Die Beichte einer Nacht

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Beichte einer Nacht' von Philips, Marianne
4.7
4.7 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Beichte einer Nacht"

In einer Nervenklinik vertraut Heleen des Nachts einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Sie erzählt vom Aufwachsen in einer kinderreichen protestantischen Familie, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg, den sie sowohl ihrer eigenen Schönheit als auch ihrem Sinn für Schönes zu verdanken hat. Und sie berichtet von ihrer großen Liebe Hannes und ihrer jüngeren Schwester Lentje, um die sie sich seit dem Tod ihrer Eltern kümmert. Mit ungeahnten Folgen, denn ihrer eigenen Eifersucht kann sie sich nicht entziehen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag:
EAN:9783257071429

Rezensionen zu "Die Beichte einer Nacht"

  1. Nachtschicht oder ein Ausbruch mit Folgen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jun 2021 

    In einer schnörkellosen und recht einfach gehaltenen Sprache erzählt eine Frau einer Nachtschwester in einer Psychiatrie ihre Lebensgeschichte. Dies ist etwas, was mir in meiner Laufbahn auf Station öfters passiert ist. Gerade die Nacht lockt bei manchen Menschen irgendwie einen Redefluss hervor, obwohl ich den Tag für Lebensberichte vorziehe, ich kann einfach ausgeschlafen besser auf Informationen adäquat reagieren. Aber gut, zurück zum Buch.

    Was mir an dieser Art des Berichtens nicht so gefallen hat ist eine recht emotionslose, fast gefühlskalte Art des Beschreibens der Stationen des Lebens dieser Frau, dieser Heleen. Man bekommt fast sofort den Eindruck eines dramatischen Verlaufs. Natürlich gibt es Ursachen dieser Entwicklung der Heleen, in ärmlichen Verhältnissen groß geworden, mit wenig Bildung konfrontiert und in einem etwas engen Elternhause erwachsen geworden, bricht eben diese Heleen aus. Sie verlässt ihr Elternhaus, geht in die Stadt, möchte ein besseres Leben. Man möchte feministisch begeistert Bravo rufen, aber irgendwie lastet ein dunkler Schatten auf dem Gesagten. Heleen ist irgendwie sehr um sich selbst kreisend, wirkt egoistisch und selbstbezogen. Auch die Gefühlswelten ihrer Umgebung erschließen sich ihr nicht, fast etwas soziopathisch wirkt sie. Kein Wohlfühlcharakter, definitiv.

    Aber man darf nicht vergessen, diese Geschichte entstammt einer anderen Zeit. Ich konnte es nicht direkt aus der Geschichte herauslesen, aber Marianne Philips ist eine 1886 geborene Autorin und "Die Beichte einer Nacht" ist 1930 herausgebracht worden. Somit ergibt sich ein Handlungsrahmen und das Nachwort ist hierzu sehr erhellend. Wobei dieser gewisse autobiographische Anteil auch sehr interessant ist und definitiv ist dieses Buch mutig zu nennen. Spricht es doch Thematiken an, die eigentlich meist totgeschwiegen wurden.

    Ein interessantes Buch aus einer vergangenen Zeit, die uns ein Glück erspart bleibt. Aber gut, wir haben unsere eigene Zeit, mit unseren Problematiken. ...

  1. Die eigene Hölle

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Jun 2021 

    "Ich setze mich zu Ihnen, Schwester. Das ist nicht erlaubt, ich weiß es. Aber ich mache es trotzdem – ich habe so lange nicht mehr auf einem Stuhl gesessen, an einem Tisch mit einer Lampe drauf." (S. 7)

    Mit diesen Worten beginnt die Ich-Erzählerin Heleen eine beklemmende Lebensbeichte und bricht nach sieben Monaten in einer Nervenheilanstalt ihr Schweigen. Anders als der deutsche Romantitel "Die Beichte einer Nacht" es nahelegt, sind es zwei Nächte, in denen Heleen einer Nachtschwester ungeschönt ihr Leben erzählt, hauptsächlich, um sich selbst Klarheit zu verschaffen:

    "Ich liege da und will begreifen – ich suche und finde immer wieder andere Gründe, warum das Unglück geschehen musste. Aber den ursächlichen Grund finde ich nicht." (S. 164)

