Die Bäume: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Bäume: Roman' von Percival Everett
4.7
4.7 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Bäume: Roman"

USA, Anfang des 21. Jahrhunderts: Im Städtchen Money in den Südstaaten werden mehrere Männer ermordet: meist dick, doof und weiß. Neben jeder Leiche taucht ein Körper auf, der die Züge von Emmett Till trägt, eines 1955 gelynchten schwarzen Jungen. Zwei afroamerikanische Detektive ermitteln, doch der Sheriff sowie eine Gruppe hartnäckiger Rednecks setzen ihnen erbitterten Widerstand entgegen. Als sich die Morde auf ganz Amerika ausweiten, suchen die Detektive des Rätsels Lösung in den Archiven von Mama Z, die seit Jahrzehnten Buch führt über die Opfer der Lynchjustiz in Money. Eine atemberaubende Mischung aus Parodie und Hardboiled-Thriller, wie es sie bislang in der amerikanischen Literatur nicht gegeben hat.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:349
EAN:

Rezensionen zu "Die Bäume: Roman"

  1. Wenn sich Rassismus vererbt

    Die Kleinstadt Money im US-Bundesstaat Mississippi im Jahr 2018: Innerhalb kurzer Zeit werden mehrere weiße Hinterwäldler auf brutalste Weise ermordet. Das Bizarre daran ist, dass an den Tatorten jeweils eine zweite, ebenfalls übel zugerichtete Leiche aufgefunden wird, und zwar die eines Schwarzen. Die provinziellen Ermittler sind schnell überfordert, zumal sich die Mordserie bald ausweitet…

    „Die Bäume“ ist ein Roman von Percival Everett.

    Meine Meinung:
    Der Roman ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Das zeigt sich bereits bei dessen Struktur. 108 kurze Kapitel sind auf den rund 350 Seiten aneinandergereiht. Örtlichkeiten und Personen wechseln also in schneller Reihenfolge ab. Erzählt wird aus einer auktorialen Perspektive.

    Der Erzählstil ist dialoglastig und von einer recht einfachen Syntax geprägt. In Kombination mit den kurzen Szenen erinnert der Roman dadurch an ein Drehbuch. Dennoch ist der Schreibstil auf den zweiten Blick alles andere als banal. Besonders gut hat mir der Sprachwitz gefallen, der sich durchs ganze Buch zieht. Der Autor spielt beispielsweise auf sehr amüsante Weise mit Namen und Begriffen.

    Die Übersetzung von Nikolaus Stingl habe ich trotz ihrer Schwächen insgesamt als noch akzeptabel empfunden. Nach der Lektüre könnte ich mir jedoch vorstellen, dass es sich - sprachlich gesehen - lohnen könnte, den Roman im Original zu lesen.

    Das Personal ist sehr umfangreich. Vor allem zu Beginn ist es mir nicht leicht gefallen, die vielen Haupt- und noch zahlreicheren Nebenfiguren zu sortieren. Die Verwirrung hielt aber nur kurz an. Die Charaktere sind zum Teil sehr überzeichnet. Das hat mein Lesevergnügen allerdings noch gesteigert.

    Bei dem Roman handelt es sich um einen Genremix. Die Geschichte enthält Krimi-, Horror- und Mysteryelemente und ist zugleich eine Gesellschaftssatire.

    Inhaltlich geht es vor allem um den Rassismus und seine Folgen. Der Schwerpunkt liegt auf den Lynchmorden in den Südstaaten der USA. Die menschlichen Abgründe, die in diesem Zusammenhang geschildert werden, machen nachdenklich und betroffen. Obwohl einige Hintergründe ihren Ursprung in der Vergangenheit haben, hat das Thema nichts von seiner Aktualität eingebüßt, wie die „Black lives matter“-Bewegung und deren Motive deutlich werden lassen. Zudem lässt der Roman Raum für eigene Interpretationen.

    Die Geschichte überrascht mit einigen Wendungen. Obwohl sie viel Tiefgang besitzt, bleibt das Tempo hoch. Ganz zum Schluss hat mich der Roman mit der außergewöhnlichen Auflösung ein bisschen verloren. Das schmälert den Lesegenuss aber nur wenig.

    Der deutsche Titel ist wortgetreu aus dem englischsprachigen Original („The Trees“) übersetzt. Er ist zwar durchaus passend, erschließt sich aber nicht sofort. Das Cover gefällt mir dafür umso besser, weil es auf mehreren Ebenen sehr stimmig ist.

    Mein Fazit:
    Für seinen Roman „Die Bäume“ wurde Percival Everett völlig zurecht für den Booker-Prize 2022 nominiert. Sowohl in inhaltlicher als auch sprachlicher Hinsicht eine äußerst empfehlenswerte Lektüre, die mich nicht nur sehr gut unterhalten, sondern auch berührt hat. Ich kann mir für diese wichtige Geschichte eine Hollywood-Verfilmung prima vorstellen.

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  1. Ernstes Thema, dennoch bietet der Roman auch sehr viel Komik

    Ernstes Thema, dennoch bietet der Roman auch sehr viel Komik

    Der Autor entführt den Leser in das kleine Städtchen Money in Mississippi. Dort scheint die Zeit still gestanden zu sein.
    Die Menschen die dort leben sind einfach gestrickt, bedienen sich einer eher derben Umgangssprache und sind fast alle rassistisch bis aufs Blut. Als Daisy dann ihren Mann Junior Junior ermordet auffindet, neben ihm ein toter Schwarzer, der Juniors Hoden in den Händen hält, beginnt eine Reihe von grausamen Morden.
    Dem Leser wird schnell klar, dass mit diesem und den weiteren Morden, die ähnlich ablaufen, ein Farbiger gerächt werden soll. Percival Everett nimmt sich einen realen Vorfall aus der jüngeren Vergangenheit und lässt ihn dort in Money aufleben.
    Die Morde sind allesamt grausam, doch der Autor lässt diese schrecklichen Taten allerdings ins komische abdriften, denn die Leiche des Farbigen verschwindet mehrere Male und taucht an anderen Schauplätzen wieder auf. Jedem Schriftsteller würde man diese Spielchen übel nehmen, doch einem Autor der selbst zu dieser Ethnie gehört verzeiht man diese makabre Inszenierung dann doch.

