängigkeit von Anerkennung durch den Vater (aber auch von Anderen) befreit. Was die Anerkennung durch die Kunstwelt betrifft, so erleben wir am Ende des Romans noch eine Überraschung, die allgemeine Fragen nach den Mechanismen des Kunstmarktes aufwirft.

    Insgesamt ein unterhaltsam geschriebener Roman aus der Welt der Kunstszene, ein Entwicklungsroman, der berührt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Okt 2018 

    Vater und Sohn

    Vater und Sohn

    Tom Rachman - Die Gesichter

    Das kunstvoll gestaltete Cover ist ein echter Hingucker und lässt direkt vermuten,worum es in diesem Buch geht. Es geht um Kunst, aber nicht ausschließlich, denn Tom Rachman möchte in seinem Roman in erster Linie erzählen, wie es dem Sohn eines Künstlers ergangen ist.

    Charles Bavinsky, Sohn des Künstlers Bear Bavinsky, vergöttert seinen Vater. Bear wohnt zu Beginn des Buches mit Charles, genannt Pinch, und dessen Mutter Natalie, in Italien. Natalie ist einige Jahre jünger als Bear, sie möchte auch Künstlerin werden, allerdings malt sie keine Bilder wie ihr Mann, sie versucht sich in der Kunst des Töpferns. Natalie muss aber neben ihrem Mann zurückstecken, genauso wie Pinch, die zwei stehen immer im Schatten des Malers. Bear ist eine strahlende Persönlichkeit, nimmt großen Raum ein, ist aber sehr auf sich bedacht.
    Bear verlässt Pinch und Natalie und zieht zurück in die Staaten, wo er bereits Kinder hat und sich auch bald neu bindet. Natalie zieht sich mehr und mehr zurück, bestärkt Pinch aber darin talentiert zu sein, so dass dieser seine ersten Versuche startet, und wie sein Vater Bilder entwirft.
    Als Pinch seinem Vater bei einem Besuch ein Bild zeigt, ist dieser wenig angetan. Pinch ist am Boden zerstört und möchte kein Künstler mehr werden. Die Bewunderung für seinen Vater bleibt nach wie vor bestehen.

    Im weiteren Verlauf des Romans erzählt der Autor wie sich Pinch entwickelt, wie er mit der Liebe zu seinem Vater umgeht, mit dem Gefühl der Zurückweisung und dem Drang nach Anerkennung fertig wird.
    Er bringt dem Leser nahe, wie schwierig es ist in dieser Welt zu bestehen. In einer Welt in der man gesehen werden muss, wie andere einen sehen möchten. Bear schafft es die Leute zu blenden, ihnen das zu zeigen, was sie sehen möchten. Doch nicht jeder schafft diese Gratwanderung.

    Tom Rachman klügelt einen perfiden Plan aus, um seinem Schützling zu seinem Recht zu verhelfen. Ich war überrascht, als ich erkannte, worauf alles hinausläuft.

    Ein Roman der mich begeistert hat, ein Roman der anders war als erwartet. Besser als erwartet um ehrlich zu sein.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Okt 2018 

    Die Gesichter - Gemälde eines Lebens

    Die Geschichte beginnt 1955 in Rom, im Atelier des berühmten Malers Bear Bavinsky. Das Atelier ist zugleich Arbeitsplatz des Künstlers und Heim für seinen Sohn Pinch und dessen Mutter Natalie. Pinch ist fünf Jahre alt und vergöttert seinen Vater. Dieser liebt seine Familie auch „wie verrückt“, im Zweifel muss sich die Familie aber seiner Kunst unterordnen. Bear ist ein Egozentriker durch und durch. Alles muss sich um ihn und seine Kunst drehen. Natalie muss ihre eigenen künstlerischen Ambitionen zurückstecken und ihm stundenlang Modell stehen. Pinch wartet oft stunden- oder tagelang, bis der Vater einmal Zeit für ihn hat. Bei einer dieser seltenen Gelegenheiten, zeigt ihn der Vater einige Maltechniken und erzählt ihm von großen Malern der Vergangenheit. Dieses Erlebnis wird Pinch nachhaltig beeindrucken.

