Die Erwählten

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Erwählten' von John McWhorter
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Erwählten"

Eine neue Religion spaltet die Gesellschaft unter dem Deckmantel des Antirassismus. Über dieses Buch spricht ganz Amerika: Der Schwarze Sprachwissenschaftler John McWhorter prangert eine Bewegung von selbsternannten Erwählten an, die mit allen Regeln der Vernunft bricht und die soziale Gemeinschaft gefährdet. Die Debatte um Identität ist entgleist. Nicht nur in den USA, auch in Europa und in Deutschland steht die Frage im Raum: Wie konnte es so weit kommen? John McWhorter wendet sich der treibenden Kraft dieser Entwicklung zu: einer neuen Bewegung von Erwählten, die sich von den Prinzipien der Aufklärung abgewendet haben und im Umgang mit identitätspolitischen Fragen quasi eine neue Religion begründen. John McWhorter analysiert mit scharfem Blick und anschaulichen Beispielen, wo und wie sich diese politische Haltung durchgesetzt hat, warum sie viel zu radikal und essenzialistisch ist und gerade eines nicht: antirassistisch. Der unbeabsichtigte Neorassismus ist falsch und gefährlich, schadet den Schwarzen und zerstört den integrativen Diskurs. Am Ende macht McWhorter aber auch Hoffnung und zeigt den möglichen Weg zu einer Gerechtigkeit, die das Schwarze Amerika einen – und nicht spalten – soll.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783455012972

Rezensionen zu "Die Erwählten"

  1. Ausgewogenheit dringend erforderlich!

    Kurzmeinung: Eine wichtige Stimme!

    Mit dem Sachbuch „Die Erwählten/Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet“, benennt der schwarze Autor John McWhorter ein bisher eher diffus gespürtes Unbehagen mit klaren Worten und präzisem Inhalt.

    Das Problem, wie übertriebene und oft haltlose Rassismusanschuldigungen Karrieren ruinieren und Menschen in den sozialen Medien an den Pranger stellen, die weder etwas verbrochen haben noch sachlich Unrichtiges sagten, ist in den USA sicher viel verbreiteter als bei uns, da die schwarze Bevölkerung prozentual viel höher ist als in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien.

    Der Autor macht deutlich, dass es eine lautstarke Gruppe schwarzer Menschen gibt, deren Lebensideologie darauf beruht, dass (sie behaupten, dass) man ihnen Unrecht tut. Und deren Lebensaufgabe darin besteht, ein Fähnlein in den Wind zu halten und „Rassismus, Rassismus“ zu rufen. Dabei geht es jedoch oft nicht um echten, erlebten Rassismus, sondern um gefühlten und deshalb unhinterfragbaren. Dieser gefühlte erlebte Rassimus kann auch darin bestehen, dass der Dozent in seinem Fach etwas erklärt, bei dem das chinesische Wort „nay gah“ vorkommt, das nichts anderes bedeutet als ein Füllsel, einem Räuspern bei uns gleichzusetzen, wenn man Zeit schinden will, weil man gerade nicht weiß, was zu sagen ist. Dafür kann man suspendiert werden! Zumindest in den USA. Ok, wo gehobelt wird, fallen Späne. Aber. Das ist alles schon lange kein Einzefall mehr. Und auch der einzelne Betroffene wird es nicht als spaßig betrachten, wenn er arbeitslos wird, weil einer seiner Studenten behauptet, seine Gefühle würden durch diese Erklärung, durch die bloße Erwähnung dieses Begriffs verletzt. „Wer getroffen wird, entscheidet, ob es weh tut“, stimmt halt nur bedingt. Jedenfalls dann, wenn es darum geht, welche Konsequenzen daraus gezogen weden sollen. Man muss sich weder dafür schämen, dass man arm ist, dass man reich ist, dass man schwarz ist oder dass man weiß ist. Mensch ist Mensch. Und auch nicht dafür, dass man einen Sachverhalt bespricht.

