Die Eroberung Amerikas: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Eroberung Amerikas: Roman' von  Franzobel
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Eroberung Amerikas: Roman"

Nach dem Bestseller „Das Floß der Medusa“ begibt sich Franzobel in seinem neuen Roman auf die Spuren eines wilden Eroberers der USA im Jahr 1538. Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner. Franzobels neuer Roman ist ein Feuerwerk des Einfallsreichtums und ein Gleichnis für die von Gier und Egoismus gesteuerte Gesellschaft, die von eitlen und unfähigen Führern in den Untergang gelenkt wird.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:544
Verlag:
EAN:9783552072275

Rezensionen zu "Die Eroberung Amerikas: Roman"

  1. 5
    15. Feb 2022 

    Selbstüberschätzung

    Und noch ein Buch aus der 2021er Longlist des Deutschen Buchpreises. Interessant und auch eckig und sperrig. Franzobel schreibt nicht gefällig und/oder flüssig. Eher wirkt die Schreibe etwas zerrissen und hin und her springend. Nicht einfach zu lesen. Der etwas eigene Humor/der böse Sarkasmus ist auch etwas gewöhnungsbedürftig. Dennoch habe ich dieses Buch sehr gern gelesen und es bekommt eine 5 Sterne Bewertung von mir. "Die Eroberung Amerikas" ist für mich das bisher beste Buch aus der 2021er Longlist des Deutschen Buchpreises.

    Schon die Handlung interessiert mich hier sehr. Von Hernando de Soto und seinem Wirken in der neuen Welt habe ich schon gelesen. Gerade die Welt der Indianer des Südostens, eines der nordamerikanischen Kulturgebiete, interessiert mich seit frühester Zeit. Hatte doch hier die Moundkultur einen gewaltigen mesoamerikanischen Einfluss zu verzeichnen und gebar eine Vielzahl von äußerst interessanten Stämmen und Kulturen. Nur verschwanden hier viele dieser Stämme aufgrund des Gebarens der Eroberer und der grassierenden Krankheiten sehr schnell. Interessante Welten und Sichtweisen verschwanden, das kann man durchaus mit dem Abbrennen von ganzen Bibliotheken vergleichen. Franzobel beschreibt mit seinem bösen Sarkasmus das Leben des Hernando de Soto und das entsetzliche Wirken/das entsetzliche Denken von Hernando de Soto im Südosten des nordamerikanischen Kontinents in meinen Augen absolut treffend und setzt dieses damalige Verhalten der Europäer gleichzeitig auch in Bezug zu dem späteren Verhalten der Europäer in Amerika, oder eigentlich dem westlichen Verhalten in der ganzen Welt. Hier in diesem Buch wird die Welt von 1539 bis 1542 wieder greifbar und erfahrbar. Aber der Vergleich dieser alten Denke mit dem Denken und Handeln der heutigen westlichen Welt ist ein vollkommen gelungener Schachzug. Absolut treffend und gerade jetzt in der Coronazeit ist dieses egozentrische Gedankengut wieder trefflich zu beobachten. Ich sage nur verfallene Covid-Impfdosen, wie kann denn etwas in der westlichen Welt verfallen, dass in der restlichen Welt dringend gebraucht wird?! Ich frage mich des Öfteren wieso der westliche Mensch eigentlich so weit gekommen ist, wieso es den westlichen Menschen nicht schon eher von der Erdkruste befördert hat? Verdient hätte er es, wenn man sein Wirken aus der Sicht der überrannten Völker betrachtet. Dieses Buch lässt solche Fragen wieder hochkommen, gewährt aber mindestens ebenso interessant geschichtliche und auch lehrreiche Einblicke in eine vergangene Zeit! Ein faszinierendes und informatives Buch, wenn man sich darauf einlässt und sich von dem Sprachklang nicht abschrecken lässt.