    Die handarbeitende Schwester bleibt völlig stumm, nur Randbemerkungen lassen ihre Reaktionen erahnen. Dass der Tag zwischen den beiden Nächten eine Veränderung für Heleen bringt, legt nahe, dass die Zuhörerin wider Willen aufmerksam lauscht - bis Heleen nach zwei Nächten mit den Worten endet:

    "Schwester! Was machen Sie jetzt? Beten Sie? Für mich?" (S. 263)

    Aufstieg und Fall einer schönen Frau
    Als ältestes von zehn Kindern einer durch einen Unfall des Vaters verarmten niederländischen Bürgersfamilie muss Heleen früh Verantwortung übernehmen, besonders für die jüngste Schwester Lientje. Ein Ausweg scheint nach nur sechs Schuljahren die Arbeit im Schneideratelier einer Französin. Dort lernt sie einen Handelsvertreter kennen, der ihr den Weg in die Stadt ebnet:

    "Meine Wahl war nicht falsch. Ich bereue sie nicht." (S. 78)

    Mit Ehrgeiz, Fleiß und dank ihrer Schönheit schafft sie den beruflichen, später auch den gesellschaftlichen Aufstieg, immer bemüht, „nicht billig zu sein“, bleibt aber trotz ihrer Männerbekanntschaften zutiefst einsam. Mitte 20 beginnt ihre Angst vor dem Alter und sie geht eine kurze, traumatische Ehe mit einem reichen Kunstkritiker ein:

    "Bis heute ist mir unklar, warum ich ihn geheiratet habe. Ich muss taub und blind gewesen sein - oder so müde, dass mir alles egal war außer meiner eigenen Bequemlichkeit". (S. 121)

    Als das Glück dann in Person des Sportlehrers Hannes doch noch vor ihrer Tür steht, kann ihm nicht trauen. Die Liebe macht sie verletzlich, ihr Selbstvertrauen leidet unter ihrer  vergehenden Schönheit und das Drama nimmt seinen Lauf.

    Ein Roman mit Sog
    "Die Beichte einer Nacht" konnte ich, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen konnte. Die faszinierende Erzählform in Kombination mit der von Beginn an heraufziehenden Katastrophe, die genaue Innenperspektive einer tragischen Frauenfigur, die detaillierte Beschreibung des sozialen Umfelds und aller Figuren sowie die Anklage gegen die zeitgenössische Psychiatrie machen für mich diesen unbekannten Klassiker zu einer unbedingt lesenswerten Entdeckung.

    Kein bisschen verstaubt
    Als der Roman der niederländischen Jüdin Marianne Philips (1886 – 1951) im Jahr 1930 unter dem Titel "De Biecht" erschien, war er Teil einer Therapie im Rahmen einer Psychoanalyse. 1913 hatte die Autorin wegen einer Wochenbett-Depression bereits sechs Monate in einer Nervenklinik verbracht. Auch sonst finden sich zahlreiche Parallelen zur Biografie der politisch bei den Sozialdemokraten engagierten dreifachen Mutter, wie ihre Enkelin, die Historikerin Judith Belinfante, in ihrem sehr lesenswerten Nachwort erklärt. Welch ein Glück, dass der Diogenes Verlag diesen so modern anmutenden Klassiker nun auf Deutsch zugänglich macht. Die wegen seiner Außergewöhnlichkeit zwiegespaltenen Kritiken der Zeitgenossen werden sich heute bestimmt nicht wiederholen.

