Die chinesische Orchidee

Buchseite und Rezensionen zu 'Die chinesische Orchidee' von Lingyuan Luo
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5 von 5 (1 Bewertungen)

China 1990 bis 2010 - eine Nation im Umbruch. Es herrschen unvorstellbarer Reichtum, unbegrenzte Macht, Willkür und Korruption. Und dazwischen die mörderischen Versuche der Partei, die Kontrolle zu behalten. Denn machtbewusste Provinzfürsten drohen der Zentralgewalt in Peking zu entgleiten. Wie kleine Kaiser halten sie fern von Peking üppig Hof, Konkubinen inklusive. Eine dieser Nebenfrauen ist die junge Su Lifei. Nach dem Tod ihrer Eltern heiratet sie einen kleinen und loyalen Beamten, erfüllt ihre Pflichten als Ehefrau, Mutter, Angestellte. Doch dann tritt der charismatische Gouverneur Kang Yimiao in ihr Leben. Und es kommt, was kommen muss: Leidenschaft, Liebe, zunehmender Einfluss, mehr Leidenschaft, mehr Liebe ... Su Lifei entdeckt, was das Leben zu bieten hat im Schatten der Macht. Sie steigt an Kangs Seite von einer mittellosen kleinen Angestellten zur beneideten Unternehmerin auf. Bis sich eines Tages die gefürchtete Disziplinarkommission der Partei meldet. Kang Yimiao verschwindet von der Bildfläche. Su Lifei flüchtet nach Peking. Mächtigere Liebhaber, spektakulärere Geschäfte, höhere Falltiefe ... Ein dramatisches Sittengemälde aus einem noch immer fremden Land und die ergreifende Geschichte einer unbezähmbaren, mutigen und sehr weiblichen Frau.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:382
Verlag: Louisoder
EAN:9783944153520

Rezensionen zu "Die chinesische Orchidee"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Aug 2019 

    China und die Korruption

    "Die ältesten Überlieferungen über Orchideen stammen aus dem Kaiserreich China und beziehen sich auf die Kultur von Orchideen aus der Zeit um 500 v. Chr. (Tsui Tsze Kang: Orchideenkultur im Kum Cheong (erschienen in der Song-Dynastie 1128–1283)). Der chinesische Philosoph Konfuzius (551–478 v. Chr.) berichtete über ihren Duft und verwendete sie als Schriftzeichen »lán« (chinesisch 蘭), was so viel wie Anmut, Liebe, Reinheit, Eleganz und Schönheit bedeutet." (Quelle: wikipedia)

    Eine Musterbeispiel an Anmut, Liebe, Reinheit, Eleganz und Schönheit ist Lifei, die Protagonistin des Romans "Die chinesische Orchidee" der, in Deutschland lebenden Chinesin Luo Lingyuan. So poetisch der Titel auch klingt, die Geschichte, die hier erzählt wird, hat nur wenig mit Poesie zu tun.
    Denn der Roman behandelt den Aufstieg und Fall einer Frau im modernen China. Es geht um Macht, Korruption und Emanzipationsversuche.

    Lifei, Angestellte, Ehefrau von Li Rong und Mutter von Jinjin, ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sie lernt einen einflussreichen Politiker kennen, wird seine Geliebte und findet sich auf einmal im Kreis der Mächtigen wieder, wenn auch demütig im Hintergrund. Das ist das, was mann von ihr erwartet. Unauffällig im Hintergrund verweilen und parat sein, wenn der Mächtige nach ihr verlangt. Dabei ist sie nicht allein, denn es gehört zum guten Ton, dass mächtige Männer sich mindestens eine Geliebte halten. Es gibt sogar eine eigene Bezeichnung für diese Frauen.

    "In Changsha sieht Lifei ihren Liebhaber häufiger. Um das Zusammensein unauffällig einzuleiten, lässt Kang sie oft zu Empfängen einladen. So lernt sie nicht nur die mächtigen Männer der Provinz kennen, sondern auch ihresgleichen. Die Geliebten der wichtigen Männer haben einen besonderen Namen: ernai - die 'zweite Brust' - werden sie in der Gesellschaft genannt. Diese Frauen besitzen eine mysteriöse Macht und führen ein luxuriöses Leben."

