Der steinerne Engel: Roman

Rezensionen zu "Der steinerne Engel: Roman"

  1. Rückblick auf das Leben einer eisernen Lady

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Mai 2021 

    Der vorliegende Roman erschien bereits 1965 in deutscher Sprache, gilt als kanadischer Klassiker und wurde nun vom Eisele-Verlag wiederentdeckt und neu übersetzt. Margaret Laurence ist neben Margaret Atwood und Alice Munro eine bedeutende Autorin Kanadas.

    Im Mittelpunkt des Romans steht Ich-Erzählerin Hagar Shipley, eine 90-jährige alte Dame, die seit etlichen Jahren bei ihrem Sohn Marvin und Schwiegertochter Doris lebt, die sich um sie kümmern. Das Alter hat sie doch recht hinfällig werden lassen. Eigen- und Fremdwahrnehmung gehen dabei stark auseinander: Während ihre Angehörigen sich durch die Pflege der alten Dame an ihre Grenzen geführt sehen, fühlt sich Hagar schlecht behandelt und ist der Meinung, die beiden trachteten nur nach ihrem Vermögen und wollten sie abschieben. Zunächst nimmt man das der Erzählerin auch ab, zunehmend häufen sich allerdings die Indizien, dass Hagar die Opferrolle gar nicht so gut steht – diese sich entwickelnde Diskrepanz war für mich eine bemerkenswerte Lese - Erfahrung.

    Die Handlung findet auf zwei Ebenen statt: Die besagte Gegenwart der alten Dame, die zunächst überwiegend in ihrem Zimmer stattfindet, in dem sie viel Zeit zum Nachdenken hat. Kleine Denkanstöße oder Anlässe führen sie in die Vergangenheit, die zweite Ebene des Romans: Hagar wird als Tochter eines Gemischtwarenhändlers im fiktiven Prärieort Manawaka geboren. Ihre Mutter verstirbt früh, die beiden Brüder können die Hoffnungen des strengen Vaters nicht erfüllen, Hagar darf es aufgrund ihres Geschlechts nicht. Aus Opposition und einer Laune heraus heiratet sie den liederlichen Farmer Bram Shipley. An seiner Seite muss sie ein arbeits- und entbehrungsreiches Leben führen, zumal ihr Vater sie mit aller Konsequenz enterbt. Sie bekommt zwei Söhne, einen davon liebt sie mehr als den anderen…

    Hagar schaut sehr ehrlich auf die Stationen ihres Lebens zurück. Sie schildert ihre persönliche Sicht auf das Erlebte ohne Sentimentalität. Man nimmt sie stets als starke, unnachgiebige und resolute Frau wahr, die immer weiß, was sie will. Als Mutter ist sie hart, übernimmt unbewusst die Fehler ihres Vaters, indem sie ihre Kinder bevormundet und ihnen ihren Weg vorzuschreiben versucht – was fatale Folgen hat. Sie kann arbeiten bis zum Umfallen, kommt gegen ihren Ehemann aber nicht an. Auch in der Liebe verhindert ihr Stolz eine erfüllte Zweierbeziehung. Hagar hat nicht viel für die Gefühle anderer Menschen übrig. Sie empfindet Verachtung für all jene, die erfolgreicher durchs Leben gehen als sie. Sie kann die Überheblichkeit und Arroganz ihrer wohlhabenden Kindertage nie richtig überwinden. Sie hat niemals Freunde, hohe Ansprüche an andere und grundsätzlich wenig Verständnis.

    Aus diesen Gedankenströmen wird man als Leser immer wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Die Schwiegertochter möchte, dass Hagar ins Altersheim Silberfaden übersiedelt. Die alte Frau ist weit hinfälliger, als sie zugibt, außerdem leidet sie an einer beginnenden Demenzerkrankung. Doris schafft die Pflege nicht mehr. All das will Hagar nicht wahrhaben. Sie revoltiert und bricht zu einem gewagten Ausflug an einen Ort auf, an dem sie früher einmal glücklich war. Bereits zum zweiten Mal will sie ihrem Leben eine entscheidende Wendung geben – eine Unternehmung, die durchaus gefährlich für sie ausgehen kann…

    Der Roman beginnt gemächlich, besticht aber von Beginn an durch wunderschöne Formulierungen und einen höchst angenehmen Sprachfluss. Beide Handlungsebenen haben mich gleichermaßen gefesselt. Hagar ist zu keinem Zeitpunkt eine sympathische Protagonistin. Dafür hat sie zu viele Ecken und Kanten, behandelt ihr Umfeld zynisch und empathielos. Trotzdem bekommt man im Zuge der Geschichte Verständnis für sie. Man beginnt zu verstehen, wie sie zu der Frau geworden ist, die sie ist. Man erkennt, dass sie Schicksalsschläge hat einstecken müssen, die ihr Leben geprägt und sie verhärtet haben. Es dauert sehr lange, bis sie sich ihren Fehlern und Lebenslügen stellen kann und sie für den Leser auch versöhnliche Züge bekommt. Doch mit der Versöhnlichkeit hat Hagar größte Schwierigkeiten: Selbst wenn der Geist willig ist, ist das Fleisch oft schwach und die nächste verbale Entgleisung hat ihren Mund schon verlassen, bevor sie es verhindern kann. Dadurch wird manchen Situationen auch etwas (Tragi-)Komisches verliehen.

