Der Vogelgott: Roman

Rezensionen zu "Der Vogelgott: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Nov 2019 

    Lesetipp-erfordert aber ein „sich drauf einlassen“...

    In diesem Mix aus Fantasy-, Familien-, Schauer- und historischem Roman erzählt Susanne Röckel in vier Kapiteln die fesselnden Geschichten eines Vaters und seiner drei erwachsenen Kinder, deren Leben eines Tages vom rätselhaften Mythos und grausamen Kult um den Vogelgott aus dem Tritt gebracht wird. Die vier fühlen sich seiner hypnotisierenden Macht ausgeliefert.

    Susanne Röckel hinterfragt mit ihrem Roman die Alleinherrschaft von Wissenschaft und Vernunft und beschäftigt sich mit deren Grenzen und der Angst vor der Macht.

    Der Vogelpräparator Konrad Weyde, ein Lehrer mit einer Leidenschaft für Vögel, kommt in ein Schauder erregendes Dorf und entdeckt einen unbekannten, schönen, großen und majestätisch wirkenden Vogel...ein herrliches und imposantes Tier, das die Bewohner des Dorfes als Gott verehren...des Präparators Jagdtrieb, Habgier und Streben nach Ruhm werden geweckt!
    Schon nach wenigen Sätzen verspüre ich die düstere, abweisende und misstrauische, nahezu feindselige Atmosphäre. Ich sehe die verwahrloste, wie ausgestorben wirkende Gegend und das verlassen wirkende Dorf regelrecht vor mir und frage mich:„Was ist da passiert?“. Das einzig lebendige scheinen die Vögel zu sein, was die Atmosphäre aber nicht freundlicher, sondern eher noch unheimlicher macht.

    Dann lernen wir nacheinander die drei Kinder des Vogelpräparators kennen.

    Erst tauchen wir in Leben und Erlebnisse von Thedor Weyde ein, dem jüngsten Sohn und Nesthäkchen des strengen und ehrgeizigen Präparators. Thedor, weder besonders tüchtig noch strebsam und ohne Antrieb, Durchhaltevermögen oder Lebensentwurf, hat sein Medizinstudium abgebrochen und geht eines
    Tages als eine Art Entwicklungshelfer für ein Jahr ans anderen Ende der Welt auf eine mysteriöse Krankenstation in das sog. Aza-Land. Bereits zu Beginn sichtet er den fremdartigen und beängstigenden Vogel, dem einst sein verstorbener Vater gegenüber stand. Der Aufenthalt gipfelt in einem unaussprechlich grauenvollen Blutbad - Ereignisse, die ihn so überfordern, dass er letztendlich in der Psychatrie landet.

    Wir lernen dann seine Schwester Dora kennen, eine Kunsthistorikerin, die über ein mit einer Madonnenfigur übermaltes Gemälde promoviert. Im Rahmen ihrer Recherche stößt auch sie auf den rätselhaften und schauerlichen Vogel.

    Zuletzt lernen wir noch Lorenz, den ältesten der Geschwister, einen Journalisten, kennen. Er kennt den sagenumwobenen Vogel bereits aus einem Märchen und für ihn ist es der Teufel. Außerdem begegnet er dem Vogelmythos im Rahmen einer Unfallrecherche.

    Susanne Röckel hat eine eindringliche Sprache, die das durchgängig Unheimliche, Rätselhafte und Geheimnisvolle spürbar sowie das Beschriebene vor dem geistigen Auge sichtbar macht. Mit ihren Worten erweckt sie die Geschichte zum Leben. Ich verspürte eine Sogwirkung und ich hatte das Gefühl, mitten drin zu sein.

    Die Mischung aus Rückblicken in Kindheit und Aufwachsen der Geschwister einerseits und spannungsvollem Abenteuer sowie packender Schilderung des gegenwärtigen Alltags im Rahmen einer besonderen Lebensphase andererseits machte für mich den besonderen Reiz des Romans aus.

    Jedes Kapitel wird aus Sicht eines der Geschwister erzählt. Das Schöne ist, dass diese Kapitel aber nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern ineinander fließen und dass eines zum anderen führt und dass es erst einmal durch den mysteriösen „Vogel Greif“, aber auch durch gemeinsame Erinnerungen und Ereignisse Berührungspunkte und Überlappungen gibt. Nach und nach entfalten sich das Verhältnis der Geschwister untereinander und die Geschichte dieser Familie.

