Der Stich der Biene

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Stich der Biene' von Paul Murray
3.75
3.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Stich der Biene"

Von der New York Times und der Washington Post zu einem der 10 besten Bücher 2023 gekürt, für The New Yorker, TIME, New York Public Library und BBC eines der besten Bücher des Jahres 2023 und Gewinner des 2023 An Post Irish Book Award als Roman des Jahres – Familie Barnes steckt in Schwierigkeiten. Dickie Barnes’ lukratives Autogeschäft läuft nicht mehr. Aber anstatt sich dem Problem zu stellen, beginnt er in den Wäldern einen Bunker zu bauen. Seiner Frau Imelda, die ihren Schmuck auf eBay verkauft, erscheinen die Avancen von Big Mike, dem reichen Rinderzüchter, immer attraktiver. Die achtzehnjährige Cass, die immer die Klassenbeste war, reagiert auf den Niedergang, indem sie beschließt sich bis zu ihrem Abschluss jeden Tag zu betrinken, während der zwölfjährige PJ einen Plan schmiedet, um von zu Hause abzuhauen. Wenn das Leben und die Welt auseinanderfallen, stellen sich die großen Fragen: Wann und warum begann der Untergang? Was hätte man tun können und wie weit müsste man zurückgehen, wenn man die Geschichte ändern könnte? Bis zu dem Tag als Dickie Barnes zehnjährig zitternd vor seinem Vater stand und lernte, wie man ein richtiger Mann wird? Bis zu dem Autounfall zwölf Monate vor Cass’ Geburt? Oder bis zu dem verheerenden Stich der Biene, der Imeldas Hochzeitstag ruinierte?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:700
Verlag: Kunstmann, A
EAN:9783956145810

Rezensionen zu "Der Stich der Biene"

  1. Familie in Krisenzeiten

    Alles dreht sich um die Familie Barnes die, ihr vermutet es bereits, in Irland lebt. Zu ihr zählen der Vater Dickie, seine Frau und Mutter Imelda, die fast volljährige Cass und ihr Bruder PJ, der zwölf Jahre alt ist.
    Der Familie geht es grundsätzlich recht gut. Sie leben in einem Haus und der gut florierende Autohandel des Vaters ernährt die vierköpfige Familie ausgezeichnet. Doch dann kommt die Wirtschaftskrise und die hat schnell, nicht nur das ganze Land im Griff, sondern wirkt sich auch auf das Leben der Familie Barnes ungut aus.

    An diesem Punkt begleiten wir die Kleinfamilie. Wir sind dabei wenn die Zahlen des Autogeschäftes immer weiter in den Keller gehen, der Familie das Geld knapp wird, sich Vater und Mutter deshalb immer mehr streiten, Cass das örtliche Städtchen sowie ihre ganze Umgebung zu spießig werden und sich PJ einfach nur wünscht, dass alles wieder so wird wie früher, denn da war sein Vater nämlich immer gut gelaunt.
    Paul Murray skizziert jede Figur für sich, sehr genau. Ihr Erleben, ihre Befindlichkeit und den Kontext in dem sie sich bewegt werden charakteristisch sowie glaubhaft dargestellt. Jede/r in der Familie geht auf ihre/ seine eigene Art und Weise mit der existentiellen Krise um. Nicht zu Letzt wegen seiner bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse. Ja, auch Eltern haben eine Vergangenheit. Durch die charakteristischen Eigenheiten der handelnden Person, wird man sie mal mehr oder mal weniger sympathisch finden. Eines bleibt aber immer am Ende immer gleich. Man muss sie einfach ins Herz schließen.
    Neben dem Ernst der Lage sowohl in privater als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, vergisst der Autor jedoch nicht, sein Publikum zwischendurch zum Lachen oder zumindest zum Schmunzeln zu bringen. Sei es durch die Eigenheiten seiner Protagonisten (Imelda redet ohne Punkt und Komma) oder auf Grund der Situationskomik.
    Obwohl so viele komplexe Themen im Roman behandelt werden, wirkt die Geschichte zu keiner Zeit überladen. Für Paul Murray ist es ein leichtes auf amüsantes Art und Weise Sachverhalte bzw. Situationen auf den Punkt zu beschreiben.

