Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall: Roman

Rezensionen zu "Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Mai 2019 

    Eine italienische männliche Amelie

    Domenico Dara hat hier einen ungemein warmherzigen und auch etwas märchenhaften Roman geschrieben, der nur so sprüht vor italienischem kleinstädtischem Flair der 60er Jahre. Die Sprache ist einfach gehalten, manchmal etwas gefühlsüberfrachtet, hat aber auch wunderschöne Passagen. Die Geschichte entwickelt sich etwas langsam, ein Lesesog ist aber definitiv vorhanden, er wäre in meinen Augen nur noch etwas ausbaufähig. Alles in allem ist dieses Buch eine nette und entspannende Unterhaltung, die zeigt, dass der Autor einen Blick für die Menschen und ihre Gefühle hat, und hier vor allem für die Liebe.

    Zur Geschichte: Der Postbote von Girifalco, einem kleinen italienischem Ort, hat einen Blick und ein Herz für seine Mitmenschen. Der sehr empathische Mensch hat aber auch ein etwas merkwürdiges Hobby, er liest die Post seiner Mitbürger aus Girifalco, möchte alles über seine Nachbarn wissen und greift auch manchmal in deren Korrespondenz ein. Allerdings in helfender Mission. Eine Geschichte, die mich sehr an "Die fabelhafte Welt der Amelie" erinnert hat, nicht nur dadurch, dass der Hauptcharakter in die Leben seiner Mitmenschen eingreift, sondern auch durch die empathische und warmherzige Zeichnung der Charaktere.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 16. Mai 2019 

    Entschleunigt bis zum Einschlafen

    Girifalco ist ein kleines Dorf im süditalienischen Kalabrien, ein kleines Nest, in dem alles seinen gewohnten Gang geht. Girifalcos Postbote steht im Mittelpunkt dieses Romans von Domenico Daro. Der Postbote hält sprichwörtlich die Schicksale der Dorfbewohner in seinen Händen. Denn er öffnet die Briefe seiner Mitmenschen, verändert den Lauf der Dinge, führt Liebende zusammen und tröstet Mütter, die ihre ausgewanderten Kinder vermissen.
    Angesiedelt ist dieser Roman im Jahre 1969. Der nostalgische Mehrwert dieses Romans verliert sich leider in unendlicher Langatmigkeit, unzähligen Nebenhandlungen und der Vorstellung einer Vielzahl von Dorfbewohnern. Es gibt zwar ein Personenverzeichnis, aber das Buch liest stellenweise genauso unterhaltsam wie ein regionales Telefonbuch. Dieses Buch hat mich bis zum Einschlafen entschleunigt.
    Vielleicht war es nicht die richtige Zeit oder einfach nicht das richtige Buch. Als Merkhilfe für mich: bei den Worten „melancholisch“, „rührend“ und „philosophisch“ lasse ich besser die Finger von der Lektüre. Für derartige Betulichkeit fehlt mir offensichtlich die Geduld.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 26. Apr 2019 

    Wunder sind nichts anderes als absolute Zufälle

    Der Roman beginnt im Jahr 1969 und der Schauplatz ist ein Dorf im ländlichen Italien. Das Leben und seine Bewohner werden bildhaft geschildert und man fühlt sich in diese Zeit hineinversetzt. Protagonist ist der namenlose Postbote, ein feinfühliger, poetischer Philosoph und Einzelgänger. Neben seiner Arbeit besteht sein Leben hauptsächlich aus seiner geheimen Tätigkeit am Nachmittag, nämlich die eingehenden Briefe zu öffnen, zu lesen, abzuschreiben, zu archivieren und wieder zu verschließen bzw. sogar zu versiegeln. Dies wird zu einer regelrechten Sucht. Er greift dadurch auch aktiv in das Schicksal einzelner Personen bzw. der Politik ein und lenkt es in Bahnen, die er für richtig hält. So bringt er es z.B. auch nicht fertig, daß eine Mutter die Todesnachricht ihres Sohnes erhält. Diesen Brief ändert er ab, indem er den Sohn auf eine Reise in eine abgelegene Region schickt, von welcher er nicht schreiben kann. Er betreibt diese Leidenschaft mit absoluter Akribie, so besorgt er sich auch authentisches Briefpapier aus der Schweiz und Deutschland, um seine Werke authentischer zu gestalten. Er hebt Zeitungsartikel auf, um Geschehnisse in seine Briefe einfließen zu lassen und er kann Handschriften zu imitieren.

