Der Wintersoldat

Rezensionen zu "Der Wintersoldat"

  1. Abgesang auf eine untergehende Zeit

    Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt.

    Zunächst einmal: Chapeau für die äußerst akkurate Recherche-Arbeit, mit der sich der amerikanische Autor den europäischen I. Weltkrieg erschließt, noch dazu die mehr als verwirrende Lage in den ethnisch durchmischten Grenzgebieten des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarns! Das wäre allerdings "nur" eine rein akademische Fleißarbeit, aber das Buch bietet sehr viel mehr.

    Es geht um den I. Weltkrieg, der die Habsburger Monarchie und damit eine Ära beendete. Und wie das Buch diese Zeit erzählt, finde ich faszinierend. Es ist ein Abgesang, das schon, aber auf eine sehr indirekte Art und Weise. Hier gibt es keine Trauer über den Untergang einer Zeit, sondern der Autor lässt seinen Protagonisten Lucius, Medizinstudent und Sohn einer polnischen Adelsfamilie, klinisch-kühl die Dinge beobachten.

    Und da gelingen dem Autor äußerst beeindruckende Bilder. So trifft sich z. B. der Vater des Lucius in seiner Paradeuniform, gestiefelt und gespornt, ordenbehängt, mit seinen Freunden, die ebenso verkleidet sind, in seinem eleganten Salon und sie spielen quasi den Krieg nach, beschwören die Pracht der polnischen Flügelhusaren, diskutieren die Truppenbewegungen und sind durchtränkt vom Bewusstsein ihrer Überlegenheit.

    Krieg als Kostümball einer untergehenden Elite...

    Oder der erste desillusionierende Kontakt Lucius mit der entsetzlichen Wirklichkeit des Krieges: er trifft auf einen der sog. "gueules cassées", einen Verwundeten mit einem weggeschossenen Kiefer - eine Vorwegnahme der Tatsache, dass bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrages die deutsche Delegation an solchen Veteranen vorbeidefilieren musste, als Demütigung gedacht.

    Ein besonders beeindruckendes Bild ergibt sich, als Lucius auf der Suche nach seiner Liebe das polnisch-russische Kriegsgebiet durchstreift: zerstörte Dörfer, in denen sich die Natur wieder ihr Recht holt, vereinzelte Bewohner, misstrauisch und feindselig, und mitten in der Verwüstung und Zerstörung der kurze Blick auf einen einzelnen K.u.K.-Soldaten zu Pferde, in voller farbenprächtiger Montur, regungslos, wie aus der Zeit gefallen - klarer kann man das Nebeneinander von Glanz und Gloria einerseits und der Kriegswirklichkeit andererseits kaum wiedergeben.

    Kleine Beobachtungen, fast in Nebensätzen untergebracht, runden das Bild: die Dekadenz der Oberschicht, die sich nach wie vor den Champagner aus dem (feindlichen) Ausland schicken lässt, während vor den Toren ihrer Paläste die Kriegsveteranen und hohläugige Kinder betteln -die menschenverachtende Behandlung traumatisierter Soldaten - das Kriegsgewinnlertum in der Oberschicht - der sprichwörtliche Undank des Vaterlandes - aber auch menschliche Wärme über die Fronten hinweg.

    Mir hat die Sprache besonders gut gefallen. Sie passt zu dem Medizinstudenten, zu seiner wissenschaftlich-distanzierten Weltsicht. Die Sprache klagt niemals an und ergreift mit der Zeichnung der Figuren keine Partei. Sie bleibt durchgängig eher chronikartig berichtend, unterkühlt wie Lucius, aber gerade in dieser Unterkühlung entfaltet sie ein enormes emotionales potential - so wie Lucius auch, der alles in Bewegung setzt, um seine Liebe zu finden.

    Ein sehr schönes Lese-Erlebnis.

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