    Fazit:
    Ein gelungenes Meisterwerk.

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  1. 3
    14. Mär 2024 

    Der Zerfall einer Familie

    Die Geschichte spielt in Irland und im Mittelpunkt steht die Familie Barnes und deren Niedergang. Lange Jahre wohlhabend steckt sie nun durch eine Wirtschaftskrise in finanziellen Schwierigkeiten. Vater Dickie zieht sich mehr und mehr zurück und geht lieber in den Wald um mit dem Sonderling Viktor einen Bunker zu bauen. Mutter Imelda, gewohnt immer alles zu kaufen was das Herz begehrt, hadert schwer mit dem Schicksal. Die Tochter Cass steht kurz vor ihren Abschlussprüfungen. Wenig selbstbewusst definiert sie sich hauptsächlich in ihrer Freundschaft mit dem gleichaltrigen In-Girl Elaine und der 12jährige PJ wünscht sich nur, dass alles wieder so wird wie es einmal war.
    Die Kapitel erzählen abwechselnd aus der Sicht eines der Familienmitglieder. Die Geschichte ist fortlaufend, aber es gibt immer wieder Flashbacks und so wird schnell klar, dass der Geist von Dickies Bruder Frank, der vor vielen Jahren bei einem Autounfall starb, über der Familie hängt.
    Nach ungefähr 2/3 Drittel des Buches wechselt die Erzählperspektive. Die Geschichte wird weitererzählt, aber die Personen werden nun mit du angesprochen, was ich zu Beginn ziemlich verwirrend fand und mir auch nicht sonderlich gefallen hat. Zum Schluss spitzt sich alles zu einem großen Showdown zusammen und die Stimmen wechseln sich immer atemloser ab.

    Ich habe die Geschichte ganz gern gelesen, auch wenn ich sie manchmal als etwas zäh empfand. Die Kindheitserinnerungen der Eltern waren sehr ausführlich erzählt und auch ziemlich deprimierend. Von dem versprochenen Witz im Klappentext habe ich leider nicht viel gefunden. Das Buch wurde in vielen Publikationen zum Buch des Jahres 2023 gekürt, was sicher auch mit der großartigen Formulierkunst des Autors zusammenhängt. Immer wieder konnte ich mich an wunderbaren Metaphern erfreuen, die mich motivierten weiterzulesen.

    „Bei Mannschaftsspielen blieb sie am Rand, machte ein mürrisches Gesicht, zupfte an ihren Haaren herum und ließ sich widerwillig mit der allgemeinen Bewegung des Spiels hin und her treiben – wie ein anmutiger Farnwedel auf dem Grund eines unruhigen Ozeans.“
    „..., aber der Wald war im grauen Novemberlicht noch schöner als vorher. Die weißen Blätter auf dem Boden glitzerten wie von einem Kleid abgefallene Pailletten. Die Vögel zwitscherten sich überhastete Botschaften zu, als kämen sie zu spät zu einem Termin.“
    „Die Welt ist ein Garten voller Blumen, die dir ihre Gesichter zuwenden.“
    „Die Nacht ist angebrochen, von Smartphone-Lichtkegeln auf Augenhöhe angestrahlte Gesichter hüpfen über das glitschige, nieselnasse Kopfsteinpflaster des Front Square. Als du die Augen halb schließt, sehen sie aus wie Irrlichter – eine Gemeinschaft aus Irrlichtern, die sich gegenseitig auf die x-te Ebene der Irrungen und Wirrungen führen.“
    Insgesamt gesehen war es eine durchaus interessante Familiengeschichte, die allerdings einige Längen aufwies. Das etwas abgedrehte Ende war schon sehr speziell und ist sicherlich nicht jedermann Sache. Mir hat es gefallen und es hat meine Bewertung des Buches tatsächlich wieder um eine halben Punkt nach oben gerückt.