    Mir gefällt es außerdem sehr, wie Susanne Röckel häppchenweise die Entstehung und Verbreitung eines neuen, teuflischen Kults beschreibt und nachvollziehbar macht.

    Am Ende war ich gleichermaßen fasziniert, nachdenklich und ein bisschen ratlos. Ich hatte den Impuls, gleich nochmal von vorn zu beginnen, um beim zweiten Lesen all das aufzufangen, was mir bei der ersten Lektüre entgangen war. Beim Zuklappen des Buches war mir ein bisschen so, als wäre ich aus einem Traum, besser gesagt aus einem Alptraum erwacht.

    Wer sich auf eine nicht realistische, aber packende Reise mit latent schaurig-gruseliger Grundstimmung einlassen will, dem sei „Der Vogelgott“ wärmstens empfohlen.

    Frustrierend mag der Roman vllt. für Leser sein, die sich eine konkrete, schlüssige und rational nachvollziehbare Auflösung wünschen... hier wird alles in der Schwebe gehalten.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jul 2019 

    Geflügeltes Grauen

    Was für ein wunderbares Buch! Wieder ein Lesehighlight und was für eines. Erstmal möchte ich diesen unwiderstehlichen Lesesog erwähnen, es entsteht fast ein Rausch beim Lesen dieses Buches. Man kann und will es nicht aus der Hand legen, ein unbedingter Wissensdrang nach der Auflösung, nach dem Ende hat mich beim Lesen gepackt. So etwas hat man selten. Schon dafür allein hat die Autorin die Höchstpunktezahl verdient. Dann diese Geschichte, sie ist in vier Teile gegliedert, vier verschiedene Personen der Familie Weyde erzählen Teile ihres Lebens, alle vier haben Berührungspunkte mit etwas Unerklärlichem/etwas Bedrohlichem, jeder weitere Teil erklärt auch mehr aus dem vorhergehenden Teil/aus den vorhergehenden Teilen, dabei wird Fiktion und Wirklichkeit geschickt verwoben, so dass vor den Augen des Lesers eine eventuelle Wirklichkeit entsteht. Echt geschickt gemacht. Auch dafür ist in meinen Augen eine Höchstpunktzahl erforderlich. Dann ist die Geschichte wie ein Schauerroman gehalten, dabei ist dann die Sprache zu erwähnen, die sehr antiquiert gehalten ist, eigentlich wähnt man sich durch diese Sprache in vergangenen Sphären, ich bin beim Lesen richtig über die Worte Flughafen und Laptop gestolpert, es passte für mich nicht zum Text. Herrlich nicht? Auch zeichnen sich die verschiedenen Teile durch einen unterschiedlichen Sprachklang aus, es wird durch die Autorin versucht den verschiedenen Personen angepasst zu erzählen. Wunderbar, auch dafür hat Frau Röckel eine Höchstpunktezahl verdient. Insgesamt in meinen Augen also ein absolut außergewöhnliches Buch!

    Zur Geschichte: 4 Mitglieder der Familie Weyde kommen in Kontakt mit dem Bösen. Im Prolog kommt der Vater Konrad Weyde, ein Ornithologe, in ein Bergdorf und sichtet einen ihm unbekannten großen Vogel, der Jagdinstinkt erwacht. Im Teil 1 wird das Jüngste der Kinder von Konrad Weyde, Thedor, ein ehemaliger Medizinstudent, in ein fiktives tropisches Land zum Leiten einer Krankenstation versetzt und kommt in Kontakt mit einem uralten bedrohlichen Kult, seinem Gott und dessen Jüngern. Im Teil 2 interessiert sich das mittlere Kind von Konrad Weyde, Dora, eine Kunsthistorikerin, für ein Madonnenbild in einer Kapelle und entdeckt, dass dieses übermalt wurde. Um was zu verdecken? Und im Teil 3 entdeckt der Älteste des Weyde-Nachwuchses, Lorenz, ein Journalist, Ungereimtheiten in der Behandlung von Kindern in einer Heilanstalt. Alle vier Mitglieder der Familie Weyde kommen in Kontakt mit mehr oder weniger irdischen Vertretern des Vogelgottes, namentlich sehr ähnlich und außerdem durch Äußerlichkeiten erkennbar. Und sehr gewürzt wird die Geschichte noch durch einen interessanten Bezug auf Mythen und historische Gegebenheiten, teils real und teils fiktiv. Insgesamt wird eine sehr düstere und bedrohliche Stimmung erzeugt.

