Die Beichte einer Nacht

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Beichte einer Nacht' von Philips, Marianne
4.55
4.6 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Beichte einer Nacht"

In einer Nervenklinik vertraut Heleen des Nachts einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Sie erzählt vom Aufwachsen in einer kinderreichen protestantischen Familie, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg, den sie sowohl ihrer eigenen Schönheit als auch ihrem Sinn für Schönes zu verdanken hat. Und sie berichtet von ihrer großen Liebe Hannes und ihrer jüngeren Schwester Lentje, um die sie sich seit dem Tod ihrer Eltern kümmert. Mit ungeahnten Folgen, denn ihrer eigenen Eifersucht kann sie sich nicht entziehen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag:
EAN:9783257071429

Rezensionen zu "Die Beichte einer Nacht"

  1. Ein wiederentdeckter Klassiker

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Jul 2021 

    Handlung

    Erzählerin Heleen ist Patientin in einer Nervenklinik und legt in den stillen Stunden ihre Lebensbeichte ab, gegenüber einer schweigenden jungen Nachtschwester.

    Mal sagt Heleen selber, sie sei verrückt, mal streitet sie das vehement ab. Auf mich wirkt sie keineswegs verrückt – nach einer Kindheit und Jugend, in der sie ausgenutzt und über die Erschöpfung hinaus überarbeitet wurde, fing sie an, sich als junge Frau in verzweifeltem Egoismus alles zu nehmen, was sie bekommen konnte. Ihre Schönheit ermöglichte ihr einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg und das aufblühende Glück schien sich in der Beziehung zu ihrer großen Liebe Hannes zu vervollständigen… Und doch enthielt diese schon den Stachel des Unglücks.

    In Heleens Erinnerungen zeichnet sich ein tragisches Bild dessen, was sie in diese Klinik gebracht hat. Wir folgen ihrem Lebensweg bis zum Wendepunkt: unfähig, mit ihrem vermeintlich offensichtlichen Altern und dem somit drohenden Verlust ihrer Schönheit umzugehen, steigerte sie sich in Selbsthass und eifersüchtigen Wahn, mit schrecklichen Folgen.

    Der behandelnde Arzt beginnt schon nach dem ersten Gespräch, sie zu behandeln wie einen lästigen Gegenstand. Viele ihrer Mitpatientinnen in dieser Nervenklinik sind sicher ebenfalls nicht “verrückt” – die alten Menschen dort wirken in Heleens Schilderungen einfach dement, die jüngeren wie sie selbst überfordert von ihren Leben. Niemandem wird wirklich geholfen, die Patientinnen sollen den ganzen Tag im Bett bleiben und erhalten keine nennenswerte Therapie. Es scheint vor allem darum zu gehen, sie ruhig zu stellen.

    Die junge Nachtschwester gibt niemals Antwort, spricht im ganzen Roman kein einziges Wort. Aber du spürst ihre Neugier in den kleinen Signalen, die sie Heleen unwillkürlich gibt und die diese nicht unkommentiert lässt. Wahrscheinlich wurde der Schwester beigebracht, nicht mit den Patientinnen zu sprechen, sie nicht zum Reden zu ermutigen. Stille Patientinnen sind pflegeleichter – und wenn sie erstmal angefangen haben, zu reden, fangen sie vielleicht auch an, zu weinen oder sogar zu schreien.

    Das Buch wurde in den 30ern geschrieben, da war es vielerorts in den Nervenheilanstalten wahrscheinlich wirklich so. Die Autorin schildert das sehr authentisch, glaubhaft und sensibel, gleichzeitig lesen sich ihre Worte erstaunlich modern. In vielerlei Hinsicht ist Heleen eine Protagonistin, die nicht ins weibliche Idealbild der Zeit passt, und entsprechend wirkt auch die Sprache keineswegs antiquiert.

    Anfangs war ich sehr beeindruckt davon, mit welchen Mut sie schon als junges Mädchen unverhoffte Chancen ergreift. Ein halbes Kind… Und sich dennoch ihrer weiblichen Reize deutlich bewusst. Furchtbar, dass diese Reize ihr Ticket in ein besseres Leben sein mussten, denn als jungem Mann hätten ihr bei ihrer Intelligenz und ihrem Charisma die Welt offen gestanden. Dennoch kam ich nicht umhin, ihr Beifall zu zollen dafür, wie sie ihre Möglichkeiten nutzt, um als Frau erfolgreich zu sein.

    Mein Bild von ihr wandelte sich indes im Laufe der Erzählung immer wieder. Einerseits ist Heleen sehr oberflächlich, sie kann unglaublich manipulativ und berechnend sein – sie hat anscheinend kaum Bewusstsein für richtig und falsch, nur für schön und hässlich. Andererseits ist diese Persönlichkeit ein direktes Resultat ihres Lebens, daher fühlte ich trotz allem mit ihr.

    Sie spricht von sich, als sei ihre Schönheit ihr ganzer Wert, als könnten andere Menschen sie nur dafür lieben – wo es doch offensichtlich ist, dass SIE diejenige ist, die sich nur über diese Schönheit definiert und sich selber nicht lieben kann. Sie verrennt sich in diesen Schönheitswahn.

    Die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, der Verlauf ihres Lebens – das fand ich alles stimmig und hochspannend.

    Ein Teil des Endes war für mich eine Überraschung, einen anderen Teil hatte ich im Grunde so erwartet.

    Dass die Protagonistin in einer Nervenheilanstalt sitzt, ist die logische Konsequenz ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit. Die wiederum sind die logische Konsequenz ihrer harten, schwierigen Kindheit und Jugend. Mir tat Heleen bis zum Schluss immer noch leid, auch wenn sie sich im Laufe des Romans zunehmend als selbstsüchtig und wahnhaft herausstellte. Ich konnte und wollte einfach nicht vergessen, wie sich diese hässlichen Charakterzüge entwickelt hatten.

    Wenn du als Kind und Jugendliche nie mal nur an dich denken kannst, wenn du immer nur für andere schuften musst, dann ist die Versuchung sicher groß, nur noch an dich zu denken, sobald du es kannst. Wenn deine Schönheit immer dein einziges Kapital war, dann wirst du es so gut wahren und behüten, wie es geht, dann ist Schönheit deine Währung.

    Fazit

    Heleen, Patientin einer Nervenklinik, erzählt der Nachtschwester die Geschichte ihres Lebens. Als Tochter einer armen, kinderreichen Familie wuchs sie mit knochenharter Arbeit auf, ergriff früh die Chance zur Flucht, baute sich mit ihrem Sinn für Schönheit und Stil eine Karriere auf – ein beeindruckender gesellschaftlicher Aufstieg. Doch eine große Liebe löste einen fatalen Zyklus von Eifersucht, Selbsthass und Schönheitswahn aus.

    Die Originalausgabe des Buches erschien bereits 1930, beim Lesen war ich immer wieder erstaunt, wie modern sich sowohl Stil als auch Protagonistin lasen. Der Roman packte mich schnell und ließ mich dann bis zur letzten Seite nicht mehr los – ein intelligent geschriebener Pageturner mit ungemein feiner Charakterisierung einer außergewöhnlichen Protagonistin.

