Der unsichtbare Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der unsichtbare Roman' von Christoph Poschenrieder
4.45
4.5 von 5 (7 Bewertungen)

Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Im Jahr 1918 wird die Frage immer drängender. Da erhält der Bestsellerautor Gustav Meyrink in seiner Villa am Starnberger See ein Angebot vom Auswärtigen Amt: Ob er – gegen gutes Honorar – bereit wäre, einen Roman zu schreiben, der den Freimaurern die Verantwortung für das Blutvergießen zuschiebt. Der ganz und gar unpatriotische Schriftsteller und Yogi kassiert den Vorschuss – und bringt sich damit in Teufels Küche.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070774

Rezensionen zu "Der unsichtbare Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Dez 2019 

    Ein Roman im Auftrag des Auswärtigen Amtes

    Der heutzutage eher unbekannte Autor Gustav Meyrink veröffentliche Anfang des 20. Jahrhunderts einige Roman, darunter einen Beststeller mit dem Titel: "Golem". Darüber hinaus war er durch seine Veröffentlichungen in der historischen Satirezeitung "Simplicissimus" bekannt. Christoph Poschenrieder stellt nun diesen Autor in den Mittelpunkt seines neuen Romans. Er ist genau der richtige Schriftsteller um sich Gustav Meyrink zu widmen, denn er hat wie jener Talent zur Ironie und Satire.

    In Christoph Poschenrieders Roman mit dem geheimnisvollen Titel: "Der unsichtbare Roman" begegnen wir Gustav Meyrink im Jahr 1918, dem letzten Jahr des Ersten Weltkrieges. Meyrink wird vom damaligen Auswärtigen Amt gebeten, eine Art Propaganda Roman zu schreiben, in dem er die Freimaurer als die eigentlichen Schuldigen am Weltkrieg darstellen soll. Was wie eine Farce klingt ist doch historisch verbürgt. Diesen Auftrag hat es tatsächlich gegeben. Historisch belegt ist ferner, dass Gustav Meyrink zwar eine Vorschusszahlung angenommen, einen entsprechenden Roman aber nie abgeliefert hat.
    Die historischen Faken werden in dem Roman als sogenannte Recherchenotizen eingefügt. Sie lassen jedoch genügend Raum für Fiction, den Christoph Poschenrieder geschickt nutzt. Demnach ist Meyrink verblüfft über das Ansinnen des Auswärtigen Amtes. Zitat. " Wenn die Bevölkerung wüsste, für welche Dinge die Kriegsanleihen ausgegeben werden...Pointen statt Granaten - die beiden haben wenigstens etwas gemeinsam: zünden nicht immer."
    Meyrink ringt mit sich, ob er den Auftrag annehmen soll, entscheidet sich dann aus finanziellen Gründen dafür. Das liest sich bei Poschenrieder folgendermaßen: " Es zwickt und beißt, wie man es zurechtzupft. Meyrink weiß einfach nicht ob er sich ärgern oder freuen soll. Es zwickt und beißt übrigens auch im Portemonnaie."
    Der Roman ist weitgehend in diesem ironisch Stil geschrieben, für die Darstellung eines Satririkers sehr passent.

    Meyrink, wohnhaft am Starnberger See, begibt sich zu Recherchezwecken immer wieder in den Münchner Stadtteil Straubing, wo er sich in Cafes mit anderen Künstlern trifft. Dort erlebt er die turbulenten letzten Tage des ersten Weltkriegs, die Müncher Revolution und zuletzt die Ausrufung der Münchner Räterepublik. Mit seinem Auftragsroman kommt Meyring jedoch überhaupt nicht voran. Das Auswärtige Amt sitzt ihm im Nacken, nur die Schreibblockade will sich nicht lösen.
    Am Ende des Romans findet Christoph Poschenrieder nicht nur eine unerwartete Lösung für die Beendigung der Schreibkrise, sondern auch eine Antwort auf die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg.

    Christoph Poschenrieders Roman ist vielschichtig konstruiert, voller Humor, Ironie und Pointen, die eigentlich immer zünden. Er kann schweren Stoff leicht darstellen, ohne dass es an Tiefe fehlt. Eine klare Leseempfehlung für Liebhaber von satirisch - tiefsinniger Lektüre.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Dez 2019 

    Ein Roman im Auftrag des Auswärtigen Amtes

    Der heutzutage eher unbekannte Autor Gustav Meyrink veröffentliche Anfang des 20. Jahrhunderts einige Roman, darunter einen Beststeller mit dem Titel: "Golem". Darüber hinaus war er durch seine Veröffentlichungen in der historischen Satirezeitung "Simplicissimus" bekannt. Christoph Poschenrieder stellt nun diesen Autor in den Mittelpunkt seines neuen Romans. Er ist genau der richtige Schriftsteller um sich Gustav Meyrink zu widmen, denn er hat wie jener Talent zur Ironie und Satire.

