Der Tänzer. Roman um den Ballettänzer Rudolf Nurejew.

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Tänzer. Roman um den Ballettänzer Rudolf Nurejew.' von Colum McCann
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Tänzer. Roman um den Ballettänzer Rudolf Nurejew."

Was dem großen Tänzer Rudolf Nurejew bei seiner ersten Saison -- nach seiner Aufsehen erregenden Flucht während eines Gastspiels des russischen Kirow-Balletts 1961 -- in Paris auf die Bühne geworfen bekam, hätte manchen Sänger einer Boy Group vor Neid erblassen lassen. 18 Damenslips waren darunter, davon zwei, die in aller Eile wohl noch während der Vorstellung ausgezogen worden waren, und Dutzende erotischer Polaroidfotos mit den Adressen der abgebildeten Damen. Ein Päckchen russischer Tee hob Nurejew vom Boden auf, Hotelschlüssel, Todesdrohungen, Liebesbriefe und ein Foto des Kosmonauten Juri Gagarin (mit der Widmung "Flieg, Rudi, flieg!"). Ein Pelzmantel flog über die Köpfe der Zuschauer, die in ihrer Erregung Sekunden lang dachten, es handle sich um ein wildes Tier. Des weiteren waren so viele Narzissen aus den Gärten des Louvre unter den Huldigungen, dass sich die Gärtner genötigt sahen, die Beete bis sieben Uhr abends zu bewachen.

Was man dem irischen Schriftsteller Colum McCann für seinen Roman Der Tänzer auf die Bühne der Literatur werfen sollte, dürfte kaum weniger aufregend sein. Denn McCann ist etwas ganz Großes geglückt: Dem Leben eines Jahrhundert-Tänzers mit den Mitteln der Sprache (und damit auch mit den Mitteln der Lüge) ein unauslöschliches Denkmal zu setzen. Beginnend beim fünfjährigen Jungen, der in den Kriegswirren in einem Hospital in Ufa sein erstes Publikum findet über die Zeit seiner größten Erfolge bis hin zum Tod des Superstars zieht sich dieses fiktive Porträt, wobei biografische Daten kaum interessieren: McCann geht es um den Menschen hinter der Aura seines Glanzes. Und um das Porträt einer Zeit, in der der Eiserne Vorhang fiel.

"Dies ist ein Roman", glaubt McCann seinem Buch voranschicken zu müssen: "Mit Ausnahme einiger Personen des öffentlichen Lebens, die ihren wirklichen Namen tragen, sind alle hier geschilderten Personen, Namen und Ereignisse frei erfunden." An dieser Warnung hat der Autor gut getan. Denn derart lebendig, wuchtig und stark kommt Der Tänzer daher, dass man meinen könnte, jedes Wort sei wahr. --Stefan Kellerer

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:480
Verlag: rororo
EAN:9783499238277

Rezensionen zu "Der Tänzer. Roman um den Ballettänzer Rudolf Nurejew."

  1. Rudolf Nurejew

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jan 2021 

    Der Inhalt des Romans "Der Tänzer" von Colum McCann ist schnell und einfach zusammengefasst: Erzählt wird die Lebensgeschichte von Rudolf Chametowitsch Nurejew, der Ikone des klassischen Balletts. Er galt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts als einer der besten Tänzer dieses Genres.
    Doch so simpel sich diese Zusammenfassung des Inhalts anhören mag, umso spektakulärer ist das, was der irische Schriftsteller Colum McCann daraus gemacht hat.

    Nurejew wurde 1938 in Sibirien geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Ufa, einer russischen Industriestadt. Hier nahm seine Ausbildung zum Balletttänzer ihren Anfang. Schnell war klar, dass Nurejew außergewöhnlich talentiert war. Es folgten in Kürze Engagements in Leningrad und Moskau sowie Auftritte im Ausland.
    Bei einem seiner Auslandsaufenthalte (1961, Paris) setzte er sich ab und beantragte politisches Asyl. Von da ab dominierte er die Welt des klassischen Balletts, machte sich jedoch nicht nur durch sein tänzerisches Können einen Namen.

    "Natürlich tanzte er perfekt: leicht und schnell, flüssig, mit gesammelter, beherrschter Form, doch da war noch etwas, das über das Körperliche hinausging - es war nicht nur in seinem Gesicht, seinen Fingern, seinem langen Hals, seinen Hüften, es war etwas Ungreifbares, etwas, das mit dem Kopf nicht zu erfassen war, eine kinetische Wildheit und Durchdrungenheit -, und als der Applaus erklang, emfpand ich geradzu ein wenig Hass auf ihn."