  1. Schönheit und Wahn

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jul 2021 

    Der Roman "Die Beichte einer Nacht" der niederländischen Autorin Marianne Philips (1886 - 1951), der erstmalig in den 1930er Jahren veröffentlicht wurde, ist in seiner Heimat ein Klassiker. Im deutschsprachigen Raum ist dieser Roman bisher kaum bekannt, wurde jetzt aber vor Kurzem vom Diogenes Verlag wiederentdeckt. Kaum zu glauben, dass es fast 90 Jahre lang dauern musste, dass dieser Roman auch hierzulande Beachtung findet. Denn "Die Beichte einer Nacht" hat es in sich, auch wenn die Erzählform im ersten Moment wenig lesekomfortabel erscheint, besteht doch dieser Roman aus einem einzigen Monolog.
    Dieser Monolog wird von der Protagonistin Heleen gehalten. Sie ist mit Mitte Dreissig und befindet sich in einer Nervenklinik. Warum sie hier gelandet ist, erfahren wir nach und nach durch ihre Lebensgeschichte, welche die Frau einer Nachtschwester erzählt. Die Nachtschwester bleibt dabei für den Leser anonym. Es gibt keinerlei verbale Reaktionen auf die Erzählung von Heleen. Nur anhand der Sichtweise und einiger Kommentare von Heleen, erfahren wir, dass ihre Geschichte Wirkung auf die Schwester zeigt.

    "Ich bin hier allein in meiner eigenen Hölle.
    Nein, Schwester, schauen Sie nicht zur Klingel, ich bekomme keinen Anfall, ich hatte nur einen einzigen - bevor man mich hierhergebracht hat. Lassen Sie mich einfach reden."

    Ihre Kindheit verbringt Heleen in ärmlichen Verhältnissen in einer Großfamilie. Als ältestes von 13 Kindern hilft sie ihrer Mutter im Haushalt und kümmert sich insbesondere um die jüngste Schwester, die 15 Jahre jünger als Heleen ist. Heleens Kapital ist ihre Schönheit, die eine große Wirkung auf Männer ausübt, so dass sie schließlich mit der "freundlichen" Unterstützung eines Mannes den Absprung von zuhause schafft. Von da an lebt sie allein, lernt, auf eigenen Füßen zu stehen, heiratet reich, lässt sich scheiden und lernt schließlich den Mann fürs Leben kennen, der sie durch sein gutes Aussehen verzaubert. Denn für Heleen ist Schönheit das Wichtigste im Leben geworden, was ihr leider zum Verhängnis wird.

    Es ist erstaunlich, wie schnell die Sichtweise des Lesers auf die Protagonistin kippen wird. Anfangs empfindet man Mitleid für die junge Frau in der Nervenklinik - einem Ort, den sie selbst als die Hölle bezeichnet. Hinsichtlich der Umstände, die eine Nervenheilanstalt der damaligen Zeit mit sich brachte, ist dies nicht verwunderlich. Man kann Heleen nur mögen und mit ihr fühlen. Ihre Erzählung wirkt erstaunlich emotionslos. Gerade die Anfänge ihres Lebensweges waren von Steinen gepflastert. Dennoch finden sich keinerlei Schuldzuweisungen in ihrer Geschichte, wozu sie doch allen Grund hätte. Ihren Andeutungen entnehmen wir, dass sie Schuld auf sich geladen hat. Worin diese Schuld besteht, lässt sich zunächst nur spekulieren und löst sich erst zum Ende auf.

    "Mir war längst klar, dass ich hässlich wurde, oft strich ich mit dem Zeigefinger an meinem Hals entlang und prüfte, wie ausgeprägt die Vertiefungen schon waren, die die Haut dunkel, bräunlich erscheinen lassen - ich konnte dann gut verstehen, dass Hannes mich nicht mehr so begehrte wie früher. Ich erwartete nichts anderes, wie soll man eine Frau lieben können, die hässlich ist und dazu auch noch schlecht? Ich fürchtete und ekelte mich ja vor mir selber - alles war vorbei, das stand fest."

    Je mehr Heleen von ihrer Geschichte Preis gibt, umso schwieriger wird es, die Sympathie für sie aufrechtzuerhalten. Denn sie entwickelt sich zu einem Menschen, der augenscheinlich sein Leben von äußerlicher Schönheit bestimmen ließ. Diese emotionale Oberflächlichkeit steht ihr nicht gut, erklärt aber, warum die Handlung zum Ende des Romans eine Entwicklung annimmt, die an Dramatik nicht zu überbieten ist.

    Die Geschichte von Heleen ist traurig und ergreifend, ihre emotionslose Erzählweise inmitten des nächtlichen Szenarios strahlt eine tiefe Melancholie aus. Dennoch ist dieser Roman ungeheuer spannend, so dass man ihn kaum zur Seite legen möchte. Wer hätte gedacht, dass ein Selbstgespräch - denn durch die Sprachlosigkeit der Nachtschwester ist es nichts anderes - solch eine atemlose Spannung hervorrufen kann.

    Ein großartiger Roman!

    © Renie

  1. Ungewöhnlich, aber lesenswert

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jun 2021 

    Heleen befindet sich in einer Nervenklinik. Dort erzählt sie einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte, vom Aufwachsen, über ihren gesellschaftlichen Aufstieg bis zu ihrer großen Liebe Hannes.

    Die Beschreibung dieses Romans hat mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Zudem habe ich aus dem Diogenes Verlag schon sehr viele besondere Bücher kennengelernt. 
    Der Einstieg ins Buch ist mir nicht leicht gefallen. Der Schreibstil war äußerst ungewöhnlich und brauchte recht lange, um mich daran zu gewöhnen. Im Laufe des Buches bemerkte ich dann aber, dass der Schreibstil eigentlich ganz hervorragend zu der Geschichte passte. Man muss sich also darauf einlassen, es lohnt sich. 
    Der Lebensweg von Heleen war interessant zu verfolgen. Sie war das älteste Kind und musste ihre Mutter sehr viel unterstützen. Dass sie selbst so nicht leben wollte, war ihr schnell klar. Dank ihres Gespürs für Schönheit konnte sie dann einen anderen Weg einschlagen. Während der Erzählungen war ich gespannt, was Heleen letztlich in die Nervenklinik gebracht hat. Neben der Neugierde empfand ich die Erzählungen teilweise emotionslos und distanziert, sogar deprimierend. Zumal ja bekannt war, dass Heleen in der Nervenklinik landen wird. Das passte rückblickend sehr gut, machte es mir aber nicht möglich, eine Bindung zu Heleen aufzubauen. Die unvorhersehbaren Entwicklungen zum Ende hin haben mir sehr gut gefallen und sie werteten den Roman für mich nochmal auf.

    Ein ungewöhnlicher und lesenswerter Roman. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

  1. Die Beichte einer Nacht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jun 2021 

    Die Beichte einer Nacht

    Heleen, die Ich–Erzählerin dieses Romans, befindet sich in einer Nervenheilanstalt. Sie erzählt der Nachtschwester in zwei aufeinanderfolgenden Nächten über ihr Leben.
    Ein Monolog, der mich gefesselt hat, obwohl dem Leser nicht immer alles gefällt was er erfährt.
    Heleen wuchs mit vielen jüngeren Geschwistern auf, um die sie sich ganz selbstverständlich zu kümmern hatte. Neben ihrer Arbeit und den Verpflichtungen zu Hause gab es keine Ablenkung für die junge Frau.
    Durch die Arbeit lernt sie einen Mann kennen und lässt sich von ihm in seiner Heimatstadt Arbeit und Wohnung beschaffen. Für Heleens Mutter ist dieser Entschluss der Tochter nachvollziehbar, sie unterstützt dies, obwohl das für sie und ihre angeschlagene Gesundheit mehr Arbeit bedeutet. Der Vater, der schon seit Jahren ein Pflegefall ist, versucht ihr dieses Vorhaben zu verbieten, doch Heleen zeigt Srärke und geht, sagt der Familie aber finanzielle Unterstützung zu.
    Auch ohne ihre Familie ist Heleens Leben nicht leicht, und ein paar Entscheidungen scheint sie laut ihrer Beichte zu bereuen, so die Heirat mit einem wesentlich älteren Mann, der ihr zwar Luxus bietet, sie ansonsten aber abstößt. Eine Trennung ist unausweichlich.
    Doch dann kommt ihre jüngste Schwester Lientje zu ihr, da die Mutter krank geworden ist, sie nicht mehr versorgen kann. Heleens Leben wirkt nun unbeschwerter, als sie dann Hannes kennenlernt scheint das Glück perfekt.