    Ich gebe eine unbedingte Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jul 2019 

    Verstörend, kafkaesk – genial!

    Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2018 stand mit „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel ein Titel, der mich allein schon beim Blick auf das Cover fasziniert hat. Die Kurzbeschreibung der Story tat sein Übriges – und ich vergaß das Buch :-) (wie das jetzt gemeint ist, kann sich jede*r selber aussuchen *g*)

    Wie gut, dass einem in diversen Buchcommunitys immer wieder Menschen begegnen, deren Meinung man schätzt und deren Lesegeschmack sich in etwa mit den eigenen Gewohnheiten deckt. So bin ich jetzt dank eines tollen Buchpaketes doch noch in den „Fängen“ des Vogelgottes gelandet. Keine Bange – ich habe die Begegnung „unbeschadet“ überlebt ha ha ha.

    Susanne Röckel hat der geneigten Leserschaft wahrlich keinen Wohlfühlroman kredenzt. Im Gegenteil: der aus drei Teilen + Prolog bestehende Plot um eine Gottheit in Vogelgestalt, dessen irdischer Vertreter in variierenden Versionen immer wieder auftaucht, lässt den Leser (un-)willkürlich düster-beklemmend und doch fasziniert zurück. Dem Sog der Geschichte kann man sich nicht oder nur kaum entziehen und wenn man das Buch zugeklappt hat, ist man – sprachlos mit Augen voller Fragezeichen :-).

    Die bedrohlich-düstere, kraftvolle und kafkaeske Sprache macht den Roman zu etwas Besonderem. Eine allgemeingültige Botschaft lässt sich nur schwer formulieren – dafür ist der Roman zu vielschichtig und jede*r Leser*in liest eine andere Botschaft „zwischen den Zeilen“. Was sich für mich religions- und gesellschaftskritisch liest, mag auf andere entsprechend anders wirken.

    Von daher sollte sich auch jede*r ein eigenes Bild von diesem Roman machen, den ich für mich zu den Highlights 2019 zähle und dem mit etwas Abstand ein Reread (evtl. in einer Leserunde) gebührt.

    5*!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Apr 2019 

    Mystisch und grausam

    Drei Geschwister treten das ideelle Erbe ihres Vaters an. Es sind Lorenz, der Journalist, Dora die Künstlerin und angehende Kunsthistorikerin und Thedor, der jüngste, der ewige Student. Sie alle geraten in eine mystische Suche nach einem vogelähnlichem Wesen, dem sagenhaften Vogel Greif, dem Bösen in Vogelgestalt. Ganz unterschiedlich verarbeiten diese drei Personen ihre Kindheit unter dem strengen Vater, den frühen Tod der Mutter.
    Während sich Thedor im Auftrag eines obskuren Vereins in ein fiktives Land aufmacht, um dort Entwicklungshilfe zu leisten, verliert sich Dora in einem Madonnenbild aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Lorenz hingegen deckt bei der Recherche nach dem Unfalltod eines Kindes seltsame Vorgänge in einer Heilanstalt auf. Allen Ereignissen und Handlungen ist das immer wiederkehrende Element von grausamen Vögeln und vogelähnlichen Wesen gemeinsam. Alles hängt mit dem Prolog zusammen, in dem der Vater aufgrund ornithologischer Studien in einer öden verlassenen Stadt einen unbekannten riesenhaften Vogel entdeckt.
    Die Geschichten sind dicht verflochten. Dubiose Nebenfiguren tauchen auf, diesen ist der Name in unzähligen anagrammierten Varianten gemein. Schon der Prolog wirft viele Fragen auf, wer ist es überhaupt, der hier schreibt, wo und auch wann befindet sich diese Person eigentlich. Auch das Kapitel, das von Thedors Erlebnissen in Aza erzählt, wirkt wie in einer bizarren Traumwelt. Wahn und Wirklichkeit lassen sich bei diesem Buch nicht immer auseinanderhalten. Sprache und Stil dieses Buches sind sehr anspruchsvoll, die Verzahnung der einzelnen Erzählstränge perfekt. Und doch wirft das Buch so viele ungelöste Fragen auf. Die Geschichte ist mystisch, düster, grausam, aber erreichen konnte sie mich nicht.