Der Zug der Waisen: Roman

Rezensionen zu "Der Zug der Waisen: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Feb 2016 

    Ein gutes Hörbuch!

    Inhalt

    Der Roman handelt im Prinzip von zwei Waisenmädchen. Im Mittelpunkt der des 1.Handlungsstranges steht Molly, deren indianischer Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und deren Mutter im Gefängnis sitzt. Sie hat bereits in mehreren Pflegefamilien gelebt und ist mit ihrem Verhalten immer wieder aneckt. Auch in ihrer derzeitigen Familie fühlt sie sich nicht wohl. Inzwischen ist sie 16 und versteckt sich hinter der Maske einer Gothic-Anhängerin. Als begeisterte Leseratte wird sie erwischt, wie sie den abgegriffenen Roman "Jane Eyre" aus der Bibliothek stiehlt. Jack, mit dem sie sich an der High School angefreundet hat, organisiert ihr einen Stelle bei einer 92jährigen Lady, bei der seine Mutter arbeitet und die ihren Speicher entrümpeln will, so dass Molly dort ihre Sozialstunden ableisten kann und nicht ins Gefängnis muss.Diese alte Dame -Vivian Daly - ist die 2.Waise, deren Geschichte abwechselnd mit der Mollys, allerdings aus der Ich-Perspektive, erzählt wird. Als irische Einwanderer hat ihre Familie in New York gelebt, bis alle vermeintlich bei einem Wohnungsbrand ums Leben kommen. Alle, bis auf Nive Power, der ursprüngliche Name von Vivian. Die children's aid society nimmt sie auf und mit anderen Waisenkindern wird sie im sogenannten Orphan Train gen Westen geschickt.
    In einer Rezension aus Der Welt heißt es:

    Mehr als 250.000 Waisenkinder aus den Slums New Yorks oder Bostons wurden zwischen den 1850er- und 1920er-Jahren in Eisenbahnzügen in den Westen Amerikas geschafft, wo sie eine neue Familie und Heimat fanden. Dass es einige dieser Waisen in hohe Staatsämter brachten, hat die "Waisenzüge" lange mit dem Nimbus der zupackenden Barmherzigkeit versehen.

    Bakers Roman räumt mit diesem Mythos auf, indem der am Beispiel von Nive bzw. Vivian erzählt, was diese Kinder teilweise erlebt haben.

    Wie auf einem "Sklavenmarkt" werden sie auf eine Bühne gestellt und die Familien suchen sich ein Kind aus. Nive findet erst auf dem 2.Bahnhof in Minnesota ein Ehepaar, das sie mit zu sich nimmt - als Nähhilfe für ihre Damenschneiderin. Da ist sie ist neun Jahre alt. Es ist im Prinzip eine andere Form der Sklaverei. Sie erfährt weder Liebe noch Zuneigung, muss auf einem zugigen Flur übernachten, erhält nur das Notwendigste zu essen und darf die Schule nicht besuchen, damit sie als Näherin ihre Arbeit verrichten kann.

    In der Weltwirtschaftskrise muss Nive die "Familie" aus finanziellen Gründen verlassen und gerät in eine Familie, in der bereits 4 Kinder unter extrem ärmlichen Verhältnissen leben. Während die Mutter nur schläft, will der Vater nicht arbeiten, sondern als Farmer und Jäger alleine zurecht kommen. Der einzige Lichtblick ist der Besuch der Schule und ihre Lehrerin Mrs Larson, die ihr auch hilft, eine neue Familie zu finden, nachdem sie unverschuldet die Farmerfamilie verlassen muss. So wird sie schließlich zu Vivian und findet einen freundlichen Platz bei den Nilsons.

    Aber erst Jahre später, als Molly sie für ein Projekt für den Geschichtsunterricht interviewt, öffnet sich die alte Dame und erzählt ihre Lebensgeschichte, die noch weitere Schicksalsschläge enthält.

    Gegenseitig helfen sich die beiden so unterschiedlichen Frauen, so dass der Roman in einem versöhnlichen Ende gipfelt.

    Bewertung

    Der Roman "Der Zug der Waisen" war in den USA ein großer Erfolg und hielt sich monatelang an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste.

    Es zeigt die schwarze Seite eines Unternehmens, das manchen Betroffenen als eine andere Form der Sklaverei erschien. Denn statt auf Liebe und Zuwendung trafen viele Kinder nur auf kühle Berechnung und Eigennutz. Viele wurden als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, misshandelt, vernachlässigt. (Rezension aus Der Welt)

    Das ist auch das Erschreckende dieser gut erzählten Geschichte - sich vorzustellen, wie man als Neunjährige in eine neue Umgebung geworfen wird, die einen lediglich als kostenlose Arbeitskraft ansieht. Der Autorin gelingt es, die Gefühle und die Situation der kleinen Nive so darzustellen, dass mir die Figur schnell ans Herz gewachsen ist. Auch für Molly empfindet man Verständnis - denn auch sie ist als sympathische Figur -trotz ihres Schutzwalls - angelegt.

