Die Abtrünnigen

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Abtrünnigen' von Abdulrazak Gurnah
4.35
4.4 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Abtrünnigen"

Sansibar in den frühen 1950er-Jahren: Inmitten politischer Umwälzungen und Aufständen gegen die Kolonialherren wachsen die Geschwister Amin, Rashid und Farida auf. Amin, der Mittlere der Brüder, verliebt sich in Jamila, doch beider Leidenschaft zerbricht schon bald am Widerstand seiner Familie und Gerüchten um die Vergangenheit der jungen Frau. Es heißt, ein Fluch liege auf ihrer Verwandtschaft. Im Strudel der Revolution trennen sich die Lebenswege der Geschwister. Rashid beginnt ein Studium in London, das Schicksal von Amin und Jamila lässt ihn aber selbst in der Ferne nicht los. Er begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn tief in die afrikanische Kolonialgeschichte führt – und bis zum Geheimnis um Jamilas Familie. Deren Großmutter hatte für eine verbotene Liebe zu einem britischen Orientalisten einst alles riskiert... »Die Abtrünnigen« zeigt Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah erneut als großartigen, politisch hellsichtigen Erzähler von Geschichten, wie wir sie noch nie zuvor gelesen haben.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783328602613

Rezensionen zu "Die Abtrünnigen"

  1. Kulturelle Identität

    Gurnah erzählt ein Familienepos, das in Sansibar und Kenia um die Jahrhundertwende beginnt und in den 50er Jahren endet und damit drei Generationen abdeckt. Dieses Epos entfaltet der Autor in vielen Geschichten, in denen sich die politische und gesellschaftliche Situation der kolonisierten bzw. dekolonisierten Länder zeigt und die sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Es geht dabei nicht nur um Liebesgeschichten, wie der Klappentext vermuten lässt; sie sind eher der Anlass, und in ihrem Spannungsverhältnis entfalten sich die Konflikte.

    Der Autor vermeidet dabei jede politische Parteinahme. Der Leser liest keine Klagen, und der Autor vermeidet jede Schuldzuweisung, statt dessen wahrt er konsequent seinen distanzierten Blick von außen – er ist emeritiert - auf die Geschichte seiner Heimat. Sein Blick ist differenziert. So stellt er einerseits die Lage der kolonisierten Bevölkerung vor und wie sich ihr Bewusstsein unter dem Einfluss der äußeren Lage verändert hat. Andererseits führt er aber auch die unterschiedlichen Positionen der britischen Kolonialisten vor bis hin zur kritischen Ablehnung des imperialen Systems. Seine sachliche, fast berichtende Erzählweise beglaubigt diese differenzierte Sicht.

    Gurnah ist ein begnadeter Erzähler. So lässt er z. B. einen auktorialen Erzähler auftreten, der nacheinander verschiedene Figuren in den Mittelpunkt stellt und diese damit an den Leser heranrückt. Daneben finden sich verschiedene Ich-Erzähler, und dieses mehrsträngige Erzählen gibt dem Roman eine ganz besondere Dichte. Gurnahs Erzählkunst zeigt sich auch im Umgang mit der Zeit, wenn er unerwartet eine ganze Generation überspringt und mit Reflexionen bzw. kurzen Retrospektiven seiner Figuren das Verständnis des Lesers sichert. Allerdings auch Leerstellen offenlässt (z. B. Wieso trennt sich Martin Pearce von Rehana?), die der Leser mit seinen Vermutungen füllen lässt.

    Sehr gekonnt ist auch die Art, wie der Autor die verschiedenen Handlungsstränge am Schluss wieder zusammenführt und damit seinem Roman sowohl von den Motiven als auch von den Personen her einen runden Abschluss gibt.

    Besonders beeindruckend fand ich die Bilder, die Gurnah mit leichter Feder und doch so treffend entwirft. Dem Leser öffnet sich der Blick in eine Welt, die geprägt ist von verschiedenen sozialen Gruppierungen, von festen Wertvorstellungen und von ethnischer und religiöser Vielfalt. Ein Bild hat sich mir besonders eingeprägt: Der Autor lässt zwei Briten zu einem Grabmonument wandern, das den kulturellen Hochstand des unterworfenen Volkes zeigt – und einer der Briten setzt sich darauf: ein plakatives Bild für den respektlosen Umgang mit einer nicht-schriftlichen Kultur und ein Bild für die Zerstörung deren kultureller Identität.

    Das Problem der kulturellen Identität, und zwar kolonial und postkolonial, scheint mir das Hauptthema dieses vielschichtigen Romans zu sein. Gurnah führt es dezidiert im III. Teil vor, wenn er seinen Protagonisten über unterschiedliche Werte, über Integration und Diskriminierung und seine eigene kolonialistische Prägung nachdenken lässt.

    Sehr störend fand ich die übermäßige Verwendung lokaler Idiome, die ein ständiges Nachschlagen im Glossar erforderlich machte. Das Bemühen um Authentizität ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen, aber hier führte es zu einer ständigen Störung des Leseflusses. Zudem versperrt der Autor damit dem Leser den Zugang zu einer Welt, die er ihm doch zeigen will.

    Der Titel „Die Abtrünnigen“ (engl. desertion) ist vieldeutig. Vordergründig gesehen betrifft er die unglücklich verlaufenen Liebesgeschichten. Aber dahinter stehen die gesellschaftlichen Veränderungen, die Änderungen des Wertekatalogs, die Trennung von überkommenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen (wie z. B. der Sklavenhandel), die Abwanderung vieler Menschen, und auch die Trennung vom britischen Kolonialsystem und der Sturz in eine blutige Revolution.

