Der Stotterer

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Stotterer' von Charles Lewinsky
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4 von 5 (3 Bewertungen)

Weil er Stotterer ist, vertraut er ganz auf die Macht des geschriebenen Worts und setzt es rücksichtslos ein, zur Notwehr ebenso wie für seine Karriere. Ein Betrug – er nennt es eine schriftstellerische Unsorgfältigkeit – bringt ihn ins Gefängnis. Mit Briefen, Bekenntnissen und erfundenen Geschichten versucht er dort diejenigen Leute für sich zu gewinnen, die über sein Los bestimmen: den Gefängnispfarrer, den Drogenboss, den Verleger.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070675

Rezensionen zu "Der Stotterer"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2019 

    Ein Spiel mit der Wahrheit

    Der Stotterer ist ein Meister des Wortes, aber nur des geschriebenen. Denn wie der Titel des Buches schon verrät, versagt er beim Sprechen. Nun sitzt er in der Haftanstalt eine Strafe für seine Betrügereien ab, denn seine Meisterschaft hat er im Unredlichen perfektioniert. Abzockerei per Brief bei Partneragenturen und den Enkeltrick hat er geradezu perfektioniert, aber letztendlich war seine Eitelkeit größer als seine Vorsicht und nun sitzt er ein.

    Hier beginnt er mit Tagebuch schreiben und Briefen an den Gefängnispfarrer, den er Padre nennt. Mit seiner dramatischen Kindheit, er wuchs in einer freikirchlichen Sekte auf, erduldete Prügel und seelische Misshandlungen, punktet er schnell beim Padre. Vor allem seine profunde Bibelkenntnis untermauert seine Geschichte. Aber was ist die Wahrheit? Diese Frage stellte ich mir das ganze Buch.
    Lewinsky benützt seinen Protagonisten um mit dem Leser zu spielen, er wiegt ihn in Sicherheit, lässt ihn eine Geschichte glauben und stürzt ihn sofort im nächsten Kapitel wieder in Zweifel. Genauso manipulativ wie der Stotterer mit seinen Briefen, verführt der Autor den Leser. Dabei benützt virtuos die Sprache. Sein Stil passt sich der jeweiligen Geschichte an, die Briefe an den Anstaltspfarrer, seine „wahren“ Tagebucheinträge und zwischendurch immer wieder kleine Prosastücke, die als Fingerübungen bezeichnet werden und in den Stärckle sein literarisches Können unter Beweis stellen will. Diese Geschichten sendet er dem Pfarrer, der in seinem Namen an einem Literaturwettbewerb teilnehmen soll.

    Lewinsky gelingt es, für seinen Protagonisten Sympathie, ja stellenweise sogar Bewunderung zu wecken. Sein Stil ist brillant, voller Esprit und kurzweilig humorvoll, bis ich an den Punkt gelangte, wo mir diese so offensichtlich zelebrierte Gewandtheit langsam zu viel wurde, manchmal wäre weniger mehr gewesen und nicht jeden Wortwitz muss man mitnehmen. Aber das ist nur ein kleiner Kritikpunkt an dieser unterhaltsamen und eleganten Hochstaplergeschichte.

    Haben wir am Ende Stärckles wahre Geschichte erfahren, wer weiß?

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Apr 2019 

    Geschichten zwischen Lüge und Wahrheit

    Obwohl ich aus Mangel an Lesezeit relativ lange für dieses Buch benötigt habe, hat es mir trotzdem gefallen, wobei es im letzten Drittel ein wenig langatmig wurde. Zum Ende hin wurde es aber wieder spannend.

    Ich werde mich kurzhalten müssen, da dieses Buch, das sich in der JVA abspielt, wenig Handlung bietet. Das Buch ist sehr monologisch aufgebaut, dadurch, dass der Protagonist aufgrund seiner Sprachstörung, die sich klonisches Stottern nennt, Dialoge mit anderen Menschen weitestgehend meidet.