    Natürlich wird in solchen Fällen ermittelt, und hier in Money bekommt der alte Sheriff Jetty dann natürlich Verstärkung vom MBI in Form der Detektives Jim und Ed. Die beiden arbeiten toll zusammen und sind für manch einen Lacher gut. Auch das FBI schickt jemanden in das verschlafende Städtchen. Die schwarze Agentin Herbie Hind lässt sich nicht an der Nase herumführen und bereichert die Handlung enorm.
    Aber nicht nur die Taten aus alten Tagen sollte man gut im Blick haben, auch einige Bewohner des Städtchens haben brisante Pläne.
    Mama Z und ihre Verwandte, die Kellnerin Gertrude, führen mit Damon Thruff einen weiteren Charakter in die Handlung ein, der am Ende sehr interessante Fähigkeiten entwickelt. Hier bewegt sich der Autor dann für mich leider auf einen Bereich zu, der mir schon zu abgehobenen und nicht mehr real erklärbar ist. Auch wenn die Handlung von Anfang an etwas skurill wirkte, ließ sich das meiste mit wohlwollen durchaus rational erklären. Das Ende driftet drastisch ab, wenn auch die Grundidee hinter allem durchaus originell ist.

    Fakt ist dennoch, dass Percival Everett die immer noch vorherrschende Diskriminierung der farbigen Bevölkerung anprangert. Auch kritisiert er, dass den unzähligen Opfern des Rassismus nicht genügend gedacht wird. Wie recht er damit doch hat! Ich hoffe sehr, dass er mit seinem Roman viele Menschen zum nachdenken anregt! Es muss sich endlich drastisch etwas ändern, jeder Mensch sollte die gleichen Rechte haben.

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  1. 5
    04. Apr 2023 

    Das Lachen bleibt im Halse stecken

    Percival Everett, 1956 in Georgia geboren, hat bereits mehr als zwanzig Romane veröffentlicht. Doch in Deutschland hat er bisher nicht die Beachtung gefunden, die er verdient. Das dürfte sich nun ändern. Sein letzter Roman „ Erschütterung“ wurde hierzulande von der Kritik schon hochgelobt und auch „ Die Bäume“ bekommt viel Aufmerksamkeit. Er wagt hier viel und die Rechnung scheint aufzugehen.
    Wir sind im tiefen Süden der USA, in der Kleinstadt Money in Mississippi. Hier ticken die Uhren noch anders. „ Wir sind hier nicht in der Großstadt. Wir sind hier noch nicht mal im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wir sind ja kaum im zwanzigsten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
    In Money glaubt man immer nach wie vor an die Überlegenheit der weißen Rasse, der Ku Klux Klan findet noch regen Zulauf. „ Eines gilt für jeden Weißen in diesem County: Wenn er nicht selber jemanden gelyncht hat, dann hat es jemand in seinem Stammbaum getan.“
    Nun passieren hier hintereinander mehrere Morde an weißen „ Rednecks“ und alle weisen das gleiche Muster auf. Neben dem brutal ermordeten Weißen liegt jedes Mal ein ebenfalls toter schwarzer Mann mit den abgetrennten Hoden des weißen Opfers in der Hand. Doch damit nicht genug. Der tote Schwarze verschwindet auf mysteriöse Weise aus dem Leichenhaus oder auf dem Weg dahin. Und es scheint sich auch jedes Mal um denselben toten Schwarzen zu handeln.
    Die weiße Bevölkerung ist entsetzt, die Morde schlagen hohe Wellen. Der örtliche Sheriff ist mit der Situation heillos überfordert und er bekommt deshalb von oberer Stelle zwei schwarze Detectives zur Seite gestellt: Ed Morgan und Jim Davis vom „ Mississippi Bureau of Investigation“. Die erkennen bald eine frappierende Ähnlichkeit zwischen der schwarzen Leiche und Emmett Till. ( Hier verweist Everett auf ein tatsächliches Ereignis.) Jenem Emmett Till, der 1955 in Money einem Lynchmord zum Opfer fiel. Dem Vierzehnjährigen wurde vorgeworfen, eine weiße Frau belästigt zu haben. Daraufhin wurde er von deren Ehemann und dessen Halbbruder verschleppt und ermordet. Eine ausschließlich mit Weißen besetzte Jury sprach die Täter anschließend aber frei. Jahre später gab die Frau zu, dass gar nichts vorgefallen war.
    Und wie sich bald herausstellen sollte , handelt es sich bei den Ermordeten von Money um die Nachkommen jener Mörder.
    Die beiden Detectives Ed und Jim beginnen mit ihren Ermittlungen; ihnen wird mit Herberta Hind vom FBI eine weitere schwarze Agentin zur Seite gestellt.
    Eine Spur führt sie zu „ Mama Z“, einer 105 Jahre alten Afroamerikanerin, die in ihrem Haus ein Archiv angelegt hat, das sämtliche Lynchmorde in den USA seit 1913 dokumentiert. Hier finden sich nicht nur Schwarze, sondern auch Menschen mit asiatischen und lateinamerikanischen Wurzeln. Auf beeindruckende Weise würdigt Everett diese Opfer, indem er 11 Seiten des Romans nur mit ihren Namen bedruckt.
    Es kommt noch zu weiteren ähnlichen Morden in anderen Bundesstaaten. Das Ganze eskaliert auf rätselhafte Weise.

    Der Roman mischt sehr gekonnt verschiedene Genres. Slapstick, Thriller und Horror verbinden sich mit surrealen Elementen.
    Dabei bedient Everett sämtliche Klischees.
    Das Detective-Duo liefert sich in pointenreichen Dialogen einen Schlagabtausch, wie man es aus zahlreichen Krimis kennt.
    Die Einwohner von Money verkörpern perfekt das Klischee vom tumben Hinterwäldler: Die Männer dick, arbeitsscheu und ständig betrunken, die Frauen frustriert und zänkisch. Auf dem Schild des örtlichen Diners steht „ Dinah“, weil die Besitzerin die Orthographie nur mangelhaft beherrscht.
    Der Autor scheint seinen Spaß gehabt zu haben beim Schreiben. Den möglichen Vorwurf, politisch nicht korrekt zu sein, wenn er die Weißen im Buch so stereotyp darstellt, weist er zurück. „ Es ein Lehrbeispiel dafür, was schwarze Amerikaner:innen seit Jahrhunderten in Literatur und Film erfahren. Ja, ich bin unfair in diesem Roman. Meine Frage an alle, die sich an der Darstellung stören, lautet: „Wie fühlt es sich an?“ so der Autor in einem Interview.