  1. Komplex, traurig, menschlich und äußerst lebendig erzählt

    Der Roman „Die Abtrünnigen“ stellt zwei gesellschaftlich inakzeptable Liebesgeschichten in den Fokus, die Leid verursachen und alle Beteiligten vor schwierige Entscheidungen stellen.
    In drei Teile gegliedert, umfasst Gurnahs Roman einen zeitlichen Rahmen von etwa 1890, über die 1950er und 1960er Jahre bis in das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts hinein.
    Hassanali, der mit seiner Frau und seiner Schwester Rehana in einer kleinen Stadt in Ostafrika lebt, findet im Morgengrauen nahe der Moschee einen völlig entkräfteten Mann. Er nimmt ihn bei sich auf, lässt eine Heilerin und den lokalen Experten für Knochenbrüche kommen und kümmert sich um ihn. Wie sich herausstellt, handelt es sich um den englischen Forschungsreisenden Martin Pearce. Pearce Charakter wird in starkem Kontrast zu anderen Angehörigen der Kolonialmacht gezeichnet, hat er doch ein echtes Interesse an Land und Leuten, spricht die Landessprache.
    Nach seiner vollständigen Genesung sucht Martin Pearce Hassanalis Familie auf, um sich für seine Rettung zu bedanken. Der gastfreundliche Hassanali lädt ihn zum Essen ein; Rehana und Martin verlieben sich.
    Der zweite Teil beginnt in den 1950er Jahren. Wir lernen dort Jamila, Rehanas Enkelin, und drei Geschwister einer muslimischen Familie kennen: Amin, Rashid und Farida, die alle drei unterschiedliche Wege gehen. Der junge Amin verliebt sich in die geschiedene, einige Jahre ältere Jamila mit zweifelhaften Ruf. Sein Bruder Rashid, der etwa zur selben Zeit zum Studieren nach England aufbricht und dort als Professor sesshaft werden wird, merkt irgendwann wie sehr ihn die Geschichte von seinem Bruder Amin und Jamila auch nach Jahrzehnten noch beschäftigt. Er, der in gewisser Weise selbst ein Abtrünniger ist, weil er seine Heimat verließ, legt rückblickend die Verbindungen offen und erzählt uns die Geschichte von Rehana und Martin sowie Jamila und Amin. Beide Paare versuchten eine Liebe zu leben, die den gesellschaftlichen Normen zuwiderlief - waren also ebenfalls „Abtrünnige“.
    Gurnah nimmt sich Zeit. Er widmet den wichtigsten Protagonist*innen einzelne Kapitel, in denen die jeweiligen Lebensumstände und Perspektiven deutlich werden.
    Ich mag Gurnahs Schreibstil sehr. Ob er das Getümmel in der Altstadt, Hassanalis kleinen Laden mit seiner Kundschaft, den Innenhof der Familie mit seinen Kochstellen, den überheblichen, rassistischen Kolonialbeamten, der glaubt, Martin vor Hassanalis Familie retten zu müssen, das Elternhaus von Rashid, Farida und Amin, Spaziergänge am Meer entlang und in der Stadt oder auch Rashids Erlebnisse im fremden England beschreibt, immer vermitteln diese Szenen bildhaft ein Gespür für die Lebensverhältnisse vor Ort und den Alltag der Menschen. Beim Lesen sehe ich Bilder wie in einem Film und kann dadurch sehr gut in die beschriebenen Welten eintauchen.
    Ich schätze Gurnahs präzise Beobachtungsgabe, mag die fremdsprachigen Begriffe, die in den Text einfließen. Elegant und beiläufig, aber trotzdem eindringlich und niemals wertend zeigt er neben den menschlichen Aspekten immer auch die politische Situation, beschreibt Unruhen und Konflikte und macht die Folgen der Kolonialisierung für die Menschen sichtbar.
    „Die Abtrünnigen“ ist nach „Nachleben“ der zweite Roman, den ich von Gurnah lese und mit Sicherheit nicht mein letzter. Gurnah könnte sogar ein neuer Lieblingsautor werden. Er öffnet Fenster in fremde Welten und ich beende die Lektüre mit dem zufriedenen Gefühl, nicht nur bewegende, authentische Geschichten erzählt bekommen zu haben, sondern auch Neues über koloniale Verstrickungen und die Bevölkerung mit ihren unterschiedlichen kulturellen Wurzeln in Ostafrika erfahren zu haben.

  1. Anspruch, Eleganz und die Nachwehen des Kolonialismus

    Mit „Nachleben“ hatte Abdulrazak Gurnah mich vollkommen überzeugt, da blieb zu Beginn der Lektüre von „Die Abtrünnigen“ die bange Frage: wird dieser Roman genauso großartig sein? Dies kann ich vollumfänglich mit „Ja!“ beanntworten. Gurnah lesen ist für mich nun endgültig wie nach Hause kommen. Sein Stil ist überaus elegant und anmutig, man gleitet sanft in seine Erzählweise hinein, die anspruchsvoll, voller Bilder und von hoher literarischer Qualität ist, ohne dabei zu überfordern. Der Text liest sich überaus fließend, man kann Figuren und Szenen wunderbar visualisieren. Dazu gelingt Gurnah auch eine fast unerreichte Harmonie von Inhalts- und Diskursebene, denn während Passagen, die von den Briten handeln, stark auf die Informationsvergabe ausgerichtet sind und mitunter etwas Berichterstattendes besitzen, steht in den Kapiteln, die sich mit den Einheimischen befassen, das Zwischenmenschliche stärker im Mittelpunkt. Überhaupt die Konstruktion des Romans: Gurnah fokussiert sich von Kapitel zu Kapitel auf andere Figuren, er reicht den Staffelstab des Geschehens mühelos an den nächsten Handlungsstrang weiter und verschiebt das Augenmerk, ohne dass es zu Brüchen kommt – allein auf der Ebene der erzählerischen Vermittlung ist dieser Roman schon allerhöchste und lesenswerteste Kunst. Dazu kommt noch, dass sich der Text zwischendurch sogar auf eine Metaebene zurückzieht und sehr überzeugend und geschickt den Gedanken der Fiktion reflektiert - ein Kapitel, das seinen Sinn erst im Gesamtkonstrukt des Romans gegen Ende vollends enthüllt.

