Die Detektive vom Bhoot-Basar

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Detektive vom Bhoot-Basar' von Deepa Anappara
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Detektive vom Bhoot-Basar"

Detektivarbeit ist kein Kinderspiel. Der neunjährige Jai schaut zu viele Polizei-Dokus, denkt, er sei klüger als seine Freundin Pari (obwohl sie immer die besten Noten bekommt) und hält sich für einen besseren Anführer als Faiz (obwohl Faiz derjenige mit zwei älteren Brüdern und einem echten Job ist). Als ein Junge aus ihrer Klasse verschwindet, beschließt Jai, sein Fernsehwissen zu nutzen, um ihn zu finden. Mit Pari und Faiz an seiner Seite wagt er sich in den verwinkelten Bhoot-Basar und dann weiter hinaus in die verbotenen Viertel der Stadt. Doch mehr und mehr Kinder verschwinden, und die Dinge in der Nachbarschaft werden kompliziert … "Die Detektive vom Bhoot-Basar" erzählt von den Farben und Widersprüchen des heutigen Indien, von sozialen und religiösen Spannungen, Korruption und Ungerechtigkeit, vor allem aber von der unbesiegbaren Vitalität dreier Kinder, von deren Wagemut, Unschuld und überbordender Phantasie. Ein literarisches Debüt von besonderer emotionaler Tiefe, schon vor dem Erscheinen viele Male ausgezeichnet und bislang in 16 Sprachen übersetzt. Deepa Anappara bringt einen wahren Kriminalfall und eine mitreißende Coming-of-Age-Story zusammen mit der Magie einer großen Erzählung. Ein seltenes Glück.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783498001186

Rezensionen zu "Die Detektive vom Bhoot-Basar"

  1. Der indische Emil

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Nov 2020 

    „Ich habe das Gefühl, als wären tausend Schmetterlinge in meiner Brust. Was ist ein ganzes Leben? Wenn du als Kind stirbst, ist dein Leben dann ganz oder halb oder gar nichts?“ (S. 371)

    Dieser Satz kurz vor Ende des Romans „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ von Deepa Anappara hat mich förmlich „angesprungen“, als wenn er nur darauf gewartet hätte, als Zitat in meiner Rezension zu landen *g*.

    In ihrem literarischen Debüt erzählt die in Indien geborene und jetzt in England lebende Journalistin von einem weit verbreiteten „Phänomen“ in Indien: dem spurlosen Verschwinden von Kindern aus (zumeist) armen Familien, die in üblen Slums mit mehreren Personen auf engstem Raum leben müssen, während ein Steinwurf entfernt Prunk und Protz regieren.

    Als im Basti (Siedlung, Armenviertel) von Jai, Faiz und Pari immer mehr Kinder verschwinden, machen die drei sich auf die Suche nach ihnen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit den „Hobbydetektiven“…

    Jai, der gerne „Police Patrol“ im Fernsehen guckt und seine Freunde geben trotz aller widrigen Um- und Widerstände der Erwachsenen in ihrem Umfeld nicht auf, die anderen Kinder zu suchen. Dabei begleitet die geneigte Leserschaft die drei durch eine indische Großstadt, die nicht näher verortet ist. Letztlich ist es jedoch auch egal, in welcher Stadt es spielt – der Kern der Geschichte basiert auf Tatsachen. Und das es überhaupt passiert, ist schlimm genug.

    Während Jai und Co. mutig durch die Stadt fahren und durch den Basar laufen, riecht und schmeckt man den tiefhängenden Smog, der die Sicht einschränkt und krankmacht, die Gerüche und Gerichte der Straße und des Basars, man hört den Lärm der Millionen von Autos, die schreienden Kinder und Händler – unglaublich, mit welcher Intensität Deepa Anappara hier erzählt. Das kann aber trotzdem nicht von dem Schicksal der verschwundenen Kinder ablenken und das ist auch gut so!

    Immer wieder flechtet die Autorin auch die rassistischen und religiösen Konflikte der Bewohner des Bastis in ihre Geschichte ein, zeigt die Korruption der Polizei und die Haltung der Reichen, die sich in ihre eingezäunte Siedlung „flüchten“ und „das Elend“ aussperren. Widerlich und verlogen – in meinen Augen.