    Nachdem die Eltern sich getrennt haben, beginnt Pinch zu malen. Er wird von seiner Mutter unterstützt, doch „er sehnt sich nach dem Applaus anderer Leute“ und malt hauptsächlich, um andere (seine Lehrer, Klassenkameraden, seinen Vater) zu beeindrucken. Als Jugendlicher besucht er seinen Vater bei dessen neuer Familie und zeigt ihm sein bisher gelungenstes Werk. Doch der Vater urteilt, dass aus Pinch nie ein Künstler werden würde. Pinch ist desillusioniert, doch seine Bewunderung für den Vater ungebrochen. Deshalb gibt er zwar die Malerei auf, beginnt jedoch ein Studium der Kunstgeschichte, um ein berühmter Kritiker zu werden und so das Werk seines Vaters unterstützen zu können. Seine Pläne gehen jedoch nicht auf.

    Der Roman begleitet Pinch auf seinem gesamten Lebensweg und erzählt von den Höhen und Tiefen: Pinch findet an der Universität in Marsden einen Freund, er verliebt sich in Barrows und verbringt mit ihr eine glückliche Zeit, er erlebt aber auch wie Barrows ihn beruflich überflügelt und er nicht mithalten kann. Er konstatiert: „Ich konnte kein Maler sein, und jetzt darf ich nicht mal Kritiker werden. Ich bin ein Angeber, ein Simulant, ein. (...) Ich werde nie wie mein Vater, weil ich schon immer wie meine Mutter war.“

    Die Beziehung Pinchs zu seinen Eltern ist und bleibt schwierig. Seine Mutter Natalie klammert sich an ihn, doch Pinch schämt sich für sie. Seinem Vater eifert er weiter nach, will ihm gefallen und von ihm anerkannt werden. Pinch muss jedoch erkennen, dass er den Wettbewerb um die Gunst seines Vaters zwar gewonnen, der Vater ihn aber nur benutzt hat. Als Bear stirbt vermacht er all seine Werke Pinch und bestimmt ihn wie geplant zum Verwalter seines Lebenswerks. Pinch findet dabei seinen eigenen, vom Vater nicht vorgezeichneten Weg, sich zu verwirklichen.

    Der Roman dreht sich zunächst um die Liebe zwischen Kindern und ihren Eltern. Die Eltern-Kind-Beziehung startet mit Vorschusslorbeeren. Kinder lieben ihre Eltern von Anfang an und bedingungslos. Auch Pinch strebt unablässlich nach der Liebe und Anerkennung seines Vaters, obwohl dessen größte Liebe allein die Kunst ist.

    Die Kunst ist das zweite große Thema des Romans. Bear ist ein berühmter Maler, er nimmt Pinch mit zu einigen Ausflügen in die Kunstszene. Sie diskutieren darüber (oder vielmehr teilt Bear seine Ansichten mit), was Kunst ausmacht, woran man gute und schlechte Kunst erkennt, welche Charaktereigenschaften ein Künstler mitbringen muss, um erfolgreich zu sein. Dabei wird klar, dass Pinch nach Auffassung seines Vaters vielleicht nicht das Zeug zum Künstler hat, damit aber nicht zwingend ein Urteil über die malerischen Fähigkeiten Pinchs verbunden war.

    Stilistisch ist der Roman überaus gut gelungen. Der Stil ist locker und leicht zu lesen. Die Vater-Sohn-Geschichte entwickelt echte Spannung. Die Personen sind detaillreich ausgearbeitet, haben Fehler und Schwächen und sind dadurch sehr glaubhaft. Die Ausflüge in die Kunstwelt fand ich sehr anregend und anschaulich. Daher eine klare Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Okt 2018 

    Wie man sich aus der Allmacht eines berühmten Vaters befreit

    Es ist ein Buchcover, das absolut ins Auge fällt: Strahlende Farben, die bei näherer Betrachtung von einem Pinsel ineinanderlaufend aufgetragen wurden. Dazu der Buchtitel, der so gar nichts mit dem Äußeren des Buches zu tun zu haben scheint. Der Einband selbst ist weiß und geriffelt wie eine Leinwand. Spätestens die Einteilungen der einzelnen Abschnitte: „Kindheit“, „Jugend“, „Erwachsensein“, „Alter und Portrait eines Künstlers“ mit dem Zusatz, welcher Art das gezeigte Kunstwerk ist und woher es stammt, machen deutlich, dass es sich hier um einen Künstlerroman handelt muss.

