Der verlorene Sohn: Roman

Rezensionen zu "Der verlorene Sohn: Roman"

  1. Entwurzelung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2020 

    Olga Grjasnowa kann sehr gut schreiben. Dieses Buch fesselt und bedrückt. Auch wenn man sich denken kann auf was die Schreibe zusteuert, ist es dennoch spannend geschrieben und zeigt was eine Entwurzelung ist und was Wurzellosigkeit bedeutet. Ebenso zeigt es zwei Kulturen und ihre Unterschiede, beleuchtet dabei recht geschickt beide Seiten und das Herumirren des Hauptcharakters zwischen ihnen. Ein Hauptcharakter, den man bedauern kann, der einem leid tut. Für den es kein entrinnen gibt! Dieses Buch handelt in historischen Zeiten, ist im 19. Jahrhundert angesiedelt. Dennoch ist die Handlung auf anderes übertragbar, denn ein Herumirren zwischen den Kulturen wird es immer geben, bzw. solange es verschiedene Kulturen gibt. Unsere Welt steuert ja immer mehr auf eine verwestlichte Welt zu und immer mehr Kulturen verschwinden nach und nach. Aber noch gibt es kulturelle Unterschiede und so ist Jamalludins Odyssee auch ein Beispiel.

    Jamalludin wird als Junge von seiner awarischen Heimat in den dagestanischen Bergen des nördlichen Kaukasus als Geisel im Kaukasuskrieg ins Russische Reich gebracht. Von seiner Heimat/von seiner Familie/von seiner Kultur/von seinem Glauben wird der Junge fortgerissen, muss sich neu anpassen, vermisst seine Eltern, wundert sich über den fehlenden Kontakt, wird älter, wird reifer, Jahre vergehen.

    Jamalludin passt sich an, wird ein Bewohner des Russischen Reichs, verliebt sich, doch merkt er nicht, dass er nur zum Schein anerkannt wird. Er, der einst in den Bergen Dagestans groß geworden ist, der die restliche Zeit im Russischen Reich erwachsen wurde, steht nun zwischen den Welten, ist entwurzelt und hat neue Wurzeln sprießen lassen. Doch halten diese den Stürmen des Lebens stand?

    Olga Grjasnowas Schreibe ist ein Highlight, sie bringt einfühlsam einen verlorenen Menschen nahe. Eine Autorin, die ich mir merken werde!!!

  1. Toll erzählt, wacker gelesen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Mär 2020 

    So etwas möchte man sich gar nicht vorstellen: Mein Sohn hat ein Attentat auf einen Politiker verübt. Aus heiterem Himmel wird Paul Allen mit dieser Nachricht konfrontiert. Es geht durch alle Nachrichten, Daniel ist im Fernsehen auf allen Sendern das Hauptthema, sein Sohn Danny, der keiner Fliege etwas zu leide tun kann. Unglaublich! Er ist doch erst 20.

    War er es, oder war er es nicht? Kann er es etwa doch getan haben? Das wird hier gründlich ausgelotet. Die Geschichte dieser Familie mit allen Hintergründen, Daniels Kindheit und sein Leben als junger Erwachsener.
    Dazwischen werden andere Attentäter vorgestellt. Wer war Lee Harvey Oswald? Warum hat er Kennedy ermordet? Gab es Indizien dafür, dass er so etwas tun könnte? Und was trieb John Hinckley dazu, auf Ronald Reagan zu schießen? Alle berühmten Mörder waren mal nette Söhne.

    Dieses Buch ist eine gründliche psychologische Studie mit reichlich morbidem Charme, spannend, obwohl nicht wirklich viel passiert, anrührend und auch sehr bedrückend. Paul ist verzweifelt und macht sich Vorwürfe. Hat er als Vater versagt? Noah Hawley schafft es, dass man gefesselt Pauls Leidensweg verfolgt und mit ihm fühlt. Ein Spaß ist dieses Buch nicht.

    Der Sprecher des Hörbuchs schlägt sich wacker, schafft es aber nicht so recht, Hawleys schöne Sprache mit Leben zu füllen. Vielleicht sollte man dieses Buch lieber lesen.