Der Sommer meiner Mutter

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Sommer meiner Mutter' von Ulrich Woelk
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Sommer 1969. Während auf den Straßen gegen den Vietnamkrieg protestiert wird, fiebert der elfjährige Tobias am Stadtrand von Köln der ersten Mondlandung entgegen. Zugleich trübt sich die harmonische Ehe seiner Eltern ein. Seine Mutter fühlt sich eingeengt, und als im Nachbarhaus ein linkes, engagiertes Ehepaar einzieht, beschleunigen sich die Dinge.

Tobias, eher konservative Eltern freunden sich mit den neuen Nachbarn an, und deren dreizehnjährige Tochter, Rosa, eigenwillig und klug, bringt ihm nicht nur Popmusik und Literatur bei, sondern auch Berührungen und Gefühle, die fast so spannend sind wie die Raumfahrt. Auch die Eltern der beiden verbringen viel Zeit miteinander, zwischen den Paaren entwickelt sich eine wechselseitige Anziehung - "Wahlverwandtschaften" am Rhein. Und während Armstrong und Aldrin sich auf das Betreten des Mondes vorbereiten, erleben Tobias und seine Mutter beide eine erotische Initiation...

Ulrich Woelk erzählt spannend, atmosphärisch dicht und herzzerreißend von einem Aufbruch, persönlich und politisch, der tragisch endet.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:189
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406734496

Rezensionen zu "Der Sommer meiner Mutter"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Sep 2019 

    Eine Familientragödie im Jahr 1969

    „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

    Mit diesem Paukenschlag von einem Satz beginnt Ulrich Woelk seinen dichten atmosphärischen Roman, der nur die Zeitspanne eines Jahres umfasst. Der Ich-Erzähler Tobias ist zu diesem Zeitpunkt 11 Jahre alt, erzählt die Geschichte aber im Rückblick.

    Die Familie lebt am Stadtrand von Köln. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Hausfrau. Alles läuft in geregelten bürgerlich-konservativen Bahnen. Bis die neuen Nachbarn, die weltoffene Familie Leinhard mit Töchterchen Rosa, 13 Jahre alt, einziehen. Er ist Professor, sie arbeitet als Übersetzerin, schnell plaudert die Tochter aus, dass die Eltern Kommunisten seien, ihr eigener Name erinnere an die große Vorkämpferin Rosa Luxemburg. Dennoch scheinen sich Gegensätze anzuziehen und die Familien freunden sich miteinander an.
    Besonders inspiriert werden der Ich-Erzähler und seine Mutter. Rosa ist sehr liberal aufgewachsen, weiß nicht nur über die Friedensbewegung und den Vietnamkrieg bescheid, sondern auch einiges über Sexualität und Liebe. Letzeres macht sie neugierig und zum Vorreiter, nach und nach führt sie Tobias in die Materie ein, was den Jungen teils überrascht, teils überfordert – auf alle Fälle aber auch fasziniert. Ebenso fasziniert ist der Junge übrigens von der Raumfahrt, die sich gerade auf die erste Mondlandung vorbereitet. Beide Themen werden eindrucksvoll miteinander verwoben.

    Frau Leinhard unterscheidet sich mit neumodischer Jeans und Flatterbluse nicht nur äußerlich von ihrer Nachbarin. Sie wirft auch Fragen der politischen Orientierung, der Rollenverteilung zwischen Frau und Mann sowie Selbstbestimmungsthemen auf:
    „Wieso natürlich?“, rief Frau Leinhard aus der Küche. „Alle reden von gesellschaftlichen Veränderungen, aber wenn’s ums Kochen geht, soll alles so bleiben, wie es ist. Wir Frauen rauchen, fahren Auto, schreiben erfolgreich Bücher – warum sollen die Männer nicht kochen, putzen und sich um die Kinder kümmern?“

    Auch wenn der Fortschritt bei Familie Leinhard mehr in Worten als in Taten Einzug gehalten hat, treffen die Ideen bei Tobias' Mutter auf offene Ohren: sie fängt wieder an, Englisch zu lernen und bewirbt sich um eine Übersetzer-Tätigkeit. Folglich muss sie ihre Hausfrauenpflichten etwas vernachlässigen.
    Bei gemeinsamen Treffen der Familien ist es für die Kinder offensichtlich, dass sich die Eltern wechselseitig zueinander hingezogen fühlen. Gerade Rosa, die sich „damit auskennt“, hat Befürchtungen, dass ihre Familie zerbrechen könnte. Tobias kann diese Ängste zwar nicht teilen, fängt aber an, sich mit seiner Mutter zu beschäftigen.

    Es treten Ereignisse ein, die niemand vorhersehen konnte und die vor dem Hintergrund der Zeit große gesellschaftliche Brisanz besitzen. Am Ende steht der Suizid, der bereits im ersten Satz angekündigt wurde.

    Es war eine Freude, in dieses Buch und vor allem in die Zeit meiner frühen Kinderjahre einzutauchen, auch wenn ich für die Mondlandung zu spät dran war. Das Zeitkolorit hat der Autor hervorragend eingefangen, die Dialoge sind authentisch und dürften in vielen Familien so oder so ähnlich stattgefunden haben.
    In der Buchbeschreibung ist von der sexuellen Initialisierung des Jungen und seiner Mutter die Rede. Ich gebe zu, dass dieser Satz bei mir fast dazu geführt hätte, das Buch nicht zu lesen. Welch ein Fehler wäre das gewesen!

    Der Roman geht soviel weiter. Er greift mit der Apollo-Mission ein Stück Zeitgeschichte auf, die geschickt mit dieser Geschichte einer Familie verwoben wird. Alternative Weltanschauungen stellen sich vor, zeigen Verbindendes und Trennendes, auch Anspruch versus Wirklichkeit ist in dem Zusammenhang ein Thema.

    Der Ich-Erzähler schreibt seine Geschichte als Erwachsener auf, mit seinen bis dahin erlangten Einsichten versucht er, seine damalige Sichtweise als Junge nachzuvollziehen und selbst zu verstehen. Das wird sehr gut und glaubwürdig transportiert.

    Ich habe diesen Roman in eineinhalb Tagen verschlungen, gebe volle Punktzahl und wünsche ihm, auch wenn er den Sprung auf die Shortlist zum DBP 2019 verpasst hat, ganz viele Leser.