    Ein zweites Hobby von ihm ist ein Notizbuch über Zufälle, die er sogar noch in Kategorien unterteilt. Hier notiert er alles, was in seinem täglichen Leben geschieht und er für Zufall hält.

    Die Idee zu diesem Roman gefiel mir zu Beginn gut, ebenso das Entschleunigen durch das Dorfleben im Jahr 1969. Aber nach ca. der Hälfte wurden es mir zu viele Geschichtchen, die aneinander gereiht wurden und es fehlte jegliche Spannung in der Erzählung. Ich wollte gar nicht wissen, was weiter passiert. Der Autor hat für mich viele Banalitäten (vor allem bei dem Notizbuch der Zufälle) aneinandergereiht und konnte mich dadurch nicht bei der Stange halten. Vielleicht hätte eine Kürzung auf nur 240 Seiten gut getan. Trotz begeisterter Stimmen aus Italien gibt es von mir für dieses Buch leider keine Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Apr 2019 

    Berührend, und wunderschön

    Im verschlafenen Girifalco (Italien) geht alles seinen gewohnten Gang – die anstehenden Kommunalwahlen sind schon das Aufregendste, was auf absehbare Zeit zu erwarten ist. Doch im Geheimen zieht ein guter Geist die Fäden, ohne dass die anderen Dorfbewohner es ahnen: Denn der Postbote des Ortes ist ein melancholischer Einzelgänger, der die Philosophie liebt und Zufälle sammelt – und nebenbei heimlich in den Briefverkehr des Dorfes eingreift. So versucht er, den Dingen die richtige Richtung zu geben.

    Fazit:
    Das Ganze Buch ist sehr philosophisch gestaltet - mit einem Ende, in das man hineininterpretieren kann. Dafür ein Stern Abzug von meiner Seite, ich habe doch gerne ein klares Ende - das ist aber Geschmackssache.
    Der Postbote lässt sich in der Geschichte sehr stark treiben und genau so plätschert auch die Handlung dahin - mit sehr vielen Personen, die man kennen lernt, welchen er mit seiner leisen Art einfach nur Glück schenken möchte. Oft hat man das Gefühl, dass etwas der rote Faden fehlt.
    Das Buch bietet definitiv Abwechslung - denn es ist einmal etwas anderes.
    Ich habe mich trotz der 2 Kritikpunkte sehr gut unterhalten gefühlt, und es war mir eine Freude dieses wundervolle Buch zu lesen, es hat seinen eigenen Charme.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Apr 2019 

    Herzensbrief

    Ende der 1960er Jahr im Süden Italien lebt ein Postbote eigener Art. Er ist seinen Mitmenschen gegenüber eher zurückhaltend. An den Briefen, die durch seine Hände gehen, hat er doch ein gewisses Interesse. Briefe, die besonders aussehen, die besonders riechen, die einen besonderen Adressaten haben, diese Briefe erhalten eine besondere Behandlung. Vor der Zustellung prüft der Postbote erstmal, ob sie in der geschriebenen Form übermittelt werden können. Mit außerordentlichem Geschick gelingt es dem Postboten Schriftbilder nachzuahmen, so dass er eine Entdeckung kaum zu fürchten hat, wenn er den Inhalt den allzu harten oder schmerzlichen Inhalt eines Briefes in gefälligere Worte kleidet.

    Etwas eigenartig ist die Arbeitsauffassung des Postboten des kleinen Ortes Girifalco schon. Doch in dem kleinen Dorf kennt jeder jeden und so sind die Briefempfänger auch dem Briefträger nicht fremd. Wenn er dann mit ungezügelter Neugier einige Briefe öffnet und schwer erträgliche Nachrichten glättet, kann man ihn durchaus verstehen. Vielleicht wird sein Berufsstand grundsätzlich eher unterschätzt, an diesem Postboten ist jedoch ein Philosoph verloren gegangen. Über alles und jedes kann er sich Gedanken machen und jeder Zufall ist eine Betrachtung wert. Seine Einsamkeit rührt jedoch nicht von ungefähr, musste er doch auf seine große Liebe verzichten.