    „Die Abtrünnigen“ stellt Liebesbeziehungen weiblicher Figuren aus unterschiedlichen Generationen mit Ausländern in den Mittelpunkt der Geschichte und beschreibt eindrucksvoll die Implikationen, die sich nicht nur für die Frauen selbst daraus ergeben, sondern vor allem auch die Konsequenzen dieser Affären für die nachfolgenden Generationen. Die Frauen können so als Symbol des kolonisierten Landes gelesen werden, von ausländischen Mächten ausgenutzt und dann zurückgelassen.

    So ist Gurnahs Text voller Anspielungen auf die Kolonialzeit und das koloniale Erbe, die hier besonders über die Beziehungsebene der Figuren transportiert werden, aber auch, wie bereits aus „Nachleben“ bekannt, durch Beschreibungen von Orten und insbesondere Häusern. Dies gelingt Gurnah auf komplexe, aber einleuchtende Weise. Auch wenn er in seinen Darstellungen nichts dem Zufall überlässt, ist es so subtil durchkomponiert, dass man schon genauer hinschauen muss, um die Bilder zu entschlüsseln – nichts ist zu offensichtlich oder zu gewollt in die Handlung eingefügt.

    Ich bin von Gurnahs Roman, seinen Gedanken, Erzählstrukturen, Experimenten und Bildern sehr eingenommen, schätze seine Eleganz, Leichtigkeit und das Informative über das Leben in einer Kolonie vor dem Hintergrund des zerfallenden Empire. „Die Abtrünnigen“ sind ein anspruchsvoller, eleganter Lesegenuss.

  1. Ein warmherzig erzählter Roman mit ungeahnten Tiefen

    Der jüngst ins Deutsche übersetzte Roman von 2005 des Literatur-Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah gestaltet sich mehrteilig. Es werden im Wesentlichen zwei unterschiedliche Familiengeschichten verfolgt, die erst gegen Ende zusammenlaufen, wobei sie die Bedeutung aufzeigen, die die Vergangenheit für die Gegenwart hat. Es geht sowohl um familiäre Verstrickungen als auch um den Einfluss, den die Kolonialisierung Afrikas auf die dort lebenden Menschen noch immer ausübt. Gurnah erzählt sehr unaufgeregt. Er schwingt keine Moralkeule, verkündet keine politischen Botschaften, sondern lässt seine Erzählung für sich sprechen. Das macht die Lektüre ungemein angenehm, weil man sich als Leser eigene Gedanken machen darf.
    Im ersten Teil des Buches lernen wir die hierarchischen Strukturen einer ungenannten Küstenstadt Ostafrikas am Ende des 19. Jahrhunderts kennen. Im Mittelpunkt steht der Kaufmann Hassanali mit seiner Familie, der während seiner Morgenrunde den kranken, heruntergekommenen englischen Naturforscher Pearce auf der Straße findet. Er nimmt ihn mit zu sich nach Hause, um ihn gemeinsam mit seiner Ehefrau und seiner Schwester Rehana zu pflegen. Natürlich mischen sich die Dorfältesten ein, später fordert der Kolonialherr Frederick die Herausgabe seines Landsmannes. Als Leser bekommt man breite Einblicke in die Lebensart der Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Gurnah schildert sehr bildreich und klar, legt seine Charaktere dabei überwiegend vielschichtig an. Es gibt nicht nur die guten Ureinwohner und die repressiven Kolonialherren, sondern auch zahlreiche Schattierungen dazwischen – eindeutig eine Stärke des Romans. So lässt Gurnah immer wieder historische Momente aufleuchten, die das problematische Zusammenleben der afrikanischen Völker untereinander skizzieren. Das lenkt aber nicht von der Härte, Rücksichtslosigkeit und Arroganz der weißen Kolonialisten ab. Manche Szene, mancher Dialog weckt unseren inneren Widerstand und Zorn. Dabei ist es sehr angenehm, dass auf allzu brutale oder blutige Szenen verzichtet wird. So etwas hat der sensibel komponierte Text nicht nötig. Gurnah geht es stärker darum, die schleichende, über Generationen wirkende koloniale Einflussnahme zu zeigen als deren historische Grausamkeit.

    Im zweiten Teil lernen wir eine vermeintlich ganz andere Familie kennen. Immer holt Gurnah aus und beleuchtet den Familienstammbaum anhand kleiner Episoden und Erlebnisse, die die Charaktere in ihren Rollenbildern vorstellen. An jedes Familienmitglied knüpfen sich Erwartungen, insbesondere Frauen haben nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten in der patriarchischen Gesellschaft. Sie müssen auf ihren Ruf achten, ihre Bildungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund entspinnt Gurnah Liebes- und Lebensgeschichten über mehrere Jahrzehnte mit überraschenden Wendungen. Der aufmerksame Leser wird mit etlichen Anspielungen belohnt, die die beiden Teile des Romans gekonnt verbinden. Gurnah ist ein Meister seines Fachs. Sein Buch funktioniert auf der Oberfläche ebenso gut wie in tieferen Ebenen. Jeder sieht etwas anderes, es ist ein Geschenk, wenn man das Buch in guter Gesellschaft diskutieren kann.
    Die zahlreichen Perspektiven des Romans sorgen für einen vielstimmigen Plot. Gurnah verfügt über umfangreiches historisches Wissen sowie einen analytischen Blick auf dessen Zusammenhänge. Zudem hat er seine Heimat selbst 1968 in Richtung England verlassen, wodurch er eigene Erfahrungen mit Themen wie Heimatverlust, Entfremdung, Leben zwischen den Kulturen einbringen kann - alles Bereiche, die man in seinem Roman wiederfindet. Vorurteile, Grenzen, Diskriminierungen und ungeschriebene Gesetze gibt es leider überall, sie erschweren die Integration.