  1. Zwei Nächte - ein Frauenleben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Jun 2021 

    “Die Beichte einer Nacht” ist ein niederländischer Roman, der um 1930 von Marianne Philipps geschrieben wurde, einer Frau, die in Gewerkschaft und Frauenbewegung aktiv war und einen für Frauen damals unkonventionellen Lebensweg (u.a. Romanschriftstellerin) beschritten hat.
    In dem Roman erfahren wir das Schicksal von Heleen einzig und allein aus ihrer eigenen Perspektive, denn sie drängt in zwei Nächten ihre Lebensgeschichte einer Schwester geradezu auf, die in der Nervenheilanstalt, in die Heleen eingewiesen wurde, die Nachtwache hält. Stumm und fast regungslos spielt diese Schwester den Part der Zuhörerin, den Heleen eigentlich gar nicht braucht, denn ihr Drang, endlich zu erzählen und ihre Lebensgeschichte in der „Beichte“ zu ordnen ist so groß, dass keine der Reaktionen bzw. der ausbleibenden Reaktionen sie stoppen oder davon abhalten kann, weiter zu berichten.
    Es ist die Geschichte eines exemplarischen und dennoch einzigartigen Frauenschicksals aus dem armen Bürgertum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als älteste Tochter hat Heleen in ihrem Elternhaus viele Pflichten zu übernehmen, wodurch ihr nur sehr wenig Zeit für sich selbst bleibt. Die Mutter, die vom Vater komplett und ohne Ansehung der Bedürfnisse seiner Frau ausgenutzt wird, nutzt wiederum Heleen, die Erstgeborene, aus, so dass Heleen kein Hauch einer Kindheit bleibt. Doch Heleen ist intelligent und stark und weiß ihre (wenigen, auch zweifelhaften) Chancen zu nutzen. Ihr Geschick und ihr Sinn für Geschmack und Ästhetik bringt ihr die Aufmerksamkeit eines Herren, der ihr die Chance gibt, einen Beruf mit gewissem Einfluss und eigenem Gestaltungsvermögen zu ergreifen. Dafür ist sich Heleen nicht zu schade, diesem Herrn auch sexuell zu Diensten zu sein. Sie weiß dabei aber immer irgendwie ein Gleichgewicht der Interessen herzustellen und geht nie komplett unter in diesem Machtspiel um Sex und Aufstiegsmöglichkeiten. So kann sie ihr Elternhaus und die damit verbundenen Zwänge verlassen und wird Abteilungsleiterin einer Luxusabteilung im Warenhaus der größeren Stadt. Sie kommt so in Kreise, die ihr im Elternhaus nie offen gestanden hätten und macht die Bekanntschaft des „Feingeistes“ Charles, den sie heiratet, was ihre Karriere im Warenhaus abrupt beendet und sie zu einem Ausstattungsgegenstand im kunstvollen Heim des Charles verkommen lässt. Sie ist hier in eine Falle getappt, die man ihr mit der Vorgeschichte so nicht zugetraut hätte. Aber: Fehler passieren eben auch den intelligentesten Charakteren. Sie bereinigt den Fehler nach etwa 2 Jahren, beendet die Beziehung zu Charles und zieht mit ihrer kleinen Schwester, die sie mit Charles zusammen bei sich aufgenommen haben, in eine kleine Wohnung, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Mit häuslichen Arbeiten hält sie sich und ihre Schwester finanziell über Wasser und macht die Bekanntschaft von Hannes, der die Liebe ihres Lebens wird. Sie ziehen zusammen und leben als Familie mit der kleinen Schwester recht harmonisch zusammen. Wäre da nicht Heleens zerstörtes und zerstörerisches Selbstbild die sich ständig als nicht gut genug sieht, sowie ihre krankhafte Eifersucht, mit der sie jede betrachtet, die sich ihrem Hannes auch nur nähert. Als sie bemerkt, dass die kleine Schwester diejenige ist, auf die sich am ehesten ihre Eifersucht richten sollte, nimmt das Unglück seinen Lauf, an dessen Ende Heleen sich in der Nervenheilanstalt wiederfindet, die Schauplatz der Beichte ist, die diesen Roman ausmacht.
    Marianna Philipps erzählt in reiner Monologform diese starke Frauengeschichte und kann den Leser durch die Authentizität des Erzählten, durch eine feine, unaufgeregte Erzählhaltung und eben diese ungewöhnliche Erzählperspektive fesseln. Obwohl in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt und damit knapp an die 100 Jahre alt, ist die Gedankenwelt und die Dilemmas, die Heleen umtreiben, immer noch ungemein aktuell und modern. Deshalb ist der Roman eine tolle Wiederentdeckung des Diogenes-Verlags. Ich vergebe gern 5 Sterne.

