Der Schwarze See

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Schwarze See' von Hella S. Haasse
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Mit feinen, einfachen Strichen und mit klarsichtiger Melancholie entfaltet sich das exotische Panorama des Koloniallebens der zwanziger und dreißiger Jahre. Es beginnt mit dem idyllischen Kinderdasein auf einer Plantage zwischen Herrenhaus und Hütten, zwischen tropischer Fülle und europäischer Sehnsucht nach Kühle und Aufgeräumtheit. Zwei Jungen wachsen hier wie Brüder auf, der eine ist der Sohn des Plantagenverwalters, der andere der Sohn des eingeborenen Aufsehers. Ihre enge Freundschaft kennt anfangs die inneren Grenzen der kolonialen Gesellschaft nicht, aber mit dem Erwachsenwerden kommt die gegenseitige Entfremdung, und die Versuche, diese zu überbrücken, schlagen fehl. Die Freunde verlieren sich aus den Augen, aus der Idylle wird mehr und mehr eine Kampfzone. Am Ende steht ein Wiedersehen im Zeichen der Gewalt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:144
EAN:9783940357571

Rezensionen zu "Der Schwarze See"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Feb 2017 

    eine Freundschaft, die es nicht geben durfte

    Hella S. Haasse beschreibt in ihrem wundervollen Roman "Der schwarze See", der erstmalig 1948 veröffentlicht wurde, eine Freundschaft, die es nicht geben durfte. Dabei entführt sie uns in ein exotisches Land: In den 20er/30er Jahren gehört Java zur niederländischen Kolonie "Niederländisch Indien". Eine Minderheit von Kolonialherren herrscht seit Hunderten von Jahren über die indonesische Bevölkerung.* Auf einer Plantage wachsen zwei Jungen auf. Einer von beiden ist der Sohn des niederländischen Plantagenbesitzers. Der andere ist Urug, der Sohn des eingeborenen Aufsehers der Plantage. Beide Jungen sind gleichaltrig und kennen sich von Geburt an. Inmitten der kolonialen Gesellschaft verbringen die beiden eine unbeschwerte und sorgenfreie Kindheit. Denn Kinder kennen keinen Standesdünkel, für sie verursacht eine andere Hautfarbe Staunen, aber niemals Ablehnung.

    "Es kam mir nie in den Sinn, an der vollkommenen Gleichberechtigung von Urug und mir zu zweifeln, Obwohl ich mir - wenn auch vielleicht nur halb durchlebt - in Bezug auf den Hausboy, die Babu und Danuh, den Gärtner, eines Unterschieds in Rasse und Rang bewusst war, war Urugs Existenz so mit der meinen verwachsen, dass ich im Hinblick auf ihn diesen Unterschied nicht empfand." (S. 38)

    So ist es kein Wunder, dass die beiden Jungen auf der Plantage Freunde werden. Gleichaltrig, kaum andere Spielkameraden in der Nähe ... da ist eine Freundschaft vorprogrammiert. Doch je älter die Kinder werden, umso mehr holt sie die hässliche Realität ein. Insbesondere Urug wird schnell deutlich gemacht, dass er einen Makel hat: er ist der Sohn eines Eingeborenen. Das macht ihn von Geburt an minderwertig gegenüber dem weißhäutigen Sohn eines Kolonialherren. So sehen es die Erwachsenen. Urug lernt schnell, wo sein Platz in der Gesellschaft ist.

    Der Sohn des Plantagenbesitzers gibt die Geschehnisse rückblickend aus seiner Sicht wieder und bleibt dabei selbst namenlos. Er erinnert sich an die gemeinsame Kindheit, die Anfänge der Freundschaft und an das, was aus dieser Freundschaft geworden ist.

    Solange die Jungen auf der Plantage sind, ist ihr Umgang miteinander sehr unbeschwert. Erst, als sie in die große weite Welt hinaus müssen, kommt ihre Freundschaft auf den Prüfstand. Die beiden Jungen verlassen die Plantage, um in der nächst größeren Stadt, zur Schule zu gehen und dort zu leben. Ihrem gesellschaftlichen Status entsprechend kommen sie auf unterschiedliche Schulen. Von jetzt an werden die Jungen feststellen, dass ihre Freundschaft immer weiter auseinander driftet.

    Sie entfremden sich voneinander und Dinge, die vorher keine Rolle in ihrer Freundschaft gespielt haben, stehen auf einmal zwischen ihnen. Die Erwachsenenwelt hat sie eingeholt. Herkunft und Hautfarbe bestimmen auf einmal ihre Freundschaft.

    "Weder Kleidung noch Attitüde konnten ihn zu dem machen, als was er erscheinen wollte: einer von uns." (S. 95)

    Die Art und Weise wie Hella S. Haasse diese Geschichte erzählt, hat mich berührt. Sie vermittelt eine zutiefst melancholische Stimmung in einer exotischen Szenerie. Ihr Sprachstil ist klar strukturiert und überzeugt durch seine wohltuende Schlichtheit.
    Trotzdem dieses Buch bereits vor über 70 Jahren geschrieben wurde, verblüfft der Text durch eine zeitlose Sprache, was vermutlich auch auf die Übersetzung durch Gregor Seferens zurückzuführen ist, der auch andere niederländische Autoren wie Harry Mulisch oder Maarten t'Haart übersetzt hat. Von Gregor Seferens stammt auch das sehr informative Nachwort zu "Der schwarze See", indem er u. a. sehr intensiv auf die damalige politische Situation in Java eingeht.

    Fazit:
    Für mich war dieser Roman ein "Entschleunigungsbuch": ein exotischer Schauplatz, eine melancholische Stimmung, eine berührende Geschichte ... und schon taucht man ab in eine Szenerie, die einen den Alltag vergessen lässt. Leseempfehlung!

    © Renie

    *Die Kolonialherrschaft endete erst Mitte/Ende der 40er Jahre.