    In Christoph Poschenrieders Roman mit dem geheimnisvollen Titel: "Der unsichtbare Roman" begegnen wir Gustav Meyrink im Jahr 1918, dem letzten Jahr des Ersten Weltkrieges. Meyrink wird vom damaligen Auswärtigen Amt gebeten, eine Art Propaganda Roman zu schreiben, in dem er die Freimaurer als die eigentlichen Schuldigen am Weltkrieg darstellen soll. Was wie eine Farce klingt ist doch historisch verbürgt. Diesen Auftrag hat es tatsächlich gegeben. Historisch belegt ist ferner, dass Gustav Meyrink zwar eine Vorschusszahlung angenommen, einen entsprechenden Roman aber nie abgeliefert hat.
    Die historischen Faken werden in dem Roman als sogenannte Recherchenotizen eingefügt. Sie lassen jedoch genügend Raum für Fiction, den Christoph Poschenrieder geschickt nutzt. Demnach ist Meyrink verblüfft über das Ansinnen des Auswärtigen Amtes. Zitat. " Wenn die Bevölkerung wüsste, für welche Dinge die Kriegsanleihen ausgegeben werden...Pointen statt Granaten - die beiden haben wenigstens etwas gemeinsam: zünden nicht immer."
    Meyrink ringt mit sich, ob er den Auftrag annehmen soll, entscheidet sich dann aus finanziellen Gründen dafür. Das liest sich bei Poschenrieder folgendermaßen: " Es zwickt und beißt, wie man es zurechtzupft. Meyrink weiß einfach nicht ob er sich ärgern oder freuen soll. Es zwickt und beißt übrigens auch im Portemonnaie."
    Der Roman ist weitgehend in diesem ironisch Stil geschrieben, für die Darstellung eines Satririkers sehr passent.

    Meyrink, wohnhaft am Starnberger See, begibt sich zu Recherchezwecken immer wieder in den Münchner Stadtteil Straubing, wo er sich in Cafes mit anderen Künstlern trifft. Dort erlebt er die turbulenten letzten Tage des ersten Weltkriegs, die Müncher Revolution und zuletzt die Ausrufung der Münchner Räterepublik. Mit seinem Auftragsroman kommt Meyring jedoch überhaupt nicht voran. Das Auswärtige Amt sitzt ihm im Nacken, nur die Schreibblockade will sich nicht lösen.
    Am Ende des Romans findet Christoph Poschenrieder nicht nur eine unerwartete Lösung für die Beendigung der Schreibkrise, sondern auch eine Antwort auf die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg.

    Christoph Poschenrieders Roman ist vielschichtig konstruiert, voller Humor, Ironie und Pointen, die eigentlich immer zünden. Er kann schweren Stoff leicht darstellen, ohne dass es an Tiefe fehlt. Eine klare Leseempfehlung für Liebhaber von satirisch - tiefsinniger Lektüre.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 01. Dez 2019 

    Des Kaisers neue Kleider...

    Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Im Jahr 1918 wird die Frage immer drängender. Da erhält der Bestsellerautor Gustav Meyrink in seiner Villa am Starnberger See ein Angebot vom Auswärtigen Amt: Ob er – gegen gutes Honorar – bereit wäre, einen Roman zu schreiben, der den Freimaurern die Verantwortung für das Blutvergießen zuschiebt. Der ganz und gar unpatriotische Schriftsteller und Yogi kassiert den Vorschuss – und bringt sich damit in Teufels Küche.

    Dieser Klappentext gibt den Inhalt des Romans m.E. gut wieder. Gustav Meyrink, bekannt durch seinen erfolgreichen Roman 'Der Golem' sowie durch einzelne Artikel für Münchens satirische Wochenzeitschrift 'Der Simplicissimus', wird vom Auswärtigen Amt beauftragt, einen Roman zu schreiben, der klarstellt, dass die Freimaurer die Schuld am Ersten Weltkrieg tragen. Der Auftrag ereilt ihn kurz vor Ende der Kriegshandlungen, als bereits absehbar ist, dass Deutschland womöglich nicht als Sieger daraus hervorgehen wird. Entsprechend drängend erscheint dieser Auftrag.

