Der tiefe Graben

Buchseite und Rezensionen zu 'Der tiefe Graben' von Ezra Klein
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Inhaltsangabe zu "Der tiefe Graben"

Die messerscharfe Analyse der Ereignisse, die Republikaner und Demokraten immer mehr zu reinen „Klientelparteien“ haben werden lassen, reicht zurück bis in fünfziger Jahre, als die großen Verwerfungen unserer Zeit ihren Ausgang nahmen. Klein zeigt, warum Trump nicht der Ursprung, sondern eine logische Folge dieser Entwicklung ist, und welche Auswirkungen das auf Gesellschaft, Medien und Politik hat. Werden künftig die eigenen Wähler gezielt begünstigt? Ist das Ende der freien amerikanischen Gesellschaft gekommen? Kann die gesellschaftliche Spaltung jemals wieder überwunden werden?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783455010022

Rezensionen zu "Der tiefe Graben"

  1. Unbegreifliches begreiflich machen - USA und sein Staat

    Ich bekenne, dass ich im November 2016, als feststand, dass Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten wurde, fassungslos darüber war, wie bekloppt die Amis sein konnten. Polemisch? Klar! Aber ich stand bestimmt nicht allein mit meiner Meinung da. Und daran änderten auch zahlreiche Erklärungsversuche der Wahlergebnisse durch versierte Nachrichtenkommentatoren nichts. Meine Überzeugung stand fest, so felsenfest, dass ich an einen erneuten Sieg Trumps 2020 kaum gezweifelt habe.

    4 Jahre Kopfschütteln, schlechte Witze und einen halben Mauerbau später, Häuptling Gelbhaar war zur festen Größe in den TV-Bildern des Tages geworden, ist der Spuk vorüber und es scheint, dass auch meine Betäubung nachlässt. Zumindest war ich wieder offen für Erklärungen und dieses Buch gab sie mir.

    Kein großes T im Titel und keine nervende Anspielung, stieg ich ein und... blieb zwar nicht verschont von diesem irren Intermezzo, durfte aber ein paar wichtige Erkenntnisse um die gespaltenen Staaten von Amerika sammeln.
    Trump blieb zwar ein Anker in den Geschichten um Wahlkämpfe, Machthaber und andere politische Theaterstücke, wohl aber nur deshalb, weil ich nur mit wenigen anderen Namen (Obama, Biden, Sanders, Clinton...) vertraut war und diese Abhandlung sich auf us-amerikanische Staatsführung, und damit natürlich auch im personellen, mir nicht bekannten, Bereich in die Tiefe ging, beschränkt.
    Anfangs hat es mich irritiert, keine Seitenblicke in andere Staatssysteme werfen zu können, keine kenntnisreichen Vergleiche der präsidentiellen Demokratie der Staaten mit zum Beispiel der deutschen parlamentarischen Demokratie zu haben (wird ganz kurz am Schluss des Buches erwähnt), aber nach und nach wurde mir klar, dass Klein sich hier ganz und gar aufs eigene Land konzentrierte und getreulich dem Schuster, bei seinen eigenen Leisten blieb.
    Dafür entschädigte er im ersten Teil seines Buches mit einer Konsolidierung von Gedanken zum Verhalten von Menschen. Was treibt Wähler an die Urne, welche Emotionen werden angesprochen und, ganz wichtig, mit welchen Hintergründen handeln sie. Von Gruppenbildung und Identitätsstiftung war da die Rede, so ließ sich kaum verhindern, dass man als Leser sofort Parallelen zum eigenen Land zog.
    Aber natürlich waren das die Grundlagen zum Verständnis des sehr eigenen Staatsgebildes der USA, dessen Geschichte sich nicht mit denen europäischer Länder vergleichen lässt. Netterweise fasste Ezra Klein diese Punkte nach dem fünften Kapitel noch einmal zusammen und so fühlte ich mich gut gerüstet für den Schritt in die Rolle der Medien und der zunehmenden Polarisierung der Bevölkerung, die dann zwangsläufig wohl zu dem führte, was folgte. Keineswegs ein Versehen, sondern eher Ausdruck von Verlustängsten, Machtgier und dem festen Willen zum Umbruch. Unsagbare Dinge wurden in die Weltöffentlichkeit gepostet, political Uncorrectness wurde zum beherrschenden Ton und selbst die fädenziehenden Republikaner waren geschockt vom Springteufel, der sich nicht in seine Box zurückdrücken ließ.

