Der Sprung

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Sprung' von Simone Lappert
3.65
3.7 von 5 (9 Bewertungen)

Eine junge Frau steht auf einem Dach und weigert sich herunterzukommen. Was geht in ihr vor? Will sie springen? Die Polizei riegelt das Gebäude ab, Schaulustige johlen, zücken ihre Handys. Der Freund der Frau, ihre Schwester, ein Polizist und sieben andere Menschen, die nah oder entfernt mit ihr zu tun haben, geraten aus dem Tritt. Sie fallen aus den Routinen ihres Alltags, verlieren den Halt – oder stürzen sich in eine nicht mehr für möglich gehaltene Freiheit.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070743

Rezensionen zu "Der Sprung"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Sep 2019 

    Panorama einer Kleinstadt...

    Dienstagmorgen in einer mittelgroßen Stadt. Manu, eine junge Frau in Gärtnerkleidung, steht auf dem Dach eines Mietshauses. Sie brüllt, tobt, wirft Gegenstände hinunter, vor die Füße der zahlreichen Schaulustigen, der Presse, der Feuerwehr. Die Polizei geht von einem Suizidversuch aus. Einen Tag und eine Nacht lang hält die Stadt den Atem an. Für Finn, den Fahrradkurier, der sich erst vor kurzem in Manu verliebt hat, bleibt die Zeit stehen. Genau wie für ihre Schwester Astrid, die mitten im Wahlkampf steckt. Den Polizisten Felix, der Manu vom Dach holen soll. Die Schneiderin Maren, die nicht mehr in ihre Wohnung zurückkann. Für sie und sechs andere Menschen, deren Lebenslinien sich mit der von Manu kreuzen, ist danach nichts mehr wie zuvor.

    Etwas ratlos lässt mich dieser Roman zurück - der zweite aus der Feder von Simone Lappert, ihr erster unter dem Dach des Diogenes Verlag. Ist dies wirklich ein Roman?

    Eigentlich mutet 'Der Sprung' fast wie eine Kurzgeschichtensammlung an, da hier laufend nach wenigen Seiten der nächste Charakter im Fokus steht, der kurz beleuchtet wird, dann wieder im Dunkeln verschwindet, um irgendwann später erneut einige Seiten lang aufzutauchen. Dabei steht die junge Frau auf dem Dach, von der - alleine schon durch den verräterischen Klappentext - von vornherein bekannt ist, dass sie letztendlich tatsächlich springen wird, erstaunlicherweise überhaupt nicht im Brennpunkt. Der Leser lernt die junge Frau nur am Rande kennen, kommt hinsichtlich des Motivs für ihren Sprung nicht über das Stadium des Spekulierens hinaus und wendet sich schließlich mit einem Achselzucken von ihr ab.

    Mehr Interesse zeigte Simone Lappert (die übrigens verwandt ist mit Rolf Lappert, dessen Roman 'Nach Hause schwimmen' 2008 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand) an den Figuren drumherum. Die Geschehnisse rund um diese junge Frau auf dem Dach verändert das tägliche Einerlei dieser Personen, führt zu Veränderungen, die teilweise nur von kurzer Dauer sind, z.T. aber auch dem Leben eine deutliche Wendung geben.

    Leider fühlte ich mich letztlich etwas erschlagen von dem großzügig bemessenen Personenregister. Wenn jemand längere Zeit nicht auftauchte, vergaß ich ihn gar und wunderte mich dann über sein Wiedererscheinen. Durch die jeweils nur kurze Beleuchtung der einzelnen Charaktere wurde zwar deutlich, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat und womöglich teilweise auch eher einen Grund hätte, oben auf dem Dach zu stehen, aber sein Schicksal blieb mir doch weitestgehend gleichgültig.

    Dabei gefiel mir der Schreibstil von Simone Lappert über weite Strecken wirklich gut. Die Autorin erweist sich als sorgfältige Beobachterin, was sie in einer unaufdringlichen Sprache mit detailgetreuen Bildern niederlegt und in der alle Sinne zur Geltung kommen. Einzelne Passagen erscheinen poetisch, teilweise fast schon philosophisch angehaucht.

    Auch wenn es Simone Lappert gelingt, im Laufe der Erzählung die Verbindungen zwischen den einzelnen Charakteren aufzuzeigen, bleiben diese insgesamt doch recht lose. Durch die Vielzahl der Personen erscheint die Handlung zerfasert und bleibt zumeist auch sehr an der Oberfläche. Ähnlch wie bei Nachrichtensendungen geht eins ins nächste über, und das Schicksal des Einzelnen taucht gleich wieder ins Dunkle, berührte mich damit zumeist auch nicht wirklich. Wenn alle irgendwie mit schrecklichen Vergangenheiten oder gegenwärtigen Situationen zu kämpfen haben, so ist das in der Summe einfach zu viel, und das Abstumpfen schlägt gleich wieder zu...