    Meyrink selbst ist mehr als erstaunt, dass die Wahl ausgerechnet auf ihn fällt, schlägt Alternativen vor (Ludwig Ganghofer etwa oder einer der Manns), sieht sich selbst als ausgesprochen unpolitisch und daher für wenig geeignet, eine solche Auftragsarbeit auszuführen. Doch das Geld lockt, und so geht Meyrink wider besseres Wissens schließlich darauf ein.

    Zu Beginn des Romans war ich fasziniert - von der Idee einer solchen Auftragsarbeit, von der Tatsache, dass ich beim Recherchieren entdeckte, dass vieles von dem, was Poschenrieder hier präsentiert, tatsächlich historischen Fakten entspricht, von dem Humor, der hier immer wieder aufblitzt sowie von dem Schreibstil, der mich in seiner Geschliffenheit und stilistischen Eleganz tatsächlich in die Vergangenheit katapultierte.

    Doch im Grunde lässt sich die Handlung selbst auf wenige Zeilen reduzieren. Die Auftragsarbeit erweist sich zwar für Meyrink als lukrativ, aber im Grunde als nicht durchführbar. Er erlebt eine ausgewachsene Schreibblockade und versucht diese durch diverse Tricks zu beheben - erfolglos. Schließlich greift er zu einem Schelmenstück und liefert seine Arbeit ab - den unsichtbaren Roman. Des Kaisers neue Kleider in neuem Gewand. Punkt.

    Natürlich kann ein Autor einen Roman von 272 Seiten nicht derart auf den Punkt bringen. Und so verzwirbelt Poschenrieder Fakten mit Fiktion, bietet biografische Einsprengsel zur Person Gustav Meyrink, streut eigene Recherche-Notizen ein, liefert Episoden Münchner Lebens zu besagter Zeit mit Persönlichkeiten wie Kurt Eisner oder Erich Kurt Mühsam und leitet damit auch über zur Novemberrevolution 1918 in München sowie zur Ausrufung der Münchner Räterepublik.

    Viel Stoff also, der von Poschenrieder stroboskopartig eingestreut wird, so dass über weite Strecken etliche angerissene Themenfelder wenig zusammenhängend beieinander liegen. Es ergibt sich daraus zwar ein Überblick über die politische Lage zu besagter Zeit in München, doch gerät der Freimaurer-Roman dadurch fast zur Rahmenhandlung, in die all die anderen Themen eigebettet werden. Zwischendurch wird zwar auf die Schreibblockade Meyrinks eingegangen, der seine Zeit jedoch lieber in einschlägigen Wirtshäusern verbringt, in denen beispielsweise auch ein Erich Kurt Mühsam anzutreffen ist.

    Mir gefiel das Augenzwinkern der Erzählung, das hier immer wieder anzutreffen ist, ebenso wie die Idee des Schelmenstücks. Bedingt durch besagten Aufbau allerdings fand ich das Lesen oftmals anstrengend - und über weite Strecken tatsächlich langweilig. Gerade der Mittelteil wies für mich erhebliche Längen auf, und das Ende lässt m.E. zu viel Spielraum für Interpretationen. Letztlich habe ich den Roman achselzuckend zugeschlagen.

    Alles in allem hat sich Poschenrieder, dessen Roman 'Das Sandkorn' mich beispielsweise sehr begeistern konnte, wieder einem interessanten und unbekannten Aspekt der Historie um den Ersten Weltkrieg herum gewidmet. Die Ausführung jedoch konnte mich diesmal nicht wirklich überzeugen - ich hoffe daher auf sein nächstes Werk.

