Der Schrecken verliert sich vor Ort: Roman

Rezensionen zu "Der Schrecken verliert sich vor Ort: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2019 

    Wie lebt man mit seinen Traumata ...

    Der Protagonist dieses Buches von Monika Held, Heiner Rosseck, hat Auschwitz erfahren müssen, weil er ein Kommunist ist und hat überlebt. Er sagt beim Auschwitz-Prozess gegen seine Peiniger aus und lernt dabei Lena kennen; sie empfinden eine gewisse Anziehung, Neugier und verlieben sich schließlich. Beide erforschen den Anderen. Er ist Österreicher und sie eine Deutsche. Eine aus dem Volk der Täter. Diese simple Tatsache ist für Heiner nicht ganz so einfach. Und neben diesem geistert noch vieles mehr in dem Kopf von Heiner herum. Er versucht damit zu leben, sich seinen Traumata zu stellen und beginnt sich durch die Anwesenheit von Lena und seiner Gefühle für sie zu verändern. Und auch in ihr geschehen Neuerungen, auch Lena versucht zu begreifen, warum Heiner empfindet, was er empfindet und denkt, was er denkt. Dieses ganze Miteinander hat die Autorin für meine Begriffe in eine gute Form gebracht. Ihre Charaktere sind nachvollziehbar gezeichnet und die Empfindungen beider Personen perfekt geschildert. Dabei ist diese Geschichte nicht von Emotionen überfrachtet, vielleicht gerade weil das Grundthema ja kaum in Worte fassbar ist. Gerade deshalb hat sich bei mir eine große Nähe zu beiden Hauptcharakteren eingestellt. Als besonders gelungen empfand ich, dass das Hauptaugenmerk auf der Zeit nach Auschwitz liegt. Wie lebt man nach und mit solchen Erlebnissen? Was für Auswirkungen haben solche Traumata auf Menschen? Natürlich wird auch in Rückblicken über Geschehnisse in Auschwitz berichtet. Und immer, wenn ich so etwas lese, höre und sehe, frage ich mich wie man so etwas anderen Menschen antun kann. Aber Menschen sind Menschen sind Menschen! Der zweite gelungene Teil in diesem Buch war dann eine Reise nach Polen mit einem Blick auf das Geschehen um die Solidarnosc und der Besuch verschiedener Freunde und Überlebender von Auschwitz; und ihre Arten mit dem Erlebten umzugehen.

    Insgesamt ein für mich sehr gutes Buch mit dem Vermerk: Unbedingt Lesen!!!

    "Was geschehen ist, ist geschehen, ausgeübt von einem Kulturvolk. Und das es geschehen ist, bedeutet, dass es wieder geschehen kann. Menschen, und zwar kultivierte, kluge Menschen, sind zu Taten fähig, die wir ihnen nicht zugetraut haben. Und wo es irgendein Anzeichen, einen Hauch davon wieder geben könnte, müssen wir eingreifen. Unsere gottverdammte Pflicht nach Auschwitz ist, das niemals zu vergessen. Es bleibt ein ewiges Thema. Ich glaube nicht, dass wir aufhören sollten, uns damit zu beschäftigen."
    (Auszug aus dem Nachwort von Margarete Mitscherlich aus diesem Buch)

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jan 2016 

    Rezension zu "Der Schrecken verliert sich vor Ort", Monika Helde

    Inhalt

    Heiner Rosseck, der aus Wien stammt, wurde als Sozialist 1942 nach Auschwitz deportiert. Als Schreiber in der Krankenstube musste er den Verwandten der getöteten Häftlinge mitteilen, an welcher "Krankheit" ihre Lieben verstorben sind. Verweilte jemand länger als 2 Wochen in der Krankenstation, wurde er mit einer Spritze getötet. Heiner überlebt Auschwitz, weil er eine Mission hat: Zeuge zu sein, die Täter anklagen, für die unfassbaren Verbrechen, die sie begangen haben. Dafür riskiert er sein Leben, indem er heimlich vom Dachboden zusieht, wie Menschen willkürlich vor der schwarzen Wand erschossen werden.