    „Glaub mir […]. Heute oder morgen – eines Tages verlieren wir alle jemanden, der uns nahestand und den wir liebten. Glücklich sind diejenigen, die alt werden in der Überzeugung, dass sie Kontrolle über ihr Leben haben, aber auch sie werden eines Tages erkennen, dass alles ungewiss ist und man irgendwann für immer verschwindet. Wir sind nur Staubkörner in dieser Welt, leuchten einmal kurz in der Sonne auf, und dann verschwinden wir im Nichts. Du musst lernen, deinen Frieden damit zu machen.“ (S. 377)

    Ausgestattet mit einem umfangreichen Glossar der meisten im Buch vorkommenden indischen Begriffe und einem persönlichen Nachwort der Autorin endet dieser Roman.

    Ein beeindruckendes Debüt und eines der absoluten Highlights in diesem Jahr!

    5* und absolute Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Mitreißend und ergreifend

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jul 2020 

    Inhalt (Klappentext):

    Detektivarbeit ist kein Kinderspiel. Der neunjährige Jai schaut zu viele Polizei-Dokus, denkt, er sei klüger als seine Freundin Pari (obwohl sie immer die besten Noten bekommt) und hält sich für einen besseren Anführer als Faiz (obwohl Faiz derjenige mit zwei älteren Brüdern und einem echten Job ist). Als ein Junge aus ihrer Klasse verschwindet, beschließt Jai, sein Fernsehwissen zu nutzen, um ihn zu finden. Mit Pari und Faiz an seiner Seite wagt er sich in den verwinkelten Bhoot-Basar und dann weiter hinaus in die verbotenen Viertel der Stadt. Doch mehr und mehr Kinder verschwinden, und die Dinge in der Nachbarschaft werden kompliziert …

    Meine Meinung:

    "Die Detektive vom Bhoot-Basar" ist nach "Rupien! Rupien!" und "Das Museum der Welt" dieses Jahr schon das dritte Buch für mich, das in Indien spielt. Immer wieder bin ich völlig sprachlos und verstört, ob der geschilderten Armut eines Großteils der Bevölkerung und dem Langmut, bzw. Fatalismus mit dem die Menschen in diesen gegebenen Verhältnissen leben. Die Geschichte hier wird aus der Sicht des 9-jährigen Jai erzählt und es wird deutlich, dass das Leben in diesen, für unsere wohlsituierten europäischen Standards, bitter armen Lebensumständen völlig normal sein kann. Der Junge wird geliebt und umsorgt und führt trotz aller Einschränkungen ein normales und teilweise aufregendes Kinderleben. Was wie eine Kinder-Detektivgeschichte beginnt entwickelt sich nach und nach zu einem ergreifenden Drama. Es zeigt die Ohnmacht der Slumbevölkerung gegenüber den Obrigkeiten, für die ein verschwundenes Kind dieser Gesellschaftsschichten keine Mühe wert ist. Es zeigt auch, wie schnell Sündenböcke für scheinbar unerklärliche Ereignisse gesucht werden und der Volkszorn auf Andersgläubige oder andere Minderheiten gerichtet wird. Die Schilderungen aus Kindersicht zeigen einen anderen Blickwinkel, ich empfand das als sehr gelungen. Die Sprache wird dadurch natürlich einfacher, aber die Figuren wirken lebendig und man kann sich sehr gut in die Gefühlswelt des Jungen hineinversetzen.

    Fazit:

    Es ist eine mitreißende, aber auch ergreifende Geschichte, die definitiv zu meinen Jahres-Highlights gehört.

