Der zerrissene Brief: Roman

Rezensionen zu "Der zerrissene Brief: Roman"

  1. Im Erinnern wird die Vergangenheit noch einmal zur Gegenwart

    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Apr 2020 

    „Wahrsagende Begebenheiten – auf die kommt es an. Die kommen ganz überraschend und strahlen in alle Richtungen aus, auch in unsere Vergangenheit. Unsere Erinnerungen spulen sich um das, was gewesen ist, wie Eisenspäne um einen Magneten.“ (Pos. 1654)

    Inhalt
    Pauline ist siebzehn Jahre alt und lebt in dem kleinen Ort Treuchtlingen, als sie den dreißig Jahre älteren Max Lassenius, Weltreisenden, Fotograf, Kameramann, Sammler, kennenlernt. Dieser finanziert und ermöglicht ihr 1899 einen Aufenthalt in New York, über zwei Jahre lang arbeitet sie dort in den Botanic Garden in der Bronx. Anschließend heiraten sie. 1966 besucht Elsa, die in Frankfurt Biologie studiert, die nun vierundachtzig Jahre alte Pauline, bei der sie als Kind Ferien verbracht hatte. Elsa hat gerade eine Beziehung beendet und wird von Paulines Erinnerungen an die vielen intensiven Augenblicke eines abenteuerlichen, von Reisen in ferne Länder geprägten Lebens mit Max in eine völlig andere, vergangene Zeit entführt.

    Thema und Genre
    Dieser Roman erzählt eine spannende Lebensgeschichte, es geht um Erinnerungen, Erfahrungen, um Weltoffenheit, um Kultur und Natur, aber auch um Beziehung und Liebe.

    Charaktere
    Der Aufenthalt in New York bringt Pauline Selbstständigkeit und ein umfassendes Wissen und Bildung, was sie zur perfekten Gefährtin des gewandten Weltreisenden Max macht. Als Pauline später als Witwe wieder im Dorf ihrer Kindheit lebt, spürt sie keine Enge mehr, sie hat sich verändert, weil ihr Leben mit Erfahrungen und Erinnerungen gefüllt ist. Max kann sich durch die Heirat mit Pauline endlich aus der Umklammerung seiner Mutter lösen. Elsa besitzt die natürliche Neugierde einer Forscherin, sie stellt Fragen, kann aber auch zuhören.

    Handlung und Schreibstil
    Pauline erzählt ihr Leben nicht chronologisch, sondern in bruchstückhaften, Puzzleteilen gleichenden Erinnerungen, die plötzlich durch eine Bemerkung, eine Situation wieder lebendig werden. Die gemeinsame Zeit mit Max ergibt sich durch Antworten auf Elsas Fragen. Der Roman beginnt mit einem Brief Elsas an den Autor, in dem sie erklärt, woher sie Pauline kennt, wie sie zu deren umfangreichen Aufzeichnungen kam und der die Geschichten zu einem Ganzen schließt.
    Die Sprache ist in den Dialogen lebhaft, einfühlsam und passt zu den beiden Frauen. Die erzählenden Beschreibungen sind jedoch intensiv ausgeschmückt, kein Objekt darf in knappen Worten einfach sein, sondern wird dicht mit Adjektiven und Metaphern versehen. Dadurch verliert die Sprache hier die poetische Leichtigkeit der Dialoge. „Das Papiergeraschel der Blätter. Grüne Schattenfächer zerteilten den Widerschein schwach durchwindeter Wolken auf dem Wasser. In nervösen Wellen floss das Licht der Pappeln hinauf und ließ die Luft erzittern.“ (Zitat Pos. 1782) Schilderungen wie diese erzeugen in mir kein Bild der Szene, weil die Gedanken an den Sätzen festhängen.

    Fazit
    Dieser Roman erzählt das erfüllte, abenteuerliche Leben einer klugen, selbstbewussten Frau, das Erkunden ferner Länder und Kulturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Als habe diese Geschichte nur darauf gewartet, einmal, ein einziges Mal erzählt zu werden“ (Zitat Pos. 2605) Durch das Erzählen und Teilen der eigenen Erinnerungen mit der nächsten Generation wird die Vergangenheit noch einmal zur Gegenwart.

  1. Die Begleiterin

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    In der Liebe schwer enttäuscht fährt Elsa zu ihrer alten Freundin Pauline. Ein paar Mal hat Elsa die Ferien bei Pauline verbracht und danach standen sie in lockerem Briefkontakt. Obwohl sie sich nicht so häufig sahen, findet Elsa bei Pauline Trost. Einmal muss sich die junge Frau alles von der Seele reden. Doch je länger sich die beiden unterhalten, desto mehr Erinnerungen kommen bei Pauline auf, an ihrem Max und das ungewöhnliche Leben, dass ihnen vergönnt war. Max war es, der Pauline ermöglichte im Alter von 17 Jahren nach New York zu reisen. Dies ist im Jahr 1899 mehr als außergewöhnlich.

    Zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Frauen, die eine jung, die andere alt, gewähren einen Einblick in ihr Leben. Wobei die junge Elsa der verlorenen Liebe nachtrauert, ihr aber klar ist, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Die ältere Pauline wird durch Elsa Erzählungen angeregt, über ihre langjährige ungewöhnliche Beziehung zu Max zu sprechen. Sie war seine Lebensbegleiterin, seine Begleiterin auf Reisen der Erbauung und der Erforschung. Kleine Stichworte lösen Erzählungen aus über ein besonderes Leben, das eine Erlebnisfülle hat, die ihresgleichen sucht. Da wurde der große Altersunterschied zwischen Max und Pauline bald zur Nebensache.

    Dieses Buch nimmt einen mit auf eine bezaubernde Lebensreise, während der Altersunterschiede unwichtig werden. So wie zwischen Max und Pauline ein großer Altersunterschied besteht, besteht dieser auch zwischen Pauline und Elsa. Nun ist Pauline die Ältere, die von ihren reichen Erinnerungen erzählt. Erstaunlich sind ihre Erzählungen, in diesen Jahren allein in New York und dann als Begleiterin von Max eine Weltreisende. Man wäre gerne dabei gewesen. Natürlich ist nicht immer alles leicht, aber Paulines starker Charakter, ihre Lebensfreude wirken ansteckend. Ein paar melancholische Momente gehören wie im richtigen Leben auch dazu, doch löst der Schriftsteller mit seinem Roman eine positive Stimmung aus. Ein Bild starker Frauen, das fasziniert.

  1. Gespräche zweier Frauen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Mär 2020 

    Hanns Zischler, berühmter Schauspieler, Schriftsteller und Photograph, hat nun mit 72 Jahren seinen ersten Roman vorgelegt. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.
    Wir sind im Sommer 1966 in einem kleinen Dorf im Fränkischen. Elsa, eine junge Studentin, hat gerade eine unglückselige Affäre mit einem verheirateten Professor hinter sich. Nun besucht sie die über 80jährige Pauline. Die beiden kennen sich seit Jahren, standen stets auch in brieflichem Kontakt. Als 8jährige kam Elsa nach dem Krieg hierher und Pauline hat sie gewissermaßen adoptiert.
    Die Gespräche dieser beiden Frauen, der jungen und der alten, führen weit in die Vergangenheit Paulines zurück.
    Diese, 1882 geboren, war mit fünf Jahren Vollwaise und kam deshalb zu ihrem Patenonkel. Mit 17 Jahren lernt sie auf einem Jahrmarkt den wesentlich älteren Max kennen und die beiden verlieben sich . Max, Nachkomme litauischer Pelzhändler, ist als Photograph für die Brüder Lumiere unterwegs. Der ältere Liebhaber, klug und weltgewandt, schickt nun seine junge Geliebte mit 2000 Goldmark allein auf eine Reise nach New York. Hier soll sie 2 Jahre bleiben, danach wird er sie heiraten. „Ein Erziehungsprogramm“ für Pauline - „ in bester Absicht....und nicht ohne egoistischen Hintersinn“. Und die Rechnung geht auf. „Ich bin in seine Arme zurückgekehrt, aber ich war eine andere Frau geworden, als die, die er kannte.“ bekennt Pauline gegenüber Elsa. Aus dem unbedarften Mädchen aus der Provinz wurde eine selbstbewusste Frau. Sie hat im Botanischen Garten in der Bronx das Botanisieren für sich entdeckt.
    Das Ehepaar reist nun gemeinsam nach Russland, Japan und bis Alaska.Pauline teilt mit ihrem Mann die Lust am Entdecken, hat Verständnis für seinen „ Raumhunger“. Doch Max war kein Eroberer. „Was er auf seinen Reisen suchte, war das Konkrete und Individuelle. Die Vielgestaltigkeit der Landschaften wie der Menschen ...“ Davon zeigen zahlreiche Gegenstände, v.a. Masken und Idole, die Max sammelte.
    Hanns Zischler erzählt uns diese Lebensgeschichte aber nicht chronologisch, sondern entwickelt sie episodenhaft im Gespräch der zwei Frauen. Auslöser dafür sind meist irgendwelche Sachen, wie Briefe, alte Photos, Zeitungsausschnitte und ähnliches. Denn „ ...- die Erinnerung geht nie der Reihe nach....Unsere Erinnerungen spulen sich um das, was gewesen ist, wie Eisenspäne um einen Magneten.“
    Der Autor findet für seine Geschichte eine passende Sprache - bilderreich, voller Metaphern und literarischer Anspielungen, Wörter aus einer vergangenen Zeit. Treffend ist z.B. der Ausdruck „ Efeumutter“ für Max‘ besitzergreifende Mutter.
    Nicht alle Exkurse ( literarischer, volkskundlicher u.ä. Art) sind gleichermaßen interessant. Sehr gut gefallen haben mir die Gedanken über die Schönheit in der Natur. Die lässt sich nicht immer zweckmäßig begründen. Denn oft „ gibt es nur einen einzigen Grund... Weil die Natur spielt.“ So wie hier auch Hanns Zischler.
    „Der zerrissene Brief“ ist ein Buch für Leser, die Gefallen finden an interessantenFrauenbiographien ( wobei die Weltgeschichte nur ganz am Rande vorkommt ) und eine ruhige Erzählweise mögen.