    Doch bei allem Witz und Klamauk geht es in diesem Roman um ein sehr ernstes Thema. Dem Leser bleibt oftmals das Lachen im Halse stecken.
    Everett prangt hier auf jeder Seite den alltäglichen Rassismus in den USA an. Er lässt die weißen Rassisten reden, wie sie es tatsächlich tun, d.h. das N- Wort kommt, meist in seiner übelsten Form, ständig vor. Und auch sonst hält sich hier niemand an politisch korrekten Sprachgebrauch. Es geht derb und oft vulgär zur Sache. Daran darf man sich nicht stören. Ist es doch nur Ausdruck für eine Denkweise, die noch viel zu oft anzutreffen ist.
    Und Schwarze sind nach wie vor permanenter Gewalt ausgesetzt. „ Alle reden von Völkermord überall auf der Welt, aber wenn das Morden langsam stattfindet und auf hundert Jahre verteilt, nimmt es keiner wahr. Die Empörung in Amerika ist immer nur Show. Sie hat ein Verfallsdatum.“
    Der Titel „ Die Bäume“ bezieht sich auf einen Song von Billie Holiday „ Strange Fruits“ und meint die Leiche eines Schwarzen, der als „ sonderbare Frucht“ an einem Baum hängt.

    Percival Everett ist mit „ Die Bäume“ das Kunststück gelungen, Witz und bissigen Humor mit dem bitterernsten Thema Rassismus zu verbinden. Die Figuren werden absichtlich überzeichnet, Wortspiele und Wortwitz sorgen für Lesespaß, ebenso wie die filmreifen Szenen und Dialogen. Darüber vergisst der Leser aber nie die tiefere Botschaft des Romans.
    Völlig verdient stand das Buch voriges Jahr auf der Shortlist des Booker Prize.
    Für mich war es ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das lange im Gedächtnis bleibt.

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  1. »Nothing that boy did could ever justify what happened to him.«

    Percival Everett gelingt das Kunststück, rassistische Menschen in einer bitterbösen und dabei urkomischen Satire an den Pranger zu stellen, das Thema aber dennoch nicht zu trivialisieren. Es ist die Art von Humor, die dir im Halse stecken bleibt, weil er in so einem perfekten Kontrast zum eigentlich Grauenhafen steht. Denn so originell und unterhaltsam Everett die Handlung des Romans auch gestaltet, lässt er Leser:innen dessen realen Hintergrund doch niemals vergessen.

    Emmett Till war erst 14 Jahre alt, als er im Jahr 1955 auf brutalste Art gelyncht wurde, weil eine weiße Frau namens Carolyn Bryant behauptete, er habe sie unsittlich berührt und verbal belästigt. Seine grauenhaft entstellte Leiche wurde wenige Tage später gefunden.

    Der Prozess verstieg sich zu absurden Verschwörungstheorien: So sei der gefundene Tote gar nicht Emmett Till gewesen, sondern eine von schwarzen Aktivisten hergerichtete Leiche. Die beiden Mörder, Carolyns Ehemann Roy Bryant und dessen Halbbruder John William Milam, wurden nach einer nur 67-minütigen Abstimmung von einer ausschließlich weißen Jury freigesprochen. Zwei Monate später gaben sie dem Look Magazine für ein Honorar von $4.000 (entspricht etwa $44.464 im Jahr 2023) ein Interview, in dem sie den Mord zugaben und detailliert beschrieben. Nach dem amerikanischen Rechtssystem konnten sie dafür jedoch nicht mehr belangt werden.

    2017 gab die inzwischen 72-jährige Carolyn Bryant zu, Till habe sie weder ergriffen, wie ausgesagt, noch verbal belästigt. »Nothing that boy did could ever justify what happened to him.« Eine schale, Jahrzehnte zu späte Reue.

    Percival Everett stellt Carolyn und die Nachfahren der Mörder in den Fokus einer vielschichtigen Thriller-Groteske, die Genregrenzen überschreitet und dabei deutlich macht: Der Rassenhass ist beileibe nicht Geschichte. Die Charaktere werden überspitzt dargestellt, bis ins Äußerste karikiert, und wirken dennoch wie ein real existierender Menschenschlag. Es ist ein echtes Kunststück, Figuren so nahe am Absurden anzulegen und sie dennoch glaubhaft darzustellen.

    Mit Ed Morgan und Jim Davis lässt Everett zwei schwarze MBI-Beamten in einer Gegend ermitteln, in der das N-Wort immer noch zum guten Ton gehört. Die beiden lassen die Rednecks, denen sie begegnen, mit genüsslicher Höflichkeit schwitzen, und das ist wahnsinnig witzig – bis dir das Lachen mal wieder gefriert.

    Der eigentliche Kriminalfall ist zwar spannend, doch nur der Rahmen für eine blutige Tour de Force der Rache, die literarisch die Täter-Opfer-Rolle umkehrt. Ach, jetzt kommt erst der Aufschrei? Jetzt, wo weiße Menschen auf ähnliche grauenvolle Weise sterben? Die Geschichte steigert sich zu einem Finale, das jeglichen Realismus über Bord schmeißt und tötet, tötet, tötet. Und dich dabei zwingt, die eigenen Ansichten zu hinterfragen.

    Und nun zu meinem einzigen Kritikpunkt:

    Ich habe das Buch sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Übersetzung gelesen, und das ist ein himmelweiter Unterschied. Wörter und Phrasen wurden nach meinem Empfinden oft zu wörtlich übersetzt, der typische Südstaaten-Slangs findet keine passende umgangssprachliche Entsprechung im Deutschen. Der Sprachfluss ist über lange Passagen hinweg sehr holprig, viele Ausdrücke wirken hölzern.