  1. Armes Indien

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mai 2020 

    Täglich knapp 200 Kinder verschwinden in Indien, die meisten werden nicht einmal vermisst.
    Deepa Anappara benutzt für ihren Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ eine auf tatsächlichen Ereignissen beruhende Geschichte über die Entführung von Kindern. Die Autorin führt den Leser in ihrem großartigen Debüt-Roman in ein Armenviertel in Dehli, wo bei einer Entführungsserie Kinder aus dem Slum verschwinden und eine Bande von Kinderdetektiven dort ermittelt, wo die Polizei wegsieht.
    Weit weg von der glitzernden Bollywood-Welt wird man als Leser mit Grausamkeiten im Slum, unvorstellbaren Lebensumständen und Armut, Frauenfeindlichkeit und Übergriffen von nationalistischen Hindus auf Muslime aus naiver kindlicher Sicht konfrontiert. Beim Lesen wirkt das unschuldig, nicht Mitleid erheischend, aber dennoch wie eine Sozialstudie der indischen Unterschicht, die dadurch erträglich ist, dass die kleinen Protagonisten nicht hoffnungslos verloren sind, sich Glücksmomente und Freude bewahren und zumindest in den Geistergeschichten das Gute siegen darf.
    Die Autorin weiß wovon sie schreibt, sie hat als Journalistin in Dehli gearbeitet und hatte dort viel Kontakt zu Straßenkindern, denen sie in ihrem Roman ein Gesicht gibt. Ihre Erfahrungen mit den Kindern spiegeln sich in ihrem Buch wider, es sind keine armen duldsamen Opfer sondern aufgeweckte mutige, schlaue und freche Kinder, die selbstbewusst durchs Leben gehen.

    Der neunjährige Jai, seine kluge Freundin Pari und der muslimische Faiz sind die Kinderdetektive, die nach dem Verschwinden eines Schulfreundes aus Jais Klasse nach diesem suchen. Jai schaut zu viele Polizeidokus und schwingt sich zum Anführer der Bande auf, Pari kommt als Klügste von allen auf die besten Ideen und Faiz hat viel Lebenserfahrung, arbeitet er doch schon im nahe gelegenen Basar. Alle drei leben im Basti, einem illegalen Slum am Fuß einer großen Müllkippe, hinter der die Wohntürme der Betuchten HiFi-Leute aufragen. Als immer mehr Kinder verschwinden geraten auch die drei kleinen Ermittler in Gefahr.

    Durch die Struktur der Geschichte fühlt man sich sofort an Emil und die Detktive oder an Kalle Blomqvist erinnert. Aber das Wesen des Romans besteht nicht in der Aufklärungsarbeit - dazu tragen die Kinder lediglich kleine Schnipsel bei - sondern im Blick auf das Leben in einer Großstadt im heutigen Indien. Ganz nahe darf man den Bewohnern des Basti über die Schulter sehen, ihre Armut im Alltag genauso beobachten wie den Umgang mit der Familie, mit Minderheiten, mit Geistern. Korrupte Polizisten treten im Basti auf genauso wie rechtsnationale Hinduisten. Man bekommt Einblick in die weit geöffnete Schere der Klassenunterschiede, wenn man davon liest, wie Jais Mutter sich für eine HiFi-Madam als Dienstmädchen abschuften muss. Oder wie der Vater eines der entführten Jungen, ein Mann, der für die Reichen die Bügelwäsche erledigt, durch den Wegfall der Arbeitskraft seines Jungen komplett im Schuldenstrudel versinkt. Von undurchdringlichem allgegenwärtigen Smog erzählt die Autorin ebenso wie von der Angst der Bewohner des Basti vor den Bulldozern. Alles betrachtet aus der Sicht des kindlichen Ich-Erzählers Jai, was den vielen Schrecken oft die Spitze nimmt und es für den Leser etwas erträglicher macht.
    Es ist eine kluge Wahl der Autorin, den kleinen Jungen erzählen zu lassen. Er ist neugierig und aufgeweckt, unschuldig und darf sich irren, starrt genau hin wo ein Erwachsener wegsehen würde. Und er glaubt an von Mund zu Mund weitergegebene Geistergeschichten, die den Kindern und Verlassenen Hoffnung und Schutz vor der harten Realität spenden.