    Die Handlung
    Der Held dieser Geschichte ist Johannes Hosea Stärkle. Dadurch, dass Stärkle aus einer strenggläubigen katholischen Familie kommt, scheint es mir, als haben ihm die Eltern biblische Namen erteilt. Bin dem aber nicht weiter nachgegangen … Stärkle ist in Bachofens Gemeinde großgeworden. Bachofen ist der Kirchenchef, er leitet die Gemeinde, und der immer zu glauben meint, wie Störungen bei Menschen auszutreiben sind …

    Stärkle leidet seit seiner Jugend an einer Sprachstörung, die er nicht in den Griff bekommt. Sowohl sein Vater als auch Bachofen möchten ihm diese Störung über körperliche Züchtigungen aus dem Leib prügeln … (S.14) Welche Rolle spielte dabei die Mutter? Sie verhielt sich passiv, hielt sich raus, wenn der Knabe mit einem Bambusstock, mit einem Gürtel, oder mit einem Tennisschläger verprügelt wurde. Frauen durften Männern hier auch nicht widersprechen. Stärkles ältere Schwester Elisabeth, auch ein biblischer Name, musste später dieselbe unterwürfige Rolle als Hausfrau und Mutter spielen, wie sie diese von ihrer eigenen Mutter vorgelebt bekommen hat ...

    Später geht hervor, wie es dazu kam, dass Stärkle plötzlich nicht mehr fließend sprechen konnte. Stress durch mehrere Schulkameraden, die ihn zum Opfer machten …

    Im Laufe des Lebens entwickelte sich Stärkle zu einem Hochstapler, weshalb er im Knast sitzt. Hier lernt er den katholischen Gefängnispfarrer namens Arthur Waldemeier kennen. Die Gefängnisinsassen nennen ihn alle Padre und dieser Padre sieht in Stärkle großes geistiges Potenzial und gibt ihm den Rat, alle seine Gedanken schriftlich niederzuschreiben. Und somit schreibt Stärkle regelmäßig Briefe an den Padre, meist reflektierende Gedanken über sein bisheriges Leben und bestückt diese reichlich mit Bibelzitaten.
    Stärkle ist bibelfest, kennt sämtliche Bibelzitate, über die er sarkastische Äußerungen laut werden lässt, die einen an den Rand des Zynismus treiben. Auch den Padre nimmt er mithilfe der Bibelzitate häufig auf die Schippe.

    Stärkles Schreibtalent weitet sich immer mehr aus, sodass in ihm der Wunsch keimt, Schriftsteller zu werden.

    Weitere Details sind dem Buch zu entnehmen.

    Welche Szenen haben mir gar nicht gefallen?
    Das Verhalten seiner Eltern und das des Bachofens. Bachofen entpuppte sich auch zu einem Scharlatan, der von sich überzeugt war, das sogenannte Sündige im Menschen methotisch mit Exorzismus austreiben zu können und es zu müssen.
    Auch hier rächt sich Stärkle später gemeinsam mit einem Bekannten aus der Jugendzeit.

    Eine weitere Szene fand ich grausam. Der Suizid von seiner Schwester Elisabeth ...

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Stärkle rächt sich an seinen Mitschüler Nils, der ihn gemobbt hat. Er musste viele Prügeleien einstecken. Die Art, wie er sich gerächt hat, fand ich sehr originell. Er schrieb an Nils mehrere anonyme Liebesbriefe und köderte ihn damit.

    Zitat
    "Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß. Und natürlich: Gemeinheit um Gemeinheit. Nils hatte mich zum Stotterer gemacht, zum Watschemann, zur Witzfigur, hatte mich zum Opfer degradiert, lang bevor >>Opfer<< unter seinesgleichen ein gängiges Schimpfwort wurde."(2019, 52)

    Ich halte nicht viel von Rache aber hier scheint ja eine andere Bewältigungstaktik unter Jungen nicht geholfen zu haben.
    Stärkles Schreibtalent kam schon in seiner Schulzeit zum Einsatz, ohne dass ihm das wirklich bewusst war, denn diese erfundenen Liebesbriefe wirkten sehr authentisch. Auch später noch erfindet Stärkle Geschichten, mit deren Hilfe er sich bei verschiedenen unliebsamen Mitmenschen rächt, weshalb er sich und alle Schriftsteller als Lügner begreift.