  1. Lesenswerte Wieder- Entdeckung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jun 2021 

    Die Ich- Erzählerin Heleen, eine Frau Ende Dreißig, Anfang Vierzig, ist seit Monaten zur Beobachtung in einer Nervenheilanstalt. Bisher hat sie geschwiegen, doch nun hat sie das Bedürfnis, jemandem ihre Geschichte anzuvertrauen. Sie setzt sich zur Nachtschwester und beginnt zu erzählen, von Anfang an.
    Wir sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Städtchen in den Niederlanden. Heleen wächst in ärmlichen Verhältnissen in einer kinderreichen Familie auf. Schon früh muss sie als Älteste Verantwortung übernehmen. Um ihre Mutter zu entlasten, kümmert sie sich um die neun Geschwister. Mit 13 Jahren schon findet sie Arbeit als Schneiderin und trägt so zum Unterhalt ihrer Familie bei. Dabei weckt das hübsche Mädchen das Interesse eines Handelsvertreters. Heleen nutzt seine Verliebtheit, um der Enge des Elternhauses zu entfliehen. Er besorgt ihr eine Wohnung und eine Anstellung in der Stadt. Auch hier erkennt die junge Frau ihre Chancen. Sie hat Erfolg, steigt auf, bleibt aber einsam.
    Eine Ehe mit einem weitaus älteren Mann verschafft ihr gesellschaftliches Ansehen und Wohlstand. Doch schon zwei Jahre später bricht sie aus dieser unglücklichen Verbindung aus. Nach dem Tod der Mutter nimmt sie ihre jüngste Schwester Lientje bei sich auf und als sie dem ein paar Jahre jüngeren Hannes begegnet, ist ihr Glück vollkommen. Trotzdem steuert alles auf eine Katastrophe zu, die sie hierher, in die Psychiatrie, gebracht hat.
    Der Roman ist bereits 1930 erschienen. Das mag man kaum glauben, so modern mutet er an.
    Die Protagonistin ist nicht typisch für ihre Zeit und der Literatur dieser Zeit. Schon früh weiß sie, was sie will und steuert zielstrebig darauf zu. „ Ich war tatsächlich ein wenig anders als die anderen jungen Frauen. Ich traute mich etwas und tat, was mir beliebte;...“
    Sie schafft es, sich aus ihrem Milieu zu befreien und aufzusteigen, auch wenn sie dafür ihren Preis zahlen muss. Abschreckend mag das Beispiel ihrer Mutter ihr vor Augen stehen. „ ...ob Mutter wusste, dass sie lebend in der Hölle gelandet war.“
    Ihre Schönheit verleiht ihr Macht über Männer. Das weiß sie bald, für ihre Zwecke zu nutzen.
    Heleen ist eine starke und unabhängige Frau, bis sie die Liebe trifft. Da steigert sich ihre Angst, diese wieder zu verlieren, ins Wahnhafte. Es ist erschreckend zu lesen, wie jemand sein Glück zerstört, weil er das Gefühl hat, er habe es nicht verdient.
    Die Ich- Erzählerin ist eine Protagonistin, die man nicht so schnell wieder vergisst. Doch sie ist keine Frau, die man ins Herz schließt, kein Opfer, das man bedauert. Das möchte sie auch nicht sein. Immer wieder betont sie, dass niemand Schuld trägt an ihrem Schicksal, dass sie frei ihre Entscheidungen getroffen hat.
    Ungewöhnlich ist auch die Erzählweise. Der ganze Roman ist ein langer Monolog, erzählt in zwei Nächten. Adressat eine namenlose Nachtschwester, die aber wenig Reaktionen zeigt auf das Gehörte. Der Leser rückt gewissermaßen in deren Position. Gespannt folgt er der Erzählerin, denn er möchte wissen, was sie hierher gebracht hat in die Nervenheilanstalt.
    Das Buch schließt mit einem informativen Nachwort von Judith Belinfante, der Enkelin der Autorin. Diese beleuchtet darin das Leben und das literarische Werk , sowie das politische Schaffen ihrer Großmutter. Marianne Philips war eine Frau, die sich politisch engagiert hat , sich aber auch mit den Abgründen der weiblichen Psyche beschäftigt hat. In „ Die Beichte einer Nacht“ hat die Autorin Teile ihrer eigenen Biographie ( Herkunft und Kindheit ) verarbeitet; das Schreiben an diesem Roman war auch Teil ihrer eigenen Therapie.
    „ Die Beichte einer Nacht“ ist kein Buch, das Freude macht beim Lesen. Zu beklemmend die Geschichte, zu schrecklich ihr Ende. Trotzdem lohnt sich diese Wieder- Entdeckung!

