Die geheime Mission des Kardinals: Roman

Rezensionen zu "Die geheime Mission des Kardinals: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Sep 2019 

    Kriminalroman und Gesellschaftsbild

    Der Wandel im Syrien von 2011 wirft Schatten voraus. Die Veränderungen sind im Roman deutlich zu spüren, doch man weiß nicht, in welche Richtung sich alles entwickeln wird.
    Rafik Schami platziert mit „Die geheime Mission des Kardinals“ genau hier einen höchst spannenden Kriminalroman, bei dem es sowohl um den Fall selbst als auch um ein Sitten- und Gesellschaftsgemälde von Damaskus und Syrien geht. Er erzählt poetisch und bildhaft, in dem ihm sehr eigenen fast märchenhaften und von mir sehr geliebten Stil.

    Die Italienische Botschaft in Damaskus erhält ein riesiges Fass Öl unbekannter Herkunft, das neben dem teuren Inhalt die Leiche eines Kardinals aus dem Vatikan enthält, der einige Zeit in Syrien verbrachte.
    Die beiden Syrischen Ermittler Barudi und Schukri werden von einem Römischen Kollegen unterstützt - Mancini. Barudi findet in Mancini in der Atmosphäre des Misstrauens einen Vertrauten, mit dem er vom ersten Augenblick an eng verbunden ist. Auch Schuri vertraut der kurz von der Pensionierung stehende Barudi, und mit messerscharfem Verstand machen sie sich an die Auflösung des Falles um den Kardinal, der in geheimer Mission in Syrien unterwegs war.

    Der wirklich spannende Kriminalfall wird unterstrichen von einem sehr klaren Bild des Wandels und der beginnenden Auflösung im damaligen Syrien, dem ersten Aufflackern des Islamischen Staates genauso wie dem alles beherrschenden Misstrauen der Menschen untereinander.
    Und genau hier steht der kleine Wermutstropfen des ansonsten großartigen Buches. Kommissar Barudi wirkt auf mich mit seiner Leutseligkeit gegenüber dem fremden Mancini etwas unglaubwürdig. Er scheint zwar der Typ für schnelle und intensive Gefühle zu sein, wie die große Liebe zu einer Nachbarin nach ganz kurzer Zeit zeigt, aber für mich passt dieses Verhalten nicht ganz in die Atmosphäre des Misstrauens und des Umbruchs, in der Vorsicht gegenüber anderen geboten ist.

    Doch das ist Jammern auf hohem Niveau, denn der Autor hat es erneut hervorragend geschafft, ein ganz wunderbares Buch zu schreiben. Mit einfachen Worten erzählt er einen spannenden Krimi, verknüpft diesen mit vielen höchst interessanten Fakten über Politik, Religion und Aberglaube und führt dem Leser vor Augen, warum sich Menschen dem IS zuwenden.
    Man kann sich kaum vom Buch losreißen, wenn man einmal begonnen hat zu lesen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Aug 2019 

    Das neue Buch von Rafik

    Das neue Buch von Rafik Schami "Die geheime Mission des Kardinals" startete mit einer gehörigen Portion Sympathievorschuss für den Autoren. Wenige Schriftsteller sind mir so freundlich und herzlich begegnet wie der seit 1971 in Deutschland lebende, aus Damaskus stammende Schami. Sein Roman "Die dunkle Seite der Liebe" von 2004 hat mir einst sehr gut gefallen. Aber bereits mit "Sophia oder Der Anfang aller Geschichten" (2015) hatte ich so meine Schwierigkeiten. Nun sollte eine der Figuren aus "Die dunkle Seite der Liebe" erneut eine Rolle spielen, und zwar die zentrale als Ermittler in einem undurchsichtigen Kriminalfall, Kommissar Barudi. Dieser steht kurz vor der Pensionierung als die Leiche eines Kardinals aus dem Vatikan in einem Ölfass an die italienische Botschaft in Damaskus geliefert wird. Es ist das Jahr 2010, also noch vor Ausbruch des Bürgerkriegs, und um politische Turbulenzen zu vermeiden, wird Barudi ein italienischer Ermittler, Marco Marcini, an die Seite gestellt. Es geht um religiösen Irrsinn, Aberglauben, Wunderheiler, Geschäfte mit der Religion - und zwar sowohl auf christlicher als auch muslimischer Seite, und um Syrien, zerrieben wird zwischen Islamisten und der Diktatur Baschar Hafiz al-Assads. Schami trauert über und um seine ehemalige Heimat, das merkt man in jeder Zeile. Mit seiner ausufernden Fabulierkunst beschreibt er Land und Leute und vor allem auch die Küche. Das ist farbenprächtig, aber oft zu ausufernd. Daneben plätschert die Krimihandlung vor sich hin. Politische Botschaften sind vor allem in den die Erzählung unterbrechenden Tagebuchnotizen Barudis verpackt. Oft aber auch in gänzlich konstruierten Dialogen. Zu viel Erklärung wird da hineingepackt. Die Männerfreundschaft zwischen den Ermittlern  ist reichlich betulich, die Liebesgeschichte Barudis mit seiner Nachbarin unglaubwürdig und kitschig. Lesen kann man das Buch trotzdem gut. Es ist unterhaltsam und sympathisch wie sein Autor.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jul 2019 