    Am Ende kommt es durch die Mithilfe der drei Freunde Jai, Pari und Faiz zu einer Verhaftung, allerdings wird nicht endgültig geklärt ob es wirklich die Drahtzieher erwischt hat. Auch das Motiv bleibt offen, ebenso wie die entführten Kinder verschwunden bleiben. Wie im richtigen Leben endet das Interesse der Polizei und der Medien nach einem kurzen Aufflackern, denn die Ärmsten der Armen sind einfach nicht wichtig genug um mehr Anstrengungen zu investieren. Dazu fehlt ihnen einfach das Geld zur Bestechung in der korrupten indischen Gesellschaft.
    Leichtfüßig beginnt die Geschichte, aber im Verlauf nimmt die Bedrückung immer mehr zu, beim Leser und bei den drei kleinen Detektiven, die zunehmend überfordert sind von Korruption, Diskriminierung, Schmutz, Brutalität und der Enge des Viertels. Als Leser fühlt man sich ebenso, denn es ist keine glückliche Geschichte mit einem guten Ende, auch wenn ab und zu Lebensmut und Hoffnung aufblitzen, lastet das Gelesene schwer auf dem Gemüt und ich fühle mich in meiner Komfortzone etwas unbehaglich und mitschuldig.

  1. Das Gegenteil von Bollywood...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Mai 2020 

    Der neunjährige Jai lebt mit seiner Familie in einer Einraumhütte in einem Elendsviertel einer nicht näher bezeichneten indischen Stadt. Er hat Träume wie andere Kinder auch, und derzeit hat er dank TV-Vorbildern den Wunsch, der weltbeste Detektiv zu werden und Kriminalfälle aufzuklären. Als im Bhoot-Basar ein Kind verschwindet, sieht Jai seine Chance gekommen. Obwohl seine Freundin Pari in der Schule deutlich besser ist als er, glaubt der Neunjährige, dass sie sowie sein Freund Faiz ihn höchstens als Assistenten bei seinen Ermittlungen unterstützen können. Jais Rolle als Anführer wird nicht wirklich akzeptiert, aber die drei Freunde machen sich alsbald auf die Suche nach dem verschwundenen Kind.

    Was wie ein Kinderspiel beginnt, erhält zunächst schleichend und dann immer rasanter eine ernstere Note. Immer mehr Kinder verschwinden in dem Elendsviertel, die Familien verzweifelt, die Polizei untätig, korrupt und desinteressiert, ganz im Stile eine Schutzgeld-Mafia. Die Lage in der Nachbarschaft spitzt sich zu, neben Angst hält Misstrauen Einzug, und schnell ist eine schuldige Partei gefunden: die im Viertel lebenden Muslime. Jai und seine Freunde sind entsetzt, um so mehr, da Faiz und seine Familie ebenfalls muslimischen Glaubens sind. Aber wer oder was steckt denn nun hinter dem Verschwinden der Kinder? Sklaven- oder Organhändler? Oder doch Geister und Dämonen?

    Deepa Anappara lebt heute in England, wuchs aber in Indien auf, wo sie jahrelang als Journalistin arbeitete. Im Rahmen ihrer zahlreichen Recherchen in den Elendsvierteln indischer Großstädte sammelte sie Begegnungen und Erzählungen, gerade auch die Schicksale vieler Kinder. In diesem Roman wollte Deepa Anappara nicht nur den widrigen Lebensumständen dieser ärmsten aller armen Kinder Rechnung tragen, sondern vor allem auch demonstrieren, dass es diesen Kindern trotz allem nicht an Hoffnung fehlt, dass sie sich oftmals nicht als Opfer sehen, nicht resignieren, sondern im Gegenteil mit einer gehörigen Portion Frechheit, Humor, Sarkasmus und Energie durchs Leben gehen. Dies verrät sie im Nachwort zu diesem Roman, und tatsächlich ist dieses Vorhaben in meinen Augen gelungen.

    Für mich war es überhaupt ein gelungener Schachzug, die Geschehnisse aus der Sicht eines Kindes zu schildern. Das Basti (das Armenviertel), in dem Jai und seine Freunde leben, wird bildgewaltig als genau das dargestellt, was es ist: eine kaputte Welt. Armut, Ungleichheit, erschreckende hygienische Zustände, Chancenlosigkeit, Gewalt gegenüber Kindern und Frauen, Korruption und Ungerechtigkeit, religiöse Spannungen und Kämpfe - und über allem der immerwährende Smog, der, neben all den anderen genannten Faktoren, ernsthaft gesundheitsgefährdend ist.