    Bear Bavinsky ist ein gefeierter Maler, der in dritter Ehe mit Natalie verheiratet ist, mit der er einen Sohn, Charles (genannt Pinch), hat. Es ist das Leben dieses Sohnes, das im Roman über mehrere Jahrzehnte begleitet wird. Zu Beginn ist der Junge fünf Jahre alt. Die kleine Familie lebt in einem engen Atelier in Rom, der Vater hat erst wenige Wochen zuvor seine alte Familie verlassen. Bear ist ein absoluter Egozentriker, besessen vom Malen und seiner Kunst. Alles andere hat sich dem unterzuordnen, er nimmt keine Rücksicht auf die Interessen anderer Menschen. Trotzdem himmelt Pinch ihn an, vergöttert ihn fast, macht ihn zu seinem (lebenslangen) Vorbild und strebt nach seiner Anerkennung.

    Pinchs Charakter ähnelt jedoch eher dem seiner Mutter. Er ist sensibel, schwach, nicht durchsetzungsstark. Er hat Probleme, Freundschaften zu schließen sowie Beziehungen zu pflegen und ist dadurch eher ein Einzelgänger. Die Kindheit und Jugend des Jungen sind nicht einfach mit diesem dominierenden Vater und einer Mutter, die psychisch labil ist, sich unterordnet und dem Heranwachsenden keine Stütze sein kann, weil sie selbst keinen Halt hat und ständig an sich zweifelt.

    Aus einer Laune heraus gibt Bear seinem Sohn eines Nachmittags einen Schnellkurs in Malerei, er erklärt ihm Grundbegriffe, Perspektiven, Techniken und erläutert seine Vorbilder. Diese Episode wird den Jungen sein gesamtes Leben lang prägen, in Folge versucht auch er, in der Kunst Fuß zu fassen, arbeitet akribisch, taucht beim Malen ab und hat sehr hohe Ansprüche. Pinch vernichtet unwürdige Werke, ebenso wie es der Vater immer getan hat.

    Bear hat seine Familie in Rom schon bald wieder verlassen, um sich einer neuen Liebe zuzuwenden. Er ist kein beständiger Mensch. Nach Jahren gelingt es Pinch, seinen Vater in Amerika besuchen zu dürfen. Er muss erleben, dass Bear nach wie vor sehr unzuverlässig ist und sich keine Zeit für den Sohn nimmt. Mit großer Hoffnung präsentiert er schließlich sein bisher gelungenstes Bild. Die Reaktion des Vaters wird Pinchs Lebensweg in eine neue Richtung steuern.

    Wie erwähnt begleitet der Roman Charles Bavinsky. Der Leser verfolgt die Stationen seines Lebens und lernt im Zuge dessen wichtigste Bezugspersonen kennen: seinen Freund Marsden, der ihm auch in schweren Situationen zur Seite steht, seine Halbschwester Birdy, die viel mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Vater an den Tag legt, seine große Liebe Barrows, die er nicht vergessen kann, und viele andere mehr. Die wechselhafte Vater-Sohn-Beziehung ist jedoch das tragende Thema des Romans. „Die Gesichter“ ist ein Entwicklungsroman im besten Sinne. Man braucht kein Vorwissen über die Kunst, sondern bekommt eindrucksvolle Einblicke in das exzentrische Künstlermilieu. Es tauchen Fragen auf wie: Was ist Kunst? Was ist eine Interpretation? Welche Eigenschaften muss ein Künstler haben, um erfolgreich zu sein? Wie viel Narzissmus darf man beim Künstler tolerieren?

    Lange leidet man mit Pinch mit. Er ist sicher kein völliger Sympathieträger, nicht alle seine Entscheidungen finden unseren Beifall. Doch sind seine Handlungsweisen im Lichte seiner Erziehung zutiefst menschlich und nachvollziehbar. Man wünscht ihm schon früh, dass er sich aus der gefühlten Allmacht des Vaters wird befreien können. Man drückt ihm die Daumen, dass er seinen eigenen Weg und ein bisschen Glück finden möge. Man begleitet den Protagonisten stets mit Empathie.
    Der Roman gewinnt zunehmend an Tempo, unerwartete Wendungen steigern den Lesefluss. Nach „Vom Aufstieg und Fall großer Mächte“ war dieses mein zweites Buch von Tom Rachman, das mir persönlich weit besser gefallen hat als das erste. Der Autor hat einen flüssigen Stil, streut hin und wieder ein paar Weisheiten und tiefgehende Gedanken ein, ist niemals trivial. Das Ende passt zur erzählten Geschichte, hallt nach…

    Der Inhalt des Romans entsprach dem besonderen, außergewöhnlichen Äußeren. Ich gebe gern meine volle Leseempfehlung mit 5 Sternen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Sep 2018 

    "Ich gewinne. Klar?"