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  1. 3
    12. Nov 2021 

    Florida

    Im Jahr 1538 macht sich der Eroberer Ferdinand Desoto mit seinem Tross auf den Weg nach Amerika, um Florida einzunehmen und Eldorado zu finden. In seiner Mannschaft kommt ein buntes Volk zusammen. Auch seine ungeliebte Frau ist mit dabei, sie ist die Schwester seiner großen Liebe. Desoto ist auf seinen vorherigen Fahrten reich geworden. Deshalb geht es ihm wohl mehr um den Ruhm. In Havanna zwischengelandet, lässt er seine Frau als Gouverneurin zurück. An der amerikanischen Küste angekommen, treffen die Seefahrer bald auf einheimische Völker. Derweil klagt in der Gegenwart ein Anwalt gegen den damaligen Verkauf des Landes an die Eroberer.

    Wieder widmet sich der Autor einem geschichtlichen Ereignis. Die Entdeckerfahrt des Ferdinand Desoto, der auch als Namensgeber einer amerikanischen Automarke gilt, im Spannungsfeld mit der Klage des Anwalts vor einem amerikanischen Gericht, bildet den Rahmen für eine ungewöhnliche Erzählung. Eroberer, Gauner und Seefahrer machen sich auf den Weg nach Amerika. Die Meisten haben ihrer eigenen Gründe, sich auf die Reise zu begeben. In der damaligen Zeit barg das Unterfangen nicht unerhebliche Gefahren. Dies und auch die persönlichen Querelen für zu empfindlichen Verlusten. Doch wie kommt dann ein Anwalt in der Gegenwart dazu, eine Sammelklage einzureichen?

    Die Idee, über die Jahrhunderte einen Spannungsbogen zu legen, weckt sofort Interesse. Leider kommt der Prozess, der in der Gegenwart stattfindet, und der Weg des Anwalts dahin, etwas zu kurz. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Eroberungsreise mit ihren vielen sehr unterschiedlichen Teilnehmern und den Eroberten, die selbstverständlich nicht unbedingt, damit einverstanden sind, erobert zu werden. Das Kaleidoskop der Handelnden ist sehr vielfältig und jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Wie während einer solchen Eroberung nicht anders zu erwarten, kommt es auch zu einigen Gemetzeln, die manchmal ein wenig schwer verdaulich sind. Der Roman ist in einer witzigen und pointierten Sprache geschrieben, so manches Mal stutzt man, ehe man die Verbindung zieht und ein Lächeln auf den Lippen hat.

    3,5 Sterne

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  1. Die Konquistadoren: Ideologie und Völkermord.

    Kurzmeinung: Überaus beeindruckendes Buch über die Verbrechen der Konquistadoren.

    Franzobel beschreibt in seinem neuen Roman, Januar 2021, die Desoto-„Expedition“ von Kuba nach Amerika, im 16. Jahrhundert.

    Von Havanna aus setzen Schiffe über und 800 Männer gehen im Süden Floridas an Land. Von dort geht es nach Norden, durch Georgia bis nach Southcarolina und Northcarolina, man marschiert durch Teile des heutigen Arkansas, Oklahoma und Texas, dabei überquert man irgendwann den Mississippi, den man dann später als Wasserstraße heimwärts nutzt. Nur ein Viertel der Männer kehrt heim, ihre Ausbeute, an der „Erfolg“ gemessen wird, ist gering. Ihre Taten auf dem Weg: Völkermord. Bestialitäten. Folter. Massenvergewaltigungen. Diebstahl. Brandschatzung. „Das übliche Programm“, sagt Franzobel lapidar. Was soll er sonst sagen?

    An die unsäglichen Gräueltaten, die die Konquistadoren an der einheimischen Bevölkerung verübten, erinnern heute heroische Schlachten-Namen, die ihre Widerwärtigkeiten überdecken, allen voran die Schlacht von Mauvilla, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, verübt am 18. Oktober 1540. Der Name Desotos ist heute berühmt, wenngleich nicht mehr viele Menschen wissen werden, was oder wer dahinter steckt:

    „Der Mississippi, ein Strom, so breit, dass drei Doppelkonsonanten in ihm Platz fanden. Seine Entdeckung, hundert Kilometer nördlich von New Orleans, sollte Desotos größter Erfolg sein. Er war der erste Europäer, der ihn sah. Das würde ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern. Heute sind dort Resorts und Parks nach ihm benannt, gibt es De-Soto-Hotels, -Leihwagenfirmen, -Partnerschaftsinstitute, -Reisebüros. Für den großen Eroberer war das nur ein Fluss, den es zu überqueren galt.“

    Der Kommentar:
    Kehlen durchschneiden, Vergewaltigen, Brandschatzen und Stehlen. So sehen die meisten Eroberungszüge der Geschichte wirklich aus.