    Aber das Buch wäre nur halb so interessant, wenn es sich allein auf eine Begutachtung der Dinge beschränkt hätte. Klein schlägt zum Schluss drei kleine Korekkturen im politischen System vor, die Dilemmata, wie den Shutdown der Regierung, oder Gesetzesblockierungen durch Filibuster und die Erstarrung der Parteien verhindern könnten. Diese Änderungen würden Amerika wirklich wieder great again machen, so Kleins Überzeugung, und seine Macht zum Wohle aller Menschen nutzen können.

    Ein anstrengendes, aber in jedem Fall lohnendes Lesevergnügen, welches mir den Glauben an die US-Amerikaner ein klein wenig zurückgegeben hat und mir mal wieder gezeigt hat, dass einfach nichts einfach ist.

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  1. Ein Augenöffner!

    Kurzmeinung: Man hätte für die Zitate und Buchtitel und Artikeltitel und Autorennamen und deren Titel - mehr Fußnoten verwenden müssen. Aber sonst: top!

    Tatsächlich hat mir das leicht verständliche Buch von Ezra Klein über die Geschichte und Gegenwart der politischen Landschaft in Amerika, (endlich) geholfen, zu verstehen, was vor sich geht.

    Rätseln wir in Europa doch daran herum, warum „Donnie“ mit seinen Unverschämtheiten, Lügen und Rüpeleien in den Staaten nicht die Empörung hervorruft wie bei uns und warum "Donnie", also der ehemalige republikanische Präsident Donald Trump fast unbeschadet durch das Impeachment kam und seine Anhänger loyal zu ihm stehen, sozusagen „bis zum letzten Tweet“.

    Der Konflikt reicht wahrlich weit zurück. Im Prinzip bis zu den Anfangsgründen, bis zur Erstellung der Verfassung, die in manchen Dingen nicht klar genug gefasst ist. Die einen sagen, Verfassung lebt und verändert sich und muss sich den Zeiten anpassen, die anderen meinen, nein, sie ist „tot“, was ihre Anpassungsfähigkeit angeht und der Status quo muss erhalten bleiben. Um jeden Preis. Die erste Auffassung wird von den Demokraten vertreten, die zweite von den Republikanern.

    Und damit wären wir schon fast beim Kern der Sache. Erhalt oder Veränderung. Was soll denn erhalten bleiben? Die Macht der weißen, alten Männer. Der demographische Wandel jagt der herrschenden Schicht Angst ein. Dabei heißt Herrschaft in den meisten Fällen nur, zu sagen, wo es langgeht. Was natürlich mit wirtschaftlichen Privilegien einhergeht.

    Und wem Privilegien entzogen werden sollen, auch wenn diese Umverteilung gerecht wäre, windet sich.

    Verändert hat sich, dass sich die Parteien bis zu dem Punkt polarisiert haben, dass sie nicht mehr zusammenarbeiten können. Diese Polarisierung hat den Menschen auf der Straße polarisiert, woraufhin als Antwort auf eine polarisierte Masse, die politischen Parteien sich noch mehr polarisierten, was die Menschen auf der Straße dazu brachte sich noch weiter zu polarisieren… ein Teufelskreis.

    Geblieben ist auch das komplizierte Wahlsystem der USA. Das überaus reformbedürftig ist. An dieser Reform werden sich jedoch noch Generationen die Zähne ausbeißen. Oder einfach aufgeben.

    Das System von Repräsentantenhaus und Senat und die präsidiale Demokratie behindern sich oft gegenseitig. Völlig legal. Aber der nicht allzu sehr an Politik interessierte Landwirt/Arbeiter/Angestellte durchschaut nicht, dass die Tatsache, dass etwas Notwendiges nicht passiert, z.B. Straßenbau/Reparaturen, Aufbau der Infrastruktur nicht der Mehrheitspartei, die gerade regiert, geschuldet ist, sondern der Blockade der Opposition. So behindern sich alle gegenseitig und lügen, dass sich die Balken biegen.

    Das sind nur einige Aspekte des Buches, die ich heraushebe. Auch die Presse spielt eine unrühmliche Rolle, da sie die gemäßigten Politiker nicht hypt, sondern diejenigen, die am lautesten kreischen und am rüpelhaftesten sind, weil sie (die Presse) quotenorientiert denkt.

    Fazit: Die präsidiale Demokratie der USA macht keinen vertrauenswürdigen Eindruck auf mich. Sie ist anfällig für sozusagen alles. Und was wir künftig von ihr zu erwarten haben, solange die amerikanische Politik sich selbst blockiert und verhindert, ist nichts Gutes. Doch hundert Jahre später könnten sich manche Probleme rein durch den demographischen Wandel von selber aufgelöst haben ... oder es herrscht Bürgerkrieg total.

    Kategorie. Sachbuch. Politik.
    Hoffmann und Kampe, 2020

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