    Pinch ist der Lieblingssohn des gefeierten Malers Bear Bavinsky, mit dessen Mutter Natalie er in den 50er Jahren in einem alten Atelier in Rom lebt.

    "Pinch, sein fünfjähriger Sohn, stemmt ein dickes Badetuch in die Höhe, die Arme unter dem Gewicht. Bear streift sich mit den Fingern durchs rotblonde, schüttere Haar und setzt- eine Hand auf dem Kopf des Jungen, Gleichgewicht suchend - seine Füße auf Tageszeitungen, auf denen früher am Tag Pinsel ausgewischt wurden." (9)

    Diese beiläufige Geste symbolisiert das Verhältnis von Vater und Sohn. Bear will seinen Sohn, der künstlerische Ambitionen hat, gleichzeitig dem Vater jedoch zutiefst ergeben ist, klein halten. Während er mit seiner Präsenz Räume füllt, bleiben die Menschen in seiner Umgebung unsichtbar - nur seine Kunst steht im Mittelpunkt.

    Dass seine 2.Frau Natalie Keramikskulpturen herstellt, hat keine Bedeutung - niemand darf neben ihm stehen, dem "Archetyp des lasterhaften Greenwich-Village-Künstlers", der Aktbilder malt, auf denen jeweils nur ein Detail zu sehen ist - eine Schulter, eine Hand, ein Schenkel. Das, was vor seinen Augen nicht besteht, wird verbrannt.

    "Bear eilt in den hintern Teil des Ateliers, sucht etwas, zerrt eine leere Leinwand mitsamt Gestell hervor. >So wie du jetzt bist, Natty. Ganz genau so.< >Ich bin mitten in meiner eigenen Arbeit<, fleht sie ihn an." (21)

    Mehrere Stunden muss sie in ihrer Pose verharren. Nachdem das Gemälde fertiggestellt ist, verbrennt er es, weil es nicht gut genug ist.
    Er lässt sich auch dann nicht vom Arbeiten abhalten, wenn seine Tochter aus erster Ehe, Birdie, ihn in Rom besucht.
    "Heute ist der letzte Tag vor ihrem Heimflug, und Bear hat versprochen, dass sie ihn zusammen verbringen. Weil er ständig so beschäftigt, war, will es es heute ein bisschen wiedergutmachen. [...] Pinch versteht das." (50)
    Dieses bedingungslose Verstehen wird ihn einerseits zum Lieblingssohn des Künstlers machen, andererseits wird er sich zunächst nicht aus dessen mächtigem Schatten befreien können.

    Als Bear Natalie und Pinch für eine neue Frau verlässt, beginnt Pinch, dessen richtiger Name Charles lautet, zu malen - unter den wachsamen Augen seiner Mutter, deren psychische Verfassung immer labiler wird.

    "Als er mit dem Malen anfing, haben Natalies Lob, ihre gefalteten Hände, ihre Begeisterung seine Hoffnung geschürt. Beifall aber verliert rasch an Wert." (71)

    Beeindrucken will er seinen Vater, vor seinen Augen muss sein Werk Bestand haben, nur sein Urteil zählt. Wird Charles vor seinem Vaters bestehen können? Wird es ihm gelingen ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Kann er sich von seinem übermächtigen Vater befreien?

    Bewertung
    Darf sich ein großartiger Künstler und Freigeist alles herausnehmen? Darf ein Genie gnadenlos egoistisch handeln, um sich ganz seiner Kunst widmen zu können? Menschen in seiner Familie und seiner Umgebung herabsetzen, um sich selbst zu erhöhen? Diese Fragen wurden in der Lese-Runde diskutiert und der Roman fordert dazu auf, sie zu stellen. Muss man einem Künstler alles durchgehen lassen, nur weil er geniale Bilder malt? Zumindest scheinen das die Galeristen und der "Kunst-Zirkus" zu denken, auf den Rachman einen kritischen Blick wirft.