    Fazit:

    Mit Horror, Klamauk und gnadenlosen Fakten entblättert Everett die Leser:innenseele, und das muss ein Autor erstmal so souverän und gekonnt hinkriegen. Dies ist definitiv ein neues Lieblingsbuch.

    Chapeau, Mr. Everett.

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  1. Nightmare in Trumpland

    „…wir sind hier im souveränen Staat Mississippi. Da gibt es keine Strafverfolgungsbehörden, da gibt’s bloß Rednecks wie mich, die von Rednecks wie dir bezahlt werden.“

    Money, Mississippi: Mehrere grausame Morde an weißen Männern verstören die Bewohner. Nicht nur dass die Opfer blutig und entmannt zurückgelassen wurde. Es findet sich auch immer die Leiche eines Schwarzen, die als bald wieder verschwindet.

    Zwei Agenten des MBI (Mississippi Bureau of Investigation) und eine Agentin des FBI sollen die Ermittlungen übernehmen. Ed Morgan Jim Davis und Herberta Hind sind schwarz und nicht willkommen.

    Die Bäume ist ein Roman des afroamerikanischen Schriftstellers Percival Everett. In deutschsprachiger Übersetzung durch Nikolaus Stingl ist das Buch 2023 bei Hanser erschienen.

    Bäume, nicht selten wurden daran Afroamerikaner aufgeknüpft. Schon Billie Holiday besang die „strange fruit“. Bäume das sind auch Stammbäume, Generationenverzeichnisse.

    Der Ort Money in Mississippi ist keinesfalls fiktiv. 1955 wurde dort der 14-jährige Emmet Till aus ermordet. Er wurde geschlagen, auf ihn wurde geschossen, sein Hals mit Stacheldraht umwickelt und ertränkt. Das alles, weil er angeblich eine weiße Frau angesprochen haben soll.

    Nun sterben in Money Nachfahren ebendieser Frau. Bald werden über das ganze Land verteilt Morde verübt an „anständigen“ Bürgern. Daneben immer wieder rätselhafte Tote afroamerikanischer oder asiatischer Herkunft.

    Was ist das bloß für ein Buch, welchem Genre gehört es an: Krimi, Thriller, Horror, Mystery? Jedenfalls ist es eine höchst mutige politische Satire gegen den amerikanischen Rassenhass, ein Nightmare in Trumpland. Wenn jemals das Wort Galgenhumor auf ein Buch angewendet werden kann, dann ist es dieses Buch. Die Dialoge sind oftmals so pointiert komisch, dass man gar nicht anders kann als lachen.
    Slapstick gegen Rassenhass, das Konzept funktioniert. Percival Everett nimmt sich kein Blatt vor den Mund, zeigt mit dem Finger auf die Dummheit und Selbstherrlichkeit selbst ernannter Herren. Er entlarvt das System Trump und er spielt mit Amerikanischen Symbolen, Namen und Akronymen.

    „Die Geschichte ist ein Motherfucker“, sagte Hind.

    Everett macht die unzähligen Opfer von Lynchjustiz sichtbar, listet ein Archiv auf mit Namen, Namen, Namen…

    „Alle reden von Völkermord überall auf der Welt, aber wenn das Morden langsam stattfindet und auf hundert Jahre verteilt, nimmt es keiner wahr.“

    Bei der gesamten genialen Absurdität dieses Plots ist der Roman todernst und eine ehrenvolle Würdigung aller Opfer rassistischer Hassverbrechens.

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  1. Brutaler Rassismus verpackt als Gesellschaftssatire

    „Money, Missisippi, sieht genau so aus, wie es sich anhört.“ Ein erster Satz, der sitzt: Wir befinden uns in den traditionell rassistischen Südstaaten, in denen sich Dummheit mit Intoleranz, Engstirnigkeit und Gewaltbereitschaft paart. Nacheinander werden einige weiße Männer brutal ermordet. Ihre Kehlen sind mit Stacheldraht durchtrennt, die Hoden abgerissen worden. Letztere befinden sich stets in den Händen eines ebenfalls am Tatort befindlichen toten Schwarzen… Für die beiden unterbelichteten Landsheriffs ist schnell klar, dass der Schwarze den Weißen umgebracht haben muss und sich nähere Untersuchungen erübrigen. Unter mysteriösen Umständen verschwinden dann aber die schwarzen Leichen aus der Gerichtsmedizin. Spätestens das klingt nun nach Dilettantismus, so dass vorgeschaltete Behörden auf den Plan gerufen werden: Ed und Jim vom MBI reisen an, später kommt Herberta Hind als Special Agent vom FBI dazu – alle drei sind schwarz und nehmen die Ermittlungen viel ernster als die Kollegen vor Ort. Schließlich finden weitere ähnlich inszenierte Morde in anderen Bundesstaaten statt…

    Dieser Roman glänzt mit einem bunten, für die Gegend wohl charakteristisch gezeichneten Personal, wobei (hoffentlich!) wahnwitzig übertrieben wird. Dialoge triefen vor Wortwitz, bitterer Ironie und beißendem Sarkasmus. Die einzelnen Szenen haben trotz der Mordszenarien etwas Komödiantisches, der dialoglastige Text liest sich trotz der ernsten Grundthematik leicht und ungemein unterhaltsam – gerade weil er überaus klug komponiert wurde. Die Wortwahl ist mitunter derb. Nicht nur das N-Wort durchzieht die Zeilen, auch andere eindeutig rassistische Beschimpfungen und Verunglimpfungen sind an der Tagesordnung. Sie resultieren aus Vorurteilen beider Seiten. Bildungsarmut, Provinzialität und raue Zustände herrschen im Trump-Land. Dennoch kann man sich über die karikierten Figuren herzhaft amüsieren.