    Den Ort Girifalco gibt es wie Google Maps verrät im Übrigen tatsächlich. Hätte man diese Feststellung vor der Lektüre getroffen, hätten sich einige Wege des Postboten möglicherweise anhand der Karte nachvollziehen lassen. Dieser echte Bezug lädt zudem dazu ein, ein paar Momente auf den möglichen Echtheitsgehalt des Romans zu verwenden. Gut vorstellbar, dass so ein Postbote trotz der eher unerlaubten Handlungen als gute Seele des Ortes seine Bahnen zieht. Doch vernachlässigt er, indem er anderen zu schönen Briefen verhilft, nicht sein eigenes Leben? Wenn es gälte zu handeln, hält er sich zurück. Schon hat er sich die Szenerie visualisiert, durchdacht und das Ergebnis vorausgeahnt. Und so sicher ist er sich, dass er die eigentlich vorausgesetzte Frage nicht erst stellt. Je länger man den Postboten beim Austragen seiner Briefe begleitet, desto mehr wünscht man sich, er würde nicht nur die fremden Leben leben, sondern sich auf sich selbst besinnen.

    Ein melancholischer und doch humorvoller Roman mit einem sympathisch knorrigen Helden, der die alten Gassen eines echten Ortes durchwandert.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Apr 2019 

    Wie ein Märchen

    Girifalco ist ein verschlafenes Nest. Wir sind in den 60iger Jahren, dort lebt der Postbote – so wird er im Laufe des Buches nur genannt und tagein tagaus sieht man ihn mit seiner Tasche durch die Straßen ziehen. Es könnte ein ereignisloses Leben sein, aber der Postbote hat sein Geheimnis.

    Als vaterloser Junge aufgewachsen, ohne großen Ehrgeiz, fast träge, kommt eines Tages in der Schule sein Talent Schriften zu kopieren sehr gelegen, er hilft einer Mitschülerin den Zorn des ungerechten Lehrers abzuwenden. Aber erst als er Postbote wird, hat seine Berufung gefunden. Es ist ein Zufall, der ihn beim ersten Mal dazu verführt einen Brief zu öffnen. Von da an geht kein Brief ungelesen durch seine Hände. Er kopiert jedes Schreiben und archiviert sie. Er kommt krummen Machenschaften auf die Spur, liest von heimlicher Liebe und unglücklichen Begebenheiten. Aber er begnügt sich nicht damit nur zu lesen. Er beginnt in das Leben seiner Dörfler einzugreifen. Ein Liebesbrief hier, eine verklausierte Warnung dort, so lenkt er die Geschicke seiner Nachbarn, verhindert Unglück und bringt Paare zusammen, deren Schüchternheit ihnen im Wege stand. Er zieht keinen Nutzen aus seinem Tun, im Gegenteil, er will helfen.

    Auch sammelt er „Zufälle“, notiert, nummeriert und archiviert sie, genau wie Zeitungsberichte, die ihm kurios erscheinen.
    Doch zwischen dem Leben der Anderen verliert er fast seine eigenen Träume und Wünsche aus den Augen.

    Jedem der Kapitel ist ein fast märchenhafter Satz als kleine Inhaltsangabe vorgestellt. Wie überhaupt das ganze Buch den Eindruck eines Märchens macht. Es ist eine untergegangene dörfliche Welt die der Autor beschreibt. Das ist sehr warmherzig und mit spürbarer Liebe zu den beschriebenen Personen erzählt. Die Figuren – es sind eine ganze Menge und glücklicherweise gibt es ein ausführliches Personenregister – werden lebendig, der Leser taucht schnell in ihr Leben ein und leidet und freut sich mit ihnen. Ein ganzer Kosmos wird dargestellt, bildhaftig und farbig. Ich hatte das Dorf vor Augen und es erinnerte mich an die alten S/W Filme von Don Camillo. Verschmitzt und tragisch-komisch. Der Autor hat ein ganz eigenen Ton gefunden und mich damit überzeugt.

    Dazu passt das gewählte Foto des Schutzumschlags ganz ausgezeichnet.