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  1. Irisch halt! Was willste machen!

    Kurzmeinung: Zu lang!

    Irische Literatur muss ja depressiv sein. Marcel Reich-Ranicki sagte bekanntlich von ihr „Ich habe einen Widerwillen gegen die irische Literatur, ich kann das nicht ertragen, immer die Slums und immer wird gesoffen und ein bisschen gekotzt zwischendurch. Elend und muffiger Katholizismus.“
    Ganz so schlimm treibt es Paul Murray nicht, dazu ist der Autor zu sehr in der Moderne verhaftet, geboren 1975. Obwohl seine Hauptfigur Dick Barnes durchaus eine depressive Veranlagung hat. Um die Barnes geht es in dem Familienroman von Paul Murray, „Der Stich der Biene“, (The Bee Sting), ist shortlistet für den Booker Prize 2023.
    Dieser Roman ist in der deutschen Übersetzung 700 Seiten lang und ich möchte noch einmal Marcel Reich-Ranicki zitieren: „Seit Jahren wiederhole ich das und ich erkläre hiermit zum 95. Mal: Jeder Roman - bitte nicht Zauberberg oder Buddenbrooks! - der mehr als 500 Seiten umfasst, ist schlecht. Bis zum Gegenbeweis werde ich das wiederholen. Kommt ein Roman von mehr als 500 Seiten und er wird gut sein, bin ich bereit, vor laufender Kamera auf die Knie zu fallen. (14.1.1993)“.
    Nicht in Gänze, doch in Bezug auf „Der Stich der Biene“ pflichte ich bei. Kürzer wäre besser gewesen.
    Vier Beteiligten sieht Paul Murray tief in den Kopf. Dick Barnes, dem vermögenden Autorhändler, der eigentlich keiner sein wollte; seiner Frau Imelda, die eigentlich Dicks Bruder heiraten wollte; Cassandra, der Tochter, die um ihr Studium bangt – Stipendium oder kann Papa noch bezahlen? – PJ, zwölfjähriger Sohnemann, der die Orientierung verliert, als die Familie langsam, aber sicher auseinanderfällt, weil einerseits eine Flutkatastrophe, anderseits eine Veruntreuung und die Rezension der amerikanischen Wirtschaft das Autohaus in die Knie zwingt und die Familie den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ruin nicht verkraftet.

    Der Kommentar und das Leseerlebnis:
    Bin ich am Anfang noch ganz angetan von den Einblicken in die Köpfe aller Beteiligten; werde ich nach und nach immer genervter von den Längen und der schlimmen Kindheit! Und noch mal schlimme Kindheit. Und Längen! Die Lebenslügen der Familie sind schwer nachzuvollziehen und kaum zu ertragen. Keiner ist in der Lage, zu dem zu stehen, was er fühlt, was er ist. Der Vater, Dick Barnes, ist zwar schon eine interessante Figur, weil er sich so schön in die Tasche lügt, aber mit seinen momentanen psychischen und physischen Ausfällen auch schwer zu verstehen und ich kann nicht viel mit ihm anfangen, die Tochter rückt nicht mit der Sprache heraus, dass sie sich mehr von ihrer besten Freundin Elaine erhofft als Freundschaft; ok. Aber müssen wir lang und breit in aller Ausführlichkeit in ihren Kleinmädchenphantasien verweilen, sie in jede Bar begleiten? Quer durch den Campus, in jede Begegnung, in jede Vorlesung? In jeden Exzess? In jede falsche Entscheidung? Auch Mutter kann eine schlimme Kindheit nicht richtig verwinden. Warum geht keiner in Therapie? Oder wenigstens zum Beichten? Wir sind doch im katholischen Irland! Überhaupt spielt schlimme Kindheit eine übergroße Rolle, viel Alkohol, viel Gewalt und immer muss das Gesicht gewahrt werden. Nach außen hui und innen pfui. Das wird auf die Dauer äußerst langweilig. Und hat Längen. Längen! Längen!
    Tatsächlich suhlen wir uns, wie Ranicki vorhergesagt hat, kapitellang im Kindheitselend, buchstäblich alle haben eine besch….., will sagen schlimme Kindheit gehabt, alle suhlen sich im Drogensumpf, Alkoholexzessen und ringen mit ihrer sexuellen Orientierung.
    In einem zweiten Erzählstrang kommen die Prepper zum Zug und es wird ganz und gar abgefahren, vom Bunkerbau über Tierquälerei bis zum abstrusen Schluss, der, falls ich es richtig verstanden habe, die ganze Familie auslöscht. Boah. Marcel, vielleicht sollten wir den Deckel über der irischen Literatur schließen. Experimentell ist der Roman zudem, den Bewusstseinsstrom Imeldas erleben wir Leser ohne Satzzeichen und die Schlussszenarien sind textlich wie ein Theaterstück aufgebaut.