    Doch ganz so einfach bleibt es nicht. Schnell wird klar, dass die getöteten Weißen allesamt als überzeugte Rassisten agierten, die entweder sogar selbst oder ihre Vorfahren an Lynchmorden beteiligt waren. Die schwarzen Leichen erinnern zudem an den 1955 in Money, Mississippi, gelynchten Emmet Till. Mindestens drei der weißen Toten waren in diesen Fall verwickelt. Der Bezug zur Lynchjustiz in den USA wird immer offensichtlicher. Lynchmorde, die niemanden interessierten, hat Mama Z archiviert, eine uralte Dame, die den Ermittlern mit ihrem Wissen auf die Sprünge helfen will.

    Der Roman nimmt durchaus kuriose Wendungen mit skurrilen Zügen. Normalerweise schätze ich so etwas weniger, hier hat mich gerade das Schräge überzeugen können. Es werden Dinge zusammengepackt, die eigentlich nicht zusammengehören, die in diesem Buch aber als Gesellschaftssatire glaubwürdig und fesselnd funktionieren. Percival Everett versteht es als schwarzer Autor meisterhaft, Rassismus und Dummheit ad absurdum zu führen.

    Ein wenig hadere ich mit dem Ende: Einerseits ging es nicht anders, andererseits hat es einen etwas unbefriedigender Ausgang. Aber egal: Dieser Roman ist erfrischend anders. Er geht so salopp mit dem ernsten Thema um, dass er breite Leserschichten ansprechen sollte.

    Rassismus, Vorurteile, Gewalt- und Rachefantasien sind nicht nur ein amerikanisches Problem, es gibt sie überall in der Welt. „Die Bäume“ könnte ich mir wunderbar als Schullektüre vorstellen – gerade weil der Roman gut zugänglich ist und ein faszinierendes Leseerlebnis auch für junge Leute bieten sollte. Große Leseempfehlung!

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  1. 4
    26. Mär 2023 

    Rache!

    Eines schon mal gleich vorweg: solch ein Buch habe ich bislang noch nicht gelesen! Was wie ein hardboiled Thriller beginnt, entpuppt sich bald schon fast als Parodie, denn gerade zu Beginn gibt es sehr viele humorvolle Passagen, und später - ein Abgleiten über Horror in den magischen Realismus bis hin ins Surreale. Ein Genremix, der seinesgleichen sucht, hier aber rund um ein in den USA immer noch gerne totgeschwiegenes Thema ein dickes Ausrufezeichen setzt!

    "Eines gilt für jeden Weißen in diesem County: Wenn er nicht selber jemanden gelyncht hat, dann hat es jemand in seinem Stammbaum getan." (S. 125)

    Mississippi ist und war der wohl rassistischste Staat in Amerika. Hier hat der Hass auf Schwarze eine lange Tradition, war der Ku Klux Klan fest etabliert, Lynchjustiz an der Tagesordnung. Percival Everett siedelt seinen Roman mitten in Trumpland in dem kleinen Städtchen Money an, in dem es zu ersten unerklärlichen Morden an Weißen kommt. Das Entsetzen im Ort ist groß, zumal neben jeder Leiche noch der tote Körper eines schwarzen Jungen liegt, der dem 1955 gelynchten Emmett Till gleicht, der aber danach jedesmal wieder auf unerklärliche Weise verschwindet.

    Als dem Sheriffbüro zwei afroamerikanische Detectives zur Seite gestellt werden, fühlen sich die ortsansässigen Polizisten bevormundet, die Vorurteile Schwarz vs. Weiß funktionieren auf beiden Seiten. Doch auch wenn die Sheriffs in Money zurecht größtenteils rasch als rassistische Dumpfbacken entlarvt werden, können auch die schwarzen Detectives weitere Morde nicht verhindern. Und die erweisen sich nur zu bald schon als sehr inflationär...

    "Alle reden von Völkermord überall auf der Welt, aber wenn das Morden langsam stattfindet und auf hundert Jahre verteilt, nimmt es keiner wahr." (S. 347)

    Der Roman ist sehr dialoglastig, und so manchesmal entwickeln sich dabei regelrechte Scharmützel gespickt mit schwarzem Humor und Situationskomik. Dies nimmt der Ernsthaftigkeit des zugrundeliegenden Themas jedoch nichts von seiner Brisanz - eine eigenartig gelungene Mischung. Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Roman auch der Namensgebung zu. Während die Namen der erwähnten schwarzen Toten offenbar einen traurigen Realitätsbezug haben (alles Lynchopfer der letzten Jahrhunderte), erweisen sich die Namen von Orten oder auch von weißen Personen als Fundgrube der Hintergründigkeit. So heißt beispielsweise die Vortortsiedlung in Money, in der das erste Mordopfer aufgefunden wurde und wo Menschen leben, die abfällig als "White Trash“ bezeichnet werden könnten, bezeichnenderweise "Small Chance", und die tumben Hilfssheriffs in Money - Dalroy Digby und Braden Brady - da ist die Anzahl der Gehirnzellen schon allein aufgrund der Namensgebung begrenzt. Der Autor hatte jedenfalls offenbar auch seinen Spaß beim Schreiben...

    Lange Zeit lebt der Roman von der Spannung, wer oder was hinter den zunehmenden Morden steckt. Eine Rache-Gruppe? Radikale Hardliner? Die Auflösung ist - überraschend. Leider ließ der Roman mich jedoch zuletzt ratlos zurück. Sicher ein bewusst gewähltes Abgleiten ins Uferlose, das deutlich macht, wie viele unzählige schwarze (und asiatische!) Lynchofper es während der vergangenen Jahrhunderte gab und bis heute gibt. Die Anzahl der Morde hier übersteigt irgendwann jedoch das Fassungsvermögen. Für mich zerfaserte der Roman dadurch am Ende zu sehr, es gab kaum noch Zusammenhängendes, zwar einige Erklärungen, aber im Grunde keine Ermittlungen mehr, da zwecklos. Mehr kann ich dazu nicht erwähnen ohne zu spoilern, deshalb soll hier mein spontaner Gedanke nach dem Zuschlagen des Romans reichen: "Ja, und jetzt?!"