    „Die Abtrünnigen“ ist ein episch angelegter, brillant erzählter Familienroman, der die Probleme des afrikanischen Kontinents am Beispiel von Sansibar/Tansania behandelt. Es gelingt dem Autor, die einzelnen Geschichten miteinander zu verflechten, kein Faden bleibt lose hängen. Wer einen Blick dafür hat, wird zudem eine stimmige, wiederkehrende Symbolik erkennen.

    Der Roman hat mich thematisch nicht so sehr angesprochen wie „Nachleben“. Das mag an der in meinen Augen recht pathetisch erzählten Liebesgeschichte liegen, auf die ich hier nicht näher eingegangen bin. Wer Interesse für andere Kulturen mitbringt und sich gerne in vielschichtigen Familienromanen verliert, wird hier auf kompetente, anspruchsvolle Art bestens unterhalten und lernt dazu.

    Leseempfehlung!

  1. Weitreichende Folgen des Kolonialismus

    Der in Sansibar gebürtige Schriftsteller Abdulrazak Gurnah wurde für sein Werk 2021 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Seitdem werden seine Werke auch von der deutschen Leserschaft vermehrt wahrgenommen und man man darf sicher sagen, dass Gurnah eine wichtige literarische Stimme im sogenannten postkolonialen DIskurs darstellt. Ohne zu moralisieren, zeigt Gurnah schonungslos auf, welche Folgen der Kolonialismus in Ostafrika hatte: Mit viel Feingefühl erzählt Gurnah eindrucksvoll von der Entwicklung des Kolonialismus in Ostafrika sowie dessen weitreichende Folgen, die selbst in die kleinsten Mikroräume einer Gesellschaft hineinwirken: den Familien. Missstände werden dabei sehr umsichtig und beinahe wertfrei aufgezeigt. Gurnahs Stimme ist "leise" und subtil, dadurch aber auch umso eindrücklicher und wirkungsvoll. Mitunter braucht es seine Zeit, hinter vermeintlichen Beschreibungen des bunten Alltagslebens in Tansania sowie den erzählten Einzelschicksalen seine eigentliche schriftstellerische Motivation zu erkennen. Doch am Ende der Lektüre der beiden Romane, die ich bislang aus Gurnahs Feder las, standen neue Erkenntnisse über ein Thema, das immernoch viel zu wenig offen debattiert wird: Der Kolonialismus ist nicht vergangen, er wirkt bis heute fort.

    In "Die Abtrünnigen" erzählt Gurnah von verschiedenen Schicksalen, die auf die ein oder andere Art alle Entwurzelungserfahrungen machen. Die Handlung beginnt damit, dass Kaufmann Hassanali einen Fremden mit heimbringt, um ihn gesund zu pflegen. Es handelt sich um den britischen Orientalisten Martin Pearce. Dieser kommt auf diese Weise in Kontakt mit Hassanalis Schwester Rehana, die er schließlich heiratet. Doch ihre Ehe steht unter keinem guten Stern und die gemeinsame Zeit in Mombasa währt nur kurz.

    Etwa 60 Jahre später lesen wir dann von der Enkelin Rehanas, Jamila, die in Beziehung mit Amin ist. Doch sein Bruder Rashid verlangt eine Trennung wegen einer zweifelhaften Vorgeschichte der Großmutter. Amin fügt sich und kann diese schwere Trennung nur blind ertragen. Rashid hingegen zieht es in die Ferne: er beginnt ein Studium in Großbritanien. Dort macht er schmerzvolle Rassismuserfahrungen und verspürt starke Sehnsüchte nach seiner Heimat. Dennoch kehrt er nicht nach Sansibar zurück. Von drei Geschwistern, findet letztlich nur die Schwester der Brüder, Farida, ihren Weg. Letztlich scheinen all drei Geschwister hier auf jeweils spezifische Art für Folgen des Kolonialismus zu stehen, der bis in die Familien und deren Alltagsgestalten hineinreicht.

    Über eine etwas längere Strecke des Romans kam mir die kritische Auseinandersetzung mit der Kolonisierung Ostafrikas und deren Folgen fast zu kurz. Doch Gurnah wäre nicht Gurnah, würde er am Ende nicht alle gestreuten Handlungsfäden gekonnt zusammenziehen und dadurch seine Meisterschaft darin erweisen, seiner vermeintlich "leisen" kritischen Stimme zu ihrer vollen Wirkmächtigkeit zu verhelfen. Auch "Die Abtrünnigen" hallt nach. Es braucht Werke wie dieses, um aus den Irrungen und Wirrungen der Geschichte zu lernen. Ein sehr lesenswerter Roman, der mri allerdings nicht ganz so gut gefallen hat wie "Nachleben".

  1. Viele Schicksale werden in diesem Roman angesprochen

    Viele Schicksale werden in diesem Roman angesprochen

    Der Autor hat sich bereits einen Namen als Nobelpreisträger gemacht, daher sind und waren die Erwartungen bei der Leserschaft sicherlich sehr hoch. Für mich ist es das zweite Werk von ihm gewesen und ich werde sicherlich bald ein weiteres lesen. Die Beschreibung der Schicksale in den Romanen sind ergreifend und bieten ebenfalls Einblicke auf die politische Situation zu der Zeit in der die Handlung spielt.
    Wie auch hier in "Die Abtrünnigen" erleben wir eine einfühlsame Geschichte die in Sansibar um 1899 beginnt.
    Als der Händler Hassanali einen Fremden aufnimmt, ahnt er nicht , was das für seine Familie bedeuten wird. Der Mann ist bald wieder wohl auf, nach der guten Pflege die er im Haushalt des Krämers genossen hat, und verbringt die restliche Zeit auf dem Anwesen eines Verwalters. So lernt man auch die andere Seite kennen, nämlich die Menschen, die die Menschen und das Land einfach für sich in Anspruch nahmen.
    Doch Pearce, der Fremde, sucht im Nachhinein erneut den Kontakt zu der netten Familie und lernt so die Schwester, Rehana, des Händlers näher kennen und lieben.