  1. "Wenn ich jetzt nicht rede, werde ich vollkommen verrückt." (94)

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jun 2021 

    In zwei aufeinander folgenden Nächten vertraut die ca. 40jährige Heleen, die in einer Nervenklinik liegt, der Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Die Geschichte spielt in den Niederlanden zu Beginn des 20.Jahrhunderts.
    Der Roman ist vollständig als Monolog der Ich-Erzählerin konzipiert, die Reaktionen der Nachtschwester erfahren wir lediglich aus ihren Kommentaren.
    "Nein, bitte, legen Sie die Näharbeit nicht weg. Lassen Sie mich bitte noch ein bisschen bei Ihnen sitzen, bringen Sie micht nicht ins Bett." (33)

    Dadurch, dass Heleen durchgängig erzählt, ist die Beichte sehr intensiv und komprimiert. Beim Lesen entsteht ein Sog, der die Leser*innen in diese außergewöhnliche Lebensgeschichte hineinzieht. Die Fragen, die im Raum stehen, sind:

    Warum ist Heleen in der Nervenklinik? Was hat sie zu beichten? Ist sie wirklich psychisch krank?

    "Ich war die Älteste und habe erlebt, wie das Haus voll wurde." (23)

    Neun Geschwister hat sie und muss nach 6 Jahren die Schule verlassen, um zum Einkommen des Haushalts beizutragen, nachdem ihr Vater bei einem Unfall ans Bett gefesselt ist. Damit erfüllt sich letztlich ein Traum für sie, dann bereits als Kind läuft sie einmal von zu Hause weg, da sie in die Welt hinaus gehen will.

    Sie erhält eine Anstellung in dem Schneideratelier einer Französin und ist sich trotz ihrer 13 Jahre bewusst, "dass [sie] große braune Augen hatte, das Weiß bläulich wie Porzellan, und [ihre] Haare waren schwarz, ganz glatt und glänzend." (45)

    Täglich betrachtet sie sich im Spiegel, dem sie gegenüber sitzt und stellt sich vor, sie trage die wunderschönen, kostbaren Kleider, an denen sie arbeitet. Als sie zu ihrem 15.Geburtstag von den anderen Angestellten ein braunes Kleid aus Baumwollsamt erhält, verschwindet das Spiegelmädchen. Sie erkennt, dass sie "ärmlich gekleidet" (48) ist und damit möchte sie, die sich nach Schönheit sehnt, und alles, was sie stört und irritiert, "hässlich" nennt, nicht abfinden.

    Heleen nutzt die Bekanntschaft eines Handelsvertreters für Stoffe, um einen sozialen Aufstieg zu erreichen. Dafür muss sie gegen den Willen ihres Vaters, der sie verdammt, ihr Elternhaus verlassen. Die Antwort ihrer Mutter zeigt, wie schwierig es für Frauen in dieser Zeit gewesen ist, einen eigenen, selbstbestimmten Weg einzuschlagen.

    "Sie sagte nur, sie habe lebenslang ihre Pflicht getan. Und sich an die Gebote gehalten. Und auch auf ihrem Leben habe kein Segen gelegen." (83)

    Heleen muss die ganze Nacht - und auch noch eine weitere, reden, sonst "werde [sie] vollkommen verrückt." (94)

    Diese Beichte ermöglicht ihr, das Furchtbare, das sie getan hat, zu begreifen. Der Monolog gleicht einer intensiven Psychoanalyse, lässt die Gefühle und Erkenntnisse aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche steigen. In der 2.Nacht werden die Reaktionen der Nachtschwester kaum noch kommentiert, der Drang, sich alles von der Seele zu reden, wird größer. Was sie getan und erlebt hat, zeigt, dass sie, die selbst wenig Liebe erfahren hat, kaum Selbstvertrauen hat und sich fast ausschließlich über ihre Schönheit definiert. Ihre Angst, den Menschen, den sie über alles liebt, zu verlieren, weil sie älter wird, ist unerträglich für sie und führt letztlich zu einer Katastrophe.