    Der Ausnahmetänzer war für sein aufbrausendes Temperament und seine Arroganz berühmt berüchtigt. Er hatte den Ruf eines Exzentrikers, der in der Welt des Balletts und ihrem Orbit, Bewunderer um sich scharrte. Künstler, Politiker, Reiche und Schöne - alle suchten seine Nähe wie die Motten das Licht. Es gab jedoch nur sehr wenige Personen, die Nurejew an sich heranließ. Während er Menschen, die ihm nahe standen mit seiner Großzügigkeit überhäufte und in einer ungelenken Weise seiner Liebe zeigte, begegnete er allen anderen mit großer Verachtung. Es schien, als wollte Nurejew ausreizen, wie weit er mit seinem abweisenden und verletzendem Verhalten gehen konnte, bis seine Verehrer sich von ihm abwandten. Doch das geschah nie. Egal, welche Eskapaden sich Nurejew erlaubte, seine Gefolgschaft ließ es ihm durchgehen.
    Nurejew starb im Alter von 53 Jahren (1993) an den Folgen von AIDS.

    Colum McCann erzählt die Geschichte von Nurejew genauso virtuos, aber auch unberechenbar, wie sich der Tänzer zeitlebens präsentiert hat. Vom Anfang bis zum Ende - man weiß nie, was in diesem Roman als Nächstes passieren wird - selbst, wenn man glaubt die Lebensgeschichte Nurejews zu kennen. Es gibt unzählige Erzählperspektiven, u. a. mit wechselnden Ich-Erzählern. Diese Wechsel kommen unvorbereitet und sind lediglich an dem veränderten Sprachstil zu erkennen, der sich an dem jeweiligen erzählenden Charakter orientiert. Wer gerade erzählt, erschließt sich anhand des Inhalts des jeweiligen Abschnittes. Wir haben extrovertierte Charaktere, die nur so sprudeln vor lauter ausschweifender Erzähllust. Und es gibt die stillen, Introvertierten, die McCann nur sehr zögerlich erzählen lässt. Die Sprache wirkt reduziert. Die Wirkung dieser Textabschnitte entsteht durch das, was zwischen den Zeilen steht.

    Die erzählenden Charaktere sind Menschen, die dem Tänzer nahe standen, die also wichtig für den privaten Nurejew waren. Doch McCann lässt auch den Tänzer selbst zu Wort kommen. Dabei bestätigt Nurejew den Eindruck, den man durch die Schilderungen der anderen Charaktere von ihm gewonnen hat. Er gibt nur sehr wenig von seinem Innersten Preis. Doch das reicht aus, um seine Verletzlichkeit hinter der Fassade des arroganten Künstlers, der seinen Mitmenschen mit Verachtung begegnet, zu erkennen.

    "Die französischen Kritiker sagen, dass Sie, wenn Sie tanzen, ein Gott sind.
    Ich bezweifle das.
    Sie zweifeln an den Kritikern?
    Ich zweifle an den Franzosen.
    (Allgemeines Gelächter)
    Ich zweifle auch an den Göttern.
    Wie meinen Sie das?
    Ich würde sagen, die Götter sind so beschäftigt, dass ich und alle anderen ihnen scheißegal sind."

    Neben den Perspektiven der verschiedenen Charaktere gibt es überraschende Einschübe über Aufzählungen, die Nurejews Kultstatus dokumentieren. Gleich zu Beginn gibt es eine Übersicht von Dingen sein, die Fans während seiner ersten Saison in Paris auf die Bühne geworfen haben.
    (z. B. russischer Tee, aus dem Louvre gestohlene Blumen, ein Nerzmantel, Mengen an Damenslips, erotische Fotos, Glasscherben, Todesdrohungen, Hotelschlüssel etc. etc.)
    Diese Einschübe sind unterhaltsame Intermezzos. Denn man wundert sich, mit welchen Problemen und Problemchen sich ein Star herumschlagen muss.

    "Der Tänzer" ist nicht nur als biografischer Roman zu verstehen. Denn die Handlung, die den Lebensweg Nurejew beschreibt, wird begleitet von der neuzeitlichen Geschichte Russlands. Nurejew ist 1961 aus der Sowjetunion geflohen. Seine Engagements im Ausland, die der russische Staat seinem prominenten Aushängeschild erlaubte, boten ihm die Möglichkeit sich abzusetzen. Die Menschen, die er in der Heimat zurückließ, rückten durch seine Flucht in den Fokus des Überwachungsstaats. Auch diese Menschen haben ihren Anteil an der Handlung in diesem Buch. Durch ihre Erzählung geben sie nicht nur wieder, welchen Einfluss sie auf Nurejews Entwicklung hatten sondern stehen auch stellvertretend für das Leben in der Sowjetunion in der Zeit vom 2. Weltkrieg bis hin zum Ende des Regimes.