    Durch die kindliche Perspektive wird alles ungefiltert gezeigt, jedoch ohne anzuklagen oder zu moralisieren. Das Erkennen der Unfassbarkeit und die Wertung eines Lebens unter solchen Umständen findet dann allein im Kopf des Lesers statt, der zusehen muss, wie er mit der Wucht der auf ihn einprasselnden Bilder klarkommt. Bei der kindlichen Perspektive fehlt zudem die Resignation und Hoffnungslosigkeit vieler Erwachsener - ganz im Gegenteil sprühen die Kinder oftmals vor Viatalität, Einfällen, Witz und Wagemut. Dies bietet einen wohltuenden Kontrast, ohne den das Gelesene sicherlich nur schwer zu ertragen gewesen wäre.

    Trotz des kindlich-naiven Erzählstils und einigen humorvollen Einschüben hat es Deepa Anappara vermieden, hier eine Feel-Good-Story zu erzählen. Die Detektivspiele der Kinder bieten den Rahmen für die Darstellung realer Lebensumstände vieler Slumbewohner Indiens - auch die zahlreichen verschwundenen Kinder zählen dazu. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachvollziehbar, dass das Schicksal dieser Kinder im Roman nicht wirklich aufgeklärt wird. Es gibt Anhaltspunkte, schreckliche Umstände zu vermuten, aber Deepa Anappara lässt Jai und den Leser zumindest mit einem winzigen Funken Hoffnung zurück.

    Ein literarisches Debüt, das mich wider Erwarten mit einer emotionalen Tiefe überrollt hat, die auch Tage nach der Lektüre noch nachwirkt. Vordergründig ein Krimi, untergründig eine Milieuschilderung, die betroffen macht, die durch die Einblicke, die Deepa Anappara jahrelang in die Armenviertel indischer Großstädte erhielt, aber unzweifelbar authentisch ist. Um so erschreckender...

    Lesenswert, empfehlenswert, beeindruckend.

    © Parden

  1. Indisches Sozialdrama

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Apr 2020 

    Bei diesem Buch handelt es sich um eine interessante und lesenswerte Gesellschaftskritik aus der Sicht eines Kindes, eines betroffenen Kindes, weil es der ärmeren Gesellschaftsschicht angehört, ein indischer Junge, der neunjährige Jai. Dieses Buch ist spannend geschrieben und es hat mich wunderbar unterhalten. Es bringt dem Leser die indische Welt, das indische Denken, das indische Leben, die indische Mystik näher. Da die Geschichte durch das Auge eines indischen Kindes blickt, aus der Sicht eines Kindes erzählt wird, ist der Blick natürlich etwas eingeengt. Erwachsener hätte mir das Ganze natürlich noch viel besser gefallen. Aber dennoch ist das Buch informativ, spannend und auch interessant.
    Es verschwinden Kinder aus einem Basti, einer Siedlung der indischen Armen innerhalb einer Großstadt. Der neunjährige Jai und seine Freunde, die kluge Pari und der muslimische Faiz werden kurzerhand zu den Detektiven und versuchen das Verschwinden der Kinder aufzuklären. Dafür, dass sie zur Zielgruppe gehören, gehen sie recht unbedarft mit der Gefahr um. Kindlich unbedarft eben. Aber was sollen sie auch machen? Eine Alternative gibt es für sie nicht.
    In dem Buch werden dann die Reaktionen der Polizei und der Mächtigen des Landes geschildert, es wird geschildert, wie polemische Strömungen diese Geschehnisse ausnutzen, um an Einfluss zu gewinnen und religiöse Spannungen zu vertiefen und es werden auch die Spannungen und Benachteiligungen beschrieben, die zwischen den Geschlechtern bestehen. Und das aus der Sicht des Kindes. Trotzdem ein Kind aus seiner kindlichen Sicht heraus berichtet, entsteht ein anklagendes Bild der heutigen indischen Gesellschaft mit ihren Umweltproblemen und gerade dem westlichen Leser wird klarer wie ärmere Menschen in Indien leben müssen. Ich würde sagen, Deepa Anappara ist es wunderbar gelungen, ein lebensechtes Bild des heutigen Indien zu entwerfen und sie lässt in ihrem Buch gerade die Menschen zu Wort kommen, auf die in Indien keiner hört, Indiens Arme. Man kann nur hoffen, dass dieses Buch vielleicht hilft Bestehendes zu verändern. Auch wenn ich das nicht glaube.