Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay' von William Boyd
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5 von 5 (2 Bewertungen)

Ein Klick, die Blende schließt – der Startschuss zu einem neuen Leben. Mit sieben hält Amory Clay ihre erste Kamera in Händen, eine Kodak Brownie Nummer 2, und mit ihr sind alle Weichen gestellt. Amory Clay, Fotografin, Reisende, Kriegsberichterstatterin. Statt als Gesellschaftsfotografin in London zu reüssieren, lässt Amory alles Vertraute hinter sich und beginnt 1931 ein Leben voller Unwägbarkeiten in Berlin. Ein Berlin der Nachtclubs, des Jazz, der Extravaganz und Freizügigkeit – und der ersten Anzeichen von Bedrohung und Willkür.
Amory Clay, eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus ist, die unerschrocken ihren Weg geht, ihre Lieben lebt, ihre Geschicke selbst in die Hand nimmt. Tief fühlt sich William Boyd in sie ein und versteht es glänzend, Fiktion und Geschichte miteinander zu verschränken: das ausschweifende Berlin der frühen dreißiger Jahre, New York, wo sie den Mann trifft, der alles verändert, das Paris der Besatzungszeit. Nach »Ruhelos« hat Boyd erneut eine unvergessliche Heldin geschaffen, eine verwegene, verblüffend moderne Frau, einen Künstlerroman, der das Porträt einer ganzen Epoche zeichnet.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
Verlag: Berlin Verlag
EAN:9783827012876

Rezensionen zu "Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Sep 2018 

    Oops, he did it again

    Der schottische Schriftsteller William Boyd scheint ein Schlitzohr zu sein. Zumindest hat er Spaß daran, seinen Mitmenschen einen Bären aufzubinden: 1998 sorgte er mit seiner Biografie über den expressionistischen Maler Nat Tate (1928 bis 1960) in New York für Furore. Viele Promis rühmten sich, Nat Tate zeitlebens persönlich gekannt zu haben. Kaum einer, der nicht die Gemälde von Nat Tate zu schätzen wusste. ABER: Nat Tate hat es nie gegeben. Er, genauso wie seine Gemälde, sind ein Fantasieprodukt von William Boyd. Den Namen Nat Tate leitete Boyd von den beiden britischen Kunstmuseen National Gallery und Tate Gallery ab. Als der Schwindel herauskam, gab es einen riesigen Skandal, bei dem sich William Boyd mit Sicherheit eins ins Fäustchen gelacht hat.

    Die Biografie über den Maler, den es nie gegeben hat, ist nur eines von unzähligen Büchern, die der vielseitige William Boyd bisher veröffentlicht hat. Er schreibt Komödien, Gesellschaftsromane, Kriegsromane oder auch Thriller. Und immer wieder schreibt er über interessante Persönlichkeiten ihrer Zeit. Wie auch in dem von mir gelesenen Roman "Die Fotografin".
    Hier präsentiert Boyd Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts auf sehr ansprechende Weise, indem er sie anhand des faszinierenden Lebens der englischen Fotografin Amory Clay erzählt.

    "Mein siebzig Jahre währendes Leben war erfüllt, unendlich traurig, faszinierend, komisch, absurd und beängstigend - manchmal jedenfalls -, schwierig, schmerzlich und voller Glück. Anders gesagt, kompliziert."

    Amory wurde 1908 geboren - in einer Zeit, in der es undenkbar war, dass eine Frau den Beruf der Fotografin ergreift. Und doch hat Amory allen Widerständen zum Trotz genau diesen Berufsweg gewählt. Das nötige Talent hatte sie dazu.
    Als Kind erlebte sie den 1. Weltkrieg, tummelte sich in ihrer Anfangszeit als Fotografin in London und dem Berlin der 30er Jahre. Sie erlebte den 2. Weltkrieg, war während der deutschen Besatzungszeit in Paris und zog schließlich der Liebe und Karriere wegen nach New York. Auch der Vietnamkrieg der 60er Jahre war eine Etappe in ihrem Fotografenleben. Ihr Leben war von Aufregung geprägt, selten ist sie zur Ruhe gekommen. Fast wie eine Getriebene war sie immer auf der Suche nach dem ultimativen Foto, wobei sie Fotografie nicht nur als journalistisches Mittel der Dokumentation sondern auch als Kunstform ansah.

    Über Amory Clay gibt es viel zu berichten. William Boyd hat seinen 555 Seiten starken Roman in insgesamt 8 Abschnitte (Bücher) aufgeteilt, zuzüglich Prolog und Abschlusskapitel. Jeder dieser Abschnitte ist ein Genuss für sich und behandelt eine wichtige Etappe in Amory Clays Leben, angefangen bei ihrer Kindheit bis hin zu ihrem letzten Lebensabschnitt. Viele ihrer Fotos befinden sich in diesem Buch, die ihr eindrucksvolles Leben dokumentieren und einen besonderen Augenschmaus darstellen. Darunter befinden sich nicht nur journalistische Aufnahmen, sondern auch sehr persönliche, über ihr Leben und ihre Weggefährten.

    "Unter den wenigen Bildern, die ich geschossen habe, gab es ein paar Farbfotos - Kodachrome-Dias, sie waren teuer, setzten sich aber allmählich durch. Doch obwohl mir klar war, dass bunte Bilder die Welt zeigen, wie sie ist, wollte ich die Welt lieber so, wie sie nicht ist - einfarbig. Das war eigentlich mein Medium, und es wurde mir so deutlich bewusst, dass ich mich fragte, ob nicht etwas Entscheidendes verlorenging, als alle Welt sich der Farbfotografie zuwandte."