    Marianne Philips Roman erschien erstmalig 1930. Anhand der Beschreibung der Heilanstalt und den Gebräuchen, denen Heleen innerhalb der Familie ausgesetzt ist, wird das schnell deutlich. Dennoch liest sich das Buch sehr harmonisch und es spielt eigentlich gar keine Rolle, der Roman wirkt fast zeitlos auf mich. Interessant war er für mich deshalb, weil ich schnell erfahren wollte, was die Protagonistin getan hat, um diesen Aufenthalt zu rechtfertigen. Der Leser will Heleens Lebens ergründen um zu verstehen.

    Als nach und nach das ganze Ausmaß bekannt ist, zieht man natürlich Vergleiche und fragt sich, ob soetwas heute nicht eher erkannt, oder anders behandelt werden würden. Doch für die Geschichte spielt es eigentlich keine große Rolle. Die Autorin wollte Heleen ihre Geschichte erzählen lassen, und das hat sie vollbracht.

  1. Monolog zwischen Leben, Entbehrung, Hoffnung und Verzweiflung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Jun 2021 

    "Nein, ich bin nicht verrückt - mir ist jetzt klar, dass dies hier nicht die Hölle ist - bis auf die wenigen Male, die ich wieder vergesse, dass ich in einer Nervenklinik in der normalen Welt bin." (Buchauszug)
    Während zwei Nächten in einer Nervenklinik vertraut Heleen der Nachtschwester vom Dienst ihre Lebensgeschichte an. Dabei erzählt sie von ihrer Kindheit in einer protestantischen Großfamilie. Als Älteste der Kinder muss sie schon früh im Haushalt mithelfen und ihre anderen acht Geschwister versorgen. Als dann der Vater einen Unfall erleidet und fortan bettlägerig ist, erhält sie noch mehr Verantwortung. Unverhofft kommt dann noch ihre jüngste Schwester Lientje zur Welt, für die Heleen fast wie eine Art Mutterersatz wird. Eine viel zu frühe Anstellung lässt sie dann aus ihrem Elternhaus entfliehen. Durch ihre Schönheit findet sie später einen reichen Mann, den sie heiratet und mit dem sie nie glücklich wird. Erst nach der Trennung von ihm lernt sie ihre wahre Liebe kennen, die sie durch ihre Eifersucht und Zweifel selbst zerstört.

    Meine Meinung:
    Die Geschichte "Die Beichte einer Nacht", entstanden im Jahr 1930, ist in vielen Dingen eine Geschichte, die noch immer modern ist. Selbst heute noch können Ängste, Zweifel, Depression und Eifersucht oft zu Katastrophen führen. Aufgebaut ist sie einzig und allein auf Heleens Monolog in diesen beiden Nächten.Trotz allem ist dies kein einfacher Roman, den man mal so nebenbei liest, da er doch recht anspruchsvoll und deprimierend ist. Schon alleine die Kindheit von Heleen, die im Grunde gar keine hatte, da sie viel zu früh Erwachsen sein musste. Zudem heute völlig unverständlich, dass ein Ehepaar zehn Kinder in die Welt setzt, obwohl sie körperlich und von ihren Verhältnissen aus sich diese gar nicht leisten können. Doch sicher waren Kinder zur damaligen Zeit die Altersversorgung der Eltern. Sie mussten sich um die Eltern kümmern, ob materiell oder fürsorglich sie später oft noch pflegen. Von daher hatten gerade ärmliche Familien viele Kinder, um im Alter gut versorgt zu sein. Außerdem war zu dieser Zeit das Thema Verhütung natürlich nicht so weit wie heute und bei einer gläubigen Familie schon gar nicht. Waren doch für sie Kinder ein Geschenk Gottes. Doch zurück zu Heleen, die in zwei Nächten einer Krankenschwester ihr ganzes unglückliches Leben beichtet. Wenn man es liest, kann einem diese Frau wirklich leidtun. Hat sie doch in ihrem Leben nie richtig das Glück gefunden und als sie es hatte es sich selbst kaputtgemacht. Die Niederländerin Marianne Philips schildert hier ein Frauenbild, das zu jener Zeit, als das Buch entstand, sicherlich prägnant war. Kein Wunder, das ihr Buch zur damaligen Zeit viele Skeptiker hatte. Man muss sich vorstellen, dass zu jener Zeit Frauen oft noch gar nicht oder erst seit Kurzem wählen durften. Man musste die Ehemänner um Erlaubnis fragen, wenn man einen Beruf ausüben oder zur Schule gehen wollte und der Haushalt lag einzig und alleine in den Händen der Frau. Genauso erging es meist den Töchtern, die oft nie eine andere Wahl haben, sich ihr Leben selbst auszusuchen und stattdessen in eine Arbeitsstelle oder Heirat gedrängt wurden, wo sie vielleicht nie glücklich wurden. Kein Wunder, das diese Frauen oft mit Ängsten, Zweifel, Sehnsüchten und Depressionen behaftet waren wie Heleen. Jedoch sie versucht aus diesem Teufelskreis auszubrechen und heiratet einen reichen Mann. Leider entdeckt sie erst viel zu spät, dass sie ihn gar nicht liebt, sondern sogar abstoßend findet. Dass sie sich von ihm scheiden lässt, war damals sicherlich genauso selten gewesen. Die Autorin selbst, ebenfalls geprägt durch ihre schwere Kindheit und den viel zu frühen Tod ihrer Eltern, musste sich wie Heleen um ihre Geschwister kümmern, statt die Schule abzuschließen. Kein Wunder also, das sie versucht von der Familie weg zukommen, ihre Schule nachholt und eine leidenschaftliche Aktivistin wird, um für Verbesserungen und die Rechte von Frauen zu kämpfen. Diese Leidenschaft spiegelt sich selbst in diesem Buch wider. Zudem ist viel Biografisches enthalten, dass die Autorin eigens erlebt hat. Sie war sicherlich ihrer Zeit voraus, als sie hier diese Gedanken zu Papier brachte und sie wäre garantiert glücklich über das heutige Frauenbild. Selbst das ich mit Heleens persönlicher Sichtweise nicht immer klargekommen bin, was wahrscheinlich an ihrer psychischen Erkrankung lag, gebe ich dem Buch 4 von 5 Sterne.

  1. Gedankenstrom einer gepeinigten Seele

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Jun 2021 

    Marianne Philipps (1886-1951) war eine niederländische Autorin, die sich zu Lebzeiten stark in der Frauen- und Arbeiterbewegung engagierte. Sie schrieb insgesamt fünf Romane. „Die Beichte einer Nacht“ ist eine beeindruckende Wiederentdeckung des Diogenes-Verlages.