    Ich habe die Lektüre als ein sehr positives Leseerlebnis empfunden, man nimmt automatisch Anteil an Hagars Leben im ländlichen Kanada. Die wechselnden Perspektiven lösen einander völlig stimmig und selbstverständlich ab. Man hat nie Schwierigkeiten, den Faden wieder aufzunehmen. Auch bekommt man intensive Einblicke in die Malaisen des Alters, aber auch dies ohne Schwermut und Bitterkeit. Hagar ist hart im Nehmen. Was sie von anderen erwartet, leistet sie auch selbst. Der steinerne Engel dürfte eine Metapher sein, denn ein solcher steht auf dem Familiengrab im Manawaka und hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Protagonistin.

    Ich bin sicher, dass dieser Roman breiten Leserschichten gefallen wird. Er bietet eine vielschichtige und interessante Lebensgeschichte einer alten Frau, die im Heute Schwierigkeiten hat, sich mit den Folgen des Alters abzufinden.

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  1. Ein Highlight! Die alte Hagar und der Silberfaden.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Sep 2020 

    Gleich vorab: Wer diesen Roman nicht liest, hat etwas verpasst.

    Die kanadische Autorin Margaret Laurence ist mir vor der Lektüre des „steinernen Engels“ noch nie begegnet.
    Margaret Laurence wurde 1926 geboren und wuchs als Waise bei ihrer Tante in der kanadischen Prärieprovinz Manitoba auf, studierte, arbeitete als Journalistin und zog später mit ihrem Mann für einige Jahre nach Afrika.
    Nach ihrer Scheidung pendelte sie zwischen England und Kanada hin und her.
    Die Schriftstellerin war auch in der Lehre tätig und engagierte sich in der Politik.
    Zeitlebens kämpfte sie wohl mit Depressionen und Alkohol.
    Nach der Diagnosestellung Lungenkrebs beging sie 1987 Selbstmord.

    „Der steinerne Engel“ spielt in den 1960-er Jahren in Kanada.

    Gleich zu Beginn erfahren wir, dass es sich beim steinernen Engel um den Grabstein von Hagar Shipleys Mutter handelt, die bei der Geburt ihrer Tochter verstorben ist.
    Er steht auf dem Friedhof in Manawaka, dem fiktiven Städtchen in Kanada, in dem Hagar aufgewachsen ist.

    Die inzwischen 90-jährige Ich-Erzählerin Hagar Shipley lässt uns in dem Roman an ihren Gedanken und Erinnerungen sowie an ihrem gegenwärtigen Alltag teilhaben.

    Hagar, die seit 17 Jahren mit ihrem Sohn Marvin und dessen Frau Doris zusammenlebt und sich vor zehn Jahren aus Langeweile das Rauchen angewöhnt hat, erzählt abwechselnd Anekdoten aus ihrer Vergangenheit und gewährt uns Einblicke in die Geschehnisse der Gegenwart.

    Ihr Langzeitgedächtnis funktioniert prima; was kürzlich passiert ist, vergisst sie immer öfter.
    Aber was diese Lücken anbelangt, werden wir u. a. vom Sohn und von der Schwiegertochter aufs Laufende gebracht.

    Wir bewegen uns fließend zwischen zwei Zeitebenen hin und her und verfolgen zwei Handlungsstränge.

    Der eine Strang:
    Hagar wuchs mit ihren beiden älteren Brüdern Matt und Dan bei ihrem Vater, einem nicht gerade zimperlichen und eher wortkargen Ladenbesitzer und dem verwitweten Dienstmädchen Tante Doll in Manawaka in Kanada auf.
    Hagar muss nicht nur mit dem Verlust ihrer Mutter klarkommen und den Tod ihres Bruders Dan verkraften, sondern auch noch ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, begraben, um die Buchhaltung im Gemischtwarenladen ihres Vaters zu erledigen.
    Trotzdem oder gerade deswegen wird sie eine selbstbewusste und couragierte Frau. Sie bezeichnet sich selbst als „stramm und kräftig wie ein Ochse“ (S. 70)
    Und dann, mit 24 Jahren, lernt sie auf einem Tanzabend ihren späteren Ehemann Bram Shipley kennen...