    Was gibt es eigentlich Positives zu sagen? Ich weiß nicht so recht. Irgendwie hat mich der Roman doch bei der Stange gehalten, wahrscheinlich war es die Hoffnung, dass er sich auf 700 Seiten doch noch fängt - man will wissen, wie es endet. Und wenn man es weiß, ist man bereit, von irischer Literatur die Finger zu lassen. Wenn da nicht auch solche Romane wie Shuggie Bain von Douglas Stuart herauskommen würden (Achtung: viel Alkohol, Elend und Katholizismus) und man irgendwie doch fasziniert von der Demontage ist. Und kreative Einfälle kann man dem Autor auch nicht absprechen; irgendwann tritt es zutage, was es wirklich mit dem Stich der Biene auf sich hat. Mein persönlicher Romanheld ist weiblich: Imelda. Ach ja, der Roman polarisiert. Dieses Moment könnte man als Plus verbuchen.
    Was ich noch gar nicht angemerkt habe und das ist gar nicht positiv, sind die vielen Vorträge darüber, wie wir unsere Umwelt kaputt machen. Das muss ja, heute. Klima. Klima. Klima. Sonst sind wir nicht modern. Handwerklich ist "Der Stich der Biene" dann doch zu geschickt, um unter 3 Sterne zu fallen.

    Fazit: Marcel- du fehlst uns! Hinten und vorne! Die Shortlistung kann ich nicht nachvollziehen, irische Literatur ist nichts für depressive Menschen; aber irgendwie hat sie dann doch was, was andere Literatur nicht hat.
    Sie sollten diesen Roman lesen! Machen Sie sich selber ein Bild.
    Dann schimpfen Sie mit oder loben ihn über den grünen Klee. Eine andere Wahl gibt es nicht.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman. Irischer Roman.
    Auf der Shortlist des Booker Prize 2023
    Verlag: Kunstmann, 2024

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  1. Von Einem, der auszog, Großes zu erschaffen