    John McWhorter meint, Antirassismus sei derzeit so sehr in Mode, man muss „woke“ sein, woker und am wokesten, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet, aber nicht nur das, er meint, eine gewisse Form davon, eine, leider sehr lautstarke Spielart, sei ideologisch vergleichbar mit einer Religion. Und von daher von deren Vertretern und schon gar nicht von ihren Kritikern noch hinterfragbar. Und Nichthinterfragbarkeit (sowohl was Motiv wie auch Ursache angeht) geht zu weit.

    Der Kommtar:
    Ein wenig verrennt sich der Autor in seiner Beweiswut, wie sehr vorgenannte Ideologie der christlichen Religion gleicht. Sendungsbewusstsein und so. Man gewinnt den Eindruck, dass er eigentlich mit dem Christentum in den USA abrechnet, bzw. noch eine Rechnung damit offenhat. Und nach Donald Trump verstehe ich ihn diesbezüglich durchaus. Es wird mir immer unerfindlich bleiben, warum viele Christen in den USA einen Menschen in das höchste Amt Amerikas wählten, der ungeniert andere Leute beschimpft, seien es Frauen, Schwarze, Arme. Und der sich selber für über den Gesetzen stehend betrachtet. Aber.

    Man fragt sich doch, warum muss die neue Erwähltenideologie nur mit der christlichen Religion verglichen werden, warum nicht mit der islamischen, buddhistischen, whatsoeverReligon ebenso? Die Abarbeitung am Christentum erschwerten die Ausführungen bzw. die Nachvollziehbarkeit der Argumentation und nimmt überdies zwei Drittel des Buches ein! (Und wen interessierts).

    Was interessiert, sind Fakten. Wie und wann wirkt sich die „Erwähltenideologie“ aus? Wem zum Vorteil? Den Schwarzen? Der Autor meint, nein. Er meint, wer es nicht aushält, nach Leistung beurteilt zu werden, dem fehlt Selbstbewusstein. Er will als Schwarzer nicht bevormundet und mit Boni beleidigt werden. (Wer will das schon außer den Bankern). Außerdem lenkt das Empörtsein von wirklichen Veränderungen ab, die dringend angegangen werden müssten. Ökunomischen, gesellschaftlichen Veränderungen. Und Bewusstseinsveränderungen. Solange es als „weiß“ gilt, strebsam zu sein, und man es deshalb nicht sein dürfe (weil die Erwählten einen sonst abstrafen) – solange verändere sich doch gar nichts. Und wenn man an Hochschulen einen Zugangsbonus bekommt von 20 Prozent (wie in den 90ern in den Elitehochschulen der USA wohl geschehen), dann ändert das auch nichts, wenn die Studenten den hohen Anforderungen an der Uni im Laufe des Studiums nicht gewachsen sind und scheitern. Aber Hauptsache, man hat den Zugang erzwungen.

    Der Kommentar:
    Ich gehe in vielen Punkten mit dem Autor mit. Er hat Recht. Vielleicht nicht in allem. Aber mit vielem. Was mir nicht gefällt, ist seine polemische Schreibweise. Obwohl ich seinen Ärger richtig fühlen kann, ich kann ihn verstehen Trotzdem. Er muss sachlich bleiben, auch wenn es schwer fällt. Eigentlich müssten dafür 2 Sterne fallen, aber da es notwendig ist, mehr Ausgewogenheit in den Buchmarkt und in unsere Hirne zu bringen bei dieser Thematik, bin ich etwas nachsichtiger als gewohnt.

    Fazit: Das Buch ist da und dort polemisch. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Aber alles, was gesagt ist, musste einmal gesagt werden. Denn Toleranz ist keine Einbahnstraße. Und vom „weißen“ System, wenn damit der Kapitalismus gemeint sein sollte, profitieren alle. Mehr oder weniger. Die Reichen mehr, die Armen weniger. Aber so ist es nun einmal. Und eine gewisse Resilienz braucht jeder. Das Leben ist kein Ponyhof. Für niemanden.

    Kategorie: Sachbuch
    Verlag: Hoffmann & Campe, 2022

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