    Dies ist der erste Strang und driftet dann zu einer anderen Familie ab, einige Jahre später, deren Verbindung zur ersten zwar vorhanden ist, aber eigentlich keine gravierenden Überschneidungen bereithält.
    Hier sind es drei Geschwister, die sehr unterschiedlich sind. Amin geht eine Liebe ein, die nicht erwünscht ist, leider sein ganzes Leben darunter, dass er diese Frau nie für sich bekommen sollte. Sein Bruder Rashid geht ins Ausland studieren und muss erkennen, dass die Menschen ihn dort nicht alle akzeptieren. Obendrein bekommt er mit, wie die Unruhen in der Heimat der zurückgelassenen Familie zusetzen. Die Schwester der beiden Brüder, in der Schule nie so erfolgreich wie die Brüder geht indes ihren Weg.

    Alles in allem hat es unheimlich viel Spaß gemacht den Charakteren zu folgen, mitzuerleben wie sie ihr Leben meistern. Die Stolpersteine und glücklichen Momente mit ihnen zu teilen. Gurnah hat eine sehr ansprechende Erzählweise und macht es dem Leser leicht ihm und der Handlung zu folgen.

  1. 5
    05. Jun 2023 

    Familien- und Liebesgeschichten mit kolonialen Hintergrund

    Als 2021 der 1948 auf Sansibar geborene Autor Abdulrazak Gurnah den Literaturnobelpreis bekam, kannte ihn hierzulande kaum jemand, Das hat sich, nachdem nun vier Romane von ihm auf Deutsch vorliegen, mittlerweile geändert. „ Die Abtrünnigen“ erschien schon 2006 auf Deutsch und liegt nun in einer Neubearbeitung vor.
    „ Es ist eine Geschichte darüber, dass eine Geschichte viele Geschichten enthält und dass sie nicht uns gehören, sondern Teil der zufälligen Strömungen unserer Zeit sind. Und es ist eine Geschichte darüber, wie wir uns in Geschichten hineinverstricken und für alle Zeit darin gefangen bleiben.“ so heißt es im Roman.
    Abdulrazak Gurnah erzählt uns hier nicht nur von der Geschichte Sansibars, seiner früheren Heimat, sondern er erzählt sehr viele Geschichten : von den Menschen, die dort lebten und von solchen, die weggingen und auch die Geschichte von zwei unglücklichen Liebespaaren.
    Es beginnt im Jahr 1899 in einer kleinen ostafrikanischen Küstenstadt. Der Krämer Hassanali findet frühmorgens einen weißen Mann, einen Mzungu, auf den Stufen der Moschee. Er nimmt ihn mit zu sich nach Hause und kümmert sich um ihn. Der Weiße, ein Orientalist namens Martin Pearce, verliebt sich dabei in die Schwester des Krämers und die sich in ihn. Eine verbotene Liebesbeziehung beginnt, die natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Pearce wird nach England zurückkehren und Rehana mit einem Kind zurücklassen.
    Hatten wir es bisher mit einem auktorialen Erzähler zu tun, der bilderreich und detailliert das bunte Leben der verschiedenen Kulturen aufblättert, so erfahren wir in einem sog. „ Gedanklichen Zwischenspiel“ wenig von der eigentlichen Liebesgeschichte. Hier spinnt ein Ich- Erzähler verschiedene Möglichkeiten durch, wie es zu dieser unerlaubten Beziehung zwischen einem Kolonialbeamten und einer Einheimischen kommen konnte.
    Im zweiten Teil überspringt der Roman eine Generation und wir sind nun in den frühen 1960er Jahren auf Sansibar.
    Auch hier entwickelt sich eine Liebe, die nicht sein darf und zwar zwischen dem jungen Studenten Amin und der etwas älteren geschiedenen Jamila. Sie ist die Enkelin Rehanas und deren Ruf als gefallene Frau haftet Jamila immer noch an. Rashids Eltern sind strikt gegen die Beziehung ihres Sohnes zu dieser selbstbewussten Frau mit fragwürdigem Hintergrund. Sie verbieten ihm jeglichen weiteren Kontakt und Amin als folgsamer Sohn hält sich daran. Es bricht ihm zwar das Herz, doch sich auflehnen gegen die Wünsche und Erwartungen der Eltern vermag er nicht.
    Im dritten und letzten Teil des Romans kommt Rashid, der jüngere Bruder Amins, als Ich- Erzähler zu Wort. Er war es auch, der sich in dem „ Zwischenspiel“ seine Gedanken machte.
    Rashid hat es, kurz vor der Unabhängigkeit Sansibars, mit einem Stipendium nach England geschafft. Er studiert in London, promoviert, macht Karriere als Hochschullehrer und wird nie mehr in seine Heimat zurückkehren.
    Dort erlebt die Familie nach der Revolution einen gesellschaftlichen Absturz. Der Vater verliert seine Arbeit als Lehrer; es folgt ein Leben in Armut und Angst.
    Doch auch Rashid hat mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen. Ihm schlagen in England Missachtung und offener Rassismus entgegen. „ Aber die erste Lektion, die mir in London erteilt wurde, war, mit der Geringschätzung der anderen leben zu lernen….Wie viele Menschen in ähnlichen Umständen begann ich mich selbst mit wachsender Abneigung und Unzufriedenheit zu betrachten, begann mich, mit ihren Augen zu sehen.“
    In der Figur des Rashid hat Gurnah eigene Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet.
    „ Desertion“ heißt der Roman im Original. „Fahnenflucht“ bringen wir mehr mit Krieg und Militär in Verbindung , deshalb ist der deutsche Titel „ Die Abtrünnigen“ treffend. Abtrünnig verhalten sich hier viele. Nicht nur die Liebenden verlassen einander wegen kolonialem Denken oder falsch verstandenem Ehrenkodex. Auch Rashid fühlt sich als Abtrünniger, als er seine Heimat für immer verlässt. Und letztendlich verhält sich England abtrünnig, als es seine Kolonie unvorbereitet in die Freiheit entlässt.
    Abdulrazak Gurnah hat auch hier wieder einen komplexen Roman vorgelegt. Dabei zeichnet er ein breites Panorama seiner Heimatregion vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Unabhängigkeit in den 1960er Jahren. In vielen Bildern und Episoden lässt er die vergangene Welt lebendig werden, dieses Vielvölkergemisch mit seiner unterschiedlichen Kultur und Lebensart. Und später erlaubt er uns einen tiefen Einblick in familiäre Strukturen und den Alltag auf Sansibar Mitte des 20. Jahrhunderts.
    Dabei vermeidet er Schwarz-Weißzeichnungen. Es gibt nicht nur bei den Kolonisatoren Verbote und ein Menschenbild, das dem persönlichen Glück im Wege steht. Auch einheimisches Standesdenken und das Verbot, Grenzen zu überschreiten, verhindern ein erfülltes Leben.
    Bei den Engländern zeigt er offenen und brutalen Rassismus, bringt aber mit Pearce einen Gegenentwurf ins Spiel. Ihn zeichnet er als Menschen, der der ihm fremden Kultur offen und mit Respekt entgegentritt und der mit Scham das Treiben seiner Landsleute beobachtet. „ Ich glaube, wir werden unser Tun in Ländern wie diesem mit der Zeit in immer weniger heldenhaftem Licht sehen,…, wir werden uns für manches schämen, was wir getan haben.“
    Gurnah packt keineswegs belehrend, sondern sehr organisch sehr viel Informationen über den gesellschaftlichen und politischen Hintergrund in die spannenden Familien- und Liebesgeschichten .
    Dabei spielt er mit unterschiedlichen Erzählformen. Er lässt den Ich- Erzähler vom letzten Kapitel als den auktorialen Erzähler vom Anfang erkennen, fügt Tagebucheinträge von Jamin dazu und beleuchtet so das Geschehen von verschiedenen Seiten. Mit den Brüchen zwischen den Teilen und den Zeitsprüngen fordert er den Leser.
    Doch Gurnah geht souverän mit seinem großen Stoff um und bringt am Ende alle losen Fäden zusammen.