    © Parden

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 24. Nov 2019 

    Mit der Wahrheit ist das so eine Sache …

    Zugegeben: Ein wenig Konzentration sollte man schon mitbringen, wenn man sich an „Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder heranmacht. Genau wie man ein wenig langen Atem braucht. Dann aber bietet dieses 272-seitige Buch, im September 2019 bei Diogenes erschienen, Leserinnen und Lesern einige vergnügliche, lehrreiche und interessante Lesestunden.
    Der heute fast in Vergessenheit geratene Schriftsteller Gustav Meyrink (1868 – 1932) wird vom Auswärtigen Amt beauftragt, einen Roman zu schreiben, in dem den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg zugeschoben wird. Da er sich selbst in einem finanziellen Engpass befindet – „Es zwickt und beißt (…) im Portemonnaie“ (S. 19) – sagt er kurzerhand zu, doch es will mit dem Schreiben nicht so recht vorangehen. „Erst hat Meyrink es nicht versucht, jetzt, wo er will, geht es nicht.“ (S. 187). Und so gerät er in eine Schreibkrise, die ihresgleichen sucht.
    Diesen Auftrag gab es tatsächlich – allein erfüllt wurde er, zumindest von Meyrink, nie. Warum? Dieser Frage spürt Poschierender in diesem Roman nach.
    Zuerst will Meyrink ganz einfach nicht schreiben. Der Vorschuss ist da, der Starnberger See ruft … und so tut Meyrink das, was ihm das Liebste ist: Das Leben genießen. Wenn ihn dann das schlechte Gewissen doch ein wenig plagt, begibt er sich zu Recherchezwecken in einschlägige Etablissements. Einschlägig, weil dort das Leben brodelt. Das Leben der Sozialisten und Aufrührer. Und ohne es wirklich zu wollen, als ganz und gar unpolitischer Mensch, gerät der einstige Erfolgsautor mitten in die Wirren der Münchner Novemberrevolution des Jahres 1918. Für Leserinnen und Leser hat dieses zur Folge, dass es neben Unterhaltung auch noch einiges zu erfahren und überdenken gibt.
    Ja selbst das Resümieren über das eigene Leben, was eben das eine oder andere Mal für Langatmigkeit sorgt, erscheint dem Auftragsschriftsteller interessanter als die eigentliche Arbeit. In immer wieder eingeschobenen Ich-Kapiteln beschreibt er seinen Lebensweg: seine Versuche, auf unbürokratische Weise an Geld zu kommen, seine Ausflüge in die Welt der Alchemie (wozu denn das?) und des Okkultismus und seinen Werdegang als Schriftsteller, dessen „Golem“ Auflagen erreichten, die andere vor Neid erblassen ließen – und das alles pointiert und selbstironisch.
    Als ihm das Wasser dann bis zum Halse steht, beginnt er zu schreiben. Und: Es klappt. Doch gerade, als sich der Roman „wie von selbst“ schreibt, die letzte Hürde: Die Schrift verblasst, das Schreibband der Schreibmaschine ist „staubtrocken“…, doch was soll’s? Man soll den Schreibfluss nicht unterbrechen. So entsteht schließlich ein Roman im Roman, der unsichtbar ist und zudem äußerst amüsant.
    So wie Meyrink in seinem Werk Phantastisches mit Realem vermischte, macht es auch der Autor dieses Romans: Immer wieder werden „Recherchenotizen“ eingefügt, die den Lesefluss zwar unterbrechen, jedoch zeigen, was ein Autor aus historisch Belegtem machen kann und wie er es umdefinieren kann. Fürs Lesen hat das zur Folge, dass man sich immer wieder fragt, was denn nun Fiktion und Realität ist – und ganz nebenbei erfährt, dass geschriebene Geschichten nicht immer wahr sein müssen; das galt früher, das gilt heute.
    Poschenrieders Schreibstil hat mich von Anfang an fasziniert: Sein Roman ist zwar nicht gerade unkompliziert aufgebaut, was beim Lesen eben einiges an Konzentration erfordert, aber die Sprache zeugt von Virtuosität, trifft die Sachen auf den Punkt und sprüht vor Witz und Ironie. Gerade die Dialoge und Selbstreflexionen sind äußerst amüsant, zum Teil auch bissig zu lesen und haben mich beim Lesen die Zeit vergessen lassen.
    Meyrinks „Der Golem“ steht schon langer auf meiner „Muss ich unbedingt noch lesen“-Liste. „Der unsichtbare Roman“ hat mich wieder darin bestärkt, mich unbedingt mit diesem Schriftsteller und seinem Werk auseinanderzusetzen. Außerdem hat Christoph Poschenrieder mir mit seinem neusten Roman einige amüsante und lehrreiche Lesestunden beschert, und er konnte mich 100%-ig überzeugen. Auf jeden Fall werde ich noch weitere von Poschenrieders Romanen zur Hand nehmen. Mit viereinhalb von fünf Lesepunkten (den halben Punktabzug gibt es, weil ich am Anfang doch einiges mehrmals lesen musste) empfehle ich dieses Buch gerne allen weiter, die Wert auf intelligente, anspruchsvollere und dennoch humorvolle Lektüre legen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Nov 2019 

    Fakten und Fiktion mit Sprachwitz

    Wer kennt sie nicht – die Übersetzungen von Charles Dickens´ Romanen wie „Bleak House“, „Oliver Twist“ – um nicht zu viel Fremdwerbung zu machen *g*. Diese Übersetzungen wurden von Gustav Meyrink (1868 – 1932), dem Autor von „Der Golem“ (seinem berühmtesten Werk) getätigt.

