Deutsches Haus

Buchseite und Rezensionen zu 'Deutsches Haus' von Annette Hess
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihre Eltern sind, wie ihr zukünftiger Verlobter, dagegen: Es ist der erste Auschwitz-Prozess, der in der Stadt gerade vorbereitet wird. Eva, die noch nie etwas von diesem Ort gehort hat, folgt ihrem Gefühl und widersetzt sich ihrer Familie. Sie nimmt die Herausforderung an, ohne zu ahnen, dass dieser Jahrhundertprozess nicht nur das Land, sondern auch ihr eigenes Leben unwiderruflich verandern wird.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:368
EAN:9783550050244

Rezensionen zu "Deutsches Haus"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Nov 2018 

    Wichtige Thematik

    Eva ist Dolmetscherin für Polnisch, eigentlich auf Wirtschaft spezialisiert. Aber als zu Beginn des ersten Auschwitzprozesses 1963 ein Übersetzer fehlt, widersetzt sich sich ihren Eltern und ihrem Verlobten, Jürgen, und entschließt sich, den Zeugen eine Stimme zu geben. So steht sitzt sie schließlich im Gerichtssaal neben den Menschen, die die Gräueltaten der Nationalsozialisten in Auschwitz überlebt haben und beginnt nach und nach selber zu begreifen, was dort geschehen ist.
    Denn bei Eva zu Hause wird darüber nicht gesprochen. Ihr Vater behauptet, während des Kriegs in der Feldküche an der Westfront zu gearbeitet zu haben. Doch der allwissende Erzähler lässt seine Leser gleich zu Beginn der Geschichte wissen, das Evas Vater lügt.
    Im Frankfurt der 60er Jahre betreiben Evas Eltern die Gaststätte „Deutsches Haus“, ihre ältere Schwester Annegret arbeitet als Krankenschwester auf einer Säuglingsstation. Und neben den beiden Mädchen gibt es noch einen jüngeren Bruder, Stefan.

    Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Zum einen entstehen so verschiedene Handlungsstränge, zumm anderen sieht man so von mehreren Blickwinkeln auf eine Situation oder einen Aspekt. So kamen beispielsweise auch Jürgens Blick auf die Beziehung zu Eva oder die Sicht des Kanadiers David Miller auf den Prozess zum Tragen.
    Annegrets Geschichte kam mir dabei jedoch ein wenig losgelöst von dem Rest vor, der sich doch vor allem um Eva und den Prozess drehte.

    Die Sprache war klar und leicht zu lesen. Allerdings wirkte es zunächst ein wenig seltsam, dass einige Figuren nie beim Namen genannt werden. Der Generalstaatsanwalt wurde beispielsweise durchweg als „der Hellblonde“ bezeichnet.

    Positiv hervorheben möchte ich noch die charakterliche Entwicklung, die Eva durchmacht. Zunächst wirkt sie schüchtern, unsicher, abhängig von allen anderen. Aber im Laufe der Geschichte findet sie einen eigenen Standpunkt, den Mut ihn zu vertreten und die Kraft für das einzustehen, was sie für richtig hält.

    Ein wichtiges Thema ist zweifellos der Umgang mir der Vergangenheit, das Aufarbeiten und Auseinandersetzten mit dem, was in Auschwitz getan wurde. Die Situation im Gerichtssaal, die Zeugen, die Angeklagten, Richter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft wurde sehr eindrücklich geschildert. Genau wie der Unwillen von Evas Eltern, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen.

    Insgesamt eine zweifellos wichtige Thematik verpackt in einer eindrücklich erzählten Geschichte.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Okt 2018 

    Verdrängen, vergessen, verleugnen

    Deutschland in den 60ern, die junge Eva Bruhns lebt ein unbedarftes, wohl geordnetes Leben. Die Eltern betreiben eine Gastwirtschaft in Frankfurt, das „Deutsche Haus“, die ältere Schwester ist Säuglingskrankenschwester, der kleine Bruder Stephan Sonnenschein der Familie. Sie selbst arbeite als Dolmetscherin für die polnische Sprache, ihr Verlobter Jürgen ist Juniorchef eines florierenden Versandhauses. Ihr Leben verändert sich durch einen unerwarteten Auftrag grundlegend, denn sie soll bei den Auschwitzprozessen Aussagen der Überlebenden übersetzen.

    Eva und Jürgens komplizierte Liebesgeschichte bildet einen Rahmen um das Porträt der dunkelsten Geschichte Deutschlands. Es ist eine große Kunst der Autorin, dass sie diese Zeit der Tötungs- und Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in eine leichte Erzählweise packt, ohne jemals belanglos zu werden. Das zentrale Thema dieses Buches ist, wie willfährige Handlanger nach dem Krieg mit ihrer Schuld leben, wie deren Angehörige. Verdrängen, vergessen, verleugnen, das wäre den Menschen damals im wirtschaftlichen Aufschwung das Liebste. Jeder rund um Eva trägt eine Last aus der Vergangenheit in sich. Eva kann und will ihre Augen nicht mehr davor verschließen. Die Entwicklung der Protagonistin von einer naiven jungen Frau zu einer kritischen, unabhängigen Person gelingt mit Abstrichen (ich hätte mir einen anderen Schluss gewünscht). Ein wenig zu überfrachtet fand ich die Nebenstränge rund um Evas Schwester und den zukünftigen Schwiegervater.

    In ihrem Nachwort verweist Annette Hess auf ihre Recherchen und das Fritz Bauer Institut.
    https://www.fritz-bauer-institut.de/mitschnitt-auschwitz-prozess.html

    Damals war es vielleicht noch einfach zu sagen, nichts gewusst zu haben. Heute gilt diese Ausrede nicht mehr.