Der Platz im Leben: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Platz im Leben: Roman' von Anna Quindlen
4.35
4.4 von 5 (6 Bewertungen)

Ein feinsinniger, mitfühlender Roman, der den Neuanfang feiert

Bis zu jenem Tag, an dem ein brutaler Vorfall die Nachbarschaft erschütterte, glaubte Nora, dass sie glücklicher kaum sein könnte: Sie ist seit gut 25 Jahren mit Charlie zusammen, die Zwillinge sind auf hervorragenden Colleges, sie liebt ihre Arbeit im Museum of Jewelry, und mit einem stilvollen Haus in New Yorks bemittelter Upper West Side hat sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. Doch plötzlich hat das friedliche Miteinander in ihrer Straße ein Ende. Jeder ist gezwungen, Stellung zu beziehen – Gräben tun sich auf, zwischen Nachbarn, Freunden, Familien und auch in Noras Ehe, und sie muss sich fragen, wo ihr Platz im Leben wirklich ist.

Voller Warmherzigkeit erzählt Anna Quindlen vom Mut einer Frau, in mittleren Jahren noch einmal alles auf die Waagschale zu legen, ihre Beziehungen, ihre Werte, ihre Träume - ein kluger, mitfühlender, auch humorvoller Roman, der den Neuanfang feiert.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:369
EAN:

Rezensionen zu "Der Platz im Leben: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Nov 2019 

    Ein Parkplatzvorfall mit Folgen

    In Anna Quindlens neuem Roman: "Der Platz im Leben" beginnt alles mit einem Parkplatz. Das Parkplatzthema taucht in der Originalausgabe bereits im Titel auf. "Alternate Side" bezieht sich auf Parkvorschriften in einigen Großstädten, bei denen man nach einem bestimmten System entweder auf der rechten oder linken Straßenseite parken darf.
    Die zentralen Figuren im Roman sind Nora und Charlie Nolan. Das Ehepaar wohnt seit vielen Jahren in einer wohlhabenden Gegend in New York, in ihrem eigenen schönen viktorianischen Haus. Sie haben dort ihre beiden Kinder groß gezogen und, auch mithilfe iherer Hunde, gute Beziehungen zu den Nachbarn aufgebaut. In dieser Straße, einer der wenigen Sackgassen in New York, dient ein unbebautes Grundstück als Parkplatz, auf dem allerdings nur sechts Autos Platz haben. Einen dieser Parkplätze zu besitzen ist also ein großes Privileg und mit hohem Prestige verbunden. Entsprechend begeistert reagiert Charlie, als er erfährt, dass er nach vielen Jahren nun endlich einen der Plätze mieten kann. Nun gehört er zur Elite der Straße.
    Am unteren Ende der Hierarchie dieser Nachbarschaft, die wie ein Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft wirkt, stehen die Kindermädchen, Köche, Haushaltshilfen und Handwerker, die für die Hausbesitzer arbeiten. Sie stammen typischerweise aus Lateinamerika oder Jamaika. Selbstverständlich dürfen diese unter keinen Umständen, auch nur kurzfristig ihre Autos auf oder vor dem Parkplatz abstellen. Ricky, der Hausmeister der Straße, missachtet dieses Tabu von Zeit zu Zeit, was immer wieder zu Konflikten führt, die in einem, von den Anwohnern so genannten "Parkplatzvorfall" gipfelt.

    Nach diesem Vorfall bleibt nicht mehr wie es war. Die Beziehungen in der Nachbarschaft beginnen sich zu verschieben, denn die Nachbarn ergreifen für die eine oder ander Seite Partei. Wie in dem Parksystem müssen sich alle Beteiligen für eine Seite entscheiden. Nora und Charlie sind auf unterschiedlichen Seiten, was zu Spannungen in der Ehe führt. Um die Ehe der Nolans stand es auch vorher nicht mehr zum Besten, die Ehe war mit den Jahren zur Routine geworden. Die mit dem Parkplatz verbundenen Emotionen bringen nun endlich die Energie für Entscheidungen.

    Anna Quindlens Roman: "Der Platz im Leben" ist eine Gesellschaftsstudie der New Yorker oberen Mittelschicht. Erzählt wird die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Nora, einer überaus sympathischen Romanfigur. Nora ist klug, empathisch und vor allem mit einer feinen ironischen Distanz sich selbst und anderen gegenüber ausgestattet. "Ich bin New Yorkerin...Zynismus ist meine Religion."
    Erzählt wird in einer leichten, eingängigen Sprache, mit eingestreuten Rückblenden und Anekdoten. Zusammen mit dem immer wieder aufblitzendem feinen Humor wird so die Lektüre zu einem Lesevergnügen, zumal man sich über viele lebenskluge Formulierungen freunden darf. " In Wahrheit waren die meisten Ehen wie Luftballons: einige wenige platzen ohne Vorwarnung, aus den allermeisten aber wich langsam die Luft, bis nur noch ein trauriges, knittriges Etwas ohne jeden Auftrieb übrig war."

