Die blaue Gitarre: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die blaue Gitarre: Roman' von John Banville
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Von der Liebe, der Kunst und dem Scheitern - der neue Roman von John Banville.
Oliver ist nicht nur ein Maler, den die Inspiration verlassen hat, sondern er ist auch ein Kleptomane, dem es ein fast erotisches Vergnügen bereitet, anderen Menschen persönliche Dinge zu entwenden. Als Polly, die Frau seines besten Freundes Marcus, zum Objekt seiner Begierde wird, nimmt eine tragische Entwicklung ihren Lauf.Im Zentrum von John Banvilles neuem Roman steht eine Viererkonstellation: zwei befreundete Ehepaare und die Dynamiken, die sich zwischen ihnen Bahn brechen. Protagonist Oliver war einmal ein erfolgreicher Maler, der eine glückliche Ehe mit seiner Frau Gloria führte, doch beides gehört der Vergangenheit an. Nachdem die Affäre mit Polly, der Frau seines besten Freundes, ans Licht gekommen ist, hat er sich in sein Elternhaus zurückgezogen und denkt nach, über die Liebe, die Kunst und den Tod, über Schuld und über menschliche Beziehungen, im Allgemeinen und im Besonderen. Doch dabei muss er bald erkennen, dass auch er einer Täuschung aufgesessen ist und die Rollen von Betrüger und Betrogenem - und von Schuld und Unschuld - nicht ganz so klar umrissen sind wie zunächst angenommen.Eine sprachlich und intellektuell beeindruckende Kontemplation über die Liebe, die Kunst und das Scheitern in beiden Disziplinen - John Banville begeistert einmal mehr.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
EAN:9783462050257

Rezensionen zu "Die blaue Gitarre: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Dez 2019 

    Ein grandioser Autor aber kein besonderes Lesevergnügen!

    Der fast fünfzigjährige Ich-Erzähler Oliver Otway Orme hat sich von seiner Ehefrau Gloria und dem befreundeten Ehepaar Polly und Marcus in sein Elternhaus zurückgezogen und hängt seinen Gedanken nach. Wir sitzen quasi in seinem Kopf und folgen auf ca. 350 Seiten diesen Gedanken, die in ihrer Gesamtheit eine Art Selbstbetrachtung, Résumé der vergangenen Jahre und Lebensbeichte darstellen.

    Der Erzähler Oliver, ein ehemaliger Maler, der sich plötzlich seiner Begabung beraubt fühlt, lässt gleich auf den ersten Seiten die Bombe platzen: er sei ein Dieb. Er bagatellisiert die Vergehen und verniedlicht seine Taten, während er sich selbst überheblich zum Autolykos und Wunderkind erhöht. Außerdem habe er sich in Polly, die Frau seines besten Freundes Marcus verliebt und sie ihm gewissermaßen gestohlen.

    Im Verlauf erzählt uns der mir zunehmend unsympathisch werdende Narzisst von seinen Gedanken und Gefühlen, seinem Leben, seiner Ehe, einem tragischen Schicksalsschlag, der Beziehung zum befreundeten Ehepaar, der Entwicklung seiner Verliebtheit und Affäre zu Polly und von noch einigem mehr.

    Des Betruges und der Vergehen überführt, verändert sich der Ton im Verlauf. Erst eher locker-flockig und ironisch-sarkastisch, wird er später melancholischer, selbstmitleidiger und weinerlicher.

    Oliver erzählt und lamentiert von Leere, Scheitern, Verlust, Gier, Starre, Lähmung, Angst und Tod. Selten berührt er mich und weckt mein Mitgefühl. Das liegt wohl daran, dass er nur beschreibt, feststellt und klagt, aber keinerlei Erkenntnis daraus zieht, Reue empfindet, oder Veränderung anvisiert.

    Auf mich wirkte der Roman wie der schonungslose, wahre, irgendwie abstoßende und empörende, ab und zu amüsante und manchmal berührende Erguss eines einerseits selbstunsicheren und einsamen und andererseits selbstverliebten, egozentrischen und aufgeblasenen Mannes, der zu Selbstüberschätzung, Größenphantasien und Selbstmitleid tendiert. Die Nebenfiguren bleiben blasse Statisten, während Oliver um sich selbst kreist.

    Obwohl meine Nerven und Geduld strapaziert wurden und die Lektüre daher teilweise anstrengend und kein wirkliches Lesevergnügen war, hege ich große Bewunderung für John Banville, da ich der Meinung bin, dass nur ein wirklich grandioser Autor das Innenleben und die äußeren Begebenheiten so vorzüglich sezieren, beschreiben und solch intensive, überwiegend aversive Gefühle beim Leser auslösen kann.

    Die Sprache ist wunderschön. Seine Bilder und Metaphern regen die Phantasie an. Mit provokanten Aussagen löst er Empörung aus und zwingt er den Leser regelrecht zum Nachdenken, diskutieren oder widersprechen wollen.

    John Banville schafft es, gleichzeitig ungläubige Verwunderung, Empörung, Fassungslosigkeit und Faszination hervorzurufen, indem er den Charakter des verantwortungslosen, unempathischen, unreifen, reflexions- und introspektionsfähigen, aber veränderungsresistenten, selbstbezogenen und selbstverliebten Oliver, der keine echte emotionale Beziehung zu anderen Menschen aufbauen kann und kaum Bezug zur Realität hat, derart detailliert, klar und ungeschönt zeichnet.

    Wer Lust hat auf ein wirklich gelungenes Charakterportrait eines Menschen mit dem Motto „Das Leben ist ein Spiel, die Menschen und Dinge sind meine Spielsachen und mir gehört die Welt.“, der sollte diesen Roman lesen. Wer darüber hinaus eine recht interessante Lebensgeschichte mit überraschender Wende lesen möchte und gelassen genug ist, um sich auf all das vorher Beschriebene neugierig und offen einzulassen, dem sei dieses Buch empfohlen. Ich bereue keine Minute, es gelesen zu haben, aber es war keine kurzweilige und entspannende Lektüre.