    Weniger ist mehr - in diesem Fall stimmt der so gern zitierte Spruch wieder einmal. Weniger Charaktere, die dafür ausdrücklicher beleuchtet worden wären, hätten mich hier jedenfalls mehr überzeugt. Schade.

    © Parden

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 18. Sep 2019 

    Angerissene Geschichten um Kleinstadtbürger

    Simone Lappert führt uns in ihrem Buch „Der Sprung“ in eine deutsche oder schweizerische Kleinstadt. In dieser Kleinstadt ist das normale Leben ihrer Bürger an dem Tag, der hier erzählt wird, aus den normalen Bahnen geworfen. Denn die Aufmerksamkeit vieler Bürger und auch der anwesenden Medien richtet sich auf ein Ereignis, das die Tagesabläufe bestimmt und auf neue Bahnen lenkt. Eine Frau, die auf dem Dach im Zentrum dieser Kleinstadt steht, um vermeintlich durch einen Sprung in die Tiefe Suizid zu begehen (am Ende erweist sich alles als großes Missverständnis), zieht die Aufmerksamkeit vieler auf sich. Es entwickelt sich eine medial ausgeschlachtete Katastrophenbegeisterung unter den Zuschauern.

    Lappert wandert in ihrem Buch in dieser Situation quasi durch die Stadt und greift sich eine Reihe von Personen (Freund, Schwester, Polizist und sieben Andere) heraus, von denen dann jeweils eine Pate steht für ein Kapitel. In diesen Kapiteln erfahren wir etwas über diese Personen und ihr Schicksal sowie das Handeln während und rund um die oben beschriebene Sprung-Situation in der Stadt. Der Verlag verspricht in seinem Klappentext dabei einen „lebensprallen Roman“ mit Figuren, für die “danach nichts mehr ist wie zuvor“.

    All das habe ich in diesem Roman leider nicht gefunden. Ich habe vielmehr sprunghafte, nur ansatzweise erzählte Schicksale rund um die Mittelmäßigkeit dieser Kleinstadt und ihrer Bewohner gefunden, die tatsächlich kurz aufgerüttelt wird/werden, aber nach dem Vorfall dann ganz schnell wieder in die mittelmäßige Normalität zurückfindet/n. Keine der Personen und keiner der Erzählstränge erscheint mir tatsächlich auserzählt. Immer wenn ich die Hoffnung hatte, dass es nun in die Tiefe gehen könnte, gab es wieder einen Schnitt und wieder eine andere Figur rückte für kurze Zeit in den Vordergrund. Der Roman hat mich deshalb komplett unzufrieden mit der Lektüre zurückgelassen. Mein Versuch, einen Ausgleich im sprachlichen Ausdruck der Autorin zu finden, scheiterte dann leider gleichfalls. Immer wieder kommen im Roman Sätze vor, die mir auf hanebüchene Art einfach nur aufgeplustert erscheinen.
    Wie etwa:
    "Wie eine Lawine donnerte die Ironie der Situation ihr entgegen und riss als Erstes ihre Beherrschung mit." (S. 304)
    "Kalt wollte sie Hannes erwischen, eiskalt, so kalt, dass er keine Zeit haben würde, faule Ausreden aus dem Gefrierfach seiner Gleichgültigkeit aufzutauen." (S. 317)

    Ich glaube, noch nie hat mich ein Roman aus dem von mir sehr geschätzten Diogenes-Verlag so enttäuscht. Schade!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Sep 2019 

    Verflechtungen

    Eine Frau steht auf einem Dach. Wir erfahren gleich vom Schutzumschlag, dass es sich dabei um Manu handelt. Etwas voreilig wie ich finde, schöner wäre es gewesen, wenn dies der Leser nach und nach beim Lesen erfahren hätte. Mein erster Kritikpunkt.