    Unter die Haut geht der Roman allerdings nicht - das will er auch gar nicht. Dafür handelt er zu sehr von Luxusproblemen, mit denen sich die reichen New Yorker beschäftigen, also Problemen, die nicht gerade existenziell wirken. Negative Seiten des Lebens im reichen New York wie die großen sozialen Unterschiede und der Erfolgsdruck, der auf allen lastet, werden leicht bekömmlich dargestellt.

    Insgesamt ein empfehlenswerter Roman, eine Gesellschaftsstudie und ein Stadtroman, geschrieben aus einer liebevollen und letzendlich versöhnlichen Perspektive.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Nov 2019 

    Wie willst du leben?

    Nora und Charlie Nolan führen ein scheinbar perfektes Leben. Sie wohnen in einem schicken Stadthaus, gelegen in einer Sackgasse in der Upper West Side von Manhatten. Charlie ist als Investmentbanker relativ erfolgreich. Ihre Kinder, die Zwillinge Rachel und Oliver besuchen angesehen Colleges. Und auch Nora hat einen glitzernden Job. Sie leitet ein Museum, in dem seltene und sehr teure Schmuckstücke – zumeist aus privatem Besitz – der Öffentlichkeit gezeigt und günstige Replikate im Museumsshop verkauft werden.

    Zu Anfang scheint die Atmosphäre harmonisch. Die in der Sackgasse wohnenden Familien kennen sich und bilden eine Art eingeschworene Gemeinschaft. Man trifft sich auf der Straße und plauscht; man läd sich gegenseitig ein − sei es zum Neujahrsempfang oder zum Straßenfest. Gegenüber Fremden, einschließlich Mietern, sind die Hauseigentümer dagegen reserviert. Selbst Charlie, der mit Nora und den Kindern schon seit Jahren in der Straße wohnt, fühlt sich erst richtig dazugehörig seit er einen der wenigen Freiluftparkplätze auf der einzigen Brachfläche in der Straße ergattern konnte.

    Der Parkplatz auf der Brachfläche ist also zunächst Grund zur Freude. Er ist aber auch Stein des Anstoßes. Denn Parkplätze sind in Manhatten knapp. Das bekommt insbesondere der Handwerker Ricky zu spüren, der für die Einwohner der Sackgasse regelmäßig, prompt und günstig Reparaturen erledigt. Er findet für seinen Transporter keinen Platz zum Parken und stellt ihn deshalb öfters vor der Brachfläche ab, wodurch die Parkplatzinhaber bei Verlassen des Parkplatzes gezwungen werden, um den Transporter herum zu fahren. Das empfindet insbesondere Jack Fisk, einer der Nachbarn, zunehmend als Affront. Als er sich eines Tages beim Herumfahren um den Transporter den Seitenspiegel abfährt, eskaliert die Situation. Fisk gerät derart in Wut, dass er sich einen Golfschläger aus dem Kofferraum holt und auf den Transporter eindrischt. Ricky, der aufgrund des Lärms herbeieilt, gerät unter die Keule. Ob Fisk absichtlich auf ihn einschlägt oder nicht, das bleibt letztlich streitig. Am Ende hat Ricky ein mehrfach gebrochenes Bein, muss operiert werden und einige Wochen im Krankenhaus verbringen.

    Der Vorfall spaltet die Bewohner der Straße und auch die Familie Nolan. Charlie, der als einziger Zeuge den Vorfall beobachtet hat, bestätigt Fisks Version, dass es sich um einen unbeabsichtigten Unglücksfall gehandelt habe. Nora und die Kinder glauben dagegen Rickys Version, wonach Fisk absichtlich mit dem Golfschläger auf ihn eingeschlagen hat. Nora besucht Ricky im Krankenhaus, muss aber erleben, dass ihre mitfühlende Geste von Rickys Ehefrau als Eindringen in ihre Privatsphäre empfunden und keineswegs goutiert wird. Auch Sherry, Fisks Ehefrau, kritisiert Nora wegen des Krankenbesuchs, da dies die laufenden Schmerzensgeldverhandlungen zu Lasten ihres Mannes beeinflussen könnte.