  1. Ostafrika mit anderen Augen sehen.

    Sansibar! Ein Archipel vor Afrikas Ostküste, einst ein Sultanat, Umschlagplatz für Gold, Elfenbein und Sklaven, heute ein halbautonomer Teilstaat der Republik Tansania. Aber die Inselgruppe ist auch Schauplatz im neuesten Roman von Abdulrazak Gurnahs "Die Abtrünnigen".

    Der nobelpreisgekrönte Autor beschreibt in seinen Werken die Geschichte seiner (tansanischen) Heimat, ihrer kolonialen Vergangenheit und deren Folgen von Heimatlosigkeit und Zerrissenheit. Er verknüpft die Geschicke zweier Familien miteinander, indem der seine beiden Hauptakteure gesellschaftlich geächtete Liebschaften eingehen lässt. Mit dem zeitlichen Abstand der zwei Ebenen, baut er gekonnt die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der ostafrikanischen Länder ein, konzentriert sich aber auf die unmittelbaren Auswirkungen der zwei Familien und verknüpft sie schließlich nach Jahrzehnten (2 Generationen) wieder miteinander.

    Der erste Teil entführt den Leser in die Zeit um Neunzehnhundert, als noch ein osmanischer Sultan, zusammen mit den Briten die Handelswege mitbestimmte und die Bevölkerung Sansibars zwar bunt gemischt, in ihrem Alltag und Vierteln aber doch strikt getrennt waren. In dieser Zeit taucht ein hilfloser Orientalist im Ort auf und wird von der Kaufmannsfamilie gesund gepflegt. Dabei verliebt sich die Schwester des Kaufmanns in diesen britischen Ausländer und geht schließlich mit ihm nach Mombasa, wo sie letztendlich von ihm verlassen wird. Ihre Ehre ist beschmutzt.

    Im zweiten Teil folgen wir drei Geschwistern in den 1950er Jahren, deren mittlerer Bruder sich in eine Frau verliebt, von der es heißt, dass sie indisches Blut in ihren Adern habe und deren Urgroßmutter einst einen Skandal auslöste. Der Kontakt zu dieser Frau wird dem Bruder untersagt und als er sich über alle Konventionen hinwegsetzten will, geschieht im Zuge der ploitischen Umwälzungen ein Unglück, dass eine erneute Annäherung unmöglich macht.

    Es ist schon eine kleine Überraschung, wie diese beiden Schicksale miteinander verknüpft werden, man ahnt es zwar, aber nicht den Weg dorthin. Doch nicht diese fast schon kitschig anmutenden Lovestorys ohne happy End macht dieses Buch lesenswert, sondern die vielen kleinen Beobachtungen am Rande des Geschehens, die sehr eindringlich, manchmal aber auch etwas verwirrend daherkommen. Die Zeit, die zwischen den beiden Handlungen liegt, lassen deutlich die Veränderungen spüren, die aus einst auskömmlichen und zufriedenen Menschen, die offen über Grenzen handeln und reisen konnten, verängstigte Vertriebene gemacht hat, die nur auf dem Papier die Unabhängigkeit erlangt hatten. Eines aber hatte sich über all die Jahre nicht geändert, wer über die Toleranzgrenzen überschritt, war ein Abtrünniger.

    Die Lektüre verlangt ein wenig Konzentration, denn sie erzählt viele Geschichten, die wichtig und würdig sind. Aber man kann sich auch fallen lassen und nur die Erzählung zweier großer Lieben genießen.