    Viel hat sich der Ire Paul Murray vorgenommen - außerordentlich viel. Mit dem „Stich der Biene“ schuf er ein gewaltiges Epos, einen wahren Bilderrausch auf 700 Seiten, das wenig auslässt, was die Welt im Innern zusammenhält und was den Menschen darin ausmacht. Es zeigt die Keimzelle des menschlichen Zusammenlebens, nämlich die Familie, in all ihren Ausprägungen. Deren Oberhaupt Dickie, der glücklos in nicht enden wollende Lebenskrisen schlittert, obwohl dem blitzgescheiten und fleißigen Spross der Familie Barnes eine glänzende, solide Zukunft bescheinigt wird. Doch das prosperierende Autohaus, das ihm sein Vater und Selfmade-Millionär noch zu Lebzeiten hinterlässt, steht unter keinem guten Stern. Mit der Banken- und Finanzkrise geht es plötzlich und stetig bergab. Ein Ereignis, das die unvermeidliche Katastrophe für die Familie Barnes nur beschleunigt. Imelda, Dickies Frau, hatte sich einst unsterblich in dessen Bruder Frank verliebt. Mit ihm, einer heldenhaften Lichtgestalt, wollte die Schönheit aus ihrem niederträchtigen Slum-Milieu emporsteigen und eine neue Zukunft bauen. Nach Franks tragischem Unfalltod kam es unerwartet anders und das Schicksal schanzte ihr Dickie zu, der aus Schuldgefühlen Franks Rolle einnimmt, ohne seine – völlig gegensätzliche – Bedürfnisse zu befriedigen. Mit ihm zeugt sie die Kinder Cass und PJ, deren Lebensabschnitt zu einer turbulenten Zeitreise wird – die einer Coming-of-Age-Teenagerin und eines experimentierfreudigen, träumerischen Jungen auf der Suche nach wilden Abenteuern. In diesem Mikrokosmos einer Kleinstadt in der Nähe Dublins hängt alles mit allem und jeder mit jedem zusammen, manchmal ostentativ, häufig aber auf subtile Weise.
    Murrays Einfallsreichtum scheint keine Grenzen zu kennen. Neben den diversen Handlungssträngen, die die Familiengeschichte umranken und um die es im Kern geht – um kriminelle Machenschaften, in die vor allem Dickie gerät, um die „Frauwerdung“ von Cass mit vielen Teenie-Romance-Anleihen, um die Flucht und die Ausflüchte der unglücklichen und am liebsten ausbrechenden desperate Housewife Imelda und um die infantilen Erlebnisse eines Jungen, der mit großen Augen auf die Geheimnisse der Erwachsenwelt starrt – sind es die unzähligen, häufig meisterhaft erzählten Episoden, die der gebürtige Dubliner scheinbar mühelos herbeifabuliert. Seine Experimentierfreude ist auf fast jeder Buchseite spürbar und nicht selten verlässt er die Romanwelt und betritt das Land der Groteske.
    Bis zur Beinah-Unlesbarkeit benutzt Murray auch alle möglichen Stilmittel, um den vielen Wendungen der Story – je nach dem – Auftrieb oder Dämpfer zu geben. Er strapaziert diese – und damit auch den/ die Leser:in – durch zahllose Metaphern, Übersteigerungen, Dopplungen, Auslassungen, Lautmalereien, Comic-Sprache, Slang, Fremdworten, Eingriffe in die Typographie, in die Zeichensetzung (Imeldas Passagen auf Dutzenden Seiten verzichten auf jegliche Satzzeichen) und irrwitzigen Perspektivwechseln. Neben auktorialer Erzählform und dem personalen Erzähler bedient er sich im letzten Viertel der zweiten Person Singular. Ein Experiment, das den/ die Leser:in zwangsläufig von den Geschehnissen distanziert, gleichzeitig aber auch eine Zwangsidentifizierung mit der/m jeweiligen Protagonistin/-en schafft. Wäre Murray ein Maler, dann hätten wir hier ein Werk, welches neben einer Kohlezeichnung, Malereien in Acryl, Öl und Tusche, eine Radierung und allerlei mehr Handwerk bis hin zu einer gegenständlichen Darstellung zeigen würde – und das alles auf bzw. mit einer einzigen Leinwand! Es wirkt mutig, aber auch ein wenig arrogant, als würde er ausrufen: Seht her (ecce!), das alles beherrsche ich!