    Der aufgebrochene Konflikt gibt allen viel zu denken, vor allem Nora. Sie erkennt, dass in ihrem Leben vieles bloß Fassade ist. Genau wie die Stadt Manhatten, ist die Fassade an der Oberfläche glatt und sauber. Aber wenn man darunter sieht, kommen die maroden Kabelschächte zum Vorschein. Nora analysiert ihre Ehe, ihren Job, und sie trifft Entscheidungen.

    Abgesehen von der Frage, ob und wo Nora ihren Platz im Leben finden wird, thematisiert der Roman für mich auch die Frage, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Unterschiedliche Vermögensverhältnisse haben offenbar zu einer Art sozialen Kastenwesen geführt. Jede soziale Schicht lebt in ihrer eigenen Welt und man begegnet sich nur noch auf vorgezeichnetem, bspw. beruflichem Terrain. Ein Überschreiten der Grenzen kann, selbst wenn es gut gemeint ist, schnell als Affront gewertet werden. Ob und gegebenenfalls wie man dem entgegenwirken soll, darauf gibt der Roman keine Antwort. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken.

    Von mir bekommt der Roman vier Sterne und eine Leseempfehlung. Der Stil ist locker und leicht, sodass der Roman mit Genuss gelesen werden kann. Außerdem mag ich Bücher, die mich zum Nachdenken bringen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Nov 2019 

    Veränderungen

    Ein interessantes Buch, bei dem ich eine interessante Autorin kennenlernen durfte, die mir mit ihrer schon recht zynischen Schreibe sehr gefallen hat. Ein Blick auf eine Straße in der Upper West Side in Manhattan, ein Blick auf die wohlsituierten und weißen Einwohner dieser Straße und ihr ach so behütetes Leben, ein Blick auf die Familien und ihr Miteinander, gleichzeitig wirkt dieser Blick auch sehr klischeebehaftet und kleinstädtisch und irgendwie etwas überzeichnet/bildhaft. Die Idylle zerbricht an dem grenzüberschreitenden Gebaren eines der Bewohner der Straße, dass alle anderen Bewohner zwar verabscheuen, aber keiner schreitet ein und versucht das Gebaren dieses Ungeheuers zu beenden und das Ende ist der Verfall der Gemeinschaft der wohlsituierten Bürger dieser Straße. In meinen Augen ist dies ebenso ein Vergleich zu der momentanen Situation im Amerika und nicht nur da. Und der Roman ist eine Geschichte, die mir sehr gefallen hat!
    Innerhalb der Bewohner der Straße sticht die Familie Nolan etwas heraus, Nora und Charlie Nolan, seit 25 Jahren ein Paar, glücklich verheiratet, so meint man. Beide haben zwei Kinder, Zwillinge, Rachel und Oliver, beide sind aus dem Haus, sie studieren. Nora liebt ihren Job im Museum of Jewelry und ihre Familie, Charlie geht es da etwas anders, er ist unzufrieden, mit seinem Job und auch dem Erfolg der Ehefrau. Dann passiert das Unglück. Jack Fisk, Nachbar und Choleriker, überschreitet Grenzen und die Nachbarschaft muss Stellung beziehen. Und über diese Stellungnahmen tun sich Risse im Gefüge der Straße, aber auch im Zusammenleben der Nolans auf. Und die Gemeinschaft reagiert, jeder auf seine Weise.
    Diese Blicke auf die Menschen in New York und ihre etwas besondere Stellung und auch blicke auf New York und das Gefüge dieser Stadt gelingen Anna Quindlen meisterhaft. Sie versteht es sehr gut Menschen in ihren jeweiligen Situationen glaubhaft zu beschreiben und das Interesse des Lesers zu wecken undihre zynische Schreibe ist absolut perfekt dem Thema angepasst. Und ich bin neugierig auf weiteres aus der Feder dieser richtig guten Autorin geworden.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Nov 2019 

    In der Mitte des Lebens

    Nora Nolan sollte zufrieden sein. Sie und ihr Mann Charlie gehören zur New Yorker Upper Middle Class, nennen ein schönes Haus in einer prestigeträchtigen Ecke Manhattans ihr Eigen. Die Kinder sind wohlgeraten und studieren an teuren Unis und beruflich sieht es für Nora ebenfalls sehr gut aus. Als Fundraiserin hat sie sich einen guten Ruf erworben und als sie die Leitung eines neuen Museums übernimmt, geht es noch eine Stufe aufwärts. Aber Charlie sieht es ein wenig anders aus, seine Laufbahn als Investmentbanker stagniert, jüngere, bissigere Leute sind an ihm vorbei gezogen. Noras Erfolg macht ihn neidisch.
    Dann erschüttert ein Vorfall die wohlsituierte Nachbarschaft. Jack Fisk ist mit einem Golfschläger auf den hispanischen Handwerker losgegangen, der seit Jahr und Tag sich um die Kleinreparaturen in der Nachbarschaft kümmert. Nun reißen plötzlich Gräben auf.