    Ich-Erzählerin Heleen befindet sich im Schlafsaal einer Nervenklinik. Sie beschließt, der Nachtschwester ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Sie wirkt während ihres Berichts sehr klar, beobachtet und analysiert ihre Mitpatientinnen sehr genau, kennt deren Gewohnheiten und Schwächen. Man fragt sich zwangsläufig, wie Heleen in dieser Anstalt mit lauter offensichtlich psychisch Kranken landen konnte: Der Roman erschien erstmalig bereits 1930, hat man zu der Zeit nicht auch sonderbare, unbequeme Frauen weggesperrt? Aber nein, schnell schlägt die Erzählerin selbst eine andere Richtung ein, man spürt, dass es dunkle Flecken in ihrer Biografie gibt: „Sie sind eine ordentliche, nette Pflegerin, und ich bin ein schlechter Mensch, weil ich meine eigene Schwester…nein…eine Verrückte, die unter Beobachtung steht, weil ihr Anwalt das für nötig hält.“ (S. 15)

    Heleen wirkt tief unglücklich und reuevoll. Sie beginnt den Bericht mit ihrer Kindheit, in der sie die Älteste von zehn Geschwistern und ständig für die neuen Babys und Kleinkinder zuständig war. Als der Vater zum Pflegefall wird, ergreift sie die Chance, bei einer Schneiderin in Stellung zu gehen, um etwas zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen und gleichzeitig Abstand von ihr zu bekommen. Doch trotz der Krankheit des Vaters kriegt die schwache, überforderte Mutter eine weitere Tochter, die Lientje genannt wird. Erneut wird von Heleen erwartet, dass sie sich um das anstrengende Schreikind kümmern soll, das insbesondere in den Nächten der großen Schwester den Schlaf raubt – obwohl diese am nächsten Tag arbeiten muss. Eine Situation, die zu eskalieren droht…

    Heleen fühlt sich nicht wohl in der Armut, hat eine Liebe zu schönen Stoffen, Kleidern und Dingen, sie sehnt sich nach einem besseren Leben. Als sie die Entdeckung macht, als Frau attraktiv zu sein und eine erotische Wirkung auf Männer zu haben, weiß sie, ihre Reize einzusetzen und sich selbst damit in der gesellschaftlichen Rangordnung nach oben zu befördern. Heleen ist klug, sie kennt ihren Wert und lässt sich den Preis im übertragenden Sinn dafür zahlen. Sie lernt nacheinander drei Männer kennen. Sie weiß ihre Gaben auch im beruflichen Umfeld zu nutzen, macht für eine Frau damaliger Zeit eine erstaunliche Karriere, die sie die Welt und den Luxus kennenlernen lässt.

    Immer wieder gibt es geschickt eingestreute Andeutungen, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, dass sich Heleen schuldig gemacht hat, dass ihre große Liebe zu Hannes zerbrochen ist. Diese Lebensbeichte ist ungemein fesselnd erzählt. Heleen ist zu keinem Zeitpunkt larmoyant, sie übernimmt die volle Verantwortung für den Verlauf ihrer Geschichte: „Niemand ist Schuld an meinem Leben, nur ich selber. Es waren weder die Umstände noch die anderen Leute, da mache ich mir nichts mehr vor. Jetzt, da ich Ihnen alles erzähle, weiß ich es wieder genau – dort auf den Trottoirplatten hatte ich die Wahl.“ (S. 76)

    So ganz stimmt das natürlich nicht. Ihre harte, entbehrungsreiche und gefühlsarme Kindheit hat sicherlich Spuren hinterlassen. Ein Aufstieg über Schulbildung wurde ihr verwehrt, die Chancen für Frauen waren ohnehin extrem schlecht zu diesen Zeiten.

    Der Roman ist ein einziger Monolog, ein fortlaufender Gedankenstrom. Die Erzählerin legt nicht nur ihr Leben weitgehend chronologisch dar, sondern reflektiert es gleichermaßen. Sie hatte viel Zeit, um über alles nachzudenken, um sich selbst und ihre Handlungsweisen zu hinterfragen. „Bis heute ist mir unklar, warum ich ihn geheiratet habe. Ich muss taub und blind gewesen sein – oder so müde, dass mir alles egal war außer meiner eigenen Bequemlichkeit.“ (S.121) Heleen erzählt schonungslos offen mit beeindruckender Klarheit. Die Krankenschwester hat eine sehr passive Rolle. Sie sagt nichts, zeigt nur zwei Nächte hindurch in Gebärden und kleinen Reaktionen, dass sie zuhört und Anteil nimmt. Erst am Ende werden ihre Emotionen deutlicher, dass Heleen sie fragt: „Schwester, was machen Sie? Weinen Sie? Wegen mir?“ (S. 263)

    Das Fehlen einer weiteren Stimme gibt dem Erzählten aus meiner Sicht eine starke Intensität und Unmittelbarkeit. Man bekommt als Leser ein tiefes Verständnis für die Protagonistin, die im Grunde lebenslang nach dem Glück sucht und es schließlich nicht festzuhalten vermag. Sie selbst fühlt sich dafür verantwortlich: Eine letzten Endes in Gang gekommene negative Gefühlsspirale endet mit der Katastrophe, die von Anfang an spürbar ist und dem Erzählten latente Melancholie und Spannung verleiht.

    Mich hat diese Lebensbeichte tief beeindruckt. Der Roman ist keine leichte Lektüre, zu beklemmend ist die Thematik rund um Schuld, Sühne und Verantwortung. Er ist ein zeitloser Klassiker, der das Leben einer scheinbar starken Frau schildert, die am Ende an ihren Selbstzweifeln zerbricht. Man kann psychologisch tief in diese verwundete Seele eintauchen. Das Nachwort der Enkelin gibt Aufschluss darüber, dass die Autorin viele Dinge aus eigenem Erleben in ihren Roman eingeflochten hat.

    Unbedingt lesenswert!

  1. Ein krankhaftes Selbstbild

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Jun 2021 

    Seit sieben Monaten befindet sich Heleen nun schon in einer Nervenklinik. Mit dem Arzt möchte die Frau nicht reden. Doch eines Nachts beginnt sie, sich einer Schwester anzuvertrauen. Sie legt die Beichte ihres dramatischen Lebens ab und offenbart, womit sie sich Schuld aufgeladen hat.

    „Die Beichte einer Nacht“ ist ein Roman der verstorbenen Autorin Marianne Philips, der bereits 1930 entstanden ist.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus zwei Teilen. Diese wiederum sind in Absätze, jedoch nicht in Kapitel untergliedert. Beide Teile sind als lange Monologe angelegt. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht der Protagonistin. Diese Idee gefällt mir, wobei die Umsetzung manchmal ein wenig bemüht wirkt.

    Die Sprache ist unauffällig und recht simpel. Der Stil ist geprägt von nüchternen Beschreibungen und einigen kurzen Wortwechseln. Negativ sticht der geringe sprachliche Variantenreichtum hervor.

    Ein großes Manko des Romans ist die charakterliche Ausgestaltung der Protagonistin, die zwar authentisch wirkt und über psychologische Tiefe verfügt, aber auch wenig Mitgefühl bei mir hervorgerufen hat. Heleen ist zwar ehrlich und stark, zugleich jedoch auch eine äußerst oberflächliche, eitle, egoistische und berechnende Persönlichkeit.