    Das soll aber nicht verleugnen, dass es sich hierbei um ein faszinierendes Leseerlebnis handelt, das gerade durch den so verrückten Genremix einen eigenartigen Sog entwickelt. Percival Everett gibt hiermit den zahllosen Opfern von willkürlicher und ungeahndeter jahrhundertelanger Lynchjustiz ein Gesicht - und weist dabei auch auf aktuelle Bezüge hin. Insofern ging sein Plan definitiv auf - und nicht von ungefähr landete der Roman auch auf der Shortlist für den Booker Preis 2022.

    Ein komplett anderer Roman, der Unterhaltung und Ernsthaftigkeit auf verblüffende Weise verbindet.

    © Parden

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  1. In den Abgrund hineinschauen

    "Ich hab über was nachgedacht, was ich lieber nicht getan hätte. Ich hab über die Lüge nachgedacht, die ich vor so vielen Jahren über diesen Nigger-Jungen erzählt hab." (S.16)

    Die Bemerkung von "Granny" Carolyn Bryant, die mit einem Elektrorollstuhl im Garten ihres Sohnes Wheat Bryant umherfährt, macht deutlich, wo wir uns befinden: im echten White Trash-Milieu von Money, Mississippi. Hier trinkt der seit langem arbeitslose Wheat eine Dose Bier nach der anderen und überlegt allen Ernstes, in seinem löchrigen Außenpool Schweine zu halten. Die fragwürdige Idylle findet schnell ein Ende. Kurz danach wird Wheat tot aufgefunden, mit einem Strang Stacheldraht um den Hals und abgerissenen Hoden. Die letzteren hält ein "schmächtiger Schwarzer" in der Hand, der ebenfalls tot und übel zugerichtet neben Wheats Leiche liegt.

    Für die Provinzpolizisten, die den Tatort aufnehmen, steht sofort fest: Der "Nigger" hat einen aufrechten weißen Bürger umgebracht. Kurz darauf verschwindet aber die Leiche jenes Schwarzen aus dem Obduktionsraum, um neben einem weiteren weißen Toten mit abgerissenen Hoden wieder aufzutauchen. Diesmal ist es J.J.Bryant, ein Schwager des ermordeten Wheat. Und wieder löst sich die mysteriöse dunkelhäutige Leiche danach in Luft auf.

    Auf die ersten Kapitel dieses Romans, die wie eine finstere Milieugroteske anmuten, kann man sich wenigstens teilweise einen Reim machen. Der wandelnde dunkelhäutige Tote gleicht Emmett Till, der 1955 im Alter von vierzehn Jahren in Money, Mississippi von mehreren Mitgliedern der Familie Bryant grausam gelyncht wurde; die alte Granny Carolyn, damals eine junge Frau, gab die Einpeitscherin. Die Umstände werden in unserem Buch kurz berichtet und sind auch im Netz nachzulesen. Weitere Morde häufen sich. Am Tatort jedes Mal ein dunkelhäutiger Toter mit den Hoden des gleichfalls toten Weißen in der Hand. Da die örtliche Polizei offenbar zu tumb ist, um damit fertig zu werden, treten zwei Ermittler namens Jim und Ed auf den Plan, beide vom Mississippi Bureau of Investigation und beide dunkelhäutig. Kurz darauf mischt sich auch das FBI ein in Gestalt von Herberta Hind, ebenfalls farbig. Dass diese drei einen anderen Ermittlungsansatz haben als die Redneck-Polizisten vor Ort, versteht sich von selbst. Insbesondere nehmen sie Kontakt auf zu der hundertfünfjährigen Mama Z, die eine Akte führt "über jede Person, die seit 1913 in diesem Land gelyncht wurde". Die Akten füllen ein ganzes Zimmer vom Boden bis zur Decke. Und dass es sich in der Regel um Morde an nichtweißen Personen, begangen von "aufrechten Weißen" handelt, versteht sich auch von selbst.

    "Bäume" ist ein gallebitteres Buch voll grotesker Komik, das die Wurzel jeder Art von Rassismus gnadenlos aufzeigt: Dummheit. Die Redneck-Polizisten, für die eine schwarze Leiche am Tatort entweder "der Mörder" oder bloße Deko ist, der nicht totzukriegende Kuklux-Klan, der "orangefarbene" Präsident - alle werden in ihrer geistigen Begrenztheit nach Strich und Faden bloßgestellt. Demgegenüber steht eine nicht enden wollende Liste von Lynchmorden, die nie aufgeklärt wurden; abgetan als Selbstmorde oder Taten des aufrechten Volkszorns. Wer möchte, kann beim Lesen dieses Romans alle paar Seiten Namen von Ermordeten googeln - vermutlich sind amerikanischen Lesern und Leserinnen viele Namen geläufiger als uns.
    "Die Leiche von Julius Lynch (1913 in Hattiesburg, MS, an einem Baum hängend gefunden) wurde von seinem Bruder beansprucht. Es wurde niemand verhört. Es wurden keine Verdächtigen ermittelt. Es wurde niemand verhaftet. Es wurde niemand angeklagt. Es kümmerte niemanden." (S. 195)

    Zu Aufbau und Stil: Die Handlung wird in etwas über 100 meist kurzen und dialoglastigen Kapiteln Szene für Szene erzählt; der Sprachgebrauch ist schlicht und taff, dem Milieu angepasst. Die beinahe durchgehende Kameraperspektive - man könnte den Roman beinahe wie ein Drehbuch lesen - wirkt auf mich persönlich nach einiger Zeit etwas ermüdend (passt aber zu Thema und Setting). Die grimmige Lesefreude, insbesondere die Freude an der schwarzhumorigen Komik, die die meisten Mitgliedern der Leserunde bekundet haben, ist mir deshalb vielleicht zum Teil entgangen. Das ändert nichts an der Wichtigkeit dieses Buches, das thematisch bis ins Mark trifft, egal ob man in den Südstaaten der USA wohnt oder wo auch immer.
    Eine Auflösung der Mordfälle im Sinne eines Krimis sollte man nicht erwarten. "Bäume" ist weder ein Krimi noch eine Milieustudie im üblichen Sinn. Am ehesten könnte man wohl von Sozialgroteske sprechen. Wer sich auf rabenschwarze Art unterhalten und das rassistische Südstaatenmilieu gnadenlos überzeichnet dargestellt erlesen möchte, wird mit "Bäume" gut bedient. Es erinnert aber auch auf eindringliche Art an das, was niemals vergessen werden darf. Nietzsches berühmter Ausspruch vom Abgrund, der in den Betrachter zurückblickt, passte nie besser als auf dieses Buch. Unbedingt lesen!