    Ein Roman, der aufgrund der Erzählweise einen Sog entfaltet, dem ich mich kaum entziehen konnte. Sehr intensiv erlebt man die Lebensgeschichte dieser aufstrebenden jungen Frau mit, die aus der Unterschicht kommend, aufsteigt, um zu fallen.

    Ein Roman, dem ich viele Leser*innen wünsche!

  1. Monolog eines Lebens

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Mai 2021 

    Autorin
    Marianne Philips
    Marianne Philips, geboren 1886 in Amsterdam, war Politikerin, Schriftstellerin und Mutter von drei Kindern. Für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde sie 1919 als eine der ersten Frauen zum Ratsmitglied der Niederlande gewählt. Sie schrieb fünf Romane und einige Novellen. Ab 1940 war ihr das Publizieren als Jüdin untersagt. Sie überlebte den Krieg, war aber krankheitshalber bis zu ihrem Lebensende (1951) ans Bett gefesselt.
    Die Beichte einer Nacht
    Quelle: Diogenes Verlag AG Zürich

    „Ich möchte gerne mit einem anderen Menschen reden, selber höre ich ja meine
    Stimme und meine Worte, aber heute kann ich es nicht ertragen, dass sie
    ungehört zu mir zurückkommen (...).“

    Inhalt
    Die Ich-Erzählerin Heleen weilt zur Untersuchung in einer Nervenheilanstalt im Jahr 1930. Sie kann nicht schlafen, weil die anderen sie im Gemeinschaftssaal zu stark stören. Sie geht zur Nachtschwester, obwohl dies nicht erlaubt ist. Sie beginnt zu erzählen, so als ob ein Damm gebrochen ist. Die Worte enden nicht und die Nachtschwester hört stumm zu. Heleen schildert ihre entbehrungsreiche Kindheit als ältestes von zehn Kindern, das früh schon mit anpacken musste. Stumm hört die Nachtschwester zu und erfährt von dem gehässigen Vater. Heleen berichtet von ihrer Kindheit in einer armen Familie, dem Wunsch nach Unabhängigkeit und finanziellem Auskommen. Es gelingt er der Sprung in die Stadt und Bekanntschaft mit reichen Herren, die sie anbeten und gerne ihr Geld für sie ausgeben. Sie heiratet doch die Ehe scheitert und sie muss den finanziellen Ruin hinnehmen. Und dann erzählt sie von ihrer großen Liebe Hannes, die aber nicht für die Ewigkeit bestimmt war.

    Sprache und Stil

    „Seltsam ist das, es gibt Augenblicke, in denen hat man tatsächlich die Wahl. Damals vor dem Bahnhof erkannte ich glasklar, dass ich die Wahl hatte: unser Städtchen und ein bisschen Mühsal, aber auch Ruhe – oder Groenmans und das Unbekannte.“

    Zunächst erscheint die Geschichte wie ein Traum, eine Entwicklung vom hässlichen Entlein zum Schwan. Einem Mädchen bietet sich eine Chance, die sie konsequent ergreift an sich arbeitet und mit ihrer Bescheidenheit und Höflichkeit es schafft, dass sich Türen für sie öffnen.
    Sie entwickelt sich zu einer begehrten Dame, die Luxus schätzt und liebt. In ihrer Geschichte beschönigt sie nichts, bekennt sich zu Fehlern und Unzugänglichkeiten und stürzt wissentlich in ein Chaos.

    Sie fühlt sich von Gott verlassen und gibt Gott die Schuld.

    „Seltsam, und das kann mich noch immer nicht schrecken – Gott selber hat mich zu einer Gottlosen gemacht, er hat mich fragen lassen und keine Antwort gegeben.“

    Der Roman wird aus der Ich-Perspektive erzählt und ist als ein großer Monolog verfasst. Durch den Monolog kann der Leser sich hervorragend in die Protagonistin Heleen hineinversetzen.

    Die Autorin schreibt bildhaft und sensibel, ohne überschwängliche Emotionen. Der Spannungsbogen wird geschickt gespannt, der durch kritische Selbstanalyse der eigenen Erfahrungen von Marianne Philipps Authentizität verliehen bekommt.

    Die Charaktere werden sehr gut beschrieben und dargestellt.