    Um es gleich vorweg zu sagen: der Roman hat mir außerordentlich gut gefallen. Er zeichnet ein präzises Gesellschaftsbild, jeder Satz sitzt und legt die Befindlichkeiten der Protagonisten bloß. Wenn zum Beispiel Charlie es als Ritterschlag ansieht, dass er nun einen Parkplatz auf einer begehrten Brachfläche bekommt, merkt man rasch um die Hohlheit seines Daseins. Als er seinen Nachbarn Fisk nach dem tätlichen Angriff noch verteidigt und den Vorfall als Versehen abtut, kommen Nora immer deutlicher Zweifel an Charlies Charakter.

    Ihre Ehe ist nicht mehr gut, sie ist zu einer Zweckgemeinschaft geworden und Nora überlegt, ob Charlies Charakter schon immer so war, oder ob er sich im Lauf der Jahre verändert hat. Aber die beiden Kinder, das gemeinsame Haus und nicht zuletzt der Hund, sind der Kitt der alles noch zusammenhält. „In Wahrheit waren die meisten Ehen doch wie Luftballons: Einige wenige platzten ohne Vorwarnung, aus den allermeisten wich aber langsam die Luft, bis nur noch ein trauriges, knittriges Etwas ohne jeden Auftrieb übrig war.“ oder „Vertrautheit erzeugt Verachtung“, diese Zitate machen Noras Gedanken schon sehr deutlich.
    „Der Platz im Leben“ ist ein Roman, der mich au
    f hohem Niveau bestens unterhalten hat. Ich mochte die Warmherzigkeit, mit der Anna Quindlen ihre Protagonisten beobachtet und denen sie trotzdem auch mit leiser Ironie begegnet. Der Roman ist auch ein Roman New Yorks oder besser Manhattans.

    Die Autorin hat den Pulitzer Preis für ihre journalistischen Arbeiten bekommen und ihre Romane sind Bestseller. Verdient wie ich finde.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Nov 2019 

    Am Scheideweg

    Nora und Charlie Nolan wohnen zusammen mit Hund Homer in einer bevorzugten Wohngegend von New York. Ihre Kinder sind bereits zum Studieren ausgezogen, das Paar kennt sich seit 25 Jahren. Das Haus der Familie steht in einer zurückliegenden Sackgasse, die Nachbarn wechseln selten und kennen einander recht gut. Es gibt regelmäßige Zusammenkünfte, die das Gemeinschaftsgefühl fördern sollen. Der selbst ernannte Blockwart George überwacht mit Akribie, dass die Regeln eingehalten werden.

    Nora liebt New York, es ist ihre Stadt. Dennoch sieht sie die Entwicklung der Metropole, ihrer Bewohner und auch ihre reichen Nachbarn kritisch: „Aber so sehr sie New York auch liebte, manchmal hatte Nora doch das Gefühl, dass es wie die Liebe zu einer alten Freundin war, die sich im Laufe der Jahre sehr verändert und kaum noch Ähnlichkeit mit ihrem früheren Ich hatte.“ (S. 105)

    Nora hadert mit ihrem Platz im Leben. Sie ist genervt von den immer gleichen Gesprächsthemen der Upper-Class-Frauen. Auch ihre Ehe mit Charlie ist in die Jahre gekommen, Nora unterzieht sie im Verlauf des Romans einer aufrichtigen Analyse. Sie fühlt sich selbst zementiert, sieht keinen rechten Sinn in ihrem Job und lebt erst auf, wenn die Kinder nach Hause kommen.

    Charlie ist ein frustrierter Investmentbanker, der es nicht zu dem Erfolg gebracht hat, der ihm einst vorschwebte. Als er einen der begehrten Parkplätze auf dem brachliegenden Anlieger-Grundstück bekommt, ist er außer sich vor Freude, schließlich „gibt es doch kein klareres Symbol dafür, dass man in der Straße angekommen ist“. Nora kann diese Euphorie nicht nachvollziehen. Sie läuft täglich zur Arbeit und hält ein Auto für völlig überflüssig. Dieser Parkplatz wird zum zentralen Schauplatz, als der hispanische Handwerker Enrico brutal von einem der Nachbarn zusammengeschlagen wird. Wie es genau zu dem Vorfall kam, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Schnell entstehen zwei Fraktionen mit den dazugehörenden Wahrheiten, die die Gemeinschaft in der Straße spalten. Und nicht nur sie: Auch innerhalb der Nolans gibt es völlig unterschiedliche Ansätze, was die Wahrheit über den Vorfall betrifft.