    Der andere Strang:
    Einen Sturz Hagars halten Marvin und Doris für den idealen Anlass, um der scharfzüngigen und eigenwilligen 90-Jährigen, die hilfsbedürftig ist, schon mal was vergisst und auch öfter mal gedanklich abdriftet, mitzuteilen, dass sie das Haus, in dem sie zu dritt leben, verkaufen wollen.

    Als die alte Dame jedoch nicht sofort in ihrem Sinne reagiert, setzen Sie den Pastor auf Sie an.

    Kurze Zeit später entdeckt Hagar per Zufall einen Zeitungsartikel und ihr wird klar: sie soll im Seniorenheim Silberfaden untergebracht werden.
    Das will die dickköpfige und ruppige Hagar nicht so einfach hinnehmen...

    Umso weiter der Roman fortschreitet, desto unsympathischer wird einem die Protagonistin. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und hat ständig spöttische, ironische, sarkastische oder zynische Kommentare auf Lager.
    Gehässigkeiten und Abfälligkeiten sind keine Seltenheit.
    Manchmal blitzt zwar ein bisschen Einsicht in ihr auf, jedoch nur, um im nächsten Moment von der nächsten Bosheit abgelöst zu werden.

    Beide Stränge, die nicht streng getrennt voneinander verlaufen, sondern fließend ineinander übergehen, verfolgte ich äußerst gerne weiter.

    Es war interessant und amüsant, manchmal auch empörend, traurig, unfassbar, erschütternd und spannend, einerseits in Hagars bewegte Biographie einzutauchen und andererseits zu erfahren, wie es in der Gegenwart weiterging.

    Hagars Vergangenheit verfolgte ich interessiert, ihre Gegenwart gespannt und besorgt.

    Die Lektüre war keine Minute langweilig und löste die ganze Palette der Gefühle bei mir aus, obwohl, oder gerade weil die Autorin überwiegend recht nüchtern und trocken, aber durchgehend flott schreibt.

    Sie erzählt einerseits amüsant und unterhaltsam, andererseits sehr ernst und tiefgründig.
    An Witz und Humor lässt sie es nicht fehlen.
    Dabei driftet sie niemals ins Kitschige, Schnulzige oder Seichte ab.

    Ich bewunderte im Verlauf der Lektüre zunehmend die sprachgewaltige Ausdrucksweise und die eindrücklichen Bilder von Margaret Laurence.

    Man kann sich unschwer die Szenerien und Figuren vorstellen und hat das Gefühl mittendrin zu sein.

    Laurence erzählt derart feinfühlig, ungeschönt, respektvoll, glaubhaft und authentisch. Chapeau!

    Ich kann nicht umhin, zwei Beispiele für wunderschöne und anschauliche Formulierungen zu erwähnen:
    „Mein Gedächtnis, das unglücklicherweise jetzt klar wie Quellwasser ist, steigt kalt blubbernd an die Oberfläche.“ (S. 283)

    „Ich werde aus dem Schlaf gezogen wie ein Fisch in einem Netz.“ (S. 292)

    Während ich eine äußerst unterhaltsame Geschichte verfolgte, wurde ich mit brisanten Gedanken zum Thema Altern konfrontiert und zum Nachdenken angeregt:

    Die zunehmende Vergesslichkeit und das wiederholte Abdriften in die Vergangenheit.
    Immer wieder Stürze und körperliche Gebrechen.
    Das Gefühl, nicht mehr ernst genommen, entmündigt und bemuttert zu werden.
    Der Versuch, dagegen aufzubegehren.
    Sich hilflos und ausgeliefert fühlen.
    Die Anfangsphase seiner Demenz bewusst mitzuerleben - absolut klare und helle Phasen, die unterbrochen werden von Momenten der Vergesslichkeit und des Abdriftens.
    Momente, die man versucht zu verschleiern.

    Ich kann mir den Roman unschwer als Tragikomödie verfilmt vorstellen.

    Ich empfehle den circa 350-seitigen bewegenden und fesselnden Roman mit der zugegebenermaßen unsympathischen, dickköpfigen Protagonistin Hagar sehr gerne weiter.
    Warum sie so geworden ist, kann man nachvollziehen, aber mögen kann man sie nicht. Manchmal blitzt eine Prise Mitgefühl für sie auf, aber sie schafft es regelmäßig, den Hauch dieser Prise wieder zu vertreiben.

    Bei mir wird „Der steinerne Engel“ einen dauerhaften Platz im Regal bekommen. Er hat mich nachhaltig beeindruckt.

    https://lieslos.blog/romane/laurence-margaret-der-steinerne-engel/

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