    Bear ist ein lausiger Vater, sieht seinen Sohn nicht, hält ihn klein und die anderen Bear-Kinder erhalten Zuwendung und Aufmerksamkeit, so lange sie jung sind und keine Anforderungen stellen. Ein Verhalten, von dem nur Pinch ausgenommen ist, den der Vater im Auge behält, was seine Situation nicht verbessert. Nur wenigen Menschen kann sich Charles wirklich nähern, der ein Außenseiter bleibt. Tragisch verläuft das Leben seiner Mutter, deren Leben Bear letztlich zerstört hat, während Pinch ihn verteidigt:

    "Weil Dad es nicht böse meint. Er ist einfach so. Wie ein riesiges Schiff, das stetig vorwärtsdampft und das niemand aufhalten kann." (155)

    Glücklicherweise steht ab dem 2.Teil das Leben Pinchs im Mittelpunkt und der narzisstische Maler taucht seltener auf. Überwiegend treffen sie in einem Ferienhaus in Frankreich aufeinander, das Bear einem Freund Natalies abgekauft hat - dort verändert sich ihre Beziehung und die Frage, die sich stellt, ist, ob sich Bears Aussage am Ende bewahrheiten wird:

    "Ich gewinne. Klar? Ich werde verdammt nochmal immer gewinnen" (296)

    Während man den narzisstischen Künstler nach den ersten 100 Seiten kaum noch erträgt, ist es diese Spannung, die bis zum Ende des Romans trägt, der mit ungewöhnlichen Wendungen aufwartet.

    Klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Aug 2018 

    Der Künstler

    In den 1960ern wohnt der Maler Bear Bavinsky mit seiner Frau Nathalie in Rom. Ein großer Mann, der seinen kleinen Sohn Bear sehr beeindruckt. Da kann seine Mutter, die zwar den Haushalt führt, im Herzen aber selbst eine Künstlerin ist, nicht mithalten. Zu seinem Vater schaut Pinch auf. Überrascht ist Pinch als seine große Schwester die Ferien in Italien verbringt. So nach und nach geht ihm auf, dass Nathalie nicht Bears erste große Liebe ist und schon garnicht die Einzige. Bald trennen sich die Eltern und Pinchs größter Wunsch ist es, zu seinem Vater nach Amerika zu reisen.

    Ist Bear Bavinsky wirklich der grandiose Maler? Er hadert mit seinem Werk und vernichtet viele Bilder, die ihn nicht zufrieden stellen. Eine raumeinnehmende Persönlichkeit ist er aber ganz bestimmt. Mehrere Ehen, siebzehn Kinder, die Pinch, der eigentlich Charles heißt, nicht alle kennt. Wie kann Charles neben seinem Vater bestehen, der Wunsch selbst zu malen, erfüllt sich nicht. Die harsche Kritik des Vaters beendet erste zarte Versuche. Charles, der in vielen Bereichen sehr begabt ist, findet sich schließlich als Sprachlehrer in London wieder. Ein erfülltes Leben? Eher nicht. Bears Selbstbewusstsein ist geradezu unerschöpflich, sogar größer als seine Begabung scheint es zu sein.

    Väter und Söhne, ein unerschöpfliches Thema. Bear und Charles Bavinsky, beide sind Persönlichkeiten und haben Persönlichkeit. Doch ihre Leben verlaufen sehr unterschiedlich. Der Vater, eine Künstlerpersönlichkeit wie sie im Buche steht, manchmal wirkt er wie ein Blender. Sein Sohn dagegen scheint so unsicher, dass er nicht einmal versucht, seine künstlerischen Ambitionen auszuleben. Für den Sohn bleibt ein lebenslanges Streben nach der Anerkennung des Vaters, dessen Entscheidungen er nicht immer gutheißt. Allerdings macht er sich nicht wirklich frei, man gewinnt den Eindruck, er verkauft sich unter Wert. Die raumgreifende Person des Vaters lässt kein eigenes Werden des Sohnes zu.

    Eltern machen Fehler, wie sollte es anders sein. Schließlich sind auch sie nur Menschen. Sie geben ihr Bestes und scheitern doch häufig. Und die Kinder befrachtet mit den Vorstellungen der Eltern, was ein gutes Leben darstellen soll, sind häufig auch zum Scheitern verurteilt. Genial wie Charles seinem Vater schließlich doch ein Schnippchen schlägt. Und doch fühlt man sich mit diesem Roman eher melancholisch, ob der vertanen Chancen. Diese bittersüße Familiengeschichte ist etwas Besonderes. Zwar wünschte man Nathalie und Charles ein anderes Leben, doch gegen den dominanten von sich selbst überzeugten Bear kommen sie einfach nicht an. Insbesondere Charles allerdings macht noch das Beste draus und das ist eine sehr tröstliche Erkenntnis, dass man selbst etwas ändern kann, dass man auch mal schlauer sein kann als die anderen. Man schmunzelt dann doch in sich hinein und genießt die kurzweilige Lektüre.