    William Boyd konzentriert sich nicht nur auf Amorys Rolle als Fotografin sondern beschreibt eine moderne Frau, die mit all ihrem Mut, Selbstbewusstsein und Kampfgeist eine Vorbildfunktion für jede Frau einnehmen könnte, sowohl damals als auch heute.

    Die Stimmung in diesem Roman ist von Nostalgie bestimmt. Die Geschehnisse werden aus der Sicht von Amory geschildert. Sie schwelgt dabei in Erinnerungen. Der sehr lebhafte Sprachstil Boyds verstärkt den Eindruck, dass es sich bei Amory um eine sehr temperamentvolle, intelligente, eigensinnige und humorvolle Frau gehandelt haben muss, die ihren eigenen Weg gegangen ist.

    Alles in allem, hat mir das Buch sehr viel Spaß gemacht. Die geschichtlichen Hintergründe werden auf sehr ansprechende Weise vermittelt und bilden den Rahmen für die bewegte Lebensgeschichte von Amory Clay.

    Wer sich jetzt näher mit Amory Clay beschäftigen möchte, dem sei jedoch gesagt: Oops, he did it again ;-)

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Nov 2017 

    Die Fotografin, die es nie gab

    In dem Roman „Die Fotografin – Die vielen Leben der Amory Clay“ erzählt William Boyd das Leben der Amory Clay von ihrer Kindheit im Jahr 1908 bis in ihr Alter hinein im Jahr 1978. Der Leser, der dieses Leben bei der Lektüre verfolgt und miterlebt, bekommt sehr intensiv den Eindruck, dass es sich hier nicht um bloße Fiktion handeln kann, sondern hier dokumentarisch ein wirkliches, gelebtes Leben erzählt wird. Dieser Eindruck wird vom Autor ganz bewusst bestärkt. So finden die Fotos der fotografierenden Heldin vielfach nicht nur in ihrer Entstehungsgeschichte Eingang in den Text des Romans, sondern werden dann auch gleich in etwas verwischter Qualität als Fotodokument im Text mit abgedruckt und untermauern das Gelesene als angebliche historische Wahrheit.
    Amory lernt schon als Kind das Fotografieren - angeleitet und gefördert von einem Onkel - und ergreift den modernen und insbesondere für eine Frau mehr als ungewöhnlichen Beruf der Fotografin zunächst, indem sie bei adligen Londoner Gesellschaftsanlässen Fotos schießt. Wir erleben sie danach mit mehr künstlerischem Anspruch als „Skandalfotografin“ in Berliner Hurenbars, bevor es sie nach New York verschlägt, wo sie für ein Fotomagazin arbeiten kann, für das sie später auch noch die historische Situation von rechtsradikalen Straßenkämpfen in London ablichtet und dabei ernsthaft verletzt wird. In Gefahr begibt sie sich auch als Kriegsfotografin im Frankreich des 1. Weltkriegs und - nach einer privaten Auszeit in der Ehe mit ihrem Ehemann aus verarmtem schottischen Adel und nach Geburt zweier Töchter – auch in den Wirren des Vietnamkrieges. Das alles sehen wir nicht nur parallel auch in den verwischten Schwarz-Weiß-Fotografien sondern meinen es auch in den Bibliotheken der Welt nachschlagen zu können, denn über ihre Veröffentlichungen wird der Romanleser akribisch genau mit Literaturangaben zu Verlag und Erscheinungsjahr informiert.
    So wurde bei mir irgendwann im Verlaufe des Romans die naheliegende Neugier geweckt, Romangeschehen mit der Realität abgleichen zu wollen. Und so befragte ich Google nach Amory Clay und erfuhr dort in einem interessanten Artikel von Peter Pisa aus dem österreichischen Kurier, dass es sich hier um eine vollkommen erfundene Biografie handelt. So wird der Leser „gut getäuscht“. Wollte ich das wirklich wissen?
    " Nein, es ist nicht erstrebenswert, vor dem Lesen von dieser Täuschung in Kenntnis gesetzt zu werden; es lässt sich aber nicht verhindern." so Peter Pisa. Und damit hat er sehr recht. Man ist der Täuschung gerne und gut erlegen in diesem Buch. Das Täuschen kann William Boyd wirklich gut! Wohl auch nicht zum ersten Mal. Hier nochmals eine Info aus dem Artikel von Peter Pisa.
    " Sie (=Amory) ist eine Erfindung des schottischen Schriftstellers William Boyd, der so was gern macht: Einst hatte er den US-Künstler Ned Tate erschaffen.
    Das war ein derart guter Streich, dass die New Yorker Szene schon drauf und dran war, den angeblich zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Expressionisten neu zu bewerten."
    Net Tate war ein Malergenie – aber eben eine Erfindung.
    Täuschung und Erfindung ist also der Trick und das Spiel, das William Boyd hier mit dem Leser spielt. Und das tut er so atemberaubend gut, dass ich die Lektüre von „Die Fotografin“ nur empfehlen kann. Erliegen Sie diesem Spiel und tauchen Sie ein in eine packende Biografie, die es eben nur leider nie gab. Aber wer erwartet das schon bei fiktionaler Literatur? Also: Lesen! – 5 Sterne