    An der Lektüre hat mich das Setting sehr gereizt. Was mag eine psychisch kranke Frau zu beichten haben? Worin besteht ihr Leiden? Wie ist sie in der Anstalt gelandet? Leider ist die Geschichte allerdings schon früh recht durchsichtig. Die eigentliche Beichte habe ich bereits im ersten Viertel geahnt. Dadurch hat der Spannungsbogen für mich nicht funktioniert. Zudem enthält das letzte Viertel ein unglaubwürdiges esoterisches Element, das nicht zum Rest der Geschichte und dem Charakter der Protagonistin passen will.

    Ganz interessant ist das von Judith Belinfante, der Enkelin der Autorin, im Jahr 2019 verfasste Nachwort. Es zeigt Parallelen zum Leben von Marianne Philips auf und erläutert die Entstehung des Romans. Dabei wird deutlich, wie ungewöhnlich das Schreiben für eine Frau ihrer Zeit war, noch dazu so offen und konkret über psychische Leiden. Der Roman ist für die damalige Verhältnisse also sehr modern und progressiv, was man der Autorin positiv anrechnen muss.

    Das auf dem Cover abgebildete Gemälde passt sehr gut zur Protagonistin. Der deutsche Titel ist etwas irreführend, weil sich die Beichte über zwei Nächte erstreckt. Der prägnante Originaltitel („De biecht“) ist daher treffender.

    Mein Fazit:
    „Die Beichte einer Nacht“ von Marianne Philips ist ein für seine Entstehungszeit bemerkenswerter Roman, der mich in Gänze aber nicht überzeugen konnte. Eine nur bedingt zu empfehlende Lektüre.

  1. Nachtschicht oder ein Ausbruch mit Folgen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jun 2021 

    In einer schnörkellosen und recht einfach gehaltenen Sprache erzählt eine Frau einer Nachtschwester in einer Psychiatrie ihre Lebensgeschichte. Dies ist etwas, was mir in meiner Laufbahn auf Station öfters passiert ist. Gerade die Nacht lockt bei manchen Menschen irgendwie einen Redefluss hervor, obwohl ich den Tag für Lebensberichte vorziehe, ich kann einfach ausgeschlafen besser auf Informationen adäquat reagieren. Aber gut, zurück zum Buch.

    Was mir an dieser Art des Berichtens nicht so gefallen hat ist eine recht emotionslose, fast gefühlskalte Art des Beschreibens der Stationen des Lebens dieser Frau, dieser Heleen. Man bekommt fast sofort den Eindruck eines dramatischen Verlaufs. Natürlich gibt es Ursachen dieser Entwicklung der Heleen, in ärmlichen Verhältnissen groß geworden, mit wenig Bildung konfrontiert und in einem etwas engen Elternhause erwachsen geworden, bricht eben diese Heleen aus. Sie verlässt ihr Elternhaus, geht in die Stadt, möchte ein besseres Leben. Man möchte feministisch begeistert Bravo rufen, aber irgendwie lastet ein dunkler Schatten auf dem Gesagten. Heleen ist irgendwie sehr um sich selbst kreisend, wirkt egoistisch und selbstbezogen. Auch die Gefühlswelten ihrer Umgebung erschließen sich ihr nicht, fast etwas soziopathisch wirkt sie. Kein Wohlfühlcharakter, definitiv.

    Aber man darf nicht vergessen, diese Geschichte entstammt einer anderen Zeit. Ich konnte es nicht direkt aus der Geschichte herauslesen, aber Marianne Philips ist eine 1886 geborene Autorin und "Die Beichte einer Nacht" ist 1930 herausgebracht worden. Somit ergibt sich ein Handlungsrahmen und das Nachwort ist hierzu sehr erhellend. Wobei dieser gewisse autobiographische Anteil auch sehr interessant ist und definitiv ist dieses Buch mutig zu nennen. Spricht es doch Thematiken an, die eigentlich meist totgeschwiegen wurden.

    Ein interessantes Buch aus einer vergangenen Zeit, die uns ein Glück erspart bleibt. Aber gut, wir haben unsere eigene Zeit, mit unseren Problematiken. ...

  1. Die eigene Hölle

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Jun 2021 

    "Ich setze mich zu Ihnen, Schwester. Das ist nicht erlaubt, ich weiß es. Aber ich mache es trotzdem – ich habe so lange nicht mehr auf einem Stuhl gesessen, an einem Tisch mit einer Lampe drauf." (S. 7)

    Mit diesen Worten beginnt die Ich-Erzählerin Heleen eine beklemmende Lebensbeichte und bricht nach sieben Monaten in einer Nervenheilanstalt ihr Schweigen. Anders als der deutsche Romantitel "Die Beichte einer Nacht" es nahelegt, sind es zwei Nächte, in denen Heleen einer Nachtschwester ungeschönt ihr Leben erzählt, hauptsächlich, um sich selbst Klarheit zu verschaffen:

    "Ich liege da und will begreifen – ich suche und finde immer wieder andere Gründe, warum das Unglück geschehen musste. Aber den ursächlichen Grund finde ich nicht." (S. 164)

    Die handarbeitende Schwester bleibt völlig stumm, nur Randbemerkungen lassen ihre Reaktionen erahnen. Dass der Tag zwischen den beiden Nächten eine Veränderung für Heleen bringt, legt nahe, dass die Zuhörerin wider Willen aufmerksam lauscht - bis Heleen nach zwei Nächten mit den Worten endet:

    "Schwester! Was machen Sie jetzt? Beten Sie? Für mich?" (S. 263)

    Aufstieg und Fall einer schönen Frau
    Als ältestes von zehn Kindern einer durch einen Unfall des Vaters verarmten niederländischen Bürgersfamilie muss Heleen früh Verantwortung übernehmen, besonders für die jüngste Schwester Lientje. Ein Ausweg scheint nach nur sechs Schuljahren die Arbeit im Schneideratelier einer Französin. Dort lernt sie einen Handelsvertreter kennen, der ihr den Weg in die Stadt ebnet:

    "Meine Wahl war nicht falsch. Ich bereue sie nicht." (S. 78)

    Mit Ehrgeiz, Fleiß und dank ihrer Schönheit schafft sie den beruflichen, später auch den gesellschaftlichen Aufstieg, immer bemüht, „nicht billig zu sein“, bleibt aber trotz ihrer Männerbekanntschaften zutiefst einsam. Mitte 20 beginnt ihre Angst vor dem Alter und sie geht eine kurze, traumatische Ehe mit einem reichen Kunstkritiker ein:

    "Bis heute ist mir unklar, warum ich ihn geheiratet habe. Ich muss taub und blind gewesen sein - oder so müde, dass mir alles egal war außer meiner eigenen Bequemlichkeit". (S. 121)

    Als das Glück dann in Person des Sportlehrers Hannes doch noch vor ihrer Tür steht, kann ihm nicht trauen. Die Liebe macht sie verletzlich, ihr Selbstvertrauen leidet unter ihrer  vergehenden Schönheit und das Drama nimmt seinen Lauf.

    Ein Roman mit Sog
    "Die Beichte einer Nacht" konnte ich, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen konnte. Die faszinierende Erzählform in Kombination mit der von Beginn an heraufziehenden Katastrophe, die genaue Innenperspektive einer tragischen Frauenfigur, die detaillierte Beschreibung des sozialen Umfelds und aller Figuren sowie die Anklage gegen die zeitgenössische Psychiatrie machen für mich diesen unbekannten Klassiker zu einer unbedingt lesenswerten Entdeckung.