    Jahre später lernt Heiner, der Anfang der 60er Jahre als Zeuge beim Frankfurter Auschwitz-Prozess aussagt, Lena, gebürtig aus Danzig und polnische Übersetzerin, kennen, die sich in ihn verliebt. Sie bemüht sich eine Beziehung mit Heiner aufzubauen, einem Mann, der ein Senfglas aufbewahrt, in dem sich Knöchelchen befinden, die die Wege in Auschwitz bedeckten. Einen Mann, der Alpträume hat und die Vergangenheit mit sich trägt, ohne dass er diese jemals mit Lena teilen könnte. In der Verhandlung sagt er zum Richter:

    Hohes Gericht. Sie hören unsere Geschichten. Sie protokollieren sie. Sie erreichen Ihren Verstand. Sie erreichen Ihre Intelligenz. Vielleicht Ihre Phantasie. Dennoch sind Sie uns keinen Millimeter näher als vor dem Prozess. Zwischen Ihren Vorstellungen und unseren Erfahrungen verkehrt kein Zug. (S.34)

    Dieser Aussge führt uns ganz plastisch vor Augen, dass es für die Nachgeborenen unmöglich ist, den Schrecken dieses Ortes tatsächlich zu erfassen.

    Als in Polen 1982 das Kriegsrecht ausgerufen wird, fährt er zu einem, der mit ihm in Auschwitz war, um ihm zu helfen. Die beiden unterstützen den Widerstand, indem sie Lebensmittel, Hilfsgüter, Kleidungsstücke und auch Geld in einem LKW über die Grenze bringen. Gemeinsam besucht Heiner in Polen mit Lena auch den Ort seines Grauens, der für ihn eine Art Heimat ist.

    Er bertrat das Gelände durch das schmiedeeiserne Tor. Niemandem hätte er das kalte Fieber erklären können, das ihn überfiel, wenn er diesen Boden betrat. Er war hier zuhause. Alles musste er berühren wie nach einer langen Trennung. An kein Ort der Welt wäre er je wieder so gefesselt wie an diesen. (S.163)

    Für Lena, die überhaupt nichts anfassen möchte, ist dies sehr befremdlich. Auf ihrer Reise durch Polen begegnen sie weiteren Freunde von Heiner, alles Überlebende, die ihre Geschichte erzählen. Es sind Berichte aus dem Lager, die verstören und manchmal so unfassbar sind, dass man eigentlich nicht weiterlesen möchte, was das Geschehene jedoch nicht auslöschen kann. Der Roman gipfelt in einer Weihnachtspredigt, die Heiner in einer Kirche hält, in der es Tradition ist, dass jeweils ein Laie nach dem Evangelium auf der Kanzel steht. Er wendet sich direkt an einen 90-Jährigen, von dem er glaubt, er habe als Handlanger in Auschwitz die Kranken zur Exekution mit der Spritze begleitet. Das Grauen, das er schildert, ist eines von vielen, mit denen man in diesem Roman konfontrontiert wird. Margarete Mitscherlich bringt es in ihrem Nachwort auf den Punkt:

    In diesem Buch sind Taten beschrieben, zu denen ein Mensch nicht fähig sein sollte und wir haben nie gedacht, dass Menschen dazu fähig sind. (S.270)

    Das Erzählen-Müssen all ihrer Geschichten hilft den Opfern ihr Leben nach Auschwitz zu meistern.

    Bewertung

    Ich habe schon unzählige Romane gelesen, die sich mit Auschwitz auseinander setzen, aber selten hat mich eine Geschichte trotz ihrer lakonischen, fast schon sachlichen Sprache so berührt. Der Autorin gelingt es die unfassbare Grausamkeit und die Willkür, die die Häftlinge zu ertragen gezwungen waren, die Beliebigkeit der Brutalität, das tägliche Elend mit einfachen Sätzen vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, dass man am liebsten das Buch zuklappen würde und nicht weiter darüber nachdenken möchte.

    Das Leiden Heiners, die unglaubliche Arroganz und Kälte der Täter, die keine Reue zeigen, machen fassungslos und zeigen gleichzeitig auf, wie wichtig es ist, diesen Teil unserer Geschichte nicht zu vergessen.

    Ein grausamer, aber auch ein sehr wichtiger Roman, den ich nur weiterempfehlen kann.