Die Geschichte einer Entführung

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Geschichte einer Entführung' von Johann Scheerer
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Johann Scheerer erzählt auf berührende und mitreißende Weise von den 33 Tagen um Ostern 1996, als sich sein Vater Jan Philipp Reemtsma in den Händen von Entführern befand, das Zuhause zu einer polizeilichen Einsatzzentrale wurde und kaum Hoffnung bestand, ihn lebend wiederzusehen. »Es waren zwei Geldübergaben gescheitert und mein Vater vermutlich tot. Das Faxgerät hatte kein Papier mehr, wir keine Reserven, und irgendwo lag ein Brief mit Neuigkeiten.« Wie fühlt es sich an, wenn einen die Mutter weckt und berichtet, dass der eigene Vater entführt wurde? Wie erträgt man die Sorge, Ungewissheit, Angst und die quälende Langeweile? Wie füllt man die Tage, wenn jederzeit alles passieren kann, man aber nicht mal in die Schule gehen, Sport machen, oder Freunde treffen darf? Und selbst Die Ärzte, Green Day und die eigene E-Gitarre nicht mehr weiterhelfen?

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag: Piper
EAN:9783492059091

Rezensionen zu "Die Geschichte einer Entführung"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Nov 2019 

    Plötzlich alles anders!

    „Es war der 25. März 1996, es war Frühling, und mein Leben sollte von da an ein anderes sein.“ An diesem Tag sollte der damals dreizehnjährige Johann Scheerer keine Lateinarbeit schreiben. An diesem Tag wurde Johanns Vater, Jan Philipp Reemstma, entführt.
    Die Reemtsma Entführung war einer der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands in den letzten Jahrzehnten. In „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ schildert der Sohn des Opfers, 20 Jahre später seine Erinnerungen an diese damals sehr belastende Zeit. Johann hatte bislang sein Famiienleben gar nicht mal als so außergewöhnlich betrachtet. Er wusste, dass seine Eltern, insbesondere sein Vater über viel Geld verfügten. Das einzige besondere an seiner Familie - fand er – war, dass sein Vater in zwei Häusern lebte. Mal mit der Mutter in dem einem, mal alleine für sich in dem anderen, einfach über die Straße. Die Entführung stellte nun alles auf den Kopf. Die Polizei, mit allerlei technischer Ausrüstung, rückte an, Anwälte des Vaters. 33 Tage lang herrschte Ausnahmezustand, fuhren Gefühle Achterbahn. Johann Scheerer schildert in seinen autobiografischen Roman unerwartet nüchtern, kehrt dabei den verwirrten Teenager hervor, dem nie alle Informationen zuteilwurden, der cool und unbeteiligt wirken will, der sich aber auch schämt, nichts beitragen zu können.
    „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ ist kein Kriminalroman, kein Entführungsthriller. Was gänzlich fehlt, ist die Aufklärung des Falles. Wer die Täter waren, wie sie letztlich verhaftet wurden, darauf geht Johann Scheerer überhaupt nicht ein. Es ist die sehr persönliche Perspektive des Sohnes, eine Aufarbeitung mit wohl therapeutischem Effekt für den Autor.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Apr 2018 

    Beeindruckend!

    Nachdem Jan Philipp Reemtsma nach seiner Entführung im Jahre 1996 gegen eine Zahlung von 30 Millionen DM wieder freikam, schrieb er das Buch 'Im Keller', in dem er die Ereignisse sachlich chronologisch darstellt, daran anschließend seine eigenen Erlebnisse schildert und zuguterletzt darüber reflektiert, was damals mit ihm geschehen ist. Sein Sohn, der damals 13 Jahre alt war, beschreibt nun in 'Wir sind dann wohl die Angehörigen', wie er diese 33 Tage erlebte.
    Es ist erstaunlich, wie detailliert die Erinnerungen von Johann Scheerer an diese Zeit sind. Natürlich könnte Manches aus dem Reiche der Fiktion stammen, was nach 22 Jahren verständlich wäre. Doch ich hatte eher den Eindruck, dass sich diese Geschehnisse mit einer Deutlichkeit in seinem Gedächtnis eingebrannt haben, dass er sie ohne Schwierigkeiten jederzeit vor seinem inneren Auge ablaufen lassen kann.
    Sehr überzeugend schildert er, wie er verzweifelt versuchte, Haltung zu bewahren und in irgendeiner Form zu helfen, obwohl er sich sicher war, seinen Vater nie mehr zu sehen. Sein permanent schlechtes Gewissen, ob er überhaupt noch Freude empfinden dürfe; sein Gefühl, in einer Welt zu leben, die nichts, aber auch überhaupt nichts mit seinem bisherigen Leben zu tun hat; all das vermittelt er so glaubwürdig, dass ich glaube, zumindest ansatzweise mitfühlen zu können, was er durchlebte.
    Irgendwelche bedeutsamen neuen Erkenntnisse bietet dieses Buch nicht, sieht man davon ab, dass ich erst jetzt erfahren habe, wie amateurmäßig die Polizei damals gearbeitet hatte und damit das Leben des Entführten wiederholt aufs Spiel setzte. Aber es ist eine beeindruckende Erinnerung eines dramatischen Geschehens, das vielleicht dem Autor auch hilft, damit besser klar zu kommen. Denn vergessen kann man so etwas sicherlich nie!