    Dann erfahren wir vom Schutzumschlag, dass für zehn Menschen durch diesen Tatbestand danach nichts mehr ist wie zuvor. Nachvollziehbar! Das Buch ist in vier Teile gegliedert, ein nicht näher gekennzeichnetes Vorwort und drei folgende Teile mit den Überschriften "Der Tag davor", "Erster Tag" und "Zweiter Tag". Das nicht gekennzeichnete sehr kurze Vorwort beinhaltet das Fallen von einer weiblichen Person und in den restlichen drei Teilen kommen die schon genannten zehn Personen in mit ihren jeweiligen Namen gekennzeichneten Abschnitten zu Wort. Dabei ist es am Anfang ein Berichten der jeweiligen Personen und nach und nach verflechten sich die Geschichten der verschiedenen Personen untereinander. Eine recht interessante Idee, wie ich finde. Dabei ist die Schreibe von Simone Lappert durch manchmal fast philosophische Gedanken gekennzeichnet, beinhaltet ein recht genaues Beobachten menschlicher Eigenschaften durch die Autorin, die sich in ihrer Zeichnung der beschriebenen Personen manifestiert. Alle diese Personen haben eines gemeinsam, sie haben bisher in ihrem Leben unschöne Dinge erfahren müssen und sind durch dieses Erleben gekennzeichnet. Ein gewisser dunkler Unterton schwingt mit. Teilweise sind diese Personen aber auch etwas überzeichnet und durch das Erzählte schwingt ein etwas eigener Humor. Eine insgesamt interessante Mischung. Alles positive Dinge, ich weiß.

    Nun mein in meinen Augen schwerwiegendster Kritikpunkt! Am Ende empfinde ich die Geschichte als recht unfertig! Ich denke der Geschichte hätten noch ein paar Seiten mehr gut getan, einige Charaktere wirken etwas unfertig gezeichnet und in meinen Augen fehlen einige wichtige Zusammenhänge, besonders vermisse ich einige genauere Angaben zur Geschichte der Familie Kühne, Vater und Mutter Kühne hätten in meinen Augen als weitere Charaktere gefehlt, zum besseren Verständnis von Manu und Astrid, den Töchtern und auch über Henry hätte ich gern mehr erfahren. Ebenso gestört hat mich, dass ich kaum Nähe zu den Charakteren aufbauen konnte und dass ein gewisser Sog bei mir nicht eingetreten ist. Schade!

    Die Art der Zeichnung der Geschichte finde ich nämlich recht gut und dies hätte wirklich ein großer Wurf werden können.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Sep 2019 

    Leben heißt bleiben und ertragen, dass alles verschwindet

    "Der Sprung ins Glück beginnt mit dem ersten Schritt, aber wer nicht wagt, gewinnt auch nicht. Wer vorwärts kommen will, muss anfangen, auch wenn man Angst vor dem Abgrund hat." (Pinterest.de)
    Thalbach am Dienstagmorgen steht eine junge Gärtnerin auf dem Dach vor Roswithas Café. Da man annimmt, dass die Frau in den Tod springen möchte, informiert man Polizei und Feuerwehr. Doch stattdessen wirft sie vor Wut mit ihren Gartenutensilien und danach mit Dachziegeln. Schnell strömt die Presse und die ersten Schaulustigen um dieses Spektakel zu bewundern. Einen ganzen Tag und Nacht hält die Frau die Stadt in Atem, ehe sie springt. Für Finn ist es ein Schock Manu dort zu sehen, schließlich ist er seit kurzem verliebt in sie. Ebenso ihre Schwester Astrid, als sie die Nachricht erhält. Ein ganz schlechter Zeitpunkt was sich Manu da ausgesucht hat, schließlich kandidiert Astrid für das Bürgermeisteramt. Schneiderin Maren hingegen kann nicht mehr in ihre abgeriegelte Wohnung. Für Theres und Werner die einen kleinen Laden besitzen ist dieses Spektakel eine gute Einnahmequelle. Schließlich müssen die Schaulustigen mit Lebensmittel und Getränken versorgt werden. Und noch weitere Personen kreuzen den Lebensweg von Manu, bei denen danach nichts mehr so ist wie zuvor.

    Meine Meinung:
    Nicht das unscheinbare Cover mit einem Frauenbild hat mich auf dieses Buch neugierig gemacht, sondern der Klappentext, den ich interessant fand. Bisher hatte ich noch nichts von der Autorin gelesen und war von daher gespannt was mich erwartet. Der Schreibstil ist locker, flüssig, unterhaltsam und in mehrere Kapitel unterteilt. Diese wechseln zwischen den Personen so das man einen Einblick in folgende Charaktere bekommt: Gärtnerin Manu, Kurierfahrer Finn, Ladenbesitzer Theres und Werner, Schneiderin Maren, Hutmacher Egon, Polizist Felix, Schülerin Winnie, Edna eine ältere Frau, Designer Ernesto, Obdachlose Henry, Manus Schwester und Bürgermeisteranwärterin Astrid. So erfahre ich im Laufe immer mehr, welchen Bezug sie zu Manu hatten oder evtl. bekommen. Natürlich entdeckt man so die Probleme, Sorgen und Nöte dieser Personen, sei es in der Vergangenheit oder Gegenwart. Außerdem kommt es bei einigen Personen zu einem positiven Ausgang. Sei es das sie ihr Leben durch dieses Ereignis verändern, ein neues Selbstbewusstsein bekommen oder sie schlicht weg auffallen bzw. entdeckt werden. Die Autorin selbst fährt einiges an Klischees auf, die alltäglich sind oder speziell durch dieses Spektakel hervorgerufen werden. Dadurch entwickeln sich einige Personen negativ oder positiv. Der Sprung selbst wird immer mehr in den Hintergrund gestellt, den das eigentlich wichtige sind die Personen rund um die Handlung. Leider habe ich am Ende nicht ganz verstanden, was mir die Autorin mit diesem Buch bewirken wollte, da wäre sicher eine Zusammenfassung am Ende hilfreich gewesen. Ebenfalls blieben bei mir gerade in Bezug auf Manu, aber auch bei den anderen Personen viele Fragen offen. Ich hatte das Gefühl mitten aus den Gegebenheiten herausgerissen zu werden. Sätze die mir positiv Erinnerung bleiben:

    "Blühende Pflanzen soll man nicht umtopfen, da sie sonst verwelken."
    "Die eigene Geschichte liegt auf dem Dachboden, den niemand etwas angeht."
    "Die Leute sollten mehr rausgehen in die Natur, dann wären sie ausgeglichener, weil sie regelmäßig etwas erleben würden, dann müssten sie sich nicht zu solchen Mobs zusammenrotten."

    Manche Charaktere hingegen fand ich überflüssig, da sie kaum oder gar nicht zur Handlung beitrugen. Am Ende bin ich als Leser etwas enttäuscht zurückgelassen worden, was ich schade fand. Trotzdem gebe ich dem Buch für die literarisch gute Ausarbeitung 3 1/2 von 5 Sterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Sep 2019 

    Vom Sprung ins Leben

    Wie verändert sich der Lauf der Welt oder die Lebensgeschichte eines Menschen, wenn er Zeuge eines vermeintlichen Suizidversuchs wird?

    Dieser Frage widmet sich Simone Lappert in „Der Sprung“. Dabei stellt die Autorin weniger die Person in den Mittelpunkt, die springt, sondern jene, die mittel- oder unmittelbar davon betroffen sind bzw. (Achtung – jetzt wird´s zynisch) davon profitieren.

    Es sind Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft (vom pummeligen, Comic-Strips zeichnenden Teenager über einen Fahrradkurierfahrer, der von einer großen Radtour um die Welt träumt bis hin zum philosophische Fragen verkaufenden Obdachlosen) – jede*r hat sein (mal größeres, mal kleineres) Päckchen zu tragen.

    Das ist alles nicht neu, manchmal auch vor Klischee und Kitsch triefend und Gevatter Zufall hat auch den ein oder anderen Auftritt zu viel. Aber hey, ist das nicht genau das Leben, dass wir alle führen (wollen)? Oder anders gesagt: wollen wir nicht an das Gute, an das Unwahrscheinliche glauben und uns daran entlang hangeln? Wer kann schon vorausahnen, was vermeintlich unwichtige Ereignisse auslösen können und so unser Leben nachhaltig beeinflussen?

    Simone Lappert schreibt unaufgeregt von den kleinen (großen) Dingen, die großes (kleines) bewirken können – ein mit philosophischen Fragen unterlegtes Kammerspiel, dass mich gut unterhalten hat. 4*

  1. 4
    (4 von 5 *)
     - 13. Sep 2019 

    Sie wollte immer nur ins Leben springen.