    Interessant finde ich auch den Fragebogen, den Stärkle über sich selbst entwickelt hat. Er bezeichnet diesen Fragebogen als Der Marcel Proust Fragebogen.

    Eine Frage davon lautet: "Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
    Die der anderen. Weil man gut von ihnen leben kann."

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Der Padre, der Stärkle gefördert hat, der es geschafft hat, sein Potenzial ans Licht zu rücken. Auch setzte er beim Gefängnisdirektor durch, Stärkle, der auch Bücher liebt, als Bibliothekar für die Gefängnisbibliothek zu beauftragen.

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Ganz viele.

    Meine Identifikationsfigur
    Keine

    Zum Schreibkonzept
    Man erfährt erst sehr viel später, was die Gründe sind, weshalb Stärkle im Knast sitzt. Am Anfang ist im Buch eine Widmung an Thomas abgedruckt, der sich ein anderes Buch gewünscht hätte. Auf der nächsten Seite befinden sich zwei Zitate; ein Zitat aus dem Johannesevangelium und eins von Arthur Schopenhauer. Das ganze weitere Buch ist mit Bibelzitaten und mit Zitaten von Schopenhauer verziert. Anschließend beginnt das Buch auf Seite 9, indem Stärkle an den Padre schreibt. Es gibt keine Dialoge. Alles, was man über andere Menschen erfährt, erfährt man immer über die Briefe an den Padre oder über Tagebucheintragungen. Eine Chronologie gibt es nicht. Die Struktur scheint zufällig gewählt zu sein.

    Da Stärkle sich als fabulierfreudig erweist, lernt man über die Briefe, die an den Padre gerichtet sind, viele Geschichten kennen ... Dieses Buch, das arm an Dialogen ist, lebt von den Geschichten, die Stärkle schriftlich erzählt. Besonders gehaltvoll finde ich die Geschichten Der Enkeltrick; Mutter Speckmann, denke in diesem Zusammenhang an die gutgemeinte aktive Sterbehilfe. Die Geschichte mit Nils fand ich sehr spannend. Auch die Geschichte mit Bachofen und dessen Pädophilie, ein Mix zwischen Realität und Fiktion … Ich möchte nicht zu viel verraten …

    Meine Meinung
    Mich hat die Intellektualität des Protagonisten fasziniert, wie er versucht, auf schriftlichem Weg sein verkorkstes Leben und das seiner Mitmenschen in der Ichperspektive zu verarbeiten. Schriftlich, um nicht mit seiner Stimme reden zu müssen.

    Zitat
    "Ich liebe Worte. Ich liebe es zu lesen, und ich liebe es zu schreiben. Beim Schreiben stottere ich nicht. Win-Win. "(10)

    Dadurch fand ich den gesamten Schreibstil interessant. Ohne ihn hätte ich das monotone Monologisieren nicht bis zum Schluss durchstehen können. Am Ende erwartet den Leser*innen eine schöne Überraschung.

    Mein Fazit
    Das Durchhalten hat sich gelohnt, das Buch konnte mich in seiner Sprache und vom Inhalt her gut packen. Man hätte den Stoff allerdings ein wenig straffen können.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Apr 2019 

    Ein virtuoses Spiel mit der Wahrheit

    Hosea Stärckle, der Stotterer, sitzt in der JVA ein. Er schreibt beständig Briefe an den Anstaltspfarrer, die er mit „Für den Padre“ betitelt. Offensichtlich haben die beiden ein Abkommen geschlossen: Hosea liefert nicht-chronologische Episoden aus seinem Leben, im Gegenzug bekommt er eine Stelle als Anstaltsbibliothekar, so dass er die anstrengende Tätigkeit in der Wäscherei hinter sich lassen kann und mehr freie Zeit hat.