  1. Ein beeindruckendes Leseerlebnis

    „Es ist eine Geschichte darüber, dass eine Geschichte viele Geschichten enthält und dass sie nicht nur uns gehören, sondern Teil der zufälligen Strömungen unserer Zeit sind. Und es ist eine Geschichte darüber, wie wir uns in Geschichten hineinverstricken und für alle Zeit darin gefangen bleiben.“ (Zitat Seite 182)

    Inhalt
    Ende des 19. Jahrhunderts findet in einer kleinen ostafrikanischen Stadt der Krämer Hassanali eines Tages im Morgengrauen einen stark geschwächten Mann. Martin Pearce ist Engländer und als er später zurückkommt, um sich für seine Rettung zu bedanken, verliebt er sich in Rehana, Hassanalis Schwester. Eine Liebe, die nicht nur ein Skandal, sondern auch streng verboten ist. Mitte des 20. Jahrhunderts verliebt sich der junge Amin in Jamila, einige Jahre älter als er, eine geschiedene Frau, die auf Grund ihrer Unabhängigkeit und ihrer angeblich zweifelhaften Herkunft im Mittelpunkt von Gerüchten steht. Auch diese Liebe wäre ein Skandal, käme sie an die Öffentlichkeit. Amins Eltern bedrängen ihn wegen der drohenden Schande und der gesellschaftliche Ächtung, die er über die Familie bringen würde. Rashid, Amins jüngerer Bruder, will der Enge der Heimat entfliehen und plant zu dieser Zeit bereits seine Reise nach London, wo er bereits an einer Universität aufgenommen wurde. Trotz der Ablehung und Ausgrenzung, mit der man ihm begegnet, bleibt er nach dem Abschluss seines Studiums in England. Doch die Geschichte von Amin und Jamila beschäftigt ihn auch noch viele Jahre später, und er beginnt mit Nachforschungen.

    Thema und Genre
    Dieser außergewöhnlich facettenreiche Roman spielt in Ostafrika und England, und ist sowohl ein Familienroman, als auch ein Generationenroman. Themen sind Kolonialismus, Unterdrückung, Ausgrenzung, gesellschaftliche Traditionen, Politik, Heimat und Fremde, Liebe und Trennung.

    Charaktere
    Es sind unterschiedliche Charaktere und ebenso unterschiedlich ist ihre Art, mit äußeren Zwängen und dem Druck gesellschaftlicher Regeln und Wertvorstellungen umzugehen, und trotz aller Widerstände ihren Platz im Leben zu suchen.

    Handlung und Schreibstil
    Die Handlung wird in neun Abschnitten erzählt, wobei jeweils eine Person im Mittelpunkt steht, die dem jeweiligen Abschnitt den Titel gibt und wo es vor allem um die jeweilige persönliche Lebenssituation, die Vergangenheit, Erfahrungen und Konflikte geht. Der Autor nimmt sich Zeit und schildert nicht nur die Ereignisse und das Leben der einzelnen Protagonisten, sondern auch das Umfeld, das Alltagsleben der Menschen, die politische Situation dieses Teiles von Ostafrika unter den Engländern, und später während der Umstürze, nachdem Sansabar Ende 1963 unabhängig geworden war. Es ist Rashid, der die Geschichte erzählt, doch er präzisiert: „Es gibt, wie Sie sehen, ein Ich in dieser Geschichte, aber es ist keine Geschichte über mich. Es ist eine Geschichte über uns alle, über Farida und Amin, über unsere Eltern und über Jamila.“ (Zitat Seite 182). So folgen wir fasziniert und gespannt einem Zeitrahmen etwa einhundert Jahren, pendeln zwischen Afrika und England und sind keine einzige Minute gelangweilt.

    Fazit
    Abdulrazak Gurnah ist ein leiser, aber eindrücklicher Erzähler, er klagt nicht an, sondern beleuchtet alle Graubereiche der Geschichte und der Menschen, und dies alles in einer wunderbar zu lesenden Erzählsprache.

  1. Allzu viele Themen in eine Familiengeschichte gepackt

    Familiengeschichte - Ostafrika und Sansibar - viele Themen: Kolonialismus, Vorurteile, Emanzipation von Frauen, Heimatverlust u.a.

    'Es ist eine Geschichte über uns alle … ' - 'Eine Geschichte erzählt viele Geschichten' (182)

    Wie passend ist dieses Zitat aus dem Buch! Zuerst sind wir Ende des 19. Jahrhunderts an der Ostküste Afrikas, in Mombasa und nördlich davon. Wir lernen Hassanali und seine Schwester kennen, ihr Familienleben und ihren Alltag, der vom Kolonialismus der Briten geprägt ist, verkörpert durch den arroganten, vorurteilsbeladenen Beamten Frederick. Gegenpol ist der britische Orientalist Pearce, der von Hassanali erschöpft gefunden und in Obhut genommen wurde. Dadurch lernt er dessen Schwester Rehana kennen und sie verlieben sich ineinander, eine unmögliche Liaison in der damaligen Zeit und in dieser Gesellschaft mit ihrem Ehrenkodex.

    Leider erfahren wir davon erst mal nichts weiter, auch nicht von den Problemen mit dem Kolonialismus, sondern es mischt sich mitten im Buch ein Ich-Erzähler ein, der die Geschichte seiner Familie erzählen möchte. Er weiß nicht alles und muss Vermutungen anstellen und Möglichkeiten erfinden, wie es gewesen sein könnte. Teilweise sehr ausführlich, teilweise gerafft, erfahren wir die Geschichte von Farida und den Brüdern Amin und Rashid (der Ich-Erzähler) und ihrem Leben auf Sansibar.

    Während Rashid nach Großbritannien geht und ein Studium beginnt, bleibt sein Bruder Amin bei den Eltern und trauert seiner Liebe Jamila nach, die ihm von den Eltern verboten wird. Hier wird endlich eine Verbindung zu den vorher ausführlich dargestellten Personen aufgezeigt.