    Ein farbenfrohes Kaleidoskop der syrischen Gesellschaft

    Kommissar Barudi steht kurz vor seiner Pensionierung. Da bekommt er einen neuen Fall auf den Tisch: 2010 erhält die italienische Botschaft in Damaskus eine Olivenöl-Lieferung. Doch in dem Fass befindet sich der Leichnam eines Kardinals. Um die Beziehungen zu Italien nicht zu gefährden und die delikaten Ermittlungen voranzutreiben, bekommt Barudi Unterstützung von einem italienischen Kollegen, Commissario Marco Mancini. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Mörder – und unternehmen dabei eine eindrucksvolle Reise durch ein Syrien, das vom Bürgerkrieg noch nicht gebeutelt ist.
    Dieser auf dem Fundament eines Kriminalfalls stehende Gesellschaftsroman aus der Feder von Rafik Schami ist im Juli 2019 bei Hanser erschienen und umfasst 432 Seiten.
    Zu Recht zählt Rafik Schami zu den großen zeitgenössischen, deutschsprachigen Autoren. In diesem Roman beweist er sein Vermögen, mit bildhafter Sprache, poetischen Elementen und teils salopper Ausdrucksweise umzugehen und darüber hinaus hieraus ein in sich stimmiges, mitreißendes Werk zu konstruieren. Auch Humor kommt in diesem Roman nicht zu kurz, wenn Barudi z.B. Mancini auf die Stirn küsst und sagt: „Gesegnet sie die Milch deiner Mutter. Sie hat ihren Zweck erfüllt.“ Insgesamt legt hier Schami ein abwechslungsreich zu lesendes und gleichzeitig lehrreiches Buch vor.
    Gemeinsam mit seinem italienischen Gefährten durchreist der Syrer ein Land, das den meisten Deutschen eher unbekannt sein dürfte. Gerade dieses macht einen großen Teil des Reizes dieses Romans aus. Man lernt große Städte wie Damaskus kennen, die fast schon europäisch wirken, findet sich wenig später in kleinen Dörfern wieder, deren Bevölkerung eher naiv und ungebildet erschient, und ist schließlich mit den Kommissaren zu Gast in einem Islamisten-Lager. Genau so bunt wie das Land sind auch seine Bewohner. Doch gerade Letzteres führt immer wieder zu Problemen. Insbesondere anhand des christlichen-syrischen Polizisten wird ersichtlich, welchen Einfluss religiöse Strömungen auf die syrische Gesellschaft haben.
    Doch nicht nur die Religion erschwert die Arbeit der Kommissare. Was nicht verwundert, hier aber klar und deutlich zu Tage tritt: Der Geheimdienst hat seine Augen überall, Beziehungen zählen mehr als Können, politisches Kalkül steht über jeder Gerechtigkeit. So überrascht es nicht, dass am Ende der intelligent konstruierte Kriminalfall zwar aufgelöst wird, sich für Barudi aber als Niederlage erweist.
    Der Roman wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Neben dem Erzähler in der dritten Person geben Barudis Tagebucheinträge einen guten Einblick in seine eigene Entwicklung, seine persönliche Sicht auf die Gesellschaft und nicht zuletzt in seine Einsichten in das Kriminalgeschehen. In Dialogen insbesondere mit Mancini, die einen großen Raum in diesem Werk einnehmen, werden Gesellschaft, Land und Verbrechen ebenfalls kommentiert und charakterisiert.
    Das Cover mit seiner arabischen Kalligrafie ist ein echter Hingucker und war auch das Erste, was mich dazu veranlasst hat, mir dieses Buch genauer anzuschauen. Die Hardcover-Ausgabe mit Lesebändchen ist hochwertig.
    Alles in allem hat Rafik Schami mit seinem Roman ein buntes Kaleidoskop der syrischen Gesellschaft geschaffen – verpackt in einen spannenden Kriminalfall. Ein Buch, das ich allen, die einmal etwas mehr über die syrische Gesellschaft erfahren und dabei mit Niveau unterhalten werden möchten, nur wärmstens empfehlen kann.