    Nun hat sich Christoph Poschenrieder in seinem neuesten Roman „Der unsichtbare Roman“ einem Kapitel in Meyrink´s Leben gewidmet, dass wohl nur den wenigsten von uns bekannt ist. So erhielt er nämlich 1917 vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, einen Roman zu schreiben, der den Freimaurern die Schuld am Ersten Weltkrieg in die Schuhe schieben soll…

    Und hier kommt Poschenrieder ins Spiel :-). Mit „Der unsichtbare Roman“ kredenzt der Autor der geneigten Leserschaft mehrere Bücher/ Geschichten in einem. Der Aufbau erinnert mich ein wenig an „Der blinde Mörder“ von Margaret Atwood (ups, schon wieder Fremdwerbung *g*), wo auch nach und nach einzelne Schichten von Geschichten freigelegt werden, die sich nachher zu einem großen Ganzen verbinden. Alleine schon deshalb hat mir „Der unsichtbare Roman“ gut gefallen.

    Es gibt jedoch noch mehr, was diesen Roman zu einem (versteckten) Highlight macht. Da sind zum einen die einzelnen Teile des Komplettpakets, als da wären:

    - Die reale Story mit historisch verbürgten Daten und Fakten (selten habe ich sooft während des Lesens weiter- bzw. nachrecherchiert!)

    - Die autobiografisch anmutenden Ich-Abschnitte aus der Sicht von Gustav Meyrink (Mischung aus fiktiven und realen Bezügen)

    - Die (Original-)Recherchenotizen von Christoph Poschenrieder – dadurch wird „der Leser zum Komplizen des Autors“. (S. 268)

    - Das „Grande Finale“ – einfach großartig, wie Christoph Poschenrieder hier alles verbindet.

    Über allem schwebt aber die große Kunst Poschenrieders, mit Wortwitz und Wortspielereien dem im Grunde ernsten Thema eine (nicht sofort offensichtliche) leichte Note zu geben und so den Roman auch über die ein oder andere (verschmerzbare) Länge hinwegzuhelfen.

    Es ist also nicht alles Gold was glänzt im „unsichtbaren Roman“, aber wie heißt es sinngemäß in einem Abschnitt „Gold wird aus Dreck gemacht“. Darum vergebe ich auch gerne 5* und eine Leseempfehlung.

    ©kingofmusic

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Nov 2019 

    Eine schillernde Persönlichkeit und ein unmoralisches Angebot

    Die Hauptperson des Romans, Gustav Meyrink, wurde 1868 in Wien geboren. Über verschiedene berufliche Stationen, die nicht immer von Erfolg gekrönt waren, wurde er Schriftsteller. Zunächst veröffentlichte Meyrink in Zeitschriften, hervorzuheben ist das satirische Münchner Wochenblatt „Der Simplizissimus“. Er schrieb Erzählungen und Theaterstücke. Im Jahre 1915 gelang ihm mit dem Roman „Der Golem“ ein außerordentlicher Erfolg, der ihn bekannt machte. Der vorliegende Roman setzt im Jahre 1917 ein, als Meyrink gemeinsam mit vier weiteren Spiritisten versucht, bei sich zu Hause mit dem Jenseits Kontakt aufzunehmen. Eine Posse, die den Leser gleich mitten hinein die Geschichte katapultiert:

    „Es. klopft.
    Teufel noch mal, denkt Meyrink, wer klopft? Der Einzige, der hier klopfen darf – und zu gegebener Zeit auch klopfen wird - , bin ich, und ich habe nicht geklopft.“ (S. 11)

    Vor der Tür steht ein Bote, der einen Brief übergibt. Das Auswärtige Amt Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, dem Volk einen (oder mehrere) Schuldige am ersten Weltkrieg zu präsentieren. Zu diesem Zweck soll ein talentierter Autor einen Roman verfassen, der das entsprechende Thema aufbereitet und gekonnt den Sündenbock, die Freimaurer, herausarbeitet. Die Wahl zum Schreiber dieser Geschichte ist auf Gustav Meyrink gefallen. Überrascht steht er zunächst dem Ansinnen ablehnend gegenüber, auch weil er sich bislang nie für die große Politik interessiert hat:

    „Gäbe man ihm eine Fahne in die Hand – er schwenkte sie nicht, täte ihr womöglich Dinge an, die ihn ins Gefängnis brächten. Patriotismus ist ihm ein Fremdwort, Vaterland sagt ihm nichts; nicht einmal in seiner Muttersprache.“ (S. 37)

    Trotzdem fährt Meyrink mit dem Zug nach Berlin, um Näheres in Erfahrung zu bringen. Im Abteil begegnet er Soldaten:

    „Die Uniformen der Soldaten sind ramponiert, sie fahren nach Hause, auf Zeit. Sehen fast bedrückter aus als jene, die zur Front unterwegs sind, denkt Meyrink. Wenn ich diese Männer nun fragte, wer schuld am Krieg ist, was würden sie sagen? Aber was weiß der Nagel schon über den Hammer, der ihn ins Holz treibt? Wer den Hammer führt und auf wessen Geheiß?“ (S. 55)

    Im Auswärtigen Amt trifft der Autor auf Kurt Hahn, der ihm den Auftrag genauer vorstellt:
    „Ich komme sofort auf den Punkt. Worte sind heute Schlachten. Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten. Wir führen, neben dem Stählernen dort draußen, einen Krieg der Worte.“ (S. 61)

    Es geht also darum, bewusst die Unwahrheit im Sinne der Mächtigen zu verkünden. Ein Thema, das heute wieder ebenso aktuell scheint wie damals! Meyrink gilt als international bekannt und neutral. Die Konditionen sind günstig, die halbe Summe gibt es sogar als Vorschuss. Die Familie will versorgt sein und der Autor liebt einen aufwändigen Lebensstil. Schließlich nimmt er das Angebot an.

    Meyrink beginnt zu recherchieren. Er spricht mit seinen Freunden, dem Antimilitaristen Erich Mühsam und dem sozialdemokratischen Publizisten Kurt Eisner. Beide sind politisch aktiv und haben Einblicke in die Szene.

    In Rückblicken werden wichtige Stationen im Leben Gustav Meyrinks beleuchtet, dessen Biografie wahrlich nicht in geraden Linien verlief. Er war Goldsucher, Bankier und Lebenskünstler, kam aus Lust zur Schriftstellerei. Jetzt hat er einen Auftrag, an dem er nicht voran kommt. Die Freimaurer sollen die Schuldigen am Kriege sein. Wie das beweisen, wie die Geschichte aufbauen:

    „Merke außerdem: Von zwei Versionen einer Geschichte überlebt stets die interessante, nicht die wahre.“ (S. 169)

    Die Auftraggeber machen Druck, die Zeit rennt davon, eine Niederlage droht, so dass sich der angeforderte Roman selbst überholen könnte. Der Autor ist nicht der Fleißigste, findet so recht keinen Anfang und hält die Obrigkeit hin.

    Poschenrieder hat eine interessante Art, seine Geschichte zu erzählen. Er spielt mit der Wahrheit. Er unterlegt die dargelegten Sachverhalte mit authentisch anmutenden Recherchenotizen, die den Leser auch am Schaffensprozess eines Autors teilhaben lassen. Entsprechend ist der Roman in die Abschnitte „Vorher“, „Anfang“, Mitte“ und „Schluss“ eingeteilt, die sich am Aufbau eines Buches orientieren.

    Man fragt sich bald, ob es den unseriösen Auftrag wirklich gegeben hat. Manches ist biografisch verbrieft, auch wenn es höchst unglaubwürdig scheint. Man wird immer wieder verunsichert bei der Frage, was Realismus ist und was Fiktion. Der Aufbau des Romans ist besonders, fordert aber auch die Aufmerksamkeit des Lesers.

    Herausragend ist der Schreibstil: Poschenrieder hat eine ausgezeichnete sprachliche Brillanz: Dialoge mit Esprit und Wortwitz, präzise formulierte Weisheiten und nachdenkliche Passagen, ein Spiel mit Sprache, das seinesgleichen sucht – all das findet sich in diesem Buch.

    So packend wie der Beginn, so überraschend ist auch das Ende. Allein im Mittelteil fühlte ich mich zeitweise etwas abgehängt. Zu viele Episoden aus Meyrinks bewegter Vergangenheit erschwerten es mir, durchgängig den roten Faden zu behalten.