    „Frag ihn, ob er damit einverstanden ist, dass wir sein Volk als Träger verwenden und seine Frauen vergewaltigen?"

    „Der weitere Weg führte sie zu Dörfern mit unfreundlichen Bewohnern, denen man die Vorräte gewaltsam entreißen musste. Schweigsame Menschen. Ewigkeiten von den Errungenschaften der Zivilisation entfernt, ohne Grundbücher, Volkszählungen, Steuern."

    Franzobel hat die Schneise der Verwüstung, die die marodierenden Männer durch das Land der indigenen Bevölkerung Nordamerikas zogen, eindrücklich beschrieben. Die Reise war lang und beschwerlich. Nicht viele erlebten die Heimkehr. Tiere und Menschen wurden geschleift. Die Indigenen wurden ausgelöscht. Was die Expedition nicht schaffte und die Krankheiten, die sie im Schlepptau hatten, erledigte Andrew Jackson vier Jahrhunderte später:

    „Diese Eingeborenen waren dem Untergang geweiht. In ein paar Jahrhunderten würde man sie wie exotische Tiere oder Missgebildete ausstellen. Männer wie Andrew Jackson würden kommen, der zweitschlechteste Präsident aller Zeiten, … Dieser Andrew Jackson, abgebildet auf der Zwanzig-Dollar-Note, leidenschaftlicher Indianerhasser und Sklavenhalter, so wie seine Vorgänger, würde mit einer brutalen Umsiedlungspolitik, die letzten indigenen Völker vernichten, aber das sollte erst vier Jahrhunderte später geschehen.“

    Dieser Roman ist wunderbar. Er ist so flapsig und ironisch geschrieben, verteilt in jedem Satz Seitenhiebe, beschreibt aber eigentlich ja nur diese Expedition. Es gibt Helden und Verbrecher, Narren und Baron Münchhausen-Geschichten, es liest sich vergnüglich. Ab und zu muss man jedoch innehalten und sich sagen: Das ist keine Schnurre, das ist wirklich so passiert, mehr oder weniger. Und dann läuft es einem kalt das Rückgrat hinunter.

    Anders als es Franzobel erzählt, kann man das Grauen nicht aushalten. Weil das ganze Ausmaß dieses Grauens nicht auszuhalten ist. Ich wünschte, der Roman würde ins Amerikanische übersetzt und dort eine Art „Blockbuster“. Ein Renner.

    Ideologie und Völkermord sind unzertrennliche Paare.

    „Für den König“ – hau drauf, „für Gott“, für „den Fortschritt“. „Für das Land“. Köpfe rollen. Man darf alles tun, wenn man die richtige Ideologie hat. Eine Rechtfertigung. Man braucht eine ideologische Erhöhung und Verbrämung, um seine Menschlichkeit zu vergessen. Und wenn die rechtfertigende Ideologie noch so dünn, verdreht oder unlogisch ist.

    Auch dies zeigt Franzobel auf. Ideologien und Königs sind gefährlich. Präsidenten, die sich wie Könige aufführen, ebenfalls.

    FAZIT: Der Roman „Die Eroberung Amerikas“ ist mit viel Esprit geschrieben, mit sehr viel Witz. Ein echter Franzobel eben. Aber auch mit sehr viel Empathie. Man muss es lesen wie einen Abenteuerroman, zum Teil ungerührt, den man kann nicht bei jedem Satz in die Knie gehen, aber man wird bei der Lektüre auch nicht vergessen können, dass dieser Roman letztlich eine leidenschaftliche Abrechnung mit den Konquistadoren ist.

    Verlag: Paul Zsonlnay, 2021
    Kategorie: Historischer Roman

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