Der Wald: Roman

Rezensionen zu "Der Wald: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Apr 2019 

    Poetisch formuliert, klischeebehaftete Figuren und zu abgehackt

    Da ich demnächst in einer Leserunde Nell Leyshon´s Roman „Die Farbe von Milch“ lese, fand ich es sehr passend, dass sich mir die Gelegenheit bot, vorher „Der Wald“ zu lesen.

    Nun (um es vorweg zu nehmen): so ganz abgeholt hat mich „Der Wald“ nicht.
    Das liegt nicht mal an der teils berührenden und epischen bzw. poetischen, dann wieder barschen Sprache – nein, da hat Nell Leyshon ein feines Gespür für die jeweilige Situation entwickelt und ihre Protagonist*innen entsprechend sprechen lassen und die vorherrschenden Örtlichkeiten sehr bild- und glaubhaft beschrieben.

    Was mich genervt hat, waren die Klischees, die Frau Leyshon angewandt hat und ihre Figuren (insbesondere die von Pawel/ Paul) von Beginn an „durchsichtig“ waren, was ihre „Persönlichkeitsentwicklung“ anbelangt. Pawel wird von Anfang an als regelrechter Stofffetischist dargestellt, der ständig mit den Händen über die Kleider seiner Mutter oder ein mit Satin bezogenes Kissen streift. Und – oh Wunder – im dritten Abschnitt des Buches wird er der Leserschaft als schwuler Designer präsentiert.

    Außerdem fehlten mir einige erklärende Hinweise, die die jeweiligen Abschnitte verbunden hätten. Der erste Teil spielt in einer polnischen Stadt, im zweiten Teil sind Pawel und seine Mutter schon im titelgebenden Wald. Man erfährt allerdings weder wo dieser Wald ist, noch wie sie dahin- geschweige denn weggekommen sind, um in den dritten Teil (England) überzuleiten. Alles bleibt schemenhaft oder wird gar nicht näher erläutert. Das Ganze macht auf mich einen etwas abgehackten Eindruck; hier wäre „mehr“ dem Wortsinn nach definitiv mehr gewesen.

    Und so muss ich (leider) sagen, hat mich „Der Wald“ (wie schon angedeutet) nicht komplett begeistern können und vergebe 3,5*.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Mär 2019 

    Ein Gefühlswirrwarr, das mich nicht erreichen konnte

    Pawel ist noch ein kleiner Bub, als die Deutschen Polen besetzen. Es ist eine gutbürgerliche Familie, die Großmutter Ärztin, der Vater Künstler. Doch der Vater geht in den Widerstand, lässt seine Frau Zofia oft und lange mit dem Kind alleine. Als die Besatzer entdecken, dass im Haus der polnischen Familie ein britischer Soldat versteckt und gesund gepflegt wird, müssen Zofia und Pawel fliehen. Sie werden von en alter Frau, Baba, aufgenommen, die mitten im Wald lebt.

    Nell Leyshon wartet nach ihrem großartigen Roman Die Farbe von Milch mit einer Kriegsgeschichte und schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung auf. Es ist emotional gesehen gelungener Zug, ein kleines Kind in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen. Das arme Kind, in einer schrecklichen Zeit. Aber es ist auch ein schreckliches Kind, altklug, mit Sätzen ausgestattet, die einem Kind nicht entsprechen, nicht einmal in „russischen Romanen“. Es fiel mir schwer, Pawel lieb zu gewinnen. Seine Mutter Zofia hingegen liebt Pawel abgöttisch. Mit einer wahren Affenliebe klammert sie sich in dieser schweren Zeit an das Kind. Früher gab es Kindermädchen, jetzt ist Pawel das einzige, was ihr von ihrem früheren Leben geblieben ist. Das Haus, die früheren Dienstboten, die Musik.

    „Schlafen, wachen, waschen, essen. Das ist alles, was ihnen noch geblieben ist…… Die Zeit ist rückwärts gelaufen. All die Jahrhunderte der Entwicklung menschlichen Lebens, wie zurückgespult.“

    Später dann, in einem neuen Leben, in England, als aus Zofia Sofia und aus Pawel Paul wurde, zerstört etwas die Bindung zwischen Mutter und Sohn. Es war mir unverständlich! Was kann denn nur so schlimm sein, dass eine Mutter ihr Kind nicht mehr liebt. In diesem Abschnitt mochte ich Paul plötzlich. Das Gefühslwirrwar in der Geschichte jedoch konnte mich emotional nicht erklimmen. Was mich im Vorgänger in seiner Kürze an Eindringlichkeit so begeistern konnte, fand ich im „Wald“ nur redundant, viel wird in dieser Geschichte angeschnitten, aber nicht zu Ende erzählt.