    Besonders hilfreich ist das Nachwort, dass noch ergänzende Fakten zur Autorin Marianne Philips enthält.

    Eckpunkte zum Roman
    Die Autorin Marianne Philips lebte von 1886 bis 1951.
    Judith Belinfante, Enkelin von Marianne Philips, schreibt im Anhang, dass Marianne Philips selbst unter Psychosen gelitten und Zeiten in einer Nervenklinik verbracht hatte. So erhält der Roman einige biografische Elemente. Die Beschreibung der Zustände in psychiatrischen Anstalten, die Armut der Menschen, die krank waren oder viele Kinder hatten, entspricht genau den Tatsachen.
    Der Roman wurde 1930 veröffentlicht, was sehr erstaunlich war, denn zu dieser Zeit gab es in Romanen noch keine schriftlichen Beschreibungen über psychische Probleme. Marianne Philips erwies Mut, über dieses Thema zu schreiben, insbesondere da sie eine Frau war.
    Fazit

    „Niemand hat Schuld an meinem Leben, nur ich selber. Es waren weder die Umstände noch die anderen Leute, da mache ich mir nichts mehr vor.“

    Der Roman ist ein vergessener Klassiker. Er erschien bereits vor 90 Jahren auf Niederländisch. Doch es scheint, dass der Roman seiner Zeit voraus war.
    Marianne Philips verstand das Schreiben als Therapie. So wie die Protagonisten Heleen musste Marianne Philips sich ihren Weg aus ärmlichen Verhältnissen hart erarbeiten.
    Es ist ein ungewöhnliches Buch, ein intensives Buch mit Gefühlen, geschrieben von Marianne Philips, einer ungewöhnlichen Frau. Sie lässt intensive Gefühle spüren und die Traurigkeit wird sichtbar.
    Ein Buch, das ich gerne empfehle.

  1. Wenn die Geschichte raus muss...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Apr 2021 

    Klappentext:
    „In einer Nervenklinik vertraut Heleen einer Nachtschwester ihre Lebensgeschichte an. Sie erzählt vom Aufwachsen in einer kinderreichen protestantischen Familie, ihrem gesellschaftlichen Aufstieg, den sie sowohl ihrer eigenen Schönheit als auch ihrem Sinn für Schönes zu verdanken hat. Und sie berichtet von ihrer großen Liebe Hannes und der jüngeren Schwester Lientje, um die sie sich seit dem Tod der Eltern kümmert. Mit ungeahnten Folgen, denn ihrer eigenen Eifersucht kann sie sich nicht entziehen.“

    Ich liebe es ja Klassiker zu lesen. Dieses Buch erschien bereits 1930 und hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Heleen‘s Geschichte wirkt zu Beginn recht verzwickt aber schnell bemerkt der Leser was und wieviel wirklich in ihr steckt. Sie eine verkappte Existenz immer auf der Suche nach sich selbst, nach Schönheit, ein bisschen Anerkennung und ein bisschen sie selbst. Ihre Eifersucht ist ein bisschen der rote Faden der Geschichte und lässt einen manchmal staunen aber es gab auch Momente, da ist man einfach nur erschrocken und sogar etwas mystisch dunkel. Die Eifersucht liegt wie ein Schatten auf ihr und es ist ihr größter Gegner, denn sie bezieht sich nicht nur auf Personen, sondern auch zu ihrer eigen Person. Da merkt man dann schon dad der Buchtitel hier präsent ist, was ich immer sehr schätze. Ihre Lebensbeichte ist ein Aufschrei ihrer Seele - es muss jetzt ei fach raus, sie muss es jetzt erzählen und als Leser verfolgt man jede Seite gespannt mit. Der Lesefluss ist hier ganz besonders gelungen und auch die Übersetzung hat an Ausdruck nichts eingebüßt. Das dieser Roman mehr ist als nur ein „Roman“ erfährt man, wenn man sich mit der Autorin auseinandersetzt. Wieviel Wahrheit und Biografie hier von ihr drinstecken, wird ihr Geheimnis bleiben. Fakt ist aber, ein Buch in so einer Zeit zu schreiben, war ein riesiger Aufschrei und unerhört. Ich finde dieses Buch unerhört gelungen, es sehr gut, weitblickend und einfach zeitlos - 4 von 5 Sterne!