    Ich empfehle diesen Roman allen Lesern, die Freude an biografisch geprägten Romanen haben und den Schriftsteller Gustav Meyrink in seiner Zeit besser kennenlernen möchten. Die Sprachakrobatik Poschenrieders ist ein Genuss. Hinzu kommt natürlich der überaus aktuelle Bezug in Zeiten bewusst gesetzter Fake-News, mit denen die Mächtigen das Volk instrumentalisieren möchten.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Nov 2019 

    "Wie der Leser zum Komplizen des Autors wird." (268)

    Christoph Poschenrieder spielt in seinem Roman mit dem, was hätte sein können, und dem, was wahr (?) ist.
    Am Ende des 1.Weltkrieges erhält der für seine Geschichten im Münchner Satireblatt Simplicissimus bekannte Autor Gustav Meyrink vom Auswärtigen Amt den Auftrag, einen Roman zu verfassen, der die Schuld für den Ausbruch des Krieges den Freimaurern zuschreiben soll.

    "In groben Zügen, mein Herr. Die Angelegenheit ist im Grunde überaus simpel: Wir möchten, dass Sie einen Roman schreiben, aus dem für jedermann klar ersichtlich und verständlich wird, wer am Ausbruch des andauernden, bedauerlichen Krieges schuld ist. Wenn es außerdem unterhaltsam wäre, schadet es auch nicht." (15)

    Er soll "Fake News" in die Welt setzen,
    "noch kann er den Umschlag an den Einarmigen zurückreichen, mit vor Indignation zitternder Stimme ausrufen: Was erlauben Sie sich, mich mit Ihrem abstrusen, was sage ich, infamen Anliegen heimzusuchen. Ich bin ein Künstler und damit per definitionem nicht käuflich! Gut, denkt Meyrink, gut wenigstens ein Mal in Gedanken inszeniert zu haben, was auszusprechen ich nicht über mich bringe." (16)

    Poschenrieder erzählt diese Geschichte, wie Meyrink nach Berlin reist, sein Ringen darum, diesen Roman zu schreiben, was ihm aber nicht so recht gelingen will.

    "Es ist furchtbar, nicht schreiben zu können. Das ging doch immer so einfach." (155)
    Nebenbei werden wir Zeuge der revolutionären Umtriebe Kurt Eisners in München und Zeuge der Gespräche zwischen Meyrink und dem erfolglosen Schriftsteller Erich Mühsam, der bei der Novemberrevolution zu kurz gekommen, eine Rolle in der Räterepublik gespielt hat.
    Eingebettet in die Handlung um den zu schreibenden Roman, der die Fake News verbreiten soll, sind Passagen in der Ich-Perspektive Meyrinks, die sein Leben erzählen, wobei er von seiner unehelichen Geburt erzählt - "Ich" - und seinen alchemistischen Versuchen - "Ich, Goldmacher"-, von seinen erfolglosem Dasein als Bankier hin zu seinem Dasein als Schriftsteller.

    "Der Schmerz brachte mich zum Schreiben. Der Rückenschmerz, nicht der Weltschmerz." (178)

    Eine Passage berichtet von dem Missverständnis, dass er für einen Juden gehalten wurde, was dazu geführt hat, dass er massiven Anfeindungen ausgesetzt gewesen ist. Gleichzeitig ein Grund, warum gerade er den Roman über die Schuld der Freimaurer am Ausbruch des 1.Weltkrieges schreiben soll.

    "Ja, denkt Meyrink, darin könnte seine besondere Qualifikation für diese Aufgabe von nationaler Bedeutung liegen: ein angeblicher Jude mit einer Riehe gutdokumentierter Ausfälle gegen das Deutschnationale, das Militär, das Establishment in allen seinen bürgerlichen Spielarten." (25)

    Eingeschoben in beide Handlungsstränge sind Recherchenotizen des Autors Poschenrieder, der akribisch alle Quellen herangezogen hat, um das Leben Meyrinks zu rekonstruieren. Diese echten "Fakten" ermöglichen eine weitere Sicht auf die Ereignisse - sind sozusagen authentische Stimmen aus der Vergangenheit.

    "Der Gustl war ja ein Finanztrottel. Und wenn er Geld gehabt hätte, hätte er nicht geschrieben." (112)[Nachlass von Carlo Mor von Weber: Mena Meyrink zum 90.Geburtstag]
    Der Aufbau des Romans, die unterschiedlichen Perspektiven, die eingefügten Fakten machen ihn außergewöhnlich und besonders, behindern aber auch den Lesefluss. Gerade im Mittelteil habe ich oft den Faden verloren, hat der Roman Längen.

    "Das Aufhäufen ist die Tugend der Ameisen, Genie trägt ab." (75)
    - wäre ein guter Leitspruch für die "Mitte" gewesen.