    Ich finde diese Originalität sehr imposant, da das Gesamtkunstwerk mit allen Herausforderungen geglückt ist. Allerdings tauchen auch Abschnitte auf, die den Betrachter oder besser den/ die Leser:in so weit aus der Geschichte drängen, dass diese plötzlich nur noch Gegenstand ist und man von außen gezwungen wird zu überlegen, warum und auf welche Weise ein radikaler Kunstgriff in diesem Handwerk vollzogen wurde. Und das ist – sofern es nicht gerade ein Schreibratgeber handelt – für sämtliche Belletristik tödlich. Wäre die Lesbarkeit vom Autor und Verlag nicht absichtlich gestört worden und könnte der flüssige und bildhafte Lesefluss ungebremst in das Bewusstsein der Leserschaft strömen, dann dürften sich viel mehr an diesen ernsthaften Botschaften dieser spannenden, tragikomischen, aufregenden, bösen und schlicht unterhaltsamen Familien-Dramedy erfreuen. So bleiben viele verwundert oder einfach überfordert auf der Strecke. Hier wäre weniger mehr gewesen.
    Berauscht haben mich jedoch die vielen erstklassigen Episoden, die oft sehr spannend und so lebensnah geschildert sind, dass sie einem Vergleich mit John Irving, Philip Roth oder Jonathan Frantzen standhalten können. Der Plot erinnerte mich an die tiefgründigen Familiengeheimnisse, den verbotenen, doppelten Böden trügerischer Idyllen wie in American Beauty, in dem die blutige Wahrheit und das wahre Grauen tröpfchenweise auf die Stufen tropft, bis es einen regelrechten See vor einem scheinbar unbescholtenen Heim bildet und jegliche Illusion von Harmonie und Zuversicht hinfort spült.
    Merkwürdigerweise hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Abschnitte (auch unter der Berücksichtigung, dass sie natürlich mehrere Jahrzehnte der Familienhistorie abbilden) anachronistisch wirken. So hatte ich den Eindruck, dass manche Geschehnisse der modernen Smartphone-Zeit eher wie aus den Achtzigern wirkten. Auch blieben einige lose Fäden für mich ungeklärt oder entzogen sich meiner Aufmerksamkeit, zum Beispiel die Hintergründe der Schreckenstat, die zur Auslöschung einer Familie führte, oder die nervenzerfetzende Situation, als PJ trotz sämtlicher Bemühungen nicht an das Restgeld kommt, das er für die Zahlung an einen äußerst brutalen Erpresser dringend benötigt. Hier hatte ich eine Auflösung erwartet. Gleichwohl sind viele metaphorischen Untermalungen sehr gut in die Story eingewoben worden, was sich ebenso im Showdown am Ende des Buches zeigt. Das merkwürdige Mal im Baum, die seherischen Fähigkeiten von Tante Rose, die Bekämpfung der grauen Eichhörnchen, um die roten Artgenossen zu retten – ein passender Vergleich zu dem Opfer, welches Dickie für die Familie, die er so nie wollte, erbringt. Ach ja, auch der Stich der Biene wird entschleiert. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um ein Unglück am Tag der Hochzeit, sondern um einen ganz anderen Akt von Gewalt, der hier jedoch nicht verraten wird.
    Insgesamt ist der Roman „Der Stich der Biene“ ein gelungenes Kunstwerk, das sich nicht darauf beschränkt, nur eine opulente Familiengeschichte zu sein. Vielmehr sprengt das Buch die konventionellen Grenzen, was einen Roman im herkömmlichen Sinn ausmacht. Es ist mit Absicht anstrengend zu lesen. Murray ist hier der unangefochtene Schöpfer dieses steinigen Massivs. Da gerade diese vom Autor grenzenlose Vorgehensweise bei der Leserschaft auch unüberwindbare Schranken setzt, halte ich den Roman für begrenzt lesenswert. Zumindest benötigt der/ die Leser:in einen langen Atem, um diesen Berg zu erklimmen.
    Ein wahrer Achttausender.

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