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  1. Eine "Rachefantasie"

    Der Roman basiert auf einem historischen Fall: Im Jahr 1955 wurde der 14-jährige Emmett Louis Till, ein US-Amerikaner afroamerikanischer Abstammung, in Money, Mississippi vom Lebensmittelhändler Roy Bryant und dessen Halbbrunder J.W.Milam grausam ermordert, weil er angeblich Bryants Frau Carolyn „Bye, Babe“ gesagt und sie um die Taille gefasst haben soll.
    Der Tod des Jungen löste eine nationale Debatte über Rassismus in den USA aus, trotzdem wurden die beiden Mörder von einer aus weißen Männern bestehenden Jury freigesprochen. (Quelle Wikipedia).

    Everett lässt seine Handlung ebenfalls in Money spielen, Anfang des 21.Jahrhunderts, die einer der Protagonisten folgendermaßen beschreibt:
    "Wir sind hier nicht in der Großstadt. Wir sind hier noch nicht mal im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wir sind ja kaum im zwanzigsten, wenn Sie verstehen, was ich meine."
    Ein Stadt, in der Rassismus auf der Tagesordnung steht und die Rednecks (im Sinne von konservativen Reaktionären) fast uneingeschränkt das Sagen haben.

    Carolyn Bryant, die Emmett Till beschuldigt hat, lebt tatsächlich noch als Granny C bei ihrem Sohn Wheat Bryant und seiner Frau Charlene.
    "Wheat war zurzeit arbeitslos, war ständig und immer zurzeit arbeitslos. Charlene wie oft und gern darauf hin, dass das Wort zurzeit ein Davor und ein Danach voraussetzte". (S.11)
    Gleich zu Beginn offenbart Carolyn, deren Identität im Verlauf des Romans offenbart wird, ihren Meineid: "Ich hab dem kleinen Kerl unrecht getan. Wie es geschrieben steht: Alles rächt sich früher oder später." (S.17) - und das wird es tatsächlich, darum geht es in diesem Roman, um Rache für die Opfer der Lynchjustiz.

    Unter mysteriösen Umständen werden nacheinander sowohl Junior Junior Milam, der Sohn J.W.Milams, als auch Wheat Bryant getötet. Neben ihren verstümmelten Leichen, denen die Hoden abgeschnitten wurden, liegt jeweils eine schwarze Leiche, die eben jene Hoden in den Händen hält. In beiden Fällen ist es derselbe Tote, der nach dem ersten Mord an Milam auf ungeklärte Weise aus der Gerichtsmedizin verschwindet.
    Der örtliche Sheriff Red Jetty ist nebst seinen wenig intelligenten Deputy Sheriffs Delroy Digby und Braden Brady mit den Morden überfordert, so dass sie Unterstützung vom MIB (=Mississippi Investigation Bureau) erhalten.
    Red Jetty Kommentar:
    "Großstadtbullen kommen hierher zum Arsch der Welt, um den Hinterwäldlern zu helfen. Keine Sorge. Ich bin nett zu den Scheißern." (S.37)

    Ed Morgan und Jim Davis, beide afroamerikanischer Herkunft, nehmen sich des Falls an und freunden sich mit Kellnerin Gertrude an, die zu Mama Z. führt. Welche Rolle spielt diese über 100 Jahre alte Dame, ebenfalls afroamerikanischer Herkunft, die in einem Archiv die Namen aller Opfer von Lynchmorden in den USA gesammelt hat?
    Das Morden oder besser gesagt, die Racheakte gehen weiter – und zwar nicht nur in Money, sondern in den gesamten Vereinigten Staaten, wobei die Opfer ausschließlich weiße Rassisten sind, denen allesamt die Hoden abgeschnitten werden und jeweils von einem Toten – afroamerikanischer, asiatischer oder indigener Herkunft in der Hand gehalten wird. Wer steckt hinter all diesen Rachemorden? Geht es nur noch um den Fall Emmett Till oder steht etwas größeres Ganzen dahinter? Woher kommen all die Toten?

    Der Roman hat mich über viele Seiten begeistert, v.a. durch den Aufbau in kurze, actionreichen Kapitel, seine besondere Sprache, in der die tumben Weißen gnadenlos mit Witz durch den Kakao gezogen werden. Die Anhänger des ehemaligen Präsidenten Trumps, der ebenfalls einen satirisch überzeichneten Auftritt hat (der allerdings aus meiner Sicht weniger gelungen ist), werden in ihrer Dummheit, ihrem eingeschränkten Denken regelrecht vorgeführt, so dass man an vielen Stellen lachen muss. Das vergeht jedoch wieder schnell, wenn man sich die Lynchmorde und den alltäglichen Rassismus, unter dem Amerikaner:innen afroamerikanischer, aber auch asiatischer und indigenen Herkunft auch heute noch massiv leiden, vor Augen führt.

    Der Roman ist eine „Rachefantasie“ (Klappentext), die gegen Ende hin ins Magisch-Realistische übergeht. Der Schluss lässt mich als Leserin etwas ratlos zurück, aber vielleicht ist gerade das die Absicht des Autors, der auf drastische Art und Weise auf den Völkermord an Schwarzen, Asiaten und Indigenen in den USA aufmerksam machen will.

    Das ist ihm auf jeden Fall gelungen!

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  1. 5
    17. Mär 2023 

    Southern trees bear strange fruit

    Würde man einen cineastischen Vergleich zu diesem Buch ziehen wollen, könnten sich Leser:innen bei der Lektüre von „Die Bäume“ von Percival Everett auf einen wilden Genremix einstellen. Man nehme die Südstaaten-Atmosphäre der ersten Krimi-Serienstaffel von „True Detective“, inklusive der mysteriösen Mordfälle, und vermische dies mit dem bissigen Humor von Spike Lee-Filmen wie „Blackkklansman“ und deren immer vorhandenen, ernsten Anklage an den aktuellen US-amerikanischen Rassismus und der immer noch nicht aufgearbeiteten diesbezüglichen Historie. Man erhält einen vollkommen überraschenden, kreativen Roman, mit filmreifen Dialogen, interessanten Figuren und knallharter Sozialkritik.

