Der Preis, den man zahlt: Roman

Rezensionen zu "Der Preis, den man zahlt: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Sep 2017 

    die spanische Antwort auf 007

    Spätestens mit seinem Roman "Der Club Dumas" ist Arturo Pérez-Reverte zumindest unter den Bibliophilen zum Kult-Autor geworden, sind doch Bücher in diesem Thriller, der erstmalig 1993 erschienen ist, das bestimmende Element. Leider gehöre ich zu den wenigen Bibliophilen, die nicht von diesem Roman "umgehauen" worden sind. Doch Bücher, die das Siegel "Perez-Reverte" tragen, verdienen immer Aufmerksamkeit. Denn der spanische Autor ist einer der meistgelesenen in seinem Land. In seinem aktuellen Roman "Der Preis, den man zahlt", erschienen im Insel Verlag, geht es diesmal nicht um Bücher, sondern um einen Helden, Typ James Bond, der auf geheimer Mission in Spanien zur Zeit des Bürgerkrieges unterwegs ist.

    "Die Damenwelt pflegte Gefallen zu finden an seinem eleganten Auftreten in Kombination mit dem attraktiven Profil und dem gewinnenden, kühlen Lächeln, das er, tausend Mal geprobt und auf den Millimeter genau austariert, Frauen gegenüber einsetzte wie eine Visitenkarte." (S. 35)

    Den Vergleich zu James Bond habe ich bewusst gewählt. Denn Lorenzo Falcó kann locker mit 007 mithalten. Der gleiche Typ Mann: charismatisch, mordsgefährlich, kaltblütig, skrupellos (falls erforderlich) und natürlich ein Womanizer. Ian Fleming hätte seine Freude an Falcó gehabt. Einen kleinen Unterschied - abgesehen von der Nationalität - gibt es zwischen den beiden: James gehört zu den Guten; Falcó gehört zu denjenigen, die am meisten zahlen. Im Moment sind dies die Falangisten, Mitglieder der faschistischen Bewegung in Spanien, die ihre Anfänge in den 30er Jahren hatte.

    Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Mitten im spanischen Bürgerkrieg erhält Falcó die Aufgabe, den Gründer der Falange, so ganz nebenbei Francos Bruder, aus dem Gefängnis in Alicante zu befreien. Alicante gehört zu der militärischen Zone der Republikaner. Insofern kann ein Angehöriger der Falange - also die Gegenseite - nicht einfach in diese Zone reinspazieren und einen der Lieblingsgefangenen der Republikaner befreien. Falcó erhält also den Auftrag zu einer geheimen Mission. Vor Ort soll er von Angehörigen der Republikaner unterstützt werden. Dies sind Ginès Montero, seine Schwester Cari sowie Eva Brengel, eine Deutsche mit spanischen Wurzeln. Während Falcó nur einen Job macht, gehen die drei Anderen mit viel Idealismus an die Aufgabe heran. Sterben für die gute Sache, ist eine Option, die die Drei durchaus in Betracht ziehen, natürlich mit einer gehörigen Portion Bürgerkriegsromantik, die die Unerfahrenheit der drei deutlich macht.

    "... Falangisten, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, die sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit gegenseitig umbrachten. Mutige, entschlossene junge Leute, die einen wie die anderen, die sich oftmals kannten und sogar Kommilitonen oder Kollegen gewesen waren, miteinander getanzt, Kinos und Cafés besucht, Freunde und sogar die Liebste geteilt hatten. Er hatte gesehen, wie sie mordeten, wie sie äußerst methodisch einen Vergeltungsschlag nach dem anderen landeten. Manchmal voller Hass und manchmal mit dem kalten Respekt vor einem Gegner, den man kannte und schätzte, auch wenn er aus dem falschen Schützengraben schoss. Er oder ich, das war die Devise. Das Leitmotiv. Entweder sie oder wir." (S. 102 f.)

    Der Angriff auf das Gefängnis wird vorbereitet. An der Aktion sind auch die Deutschen sowie die Italiener beteiligt. Der 2. Weltkrieg ist im Übrigen noch nicht ausgebrochen. Deutschland sortiert noch seine Unterstützer innerhalb Europas. Der Angriff verläuft natürlich nicht wie ursprünglich vorgesehen. Stattdessen gerät Falcó in Verwicklungen und Kompetenzgerangel zwischen den einzelnen Organisationen der Franco-Anhänger.

    Dieser Roman ist sehr spannend gemacht, was nicht nur an der Geschichte sondern auch an dem Sprachstil von Arturo Pérez-Reverte liegt. Die Kaltblütigkeit, die sein Charakter Falcó an den Tag legt, findet sich auch in dem Sprachstil des Autors wieder. Mit wenig Leidenschaft, fast schon abgeklärt und gelassen, beschreibt er Szenen, die dem Leser die Nackenhaare hochstehen lassen. Hier wird einmal mehr deutlich, dass Töten ein Handwerk ist.

    "Aufs Geratewohl oder im Affekt zu töten, das bekam jeder Trottel hin. Oder weil man sich für unantastbar hielt, was in diesen Zeiten sehr häufig vorkam. Auf angemessene Weise, fehlerfrei, professionell zu töten war jedoch nicht dasselbe. Eine andere Kategorie. Dazu brauchte man ein hohes Maß an Zielstrebigkeit, Gespür für die richtige Gelegenheit, Urteilsvermögen und einen gewissen Grad an Übung." (S. 82)

    Interessant ist die Entwicklung von Falcó. Erscheint er anfangs als kaltblütiger Profi-Agent, der über Leichen geht, entdeckt er zum Ende seine schwache und loyale Seite. Über Leichen geht er aber immer noch. Nicht unschuldig an seiner Wandlung ist dabei Eva, die Deutsche.
    Ja, "Bond-Girls" gibt es in diesem Roman auch. Die beiden wichtigsten sind Cari und Eva. Ok, von Cari lässt Falcó die Finger (noch ein Unterschied zu 007, der ja bekanntlich nichts anbrennen lässt), auf Eva lässt er sich jedoch ein. Und Eva ist ein Bond-Girl der besonderen Güte. Sie ist nicht nur schön sondern erweist sich auch als gefährlich.

    Der Roman "Der Preis, den man zahlt" präsentiert eine Episode der spanischen Geschichte. General Franco war mir natürlich ein Begriff, wer kennt ihn nicht. Aber was seinerzeit in Spanien los wahr, und wer gegen wen und warum gekämpft hat, wusste ich nicht mehr. Mein Geschichtsunterricht liegt schon zulange zurück. Daher habe ich die Lektüre dieses Romans als Auffrischkurs genutzt, um mich mit der jüngsten spanischen Geschichte auseinanderzusetzen, allerdings nicht ohne Unterstützung von Wikipedia, das mir einiges über die Bürgerkriegsparteien verraten hat.

    Fazit:
    Ich habe diesen Roman mit großem Vergnügen gelesen. Es ist ein spannender Agententhriller, der durch die Kaltblütigkeit des Protagonisten sowie durch den Sprachstil des Autors besticht. Konnte mich der legendäre Roman "Der Club Dumas" nicht ganz so abholen wie andere Bibliophile, dieser Roman konnte es. Mit "Der Preis, den man zahlt" bin ich zum Fan von Arturo Pérez-Reverte geworden.

    © Renie