    Die Verknüpfung zwischen Gegenwart und Vergangenheit und die Parallelität der beiden Lebensgeschichten zeigen auf, dass das Gefühl der Verlorenheit und Nichtzugehörigkeit -trotz Verbesserung der Bedingungen in den Pflegefamilien - dasselbe geblieben ist.

    Die Geschichte überfordert die Zuhörer nicht mit grausamen Details und versöhnt mit einem - vielleicht etwas zu weich gezeichnetem - guten Ende.

    Aber man muss dem Roman zu Gute halten, dass er auf diese "dunkle" Geschichte der USA aufmerksam macht und für das Thema sensiblisiert.

    Daher von meiner Seite eine klare Empfehlung, das Buch zu lesen oder zu hören.

    Ein Argument für das Hörbuch sind die beiden hervorragenden Sprecherinnen, die mich mit ihrer Darstellung überzeugt haben.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Apr 2015 

    Ein absolutes Highlight.

    Klappentext
    New York, 1929: Mit neun Jahren verliert Vivian Daly, Tochter irischer Einwanderer, bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie kurzerhand in einen Zug verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder auf dem Land ein neues Zuhause finden sollen. Doch es ist eine Reise ins Ungewisse, denn nur die wenigsten von ihnen erwartet ein liebevolles Heim. Und auch Vivian stehen schwere Bewährungsproben bevor ... Erst viele Jahrzehnte später eröffnet sich für die inzwischen Einundneunzigjährige in der Begegnung mit der rebellischen Molly die Möglichkeit, das Schweigen über ihr Schicksal zu brechen.

    Über die Autorin
    Christina Baker Kline wuchs in England und in den Vereinigten Staaten auf. Sie hat Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet und sich als Buchautorin und Herausgeberin von Anthologien einen Namen gemacht. Ihr Roman "Der Zug der Waisen" war in den USA ein großer Erfolg und hielt sich monatelang an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste. Mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen lebt die Autorin in Montclair, New Jersey.

    Meine Meinung

    Story
    Dieses berührende Buch hat mich mit seinem Charme und seinen tollen Charakteren sofort in seinen Bann gezogen. Die Story hat an sich zwei Handlungsstränge, die einmal in der heutigen Zeit und ein anderer in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts handeln. In der heutigen Zeit lernen wir die Teenagerin Molly kennen. Eine Rebellin wie es im Buche steht. Die schon etliche Pflegefamilien durch hat, halt wegen ihres aufsässigen Charakters. Doch hinter der dunklen Fassade dieses Gothik Mädchens, mit ihren etlichen Piercings und zentnerweise Make up, verbirgt sich eine sensible und einfühlsame Person, die nur darauf wartet geliebt zu werden. Da sie in der Bücherei ein Buch gestohlen hat, muss sie Sozialstunden abarbeiten. Diese soll sie bei der 91. Jährige Vivian Daly abarbeiten. Molly soll deren den Dachboden ausmisten. Die beiden unterschiedlichen Frauen schließen schon bald Freundschaft und merken das sie eigentlich garnicht so unterschiedlich sind. Der zweite Handlungsstrang umfasst dann die Erzählungen von Vivian, was sie damals als Waisenkind erlebt hat. Es wird sehr schnell deutlich, dass beide Frauen so ziemlich das Gleiche durchgemacht haben, ja sogar auf der Suche nach dem Selbigen sind, nämlich Liebe, Geborgenheit und einem Zuhause. Beide Geschichten fließen zu einem großen Ganzen zusammen und bilden eine bewegende Geschichte, die dem Leser noch
    lange zu denken geben wird.

    Schreibstil
    Christina Baker Kline hat einen fesselnden Schreibstil, der einen sofort begeistert und für sich einnimmt. Sie beschreibt die Geschehnisse so realistisch, dass man meinen könnte sie selbst erlebt zu haben.

    Charaktere
    Die Protagonistinnen in diesem Buch sind mir schnell ans Herz gewachsen und sofort war Sympathie vorhanden. Sie sind authentisch und ihre Handlungen lassen sich gut nachvollziehen. Ich hatte selten ein Buch, bei dem mich die Charaktere so fesseln konnten wie hier bei diesem.

    Mein Fazit

    Ein absolutes Lesehighlight für mich. Eine tolle, faszinierende Handlung mit tollen Charakteren. Von mir eine klare Leseempfehlung und volle fünf von fünf Sternen, mit einem Plus dahinter.