    Mit sehr großen Erwartungen bin ich an Simone Lapperts 336-seitigen Roman „Der Sprung“, im August 2019 bei Diogenes erschienen, herangegangen, doch konnte er meinen Erwartungen nicht vollends gerecht werden und ließ mich etwas zwiegespalten zurück.
    Eine mittelgroße Stadt in Süddeutschland. Auf dem Dach eine junge Frau. Wütend. Rasend. Unter ihr der grölende Mob, Handys zuckend, sensationsgeil. Doch am Rande gibt es auch noch die anderen Menschen, die in einer mehr oder weniger festen Beziehung zu dieser Frau stehen. Was geht in ihnen vor? Und vor allem: Was macht der vermeintliche Suizidversuch mit ihnen?
    Der Roman beginnt imposant mit der Beschreibung des Sprunges selbst im Zeitlupentempo. Wie fühlt es sich an? Welche Gedanken gehen einem durch den Kopf? All diesen Fragen versucht die Autorin nachzuspüren. Dann unverhofft ein Zeitsprung: „Zwei Tage davor“. Hier werden die ersten Charaktere vorgestellt, denen weitere folgen sollen. Und dieser Aufbau zieht sich durch den ganzen Roman, der auf zwei Zeitebenen erzählt wird: der Sprung selbst und die zwei Tage, bis die Protagonistin den letzten Schritt tut, wobei der Sprung das Geschehen in der Vergangenheit von Zeit zu Zeit unterbricht.
    Das Herzstück des Werkes sind die Menschen, die den Sprung „mitverfolgen“ und auch als Kapitelüberschriften dienen. Da ist zum einen das Teenager-Mädchen Winnie, das von seinen Mitschüler/innen wegen ihrer Figurprobleme gemobbt wird. Oder der Obdachlose Henry, der auf der Straße bedeutsame Fragen verkauft. Maren indes lebt mit Hannes, einem Gesundheitsfanatiker, zusammen, ihre Beziehung jedoch ist erkaltet. Felix als Polizist mit einer Ausbildung in Krisenintervention soll die Selbstmordgefährdete von ihrer Tat abhalten – doch er selbst hat seine eigenen Probleme, die ihn zu überwältigen drohen. Astrid, die Schwester der jungen Frau auf dem Dach, macht sich unterdessen Sorgen um ihre Karriere als Lokalpolitikerin. Und dann sei da noch Finn genannt, Fahrradkurier und Freund der vermeintlichen Selbstmörderin, der die Welt nicht mehr versteht und seiner Freundin helfen will. Allen ist gemeinsam, dass ihr Leben aus dem Lot geraten ist. Dreh- und Angelpunkt des ganzen Geschehens sind Roswithas Café und der kleine Laden von Theres und Werner, der eigentlich schon pleite ist, durch das Geschäft mit der Sensation, der selbstmordgefährdeten Frau, aber plötzlich wieder boomt. In das Leben all dieser und noch anderer Personen schlägt „der Sprung“ ein wie eine Bombe – und verändert es (hoffentlich) nachhaltig. So steht im Zentrum des Geschehens dann auch nicht die Selbstmörderin selbst, sondern das Leben ihrer Mitmenschen. Den Grund für den Sprung selbst kann man am Ende zwar erahnen, letztlich bleibt er aber – zumindest für mich – doch ein wenig nebulös.
    Sehr realistisch und eindrücklich gelingt es der Autorin, das Szenario selbst darzustellen: die im wahrsten Sinne des Wortes wütende Frau; die skandierenden Massen, die einfach nur den Sprung sehen wollen, ja ihn herbeisehnen; die Medien, die keinerlei Distanz wahren; und schließlich, am nächsten Morgen, den Dreck auf der Straße „wie am Morgen nach dem Karneval“ (S.229), hinterlassen, als die Schaulust befriedigt ist und man sich lieber anderen Sensationen zuwendet. Dieses beinhaltet, genau wie Werners oder Egons (ein ehemaliger Hutmacher) Schicksal, eine ordentliche und angebrachte Portion Gesellschaftskritik.
    Nicht ganz so überzeugen konnte mich die Entwicklung einiger Charaktere, denn hier bleibt die Autorin von Zeit zu Zeit oberflächlich (Winnie) oder wird auf mir unangenehme Weise komisch (Maren, Egon), was beides an sich nicht schlecht sein muss, mir aber dem Ernst des Themas nicht angemessen erscheint. Dass Simone Lappert dennoch in der Lage ist, tief und ernsthaft Charakterentwicklungen darzustellen, zeigt sie an anderen Stellen sehr wohl, wenn man sich z.B. Werner und seine Frau Theres oder Edna, eine ehemalige Lokführerin, anschaut.
    Sprachlich ist der Roman rundum gelungen: Simone Lappert schreibt flüssig, teilweise poetisch, auf jeden Fall aber plastisch und auf einem angenehmen Niveau. Besonders gefallen haben mir beim Lesen darüber hinaus (Lebens-)Weisheiten, die das Buch an passenden Stellen anbringt und welche zum Denken anregen, z.B. „Leben heißt bleiben und ertragen, dass alles irgendwann verschwindet.“ (S. 110), „Wer wütend ist, hat noch etwas zu verlieren.“ (S. 268) oder „Das Nichtverrücktwerden (ist) die eigentliche Anomalie.“ (ebd.).
    Insgesamt handelt es sich bei „Der Sprung“ um einen lesenswerten Roman mit einem wichtigen Thema und ebenso wichtigen Botschaften, der aber meiner Meinung nach durch die immer wieder auftretende Komik ein wenig an Reiz verliert. Trotz allem empfehle ich ihn mit dreieinhalb von fünf Punkten gerne als Lektüre weiter.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Sep 2019 

    Ein Sprung mit Folgen

    Der Roman "springt" in die Handlung, denn gleich zu Beginn wird im zeitdehnenden Erzählen der Sprung der Protagonistin Manu beschrieben. Dass Manu springt, wird bereits im Klappentext verraten. (Schade eigentlich)

    Nach diesem furiosen Einstieg "springt" die Handlung auf den Tag davor zurück und wir erfahren, wie verschiedene Figuren diesen erlebt haben. Aus wessen personaler Perspektive erzählt wird, erfährt man jeweils anhand der Kapitelüberschrift.