    Percival Everett schickt seine schwarzen Ermittler in das Pulverfass Mississippi, genauer in den Ort Money, um sie (zunächst nur) einen skurrilen Mord an einem weißen Redneck im White Trash-Stadtteil „Small Change“ untersuchen zu lassen. Dort wurde nämlich neben der Leiche des Weißen ebenso die Leiche eines unbekannten schwarzen Mannes gefunden. Für die Bewohner ist schnell klar: Nur der tote (!) Schwarze kann der Mörder des Weißen gewesen sein. Keine Frage, keine Logikfehler ersichtlich. Merkwürdig wird das Ganze zusätzlich dadurch, dass die Leiche dem in 1955 gelynchten Jungen Emmett Till stark zu ähneln scheint und - noch merkwürdiger - als die Leiche des schwarzen Jungen dann auch noch plötzlich verschwindet. Neben einer weiteren frischen Leiche eines Rednecks wieder auftaucht und gleich wieder verschwindet. Mit viel hintergründigem Witz entspinnt der Autor nun eine mysteriöse Geschichte, die sich mit der Historie der Lynchjustiz an afroamerikanischen und asiatischstämmigen Menschen in den USA sowie dem immer noch tief verwurzelten Rassismus zur heutigen Zeit beschäftigt.

    Wenn man Beschreibungen zu dem vorliegenden Roman liest, kann man kaum glauben, dass das zusammenpasst. Diese „Hommage an die Opfer der Lynchjustiz“ und „Rachefantasie“ soll „witzig, surreal und absurd“, ja eine Satire, sein. Funktioniert das denn? Kann man eine Satire auf dieses schreckliche Themengebiet schreiben? Und darf man das? Ja, Percival Everett kann und darf das. Das wird schon nach wenigen Seiten der Lektüre klar. Er entwirft mit wenigen Pinselstrichen vollkommen authentisch wirkende Charaktere, die stellvertretend für Typen bestimmter Personengruppen stehen können, und hier aufeinandertreffen. Diese packt er in ein Szenario, welches an sich schon ungewöhnlich ist: Schwarze Ermittler:innen bewegen sich im Milieu von (mehr oder nur geringfügig weniger) überzeugten Rassisten im diesbezüglich geschichtsträchtigen Südstaate Mississippi. Die Geschichte, so sehr sie auch zunehmend mit magischen Elementen spielt, basiert auf der realen, historischen Person Emmett Till sowie dessen Mördern und unzähligen weiteren Fällen brutalster Lynchmorde. Das ist eine heikle Konstruktion, aber dem Autor gelingt das Wagnis bravourös. Durch klugen Witz enttarnt er die Dummheit, die hinter dem tief verwurzelten Hass der Rassisten steckt und lässt diese gnadenlos auflaufen.

    Der Schreibstil Everetts ist knackig und flott. Die kurzen Kapitel lesen sich wie ein Pageturner fast von allein, die Dialoge sind rasant und einfach nur filmreif. Die Wortspiele und doppelten Böden in den Formulierungen laden dazu ein, das Buch im englischsprachigen Original zu lesen, denn nur dann kommt die sprachliche Raffinesse des Autors vollkommen zum Tragen. Leider schafft es die Übersetzung von Nikolaus Stingl nicht an den Originaltext heran. Manche Formulierungen sind entweder gar nicht übersetzt und nicht nachvollziehbar im Englischen belassen, andere werden wörtlich übersetzt und klingen dadurch einfach nur falsch. Hierbei handelt es sich um ein mir bekanntes Problem mit den Übersetzungen von Nikolaus Stingl. In allen Büchern, die ich in seiner Übersetzung gelesen habe/lesen musste, treten dieselben Probleme auf. Es wundert mich daher sehr, dass der Verlag weiterhin an ihm festhält, wird doch der Lesefluss durch seine merkwürdigen Übersetzungsentscheidungen mitunter sehr gestört. Zum Glück ist Herr Stingl nicht auf die Idee gekommen, den im Buch eingebunden Liedtext des Billie Holiday-Klassikers „Strange Fruit“, worauf sich auch der Titel dieser Rezension bezieht und welcher sich bildgewaltig mit den Opfern der Lynchmorde beschäftigt, zu übersetzen. Denn dieser Songtext kann seine erschütternde Kraft im vollen Umfang nur im englischen Original entfalten.

    Unabhängig von der Übersetzung, empfinde ich nur zwei Kapitel, in denen auch der damalige US-Präsident Donald Trump in persona auftritt, als kritikwürdig. Hat der Autor noch im vorherigen Kapitel Trump durch mehrere treffsichere, subtile Andeutung gekonnt aufs Korn genommen, wird er im nächsten Kapitel durch wirklich unterirdisch platten Klamauk vorgeführt. Fraglos animiert die reale Person zum gnadenlosen Bloßstellen. Aber wir alle wissen, dass es sich hier schon von allein um eine niveaulose Witzfigur handelt, weshalb mir dieser Klamauk ein etwas zu billiger und auch in den letzten Jahren einfach zu häufig ausgetretener Zug ist. Hier verlässt Everett sein ansonsten immer sehr hohes Niveau an messerscharfer Satire zugunsten einer zu simpel gehaltenen Parodie. Schade.

    Die mangelhafte Übersetzung möchte ich diesem ansonsten über weite Strecken grandiosen Werk nicht negativ anlasten und runde deshalb bei 4,5 Sternen auf die volle Punktzahl auf. Es handelt sich hierbei um einen absolut lesenswerten Roman, der durch seinen Stil und die abstruse Handlung überrascht. Fast erkennt man den Autor des Vorgängerromans „Erschütterung“ hier kaum wieder, was aber zeigt, dass er viele Spielarten beherrscht und für Überraschungen in der Zukunft sorgen kann. Eine klare Leseempfehlung für dieses „Highlight mit Abstrichen“!

    4,5/5 Sterne

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