    Lifeis neue Rolle ist ein Glücksgriff für sie und ihre Familie. Denn plötzlich eröffnen sich neue Möglichkeiten: Der Ehemann wird befördert, eine gute schulische Ausbildung für die Tochter ist garantiert. Wen wundert es da, wenn der Ehemann von Anfang an die „Karriere“ seiner Frau als ernai wohlwollend unterstützt hat, ja sogar als ihr Berater fungiert. Aber als ernai lebt frau gefährlich. Wird ein Politiker zu Fall gebracht, reißt er sein Umfeld mit sich in die Tiefe. Und Politiker in China werden häufig zu Fall gebracht. Sie bieten auch genügend Angriffsfläche. Korruption gehört zum guten Ton in der Politik Chinas. Man darf den Hals nur nicht zu voll kriegen und bei seinen korrupten Machenschaften zu offensichtlich sein. Früher war es einfacher, als Politiker in die eigene Tasche zu wirtschaften. Heutzutage muss man in China damit rechnen, von der "Disziplinarkommission" in die Mangel genommen zu werden. Die Zeiten ändern sich in China.

    "Wer an die Disziplinarkommission geraten ist, macht eine Höllenfahrt und weiß nicht, ob er sie überleben wird."

    Lifeis Wohltäter wird erwischt. Und schon ist es für sie mit dem Leben in Luxus und Wohlstand vorbei. Aber sie ist eine besondere Frau. Sie versteht es, ihr gutes Aussehen und ihre Intelligenz gewinnbringend einzusetzen. Sie hat ihre Zeit als ernai genutzt, um nicht nur Luxusgüter anzuhäufen, sondern auch Wissen. Schnell hat sie begriffen, welche Möglichkeiten sich ihr im Kreis der Mächtigen bieten. Und mit der Zeit wird sie zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau, die mit Unterstützung diverser Liebhaber in den Korruptionsmachenschaften der Politik mitmischt. Man kann sich denken, dass dies auf Dauer nicht gutgehen kann.

    "Jeder im Land hilft seinen Freunden, vom kleinsten Beamten bis zum Gouverneur. Wer gut schmiert, der gut fährt. Auf allen Ebenen gibt es Geschenke und Belohnungen für gute Dienste, die man seinen Freunden erwiesen hat. Das gehört zur Kultur dieses Landes."

    Diese Lifei ist also eine Frau, die gelernt hat, bei den Korruptionsspielchen mitzuspielen und daraus ihren Vorteil zu ziehen. Eigentlich müsste man ihr gegenüber Ablehnung verspüren. Aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Wir haben es mit einer Frau zu tun, die clever genug ist, um in einer von Männern dominierten Welt zurecht zu kommen. Sie nimmt sich ein großes Stück vom Kuchen, während andere Frauen sich damit zufrieden geben, ein paar Krümel zugeworfen zu bekommen. Lifei hat es verstanden, ihr persönliches Kapital einzusetzen: ihr gutes Aussehen, ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Intelligenz.
    Sie scheint eine zerbrechliche Schönheit zu besitzen, auf die die Männer anspringen. Durch ihre Wandlungsfähigkeit ist sie in der Lage, in jeder Situation dem Frauenbild zu entsprechen, das der jeweilige Mann mit dem sie es gerade zu tun hat, vor Augen haben möchte. Und sie ist clever genug, aus den Möglichkeiten, die sich ihr bieten am Ende Kapital zu schlagen. Von der Sekretärin, Hausfrau und Mutter zur erfolgreichen Geschäftsfrau, und das innerhalb kürzester Zeit. Das soll ihr mal jemand nachmachen.

    Fazit:
    Chinesische zeitgenössische Literatur ist mir fremd. Ich habe gewisse Vorbehalte. Da China den Ruf hat, sehr empfindlich auf Kritik am System zu reagieren, kann ich mir vorstellen, dass ein Autor, der aufrichtig über das moderne Leben in China berichtet, ein großes Risiko eingeht und daher Kritik am System nur sehr milde äußert - wenn überhaupt.
    Daher empfinde ich es als Bereicherung, wenn eine chinesische Autorin aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände in der Lage ist, kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.
    So auch Luo Lingyuan, die seit fast 20 Jahren in Deutschland lebt und in dieser Zeit schon einige china-kritische Bücher veröffentlicht hat.
    "Die chinesische Orchidee" ist ein echtes Highlight für mich. Ein Roman, der mir das Leben einer mutigen Frau in einer fremden, von Männern dominierten Kultur aufzeigt. Allgemein ist bekannt, dass China das Land der Korruption ist. Am Ende ist man aber doch verblüfft, in welchem Ausmaß und mit welcher Ignoranz dieses System gelebt wird. Die Autorin hat dieses Thema sehr spannend und authentisch umgesetzt, so dass man fast vergessen möchte, dass es sich bei Lifei und ihrer Geschichte um Fiktion handelt.

    Leseempfehlung!

    © Renie