    Dreh- und Angelpunkt ist zunächst Roswithas Gastwirtschaft am Markt der kleinen süddeutschen Stadt Thalheim. Die Wirtschaft bietet mit der empathischen Wirtin eine Anlaufstelle für einsame, traurige, aber auch glückliche Menschen.

    Da sitzt zunächst der Polizist Felix, der gerade eine Fortbildung absolviert hat, wie man mit suizidgefährdeten Personen umgeht und dessen Frau Monique schwanger ist. Irgendein Problem belastet ihn und trübt die Beziehung zu Monique. Er zieht sich zurück und ist nicht in der Lage mit ihr darüber zu reden.

    Auch in Marens Ehe gibt es Probleme, seit ihr Mann Hannes zu einem Fitness- und Gesundheitsfanatiker mutiert ist und er sie nicht mehr „sein Pralinchen“ (26) nennt.

    Egon ist wie Felix Stammgast in der Gastwirtschaft. Der gelernte Hutmacher musste seinen Laden schließen, in dem befindet sich jetzt eine Handyklinik. Als Vegetarier verabscheut er seine neue Arbeit in der Schlachterei. Immer dienstags ist Schweineaugentag, dann erscheint der Fahrradkurier Finn und die beiden rauchen zusammen eine Zigarre. Finn, der eigentlich mit seinem Fahrrad eine Weltreise machen will, aber wegen Manu zurzeit in Thalheim gestrandet ist.

    Manu, die Biologie studiert hat, arbeitet als Gärtnerin und rettet eingetopfte Pflanzen, um sie in ihr „Topfpflanzenasyl“ im Wald zu setzen. Eine schräge Figur, über deren Vergangenheit Finn kaum etwas weiß, aber er weiß,

    „(w)enn er mit ihr unterwegs war, kam es ihm vor, als hätte jede noch so banale Situation einen aufregenden Backstagebereich, zu dem nur sie ihm Zutritt verschaffen konnte. An ihrer Seite war er sich sicher, nichts zu verpassen. Er genoss das trügerische Gefühl, dass alles sich zum Guten veränderte, dass er selbst sich veränderte durch Manu, zu einem Menschen, mit dem er es besser aushielt allein, in eine bessere Version seiner selbst.“(35)

    Warum ausgerechnet Manu auf dem Dach steht und springen will, kann man zu dem Zeitpunkt noch gar nicht verstehen.

    Auch Henry hat einen besonderen Zugang zur Natur, allerdings liegt seine beste Zeit hinter ihm, denn im Moment lebt er als Obdachloser auf der Straße. Henry gehört zu den Figuren, über die ich gerne mehr erfahren hätte.

    Der erste Tag

    Auf dem Marktplatz in Thalheim befindet sich auch das Geschäft von Theres und Walter, mit dem es, seit sich außerhalb Discounter angesiedelt haben, bergab geht, was Walter in eine Depression stürzt. Theres lebt für ihre Überraschungseier-Sammlung, das tägliche Öffnen von sorgfältig ausgewählten Eiern scheint ihr Highlight zu sein.

    Doch als Edna, eine ältere Dame, ehemals Lokführerin, Manu auf dem Dach des Hauses oberhalb von Marens Wohnung entdeckt und die Polizei informiert, ist auf dem Marktplatz – und plötzlich auch im Laden - die Hölle los. Felix wird zu dem Einsatz gerufen, er soll mit der jungen Frau verhandeln. Die Polizei reagiert über, anstatt den Platz zu räumen, taucht sogar das Fernsehen auf, Schaulustige versammeln sich, drehen Filme.

    Unter ihnen die Jugendliche Winnie, die aufgrund der Tatsache, dass sie nicht dem gängigen Schlankheitsideal entspricht, in ihrer Klasse ausgegrenzt wird. Der Handlungsfaden um Winnie und ihrer Widersacherin Salome gehört zu den wenigen, die ich nicht so überzeugend fand. Auch das Verhalten von Manus Schwester Astrid, die gerade als Bürgermeisterin von Freiburg kandidiert, ist wenig glaubwürdig. Da bedient sich die Autorin einiger Klischees, ebenso bei der Darstellung des italienischen Designers, ein Handlungsstrang, auf den ich hätte verzichten können.