    Kein bisschen verstaubt
    Als der Roman der niederländischen Jüdin Marianne Philips (1886 – 1951) im Jahr 1930 unter dem Titel "De Biecht" erschien, war er Teil einer Therapie im Rahmen einer Psychoanalyse. 1913 hatte die Autorin wegen einer Wochenbett-Depression bereits sechs Monate in einer Nervenklinik verbracht. Auch sonst finden sich zahlreiche Parallelen zur Biografie der politisch bei den Sozialdemokraten engagierten dreifachen Mutter, wie ihre Enkelin, die Historikerin Judith Belinfante, in ihrem sehr lesenswerten Nachwort erklärt. Welch ein Glück, dass der Diogenes Verlag diesen so modern anmutenden Klassiker nun auf Deutsch zugänglich macht. Die wegen seiner Außergewöhnlichkeit zwiegespaltenen Kritiken der Zeitgenossen werden sich heute bestimmt nicht wiederholen.

  1. Zwei Nächte - ein Frauenleben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Jun 2021 

    “Die Beichte einer Nacht” ist ein niederländischer Roman, der um 1930 von Marianne Philipps geschrieben wurde, einer Frau, die in Gewerkschaft und Frauenbewegung aktiv war und einen für Frauen damals unkonventionellen Lebensweg (u.a. Romanschriftstellerin) beschritten hat.
    In dem Roman erfahren wir das Schicksal von Heleen einzig und allein aus ihrer eigenen Perspektive, denn sie drängt in zwei Nächten ihre Lebensgeschichte einer Schwester geradezu auf, die in der Nervenheilanstalt, in die Heleen eingewiesen wurde, die Nachtwache hält. Stumm und fast regungslos spielt diese Schwester den Part der Zuhörerin, den Heleen eigentlich gar nicht braucht, denn ihr Drang, endlich zu erzählen und ihre Lebensgeschichte in der „Beichte“ zu ordnen ist so groß, dass keine der Reaktionen bzw. der ausbleibenden Reaktionen sie stoppen oder davon abhalten kann, weiter zu berichten.
    Es ist die Geschichte eines exemplarischen und dennoch einzigartigen Frauenschicksals aus dem armen Bürgertum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als älteste Tochter hat Heleen in ihrem Elternhaus viele Pflichten zu übernehmen, wodurch ihr nur sehr wenig Zeit für sich selbst bleibt. Die Mutter, die vom Vater komplett und ohne Ansehung der Bedürfnisse seiner Frau ausgenutzt wird, nutzt wiederum Heleen, die Erstgeborene, aus, so dass Heleen kein Hauch einer Kindheit bleibt. Doch Heleen ist intelligent und stark und weiß ihre (wenigen, auch zweifelhaften) Chancen zu nutzen. Ihr Geschick und ihr Sinn für Geschmack und Ästhetik bringt ihr die Aufmerksamkeit eines Herren, der ihr die Chance gibt, einen Beruf mit gewissem Einfluss und eigenem Gestaltungsvermögen zu ergreifen. Dafür ist sich Heleen nicht zu schade, diesem Herrn auch sexuell zu Diensten zu sein. Sie weiß dabei aber immer irgendwie ein Gleichgewicht der Interessen herzustellen und geht nie komplett unter in diesem Machtspiel um Sex und Aufstiegsmöglichkeiten. So kann sie ihr Elternhaus und die damit verbundenen Zwänge verlassen und wird Abteilungsleiterin einer Luxusabteilung im Warenhaus der größeren Stadt. Sie kommt so in Kreise, die ihr im Elternhaus nie offen gestanden hätten und macht die Bekanntschaft des „Feingeistes“ Charles, den sie heiratet, was ihre Karriere im Warenhaus abrupt beendet und sie zu einem Ausstattungsgegenstand im kunstvollen Heim des Charles verkommen lässt. Sie ist hier in eine Falle getappt, die man ihr mit der Vorgeschichte so nicht zugetraut hätte. Aber: Fehler passieren eben auch den intelligentesten Charakteren. Sie bereinigt den Fehler nach etwa 2 Jahren, beendet die Beziehung zu Charles und zieht mit ihrer kleinen Schwester, die sie mit Charles zusammen bei sich aufgenommen haben, in eine kleine Wohnung, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Mit häuslichen Arbeiten hält sie sich und ihre Schwester finanziell über Wasser und macht die Bekanntschaft von Hannes, der die Liebe ihres Lebens wird. Sie ziehen zusammen und leben als Familie mit der kleinen Schwester recht harmonisch zusammen. Wäre da nicht Heleens zerstörtes und zerstörerisches Selbstbild die sich ständig als nicht gut genug sieht, sowie ihre krankhafte Eifersucht, mit der sie jede betrachtet, die sich ihrem Hannes auch nur nähert. Als sie bemerkt, dass die kleine Schwester diejenige ist, auf die sich am ehesten ihre Eifersucht richten sollte, nimmt das Unglück seinen Lauf, an dessen Ende Heleen sich in der Nervenheilanstalt wiederfindet, die Schauplatz der Beichte ist, die diesen Roman ausmacht.
    Marianna Philipps erzählt in reiner Monologform diese starke Frauengeschichte und kann den Leser durch die Authentizität des Erzählten, durch eine feine, unaufgeregte Erzählhaltung und eben diese ungewöhnliche Erzählperspektive fesseln. Obwohl in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt und damit knapp an die 100 Jahre alt, ist die Gedankenwelt und die Dilemmas, die Heleen umtreiben, immer noch ungemein aktuell und modern. Deshalb ist der Roman eine tolle Wiederentdeckung des Diogenes-Verlags. Ich vergebe gern 5 Sterne.

