Deutsches Haus

Buchseite und Rezensionen zu 'Deutsches Haus' von Annette Hess
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihre Eltern sind, wie ihr zukünftiger Verlobter, dagegen: Es ist der erste Auschwitz-Prozess, der in der Stadt gerade vorbereitet wird. Eva, die noch nie etwas von diesem Ort gehort hat, folgt ihrem Gefühl und widersetzt sich ihrer Familie. Sie nimmt die Herausforderung an, ohne zu ahnen, dass dieser Jahrhundertprozess nicht nur das Land, sondern auch ihr eigenes Leben unwiderruflich verandern wird.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:368
EAN:9783550050244

Rezensionen zu "Deutsches Haus"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Feb 2019 

    "Sie wollen, dass wir sie trösten."

    Annette Hess beschreibt in diesem Roman den Auschwitz-Prozess in Frankfurt von 1963 bis … und die Emanzipation der Protagonistin Eva Bruhns. In diesem Roman entsteht vor den Augen der Leser*innen ein Blick auf das Jahr 1963 und die damalige Sicht der Deutschen auf das Leben und die Vergangenheit.

    Eva Bruhns ist eine naive junge Frau aus bürgerlichem Milieu, die Eltern haben ein Gasthaus, das "Deutsche Haus", sie selbst ist Dolmetscherin, ihr Ein und Alles ist Jürgen, der Verlobte, den sie bald heiraten möchte und der in ihren Augen gern bestimmen kann, was Madame tun darf. Furchtbar!!!

    Durch einen Zufall wird sie zur Dolmetscherin für Polnisch für den beginnenden Auschwitz-Prozess. Durch das in diesem Prozess verhandelte Geschehen im Konzentrationslager Auschwitz und den Massenmord an den Juden durch die Nationalsozialisten, die schockierenden Berichte der überlebenden Zeitzeugen beginnt Eva sich zu verändern. Sie beginnt zu verstehen und nachzufragen. Und mehr und mehr geht es in diesem Buch um die Schuldfrage der Deutschen. Wie hat diese Vernichtung eines Volkes funktionieren können? Und auch um dieses immer wieder zu hörende "Davon habe ich nichts gewusst." geht es. Dabei sollte es eher klingen: "Davon habe ich nichts wissen wollen, weil ich Angst hatte." oder leider auch "Davon habe ich gewusst und ich finde es gut". Aber wer ist schon so ehrlich?!? Immer wieder kommt die Handlung des Romans auch auf den latenten Fremdenhass der Deutschen in den 60er Jahren, ein Fremdenhass, der auch in heutiger Zeit noch zu finden ist, der gerade auch mit dem Blick in die Geschichte sehr betroffen macht. Dieses Buch erzeugt einen tiefen Blick auf das Tun der Zeitzeugen und auch die Reaktion der Nachkommenden und macht sehr deutlich, dass wir dieses Geschehen nie vergessen dürfen und aufpassen müssen, dass ähnlich Denkende nicht polemisieren und immer mehr Publikum bekommen. Dies ist aus der Geschichte heraus unsere Pflicht!

    Die Schreibe der Frau Hess fand ich gut zu lesen und auch sehr interessant und recht bestechend durch eine sehr lebendige Art. Am Anfang erschien mir der Schreibstil etwas flau, genau wie der gezeichnete Hauptcharakter Eva. Mit der Veränderung der Rolle der Eva verändert sich auch der Schreibstil, wird flüssiger und flotter und das Buch bekommt einen fühlbaren Sog.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Nov 2018 

    Wichtige Thematik

    Eva ist Dolmetscherin für Polnisch, eigentlich auf Wirtschaft spezialisiert. Aber als zu Beginn des ersten Auschwitzprozesses 1963 ein Übersetzer fehlt, widersetzt sich sich ihren Eltern und ihrem Verlobten, Jürgen, und entschließt sich, den Zeugen eine Stimme zu geben. So steht sitzt sie schließlich im Gerichtssaal neben den Menschen, die die Gräueltaten der Nationalsozialisten in Auschwitz überlebt haben und beginnt nach und nach selber zu begreifen, was dort geschehen ist.
    Denn bei Eva zu Hause wird darüber nicht gesprochen. Ihr Vater behauptet, während des Kriegs in der Feldküche an der Westfront zu gearbeitet zu haben. Doch der allwissende Erzähler lässt seine Leser gleich zu Beginn der Geschichte wissen, das Evas Vater lügt.
    Im Frankfurt der 60er Jahre betreiben Evas Eltern die Gaststätte „Deutsches Haus“, ihre ältere Schwester Annegret arbeitet als Krankenschwester auf einer Säuglingsstation. Und neben den beiden Mädchen gibt es noch einen jüngeren Bruder, Stefan.

    Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Zum einen entstehen so verschiedene Handlungsstränge, zumm anderen sieht man so von mehreren Blickwinkeln auf eine Situation oder einen Aspekt. So kamen beispielsweise auch Jürgens Blick auf die Beziehung zu Eva oder die Sicht des Kanadiers David Miller auf den Prozess zum Tragen.
    Annegrets Geschichte kam mir dabei jedoch ein wenig losgelöst von dem Rest vor, der sich doch vor allem um Eva und den Prozess drehte.

    Die Sprache war klar und leicht zu lesen. Allerdings wirkte es zunächst ein wenig seltsam, dass einige Figuren nie beim Namen genannt werden. Der Generalstaatsanwalt wurde beispielsweise durchweg als „der Hellblonde“ bezeichnet.

    Positiv hervorheben möchte ich noch die charakterliche Entwicklung, die Eva durchmacht. Zunächst wirkt sie schüchtern, unsicher, abhängig von allen anderen. Aber im Laufe der Geschichte findet sie einen eigenen Standpunkt, den Mut ihn zu vertreten und die Kraft für das einzustehen, was sie für richtig hält.

    Ein wichtiges Thema ist zweifellos der Umgang mir der Vergangenheit, das Aufarbeiten und Auseinandersetzten mit dem, was in Auschwitz getan wurde. Die Situation im Gerichtssaal, die Zeugen, die Angeklagten, Richter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft wurde sehr eindrücklich geschildert. Genau wie der Unwillen von Evas Eltern, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen.

    Insgesamt eine zweifellos wichtige Thematik verpackt in einer eindrücklich erzählten Geschichte.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Okt 2018 

    Verdrängen, vergessen, verleugnen

    Deutschland in den 60ern, die junge Eva Bruhns lebt ein unbedarftes, wohl geordnetes Leben. Die Eltern betreiben eine Gastwirtschaft in Frankfurt, das „Deutsche Haus“, die ältere Schwester ist Säuglingskrankenschwester, der kleine Bruder Stephan Sonnenschein der Familie. Sie selbst arbeite als Dolmetscherin für die polnische Sprache, ihr Verlobter Jürgen ist Juniorchef eines florierenden Versandhauses. Ihr Leben verändert sich durch einen unerwarteten Auftrag grundlegend, denn sie soll bei den Auschwitzprozessen Aussagen der Überlebenden übersetzen.

    Eva und Jürgens komplizierte Liebesgeschichte bildet einen Rahmen um das Porträt der dunkelsten Geschichte Deutschlands. Es ist eine große Kunst der Autorin, dass sie diese Zeit der Tötungs- und Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in eine leichte Erzählweise packt, ohne jemals belanglos zu werden. Das zentrale Thema dieses Buches ist, wie willfährige Handlanger nach dem Krieg mit ihrer Schuld leben, wie deren Angehörige. Verdrängen, vergessen, verleugnen, das wäre den Menschen damals im wirtschaftlichen Aufschwung das Liebste. Jeder rund um Eva trägt eine Last aus der Vergangenheit in sich. Eva kann und will ihre Augen nicht mehr davor verschließen. Die Entwicklung der Protagonistin von einer naiven jungen Frau zu einer kritischen, unabhängigen Person gelingt mit Abstrichen (ich hätte mir einen anderen Schluss gewünscht). Ein wenig zu überfrachtet fand ich die Nebenstränge rund um Evas Schwester und den zukünftigen Schwiegervater.

    In ihrem Nachwort verweist Annette Hess auf ihre Recherchen und das Fritz Bauer Institut.
    https://www.fritz-bauer-institut.de/mitschnitt-auschwitz-prozess.html

    Damals war es vielleicht noch einfach zu sagen, nichts gewusst zu haben. Heute gilt diese Ausrede nicht mehr.