    Allerdings haben diese Szenen auch komische, fast schon satirische Elemente, die jedoch in meinen Augen nicht ganz stimmig zu den sehr ernsten sind.

    Doch auf den „schwächeren“ Mittelteil des Romans folgt der „zweite Tag“ und es kommt zu einigen überraschenden Wendungen sowie Einblicken in die Vergangenheit der Figuren, die erklären, warum sie in dieser Situation so reagiert haben.

    Die Ausnahmesituation um Manu zeigt, wie ein einzelnes Ereignis, viele Personen beeinflusst, manche sogar so sehr, dass ihr Leben eine neue Wendung erfährt. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt und seine Kreise zieht.

    Beeindruckt hat mich auch die Sprache des Romans, so dass ich ihn trotz einiger Szenen, die mir weniger gut gefallen haben, gerne weiter empfehlen werde.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Sep 2019 

    Dynamik im Angesicht des Abgrunds

    Nomen est Omen: Die Beschreibung eines Sprungs ist das Thema, das den vorliegenden Roman einfasst und das den Rahmen für die sonstige Handlung bildet. Darüber hinaus gibt es drei Abschnitte: „Der Tag davor“, „Erster Tag“ und „Zweiter Tag“; der mittlere nimmt den größten Raum ein. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen der sie behandelnden Charaktere überschrieben.

    Zugegeben ist das Personal vielfältig. Felix ist werdender Vater und Polizist. Er hadert noch mit seiner Vaterrolle, entfernt sich dabei von seiner Frau Monique, der Beruf als Ordnungshüter fordert seine Reserven. Die pummelige Maren fühlt sich von ihrem Freund Hannes neuerdings abgelehnt, der unter die Fitness-Junkies gegangen ist. Der Vegetarier Egon hat sein Hutgeschäft verloren und muss in der ungeliebten Schlachterei arbeiten. Finn ist Kurier-Fahrradfahrer und in Manu verliebt, die als Umweltaktivistin Pflanzen rettet, Probleme mit Nähe hat und offensichtlich nicht viel von sich preisgeben will. Theres und Werner betreiben einen Tante-Emma-Laden, der am Rande der Pleite steht, aber durch die Ereignisse zu neuer Blüte erwacht. Darüber hinaus gibt es noch weitere Figuren mit durchaus berührenden Geschichten. Ein wichtiger Treffpunkt ist Roswithas Café. Roswitha verfügt über Menschenkenntnis und hat für jeden das richtige Wort.

    In der beschriebenen süddeutschen Kleinstadt gerät einiges durcheinander, als eine junge Frau auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses gesichtet wird. Die Polizei kommt mit großem Aufgebot. Die Leute versammeln sich auf dem Marktplatz, um der sich anbahnenden Katastrophe beizuwohnen. Es scheint offensichtlich, dass die Frau Selbstmordabsichten hegt. Gesprächsversuche schlagen fehl, die Stimmung am Boden wird volksfestartig und voyeuristisch. Viele Personen sind von den Ereignissen tangiert und treffen aufeinander. Mit zunehmendem Fortgang der Geschichte werden auch Zusammenhänge, direkte und indirekte, deutlich, was einen starken Sog auslöst. Was passiert mit den Menschen, inwiefern wird ihr Denken beeinflusst, welche Chancen ergeben sich aus der Situation für den Einzelnen?

    Simone Lappert hat ihren Roman meisterhaft begonnen. Sie bringt ihre Figuren in schöner Sprache nahe an den Leser heran mit so wunderschönen Sätzen wie:

    „Mit jedem Gramm Muskelmasse, das er zunahm, beging er ein Gramm Verrat an ihr, mit jedem Gramm Fett, das er verlor, schmolz er sich die gemeinsame Vergangenheit von den Rippen.“ (S. 27)

    „Warum müssen mich nur Leute ständig so ansehen, so seltsam. Als wäre meine Biografie ein Dachboden, auf dem man herumwühlen und interessante Sachen finden kann.“ (S. 87)

    „Leben heißt bleiben und ertragen, dass alles irgendwann verschwindet.“ (S. 110)

    Lappert erzählt ihre Geschichten in der Geschichte über den Zeitraum der drei Tage. Die Polizei bekommt die Situation nicht in den Griff, Felix´ Vorgesetzter Blaser verfolgt eine harte Linie, was die Frau auf dem Dach zunehmend unberechenbar und nervös macht. Aus dem Publikum kommen Beschimpfungen, auch eine Gruppe Jugendlicher gerät in den Fokus der Autorin. Die Bewohner des Hauses müssen umgesiedelt werden, was weitere Reaktionen auslöst. Eine Frau reißt aus nach Paris, ein Ehepaar findet wieder zueinander, ein Mann muss sich dem Trauma seiner Jugend stellen, ein Obdachloser bekommt eine neue Chance…