  1. Lesenswerte Wieder- Entdeckung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jun 2021 

    Die Ich- Erzählerin Heleen, eine Frau Ende Dreißig, Anfang Vierzig, ist seit Monaten zur Beobachtung in einer Nervenheilanstalt. Bisher hat sie geschwiegen, doch nun hat sie das Bedürfnis, jemandem ihre Geschichte anzuvertrauen. Sie setzt sich zur Nachtschwester und beginnt zu erzählen, von Anfang an.
    Wir sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Städtchen in den Niederlanden. Heleen wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer kinderreichen Familie auf. Schon früh muss sie als Älteste Verantwortung übernehmen. Um ihre Mutter zu entlasten, kümmert sie sich um die neun Geschwister. Mit 13 Jahren schon findet sie Arbeit als Schneiderin und trägt so zum Unterhalt ihrer Familie bei. Dabei weckt das hübsche Mädchen das Interesse eines Handelsvertreters. Heleen nutzt seine Verliebtheit, um der Enge des Elternhauses zu entfliehen. Er besorgt ihr eine Wohnung und eine Anstellung in der Stadt. Auch hier erkennt die junge Frau ihre Chancen. Sie hat Erfolg, steigt auf, bleibt aber einsam.
    Eine Ehe mit einem weitaus älteren Mann verschafft ihr gesellschaftliches Ansehen und Wohlstand. Doch schon zwei Jahre später bricht sie aus dieser unglücklichen Verbindung aus. Nach dem Tod der Mutter nimmt sie ihre jüngste Schwester Lientje bei sich auf und als sie dem ein paar Jahre jüngeren Hannes begegnet, ist ihr Glück vollkommen. Trotzdem steuert alles auf eine Katastrophe zu, die sie hierher, in die Psychiatrie, gebracht hat.
    Der Roman ist bereits 1930 erschienen. Das mag man kaum glauben, so modern mutet er an.
    Die Protagonistin ist nicht typisch für ihre Zeit und der Literatur dieser Zeit. Schon früh weiß sie, was sie will und steuert zielstrebig darauf zu. „ Ich war tatsächlich ein wenig anders als die anderen jungen Frauen. Ich traute mich etwas und tat, was mir beliebte;...“
    Sie schafft es, sich aus ihrem Milieu zu befreien und aufzusteigen, auch wenn sie dafür ihren Preis zahlen muss. Abschreckend mag das Beispiel ihrer Mutter ihr vor Augen stehen. „ ...ob Mutter wusste, dass sie lebend in der Hölle gelandet war.“
    Ihre Schönheit verleiht ihr Macht über Männer. Das weiß sie bald, für ihre Zwecke zu nutzen.
    Heleen ist eine starke und unabhängige Frau, bis sie die Liebe trifft. Da steigert sich ihre Angst, diese wieder zu verlieren, ins Wahnhafte. Es ist erschreckend zu lesen, wie jemand sein Glück zerstört, weil er das Gefühl hat, er habe es nicht verdient.
    Die Ich- Erzählerin ist eine Protagonistin, die man nicht so schnell wieder vergisst. Doch sie ist keine Frau, die man ins Herz schließt, kein Opfer, das man bedauert. Das möchte sie auch nicht sein. Immer wieder betont sie, dass niemand Schuld trägt an ihrem Schicksal, dass sie frei ihre Entscheidungen getroffen hat.
    Ungewöhnlich ist auch die Erzählweise. Der ganze Roman ist ein langer Monolog, erzählt in zwei Nächten. Adressat eine namenlose Nachtschwester, die aber wenig Reaktionen zeigt auf das Gehörte. Der Leser rückt gewissermaßen in deren Position. Gespannt folgt er der Erzählerin, denn er möchte wissen, was sie hierher gebracht hat in die Nervenheilanstalt.
    Das Buch schließt mit einem informativen Nachwort von Judith Belinfante, der Enkelin der Autorin. Diese beleuchtet darin das Leben und das literarische Werk , sowie das politische Schaffen ihrer Großmutter. Marianne Philips war eine Frau, die sich politisch engagiert hat , sich aber auch mit den Abgründen der weiblichen Psyche beschäftigt hat. In „ Die Beichte einer Nacht“ hat die Autorin Teile ihrer eigenen Biographie ( Herkunft und Kindheit ) verarbeitet; das Schreiben an diesem Roman war auch Teil ihrer eigenen Therapie.
    „ Die Beichte einer Nacht“ ist kein Buch, das Freude macht beim Lesen. Zu beklemmend die Geschichte, zu schrecklich ihr Ende. Trotzdem lohnt sich diese Wieder- Entdeckung!

  1. "Wenn ich jetzt nicht rede, werde ich vollkommen verrückt." (94)

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jun 2021 

    In zwei aufeinander folgenden Nächten vertraut die ca. 40jährige Heleen, die in einer Nervenklinik liegt, der Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Die Geschichte spielt in den Niederlanden zu Beginn des 20.Jahrhunderts.
    Der Roman ist vollständig als Monolog der Ich-Erzählerin konzipiert, die Reaktionen der Nachtschwester erfahren wir lediglich aus ihren Kommentaren.
    "Nein, bitte, legen Sie die Näharbeit nicht weg. Lassen Sie mich bitte noch ein bisschen bei Ihnen sitzen, bringen Sie micht nicht ins Bett." (33)

    Dadurch, dass Heleen durchgängig erzählt, ist die Beichte sehr intensiv und komprimiert. Beim Lesen entsteht ein Sog, der die Leser*innen in diese außergewöhnliche Lebensgeschichte hineinzieht. Die Fragen, die im Raum stehen, sind:

    Warum ist Heleen in der Nervenklinik? Was hat sie zu beichten? Ist sie wirklich psychisch krank?

    "Ich war die Älteste und habe erlebt, wie das Haus voll wurde." (23)

    Neun Geschwister hat sie und muss nach 6 Jahren die Schule verlassen, um zum Einkommen des Haushalts beizutragen, nachdem ihr Vater bei einem Unfall ans Bett gefesselt ist. Damit erfüllt sich letztlich ein Traum für sie, dann bereits als Kind läuft sie einmal von zu Hause weg, da sie in die Welt hinaus gehen will.

    Sie erhält eine Anstellung in dem Schneideratelier einer Französin und ist sich trotz ihrer 13 Jahre bewusst, "dass [sie] große braune Augen hatte, das Weiß bläulich wie Porzellan, und [ihre] Haare waren schwarz, ganz glatt und glänzend." (45)

    Täglich betrachtet sie sich im Spiegel, dem sie gegenüber sitzt und stellt sich vor, sie trage die wunderschönen, kostbaren Kleider, an denen sie arbeitet. Als sie zu ihrem 15.Geburtstag von den anderen Angestellten ein braunes Kleid aus Baumwollsamt erhält, verschwindet das Spiegelmädchen. Sie erkennt, dass sie "ärmlich gekleidet" (48) ist und damit möchte sie, die sich nach Schönheit sehnt, und alles, was sie stört und irritiert, "hässlich" nennt, nicht abfinden.

    Heleen nutzt die Bekanntschaft eines Handelsvertreters für Stoffe, um einen sozialen Aufstieg zu erreichen. Dafür muss sie gegen den Willen ihres Vaters, der sie verdammt, ihr Elternhaus verlassen. Die Antwort ihrer Mutter zeigt, wie schwierig es für Frauen in dieser Zeit gewesen ist, einen eigenen, selbstbestimmten Weg einzuschlagen.

    "Sie sagte nur, sie habe lebenslang ihre Pflicht getan. Und sich an die Gebote gehalten. Und auch auf ihrem Leben habe kein Segen gelegen." (83)

    Heleen muss die ganze Nacht - und auch noch eine weitere, reden, sonst "werde [sie] vollkommen verrückt." (94)

    Diese Beichte ermöglicht ihr, das Furchtbare, das sie getan hat, zu begreifen. Der Monolog gleicht einer intensiven Psychoanalyse, lässt die Gefühle und Erkenntnisse aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche steigen. In der 2.Nacht werden die Reaktionen der Nachtschwester kaum noch kommentiert, der Drang, sich alles von der Seele zu reden, wird größer. Was sie getan und erlebt hat, zeigt, dass sie, die selbst wenig Liebe erfahren hat, kaum Selbstvertrauen hat und sich fast ausschließlich über ihre Schönheit definiert. Ihre Angst, den Menschen, den sie über alles liebt, zu verlieren, weil sie älter wird, ist unerträglich für sie und führt letztlich zu einer Katastrophe.

    Ein Roman, der aufgrund der Erzählweise einen Sog entfaltet, dem ich mich kaum entziehen konnte. Sehr intensiv erlebt man die Lebensgeschichte dieser aufstrebenden jungen Frau mit, die aus der Unterschicht kommend, aufsteigt, um zu fallen.

    Ein Roman, dem ich viele Leser*innen wünsche!