    Das Ende dieses Romans ist fulminant und hat mich tief berührt. Nurejew ist 1993 an den Folgen seiner AIDS Erkrankung gestorben. Diesem Roman nun einen Schluss mit den letzten Atemzügen Nurejews am Krankenbett zu schreiben, wäre zu einfach und zu leicht zu durchschauen gewesen. Colum McCann wählt ein Ende für seinen Roman, das einem Ausnahmekünstler wie Nurejew würdig ist. Gäbe es bei mir eine Rangliste der besten Schlussszenen in Romanen, stünde das Ende von "Der Tänzer" an erster Stelle und lange käme erstmal nichts.

    Doch bis man in diesem Roman am Ende angelangt ist, hat man erstmal das Lesevergnügen von knapp 460 Seiten Fabulierkunst vor sich: Die Geschichte eines beeindruckenden Künstlers auf beeindruckende Weise erzählt! Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Tanzen, tanzen, tanzen!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Okt 2020 

    In dem Roman „Der Tänzer“ beschreibt Colum McCan das Leben des russischen Balletttänzers Rudolf Nurejev, angefangen in seiner Kindheit als etwas ungelenker tartarischer Junge in der verbotenen Stadt Ufa und seinen ersten Berührungen mit dem Tanz, angestoßen und unterstützt durch die in diese Stadt verbannte Petersburger Balletttänzerin Anna über seine internationalen Erfolge in der großen weiten Welt bis hin zu seiner kurzen Rückkehr nach Ufa in den Zeiten Gorbatschovs. Dieses gewaltige Leben schildert McCan in einem fulminanten Erzählstil, unter vielfachen Wechseln der Erzählperspektiven, die unterstrichenen werden durch geänderte Schreibstile, sprachliche Elemente und Darstellungsarten.
    Nurejev wächst auf in einer Familie, die ihm eine Berufung zum Tänzer so gar nicht in die Wiege gelegt hat. Dazu lebt er mit seinen Eltern in einer Stadt der Sowjetunion, in die selbst Sowjetbürger nicht ohne Grund und Sondererlaubnis einreisen dürfen. Ein Ort, dem man nur entfliehen möchte. Und doch fällt Rudolf als Kind schon durch seine besonderen, wenn auch nicht immer anmutigen Bewegungen auf, die er für kleine Auftritte vor einem Publikum nutzt, das dies zur eigenen Erheiterung nutzt. Ufa ist nicht nur verbotene Stadt, sondern auch eine Stadt der Verbannten. Dazu gehört auch ein Tänzerehepaar aus Petersburg, die sich Rudolfs annehmen und es irgendwann schaffen, ihm den Eintritt in eine Petersburger Ballettschule zu ermöglichen. Hier beginnt eine professionelle Ausbildung, die das Bewegungstalent Rudolfs fördern und entwickeln kann. Wenig an der Politik interessiert und davon berührt, wird Rudolf doch zum politischen Symbol, indem er sich bei einem Auslandsaufenthalt von seiner Balletttruppe in Paris absetzt und im Westen bleibt. Lange verschweigt die Sowjetunion diese Flucht, die einen großen Prestigeverlust für das Regime bedeutet. Rudolfs Familie hat im fernen Ufa unter den Folgen dieser Flucht langjährig zu leiden.
    Für Rudolf beginnt im Westen ein hektisches, ungebundenes und erfolgreiches Leben, in dem er zu einer Tänzerlegende wird und immer ein Symbol für die Auseinandersetzung Ost-West im Kalten Krieg bleiben wird. McCan begleitet Nurejev auf diesem Weg, unter anderem auch in ein New York der schier unendlich währenden Parties im Homosexuellenmilieu der 80er Jahre, das durch die Krankheit AIDS tief und heftig getroffen wird.
    Am bewegensten ist das Buch für mich aber immer dann, wenn die Heimatlosigkeit des geflüchteten Rudolf mit fast gänzlich fehlendem Kontakt zu seinen Wurzeln in Ufa zum Thema wird.
    Mein Fazit:
    „Der Tänzer“ ist ein fulminantes Buch, das nicht nur von einer bewegenden Lebensgeschichte lebt, sondern vor allem auch von dem fulminanten Erzählstil des Autors, der es grandios vermag, in Augenblicken von einer Figur in eine andere zu schlüpfen und dabei den Leser auch noch ohne Verwirrung komplett mitzunehmen. Ich habe das Buch deshalb aus zwei Gründen wirklich genossen:
    - Ich habe über das Leben und die geschichtlichen bzw. politischen Hintergründe des Lebens von Nurejev sehr viel erfahren.
    - Ich habe mich durch die Sprache und den Erzählstil McCans wirklich mitgenommen gefühlt und konnte sein schriftstellerisches Können lesend genießen.

    Von mir kommt eine absolute Leseempfehlung mit 5 Sternen!