    Der Roman wird an keiner Stelle langweilig, man liest ihn in einem durch. Viele Verläufe sind aus meiner Sicht absolut glaubwürdig zu Ende erzählt. Leider wird das nicht konstant durchgehalten. Stattdessen wird partiell ins Klischeehafte abgeglitten, was den Roman möglicherweise durch bewusste Übertreibung ins Humorvolle führen soll. Das empfinde ich als nicht stimmig, es passt einfach nicht zur Rahmenhandlung und hat mir den Lesegenuss zunehmend eingetrübt. Die „Slapstick-Einlagen“ harmonieren nicht mit den anderen extrem sensibel und empathisch eingeführten Erzählsträngen. Weniger wäre an diesen Stellen mehr gewesen. Leider kann ich keine konkreten Beispiele nennen, ohne zu spoilern.

    Dennoch ist „Der Sprung“ ein durchaus lesenswerter, kurzweiliger Roman, der solide Unterhaltung mit Tiefgang und Humor bietet. Mit letzterem konnte ich mich zwar nicht recht anfreunden, aber andere Leser finden vielleicht genau diese Mischung reizvoll.
    Ich vergebe 3,5 Sterne, die ich gerne auf 4 aufrunde.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Aug 2019 

    Die Frau auf dem Dach

    Eine junge Frau steht auf einem Dach, was hat sie vor, will sie springen? Eine Passantin wird darauf aufmerksam und informiert die Polizei und die Rettungskräfte. Schnell läuft die übliche Maschinerie an. Unten vor dem Haus sammeln sich immer mehr Menschen, manche sind neugierig, andere betroffen und einige sind nur sensationslüsterne Gaffer.

    Simone Lappert beleuchtet nun das Leben einiger Menschen, die in irgendeiner Form mit Manu, der jungen Frau auf dem Dach verbunden sind. Ein Polizist, der mit ihr spricht, die Passantin, die die erste Meldung machte, der Freund von Manu, ein Ehepaar, das an diesem Tag zum ersten Mal seit Jahren wieder Umsatz in ihrem kleinen Laden machen und viele mehr. Es sind Geschichten in der Geschichte, die sich allmählich zum einem Ganzen verbinden. Nach und nach klären sich die Verbindungen.

    Es ist ein Roman, der mich von der ersten Seite an völlig in Bann gezogen hat. Alle Figuren sind echt und ihre Handlungsweisen authentisch, wie wirklich aus dem Leben erzählt. In Vielem kann man sich wiedererkennen. Dabei ist es eigentlich keine große Geschichte, es sind Augenblicke aus dem Leben, im Einzelnen eigentlich unspektakulär, aber jeder hat Auswirkungen auf alle Beteiligte. Es ist eine ganze Welt im Kleinen, die die Autorin zeigt und jeder Protagonist bringt seine eigene Facette in diesen Kosmos ein. Hoffnungslosigkeit, Optimismus, Trauer, neue Energie – es liegt alles ganz dicht beieinander.

    Manchen Figuren widmet Simone Lappert mehr Aufmerksamkeit, gönnt ihnen eine optimistische Zukunft, manche werden nur gestreift und ihr weiteres Schicksal bleibt offen.

    Ich habe diese Geschichte verschlungen, den schönen Sprachstil geradezu aufgesaugt, viele einzelne Sätze sind mir im Gedächtnis geblieben:

    „Etwas das blüht, sollte man nicht umtopfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dabei eingeht, ist ziemlich groß.“ Antwort Manus auf den Vorschlag ihres Freundes, gemeinsam die Stadt zu verlassen

    "Das sind alles Leute, die in der Schule beliebt sind oder es mal waren, dachte Winnie. Leute, die nie allein sind. Oder solche, die sich durchs Zuschauen überlegen fühlen, ihre Kraft aus der Schwäche anderer heraus entwickeln, so wie Timo." Gedanken einer gemobbten Schülerin, als sie ihren Mitschüler johlend in der Zuschauermenge sieht.

    "Nie wollte sie in den Tod springen. Immer nur ins Leben." Eigentlich der wichtigste Gedanke auf dem Dach.

    Ich könnte noch vieles anführen, selten habe ich so viele Markierungen beim Lesen angebracht.

    Anfangs konnte ich mit der Portraitzeichnung des Titelbildes nicht viel anfangen. Es wirkte nichtssagend auf mich, aber je weiter ich gelesen habe, umso mehr gefiel mir Cover. Das Portrait einer jungen, nicht angepassten Frau passt ganz genau auf die tragende Figur dieses Romans.
    Meine unbedingte Leseempfehlung.