  1. Monolog eines Lebens

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Mai 2021 

    Autorin
    Marianne Philips
    Marianne Philips, geboren 1886 in Amsterdam, war Politikerin, Schriftstellerin und Mutter von drei Kindern. Für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde sie 1919 als eine der ersten Frauen zum Ratsmitglied der Niederlande gewählt. Sie schrieb fünf Romane und einige Novellen. Ab 1940 war ihr das Publizieren als Jüdin untersagt. Sie überlebte den Krieg, war aber krankheitshalber bis zu ihrem Lebensende (1951) ans Bett gefesselt.
    Die Beichte einer Nacht
    Quelle: Diogenes Verlag AG Zürich

    „Ich möchte gerne mit einem anderen Menschen reden, selber höre ich ja meine
    Stimme und meine Worte, aber heute kann ich es nicht ertragen, dass sie
    ungehört zu mir zurückkommen (...).“

    Inhalt
    Die Ich-Erzählerin Heleen weilt zur Untersuchung in einer Nervenheilanstalt im Jahr 1930. Sie kann nicht schlafen, weil die anderen sie im Gemeinschaftssaal zu stark stören. Sie geht zur Nachtschwester, obwohl dies nicht erlaubt ist. Sie beginnt zu erzählen, so als ob ein Damm gebrochen ist. Die Worte enden nicht und die Nachtschwester hört stumm zu. Heleen schildert ihre entbehrungsreiche Kindheit als ältestes von zehn Kindern, das früh schon mit anpacken musste. Stumm hört die Nachtschwester zu und erfährt von dem gehässigen Vater. Heleen berichtet von ihrer Kindheit in einer armen Familie, dem Wunsch nach Unabhängigkeit und finanziellem Auskommen. Es gelingt er der Sprung in die Stadt und Bekanntschaft mit reichen Herren, die sie anbeten und gerne ihr Geld für sie ausgeben. Sie heiratet doch die Ehe scheitert und sie muss den finanziellen Ruin hinnehmen. Und dann erzählt sie von ihrer großen Liebe Hannes, die aber nicht für die Ewigkeit bestimmt war.

    Sprache und Stil

    „Seltsam ist das, es gibt Augenblicke, in denen hat man tatsächlich die Wahl. Damals vor dem Bahnhof erkannte ich glasklar, dass ich die Wahl hatte: unser Städtchen und ein bisschen Mühsal, aber auch Ruhe – oder Groenmans und das Unbekannte.“

    Zunächst erscheint die Geschichte wie ein Traum, eine Entwicklung vom hässlichen Entlein zum Schwan. Einem Mädchen bietet sich eine Chance, die sie konsequent ergreift an sich arbeitet und mit ihrer Bescheidenheit und Höflichkeit es schafft, dass sich Türen für sie öffnen.
    Sie entwickelt sich zu einer begehrten Dame, die Luxus schätzt und liebt. In ihrer Geschichte beschönigt sie nichts, bekennt sich zu Fehlern und Unzugänglichkeiten und stürzt wissentlich in ein Chaos.

    Sie fühlt sich von Gott verlassen und gibt Gott die Schuld.

    „Seltsam, und das kann mich noch immer nicht schrecken – Gott selber hat mich zu einer Gottlosen gemacht, er hat mich fragen lassen und keine Antwort gegeben.“

    Der Roman wird aus der Ich-Perspektive erzählt und ist als ein großer Monolog verfasst. Durch den Monolog kann der Leser sich hervorragend in die Protagonistin Heleen hineinversetzen.

    Die Autorin schreibt bildhaft und sensibel, ohne überschwängliche Emotionen. Der Spannungsbogen wird geschickt gespannt, der durch kritische Selbstanalyse der eigenen Erfahrungen von Marianne Philipps Authentizität verliehen bekommt.

    Die Charaktere werden sehr gut beschrieben und dargestellt.

    Besonders hilfreich ist das Nachwort, dass noch ergänzende Fakten zur Autorin Marianne Philips enthält.

    Eckpunkte zum Roman
    Die Autorin Marianne Philips lebte von 1886 bis 1951.
    Judith Belinfante, Enkelin von Marianne Philips, schreibt im Anhang, dass Marianne Philips selbst unter Psychosen gelitten und Zeiten in einer Nervenklinik verbracht hatte. So erhält der Roman einige biografische Elemente. Die Beschreibung der Zustände in psychiatrischen Anstalten, die Armut der Menschen, die krank waren oder viele Kinder hatten, entspricht genau den Tatsachen.
    Der Roman wurde 1930 veröffentlicht, was sehr erstaunlich war, denn zu dieser Zeit gab es in Romanen noch keine schriftlichen Beschreibungen über psychische Probleme. Marianne Philips erwies Mut, über dieses Thema zu schreiben, insbesondere da sie eine Frau war.
    Fazit

    „Niemand hat Schuld an meinem Leben, nur ich selber. Es waren weder die Umstände noch die anderen Leute, da mache ich mir nichts mehr vor.“

    Der Roman ist ein vergessener Klassiker. Er erschien bereits vor 90 Jahren auf Niederländisch. Doch es scheint, dass der Roman seiner Zeit voraus war.
    Marianne Philips verstand das Schreiben als Therapie. So wie die Protagonisten Heleen musste Marianne Philips sich ihren Weg aus ärmlichen Verhältnissen hart erarbeiten.
    Es ist ein ungewöhnliches Buch, ein intensives Buch mit Gefühlen, geschrieben von Marianne Philips, einer ungewöhnlichen Frau. Sie lässt intensive Gefühle spüren und die Traurigkeit wird sichtbar.
    Ein Buch, das ich gerne empfehle.

  1. Wenn die Geschichte raus muss...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Apr 2021 

    Klappentext:
    „In einer Nervenklinik vertraut Heleen einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Sie erzählt vom Aufwachsen in einer kinderreichen protestantischen Familie, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg, den sie sowohl ihrer eigenen Schönheit als auch ihrem Sinn für Schönes zu verdanken hat. Und sie berichtet von ihrer großen Liebe Hannes und der jüngeren Schwester Lientje, um die sie sich seit dem Tod der Eltern kümmert. Mit ungeahnten Folgen, denn ihrer eigenen Eifersucht kann sie sich nicht entziehen.“

    Ich liebe es ja Klassiker zu lesen. Dieses Buch erschien bereits 1930 und hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Heleen‘s Geschichte wirkt zu Beginn recht verzwickt aber schnell bemerkt der Leser was und wieviel wirklich in ihr steckt. Sie eine verkappte Existenz immer auf der Suche nach sich selbst, nach Schönheit, ein bisschen Anerkennung und ein bisschen sie selbst. Ihre Eifersucht ist ein bisschen der rote Faden der Geschichte und lässt einen manchmal staunen aber es gab auch Momente, da ist man einfach nur erschrocken und sogar etwas mystisch dunkel. Die Eifersucht liegt wie ein Schatten auf ihr und es ist ihr größter Gegner, denn sie bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch zu ihrer eigen Person. Da merkt man dann schon dad der Buchtitel hier präsent ist, was ich immer sehr schätze. Ihre Lebensbeichte ist ein Aufschrei ihrer Seele - es muss jetzt ei fach raus, sie muss es jetzt erzählen und als Leser verfolgt man jede Seite gespannt mit. Der Lesefluss ist hier ganz besonders gelungen und auch die Übersetzung hat an Ausdruck nichts eingebüßt. Das dieser Roman mehr ist als nur ein „Roman“ erfährt man, wenn man sich mit der Autorin auseinandersetzt. Wieviel Wahrheit und Biografie hier von ihr drinstecken, wird ihr Geheimnis bleiben. Fakt ist aber, ein Buch in so einer Zeit zu schreiben, war ein riesiger Aufschrei und unerhört. Ich finde dieses Buch unerhört gelungen, es sehr gut, weitblickend und einfach zeitlos - 4 von 5 Sterne!