    Allerdings entlohnt der ebenfalls überraschende Schluss für das Durchhalten. Begeistert hat mich die Ironie und die lakonische Sprache Poschenrieders, die immer wieder zum Lachen einlädt und über den etwas langatmigen Mittelteil hinweg trägt.

    Insgesamt ein innovativer Roman, der aufgrund seiner Sprache und des außergewöhnlichen Aufbaus lesenswert ist, und der zeigt, dass es immer schon das Bestreben der Mächtigen gegeben hat, uns das glauben machen zu lassen, was sie für die Wahrheit verkaufen wollen.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 16. Nov 2019 

    Eine interessante, spannende Geschichte - Fakten und Fiktion

    „Meyrink fühlt sich erloschen. Der Docht nimmt keine Flamme an. Bis über die Knöchel steht er in abgebrannten Zündhölzern.“ (Zitat Seite 153)

    Inhalt
    Gustav Meyrink, der bekannte Autor des „Golem“, braucht dringend einen neuen erfolgreichen Roman, um seinen aufwändigen Lebensstil weiterhin finanzieren zu können. Demnächst wird er fünfzig Jahre alt und es fehlen ihm die Ideen für einen neuen Stoff. Als er 1917 vom Auswärtigen Amt in Berlin angefragt wird, ob er eine Auftragsarbeit schreiben will, stimmt er nach kurzem Überlegen zu. Allerdings muss der neue Roman beweisen, dass die Freimaurer am Ausbruch des Ersten Weltkriegs schuld sind. Hier beginnt das Problem für Meyrink, denn trotz der umfangreichen Unterlagen, die er aus Berlin erhält, hat er keine Idee, wie er dies umsetzen soll und er will dieses Buch auch nicht schreiben.

    Thema und Genre
    Dieser biografische Roman schildert eine spannende Episode im Leben des Schriftstellers Gustav Meyrink. Der Autor verknüpft gekonnt Fakten mit der Geschichte und Handlung, die er in seinem Buch erzählt.

    Charaktere
    Der Schriftsteller Gustav Meyrink, Mitglied in mehreren okkulten Geheimbünden, ist ein unpolitischer Mensch, obwohl er natürlich informiert ist und ein guter Beobachter. Er braucht das Honorar, das ihm von Berlin angeboten wird und geht eine Verpflichtung ein, als er den Vorschuss gegen sein besseres Wissen annimmt. Er kämpft mit dem eigenen Gewissen und dies führt zu einer Schreibblockade. Der Autor hält sich bei der Schilderung des Hauptprotagonisten an die bekannten biografischen Tatsachen, die er in die Problematik seines Romans einbaut.

    Handlung und Schreibstil
    Die Handlung erstreckt sich über einen kurzen Zeitraum 1917/1918, und wird durch Rückblenden ergänzt, welche vergangene Ereignisse im Leben Meyrinks schildern, sodass sich für den Leser aus dem Roman auch eine Biografie des Schriftstellers ergibt. Geschrieben in der personalen Erzählperspektive mit Fokus auf den Hauptprotagonisten Meyrink, wechseln die Erinnerungen in die Ich-Form. Ergänzt wird die Handlung durch sachliche Recherchenotizen, welche einzelne Fakten belegen.
    Der Roman mischt gekonnt Tatsachen mit Fiktion und als Leser fühlt man sich mitten in den Ereignissen, spürt die Zerrissenheit Meyrinks, aber auch seine humorvoll-kritische Art, das Leben, auch sein eigenes, zu sehen. Genial ist die Lösung, die der Autor als Meyrinks Idee für die Umsetzung dieses problematischen Auftrags anbietet.
    Poschenrieders Sprache ist großartig zu lesen, seine Beschreibungen treffen den Punkt, sie malen Bilder und sehen seine Hauptfigur Meyrink mit sachlichem Humor, dessen Zweifel auf Grund des eigenen Verhaltens werden intensiv und nachvollziehbar charakterisiert. Die Schilderung der Schreibblockade zum Beispiel ist Sprachperfektion und Lesegenuss.

    Fazit
    Ein biografischer Roman, in dessen Mittelpunkt das abwechslungsreiche Leben des Schriftstellers Gustav Meyrink steht und hier vor allem eine politische Auftragsarbeit, die er gegen Ende des Ersten Weltkriegs auf Grund von Geldsorgen angenommen hatte. Eine spannende, sprachlich großartige Mischung aus Fiktion und Fakten.