    Hatte ich anfangs den Eindruck, dass es um Kolonialismus geht, sind es viele Themen, die angerissen und für mich nicht zufriedenstellend dargestellt werden: Vorurteile, auch innerhalb der afrikanischen Gesellschaft, Vorstellungen von Ehre und Familie, Emanzipation von Frauen, ihre Stellung in der Gesellschaft, Heimatverlust und Entfremdung. Etwas mehr Konzentration auf eines der Themen – die anderen vielleicht nebenbei – wäre mir lieber gewesen. So fühlte ich mich hin- und hergerissen und vermisste 'den roten Faden'.

    Ein wenig konstruiert erscheint ein Zufall am Ende des Buches, der allerdings versöhnlich wirkt und einen positiven Aspekt in die ansonsten traurigen Geschichten bringt.

    Wenn auch mir die die Erzählweise, die zwischen allzu ausführlich und allzu gerafft wechselt, nicht besonders gefallen hat, muss ich doch Abdulrazak Gurnah doch objektiv zugestehen, dass er gut schreiben kann. Anderen wird das Buch sicher gefallen, mir leider nicht besonders.

  1. 4
    23. Mai 2023 

    Vielschichtig und facettenreich

    Die Abtrünnigen - englisch „Desertion“, das Verlassen - spielt in zwei Zeiträumen – 1899 und Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Roman beginnt in einer kleinen Stadt an der ostafrikanischen Küste nördlich von Mombasa. Hassanali, ein lokaler Krämer, findet vor der Moschee einen bewusstlosen britischen Offizier, Martin Pearce, und nimmt ihn mit nach Hause, um sich um ihn zu kümmern. Infolge werden Martin und Hassanalis Schwester Rehana, gegen alle gesellschaftlichen Regeln, ein Liebespaar. Faszinierend der Einblick in die überwiegend muslimische Gesellschaft Sansibars, eine überraschend kosmopolitische Region mit Menschen aus der arabischen Welt, Afrika und Indien.

    Zwischen den beiden Teilen des Romans gibt es einen Bruch, ein „Gedankliches Zwischenspiel“, das alles, was bislang erzählt wurde, relativiert. Als Erzähler des Romans gibt sich ein junger Mann namens Rashid zu erkennen, ein in Großbritannien lebender Sansibar-Exilant. Rashid hatte nur wenige Fakten. Was wir soeben gelesen haben und so glaubwürdig fanden, hat lediglich diese Fakten extrapoliert. Eine an der Stelle ziemlich ernüchternde Dekonstruktion.

    Im zweiten Teil des Romans, der kurz vor der Unabhängigkeit Sansibars spielt, ist Rashids Bruder Amin eine Beziehung mit Jamila eingegangen, die sich als Rehanas Enkelin herausstellt. Rashids Familie zwingt seinen Bruder, Jamila nicht mehr zu sehen, wovon Amin sich nie mehr erholen wird. Rashid geht nach England, um zu studieren. Hier befindet er sich in der erzählten Gegenwart immer noch.

    Worum geht es nun in diesem Roman? Das große Thema ist die Kolonialisierung Sansibars, Gurnahs Geburtsort. Aber Gurnah wäre nicht Gurnah, wenn er seinem Thema nicht mehr Resonanz verleihen würde: Es geht um Geschichte und die Geschichten, die wir uns erzählen. Warum lässt Amin sich seine große Liebe verbieten? Warum geht Rashid nach England? Warum fühlen sich die Kolonialherren zu ihrer Handlungsweise berechtigt? Was können wir wissen, wenn Geschichte von den Siegern geschrieben wird? Es sind die Zuschreibungen in Gesellschaft und Familie, es sind die nationalen Narrative, die das Handeln und das Leben der Menschen beeinflussen.

    Rashids Geschichte im Exil ist eine der Ausgrenzung. „…die erste Lektion, die mir in London erteilt wurde, war, mit der Geringschätzung der anderen leben zu lernen. […] So musste ich also […] begreifen, […] wie tief die Geschichten über unsere Minderwertigkeit und die Angemessenheit der europäischen Oberherrschaft in […] die Welt eingegraben waren.“ Aufgrund der Sansibar-Revolution kann er nicht einmal in sein Heimatland zurückkehren. Seine Erfahrung als Exilant wird sehr eindrücklich beschrieben.
    Das zweite Thema des Romans ist das Verlassen und Verlassenwerden, wie schon der Titel „Desertion“ suggeriert. (Der deutsche Titel ist aus meiner Sicht irreführend). Rehana wird verlassen, Jamila ebenso. Rashid verlässt seine Familie, Großbritannien entlässt (verlässt?) Sansibar und Tansania in die Freiheit, worauf das Drama des Bürgerkrieges sich entrollt. Rashid wird von seiner britischen Ehefrau verlassen und fühlt sich heimatlos und verlassen im Exil. „Desertion“ ist eine Geschichte des Verlustes, des Verrats, der Einsamkeit und der Trauer.

    Die Struktur des Romans mit seinen zwei Teilen, die zunächst unverbunden erscheinen, habe ich als durchaus herausfordernd empfunden. Gurnah bricht immer wieder die Fiktion und schafft eine Fiktion in der Fiktion, so dass Historisches, Fiktionales, Persönliches und Gesellschaftliches sich höchst kunstvoll vermischen und durchdringen, aber auch eine gewisse Inkohärenz und Distanz erzeugen.
    Dennoch hat der Text mich gefesselt und beeindruckt. An keiner Stelle lässt Gurnah sich dazu verleiten, Klischees zu vertiefen; das Bild, das er malt, hat Licht und Schatten, vor allem aber eine Vielzahl an Grautönen. Dazu passt das versöhnliche Ende des Romans. Erst als Rashid auf eine Nachfahrin von Martin Pearce stößt und sich die Geschichten beider Familien dadurch zu einem gemeinsamen Narrativ vereinen, scheint es so etwas wie Zukunft in seinem Exil zu geben.

    Nicht Gurnahs stärkster Roman, aber dennoch herausragend in seiner Vielschichtigkeit.