    In den Briefen ist nichts gewiss. Der Erzähler streut immer wieder Zweifel, ob das soeben Berichtete überhaupt der Wahrheit entspricht oder erfunden wurde. Er macht sich regelrecht einen Spaß aus seiner Unzuverlässigkeit: „Nein, Padre! Ich bin nicht, was ich schreibe, und ich schreibe nicht, was ich bin. Ich erfinde.“ (S. 143)

    Will man dem Erzähler glauben, hat er eine sehr schwere Kindheit gehabt. Die Familie war einem Sektenguru verfallen, die Kinder wurden mit äußerster Strenge erzogen. Ein traumatisches Erlebnis hat offensichtlich auch zum Sprachfehler des Kindes geführt. Weil er nicht flüssig sprechen kann, hat sich Hosea früh zum Spezialisten für das geschriebene Wort entwickelt. Er ist sehr belesen und verfügt über fundierte Bibelkenntnisse. Auch ist er überzeugt von seinem Talent als Schreiber, man empfindet ihn jedoch schnell als Hochstapler und Angeber. Er erzählt stets leichtfüßig, niemals stellt er sich als tragische Figur dar.

    Sein Talent hat er im Laufe seines Lebens in verschiedenen Branchen angewendet, stets mit dem Ziel, andere hinters Licht zu führen und sich als ein anderer Mensch auszugeben. Immer wieder geht es um das Fälschen von Schriften: Zunächst war es ein erdachter Bibelvers, dann Liebesbriefe, schließlich erfundene Mails von erfundenen Frauen einer Dating-Agentur. Ein geschickt ausgeführter Enkeltrick hat ihn letztlich in die Mühlen der Justiz und hinter Gitter gebracht. Mit seinen Opfern hat Stärckle keine Empathie, sie sind schließlich selbst schuld, auf ihn hereingefallen zu sein.

    Im Verlauf des Buches werden die brieflichen Monologe durch Tagebucheinträge, die sich auf das Leben im Gefängnis beziehen, und einzelne Kurzgeschichten ergänzt. Man bekommt also bis zum Ende keine Resonanz oder Antworten von anderen Personen und ist nur auf die Aussagen des Erzählers angewiesen.

    Ich bin kein Freund von Brief- oder Schelmenromanen. Das muss ich einfach vorausschicken, weil ich deshalb vielleicht dieses Buch gar nicht hätte lesen sollen. Ich bin nicht warm geworden mit dem Protagonisten. Ich konnte nicht über seine Streiche lachen, sein überheblicher Stil hat mich über weite Strecken genervt.

    Trotzdem muss ich einräumen, dass ich Charles Lewinsky für einen Sprachvirtuosen halte. Er bringt intelligente Wortspiele und unterhaltsame Kalauer. Er ist ein Formulierungskünstler auf ganz hohem Niveau, der auch tiefgehende Gedanken in und zwischen den Zeilen verstecken kann. Das habe ich alles wahrgenommen, jedoch überwogen beim Lesen die o.g. negativen Gefühle.

    Auch die eingestreuten Kurzgeschichten („Fingerübungen“), mit denen Stärckle dem Padre wohl sein Talent als Schreiberling beweisen will, konnte ich nicht in einen Gesamtzusammenhang bringen, obwohl die ein oder andere Geschichte mein Interesse weckte. Am ehrlichsten scheinen mir die Tagebuchaufzeichnungen zu sein, in denen der Leser Spannendes aus dem Gefängnisalltag erfährt.

    Ich bin überzeugt, dass andere Leser, die gerne Humoriges lesen oder eine Schwäche für Schelmenromane und unzuverlässige Erzähler haben, ihre Freude an diesem gekonnt geschriebenen Roman haben werden. Für mich war er leider nicht das Richtige, obwohl mich insbesondere der letzte Teil des Romans noch ein bisschen mit dem Stil ausgesöhnt hat.

    Insofern gebe ich nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.