    Durch den Konflikt treffen verschiedene Positionen aufeinander. Die Geschichte wird aus dem kritisch-zynischen Blickwinkel Noras erzählt, der mir aufgrund seiner Ehrlichkeit sehr gut gefallen hat. Der Leser erfährt einiges über die Vergangenheit und Entwicklung der Familie Nolan. Nora resümiert kritisch, ob sie auch zu der geworden ist, die sie immer hat sein wollen. Immer mehr Diskrepanzen fallen ihr auf, Veränderungen scheinen vorprogrammiert.

    Die Erzählweise des Romans hat mich sehr eingenommen. Es gibt Textstellen, über die man nachdenken muss, ebenso wie sarkastisch-humorvolle Formulierungen. Das Wesen der Ehe wird besonders mit herrlich einprägsamen Sätzen hervorgehoben wie z.B.: „In Wahrheit waren die meisten Ehen doch wie Luftballons: Einige wenige platzten ohne Vorwarnung, aus den allermeisten wich aber langsam die Luft, bis nur noch ein trauriges, knittriges Etwas ohne jeden Auftrieb übrig war.“ (S. 322)

    Anna Quindlen hat sehr empathisch einen amerikanischen Gesellschafts- und Eheroman geschrieben, der glaubwürdig den Fokus auf die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Lüge, Schein und Sein, Anspruch und Wirklichkeit legt. Viele aktuelle Probleme sowie gesellschaftliche Strömungen tauchen auf und werden thematisiert. Der Mikrokosmos Straße scheint exemplarisch für große Teile der Gesellschaft zu stehen.

    Nora hat den Mut, ihr Leben noch einmal neu zu strukturieren. Der Weg dorthin bleibt bis zum Ende absolut nachvollziehbar und ergibt ein stimmiges Ganzes. Ich habe den Roman genossen und gebe gerne meine Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Nov 2019 

    Amerikanische Schein-Idylle

    Im Mittelpunkt des Romans steht Nora Nolan, aus deren personaler Perspektive der Roman erzählt wird. Nora ist seit 25 Jahren mit ihrem Mann Charlie zusammen und sie leben in Manhattan, West Side, in einer Sackgasse, die wie ein abgeschlossener Lebensraum wirkt:
    "Wer hier ein Haus besaß, hatte nicht nur die eigenen, sondern auch die Kinder der anderen aufwachsen sehen, hatte die Hunde auf ihrem Weg vom Welpen bis zur Gebrechlichkeit und schließlich ins Krematorium auf dem Haustierfriedhof in Hartsdale begleitet. Jeder wusste, wer wann renovierte und wer es sich nicht leisten konnte. Sie hatten alle denselben Handwerker." (9)
    Man kennt sich also gegenseitig. Noras Kinder, die Zwillinge Rachel und Oliver gehen inzwischen aufs College, das Paar hat sich in der Ehe eingerichtet - "Das Eheversprechen, so empfand Nora es seit Langem, kam einem Loyalitätseid gleich." (24) - und auch in ihrem Leben: "Nora erinnerte sich noch gut, was sie selbst alles in den Sand ihrer Zukunft gemalt hatte. Weniger gut erinnerte sie allerdings, wann aus dem Sand Zement geworden war, aus "Der, die ich sein will" ein für alle Mal "die, die ich bin." (35)

    Ein freudiges Ereignis steht zu Beginn der Handlung. Charlie hat endlich einen Parkplatz innerhalb der Sackgasse erhalten - ein Triumph, der ihm zeigt, dass er jetzt wirklich dazugehört. Während er als Investmentbanker mehr oder weniger erfolgreich ist, arbeitet Nora in einem gut gehenden Schmuckmuseum. Alles scheint gut zu sein, doch Konflikte deuten sich an. Warum ruft Charlies Chef Nora an? Will er sie abwerben?
    Auch zwischen George, der sich selbst zum Aufseher über die Straße ernannt hat und den Nora nicht ausstehen kann, und dem Handwerker "Ricky", der lateinamerikanischer Herkunft ist, kommt es zu Unstimmigkeiten, da Ricky mit seinem Lieferwagen angeblich die Einfahrt zum Parkplatz versperrt.

    Auch in der Ehe der Nolans gibt es Konfliktpotential. Charlie straft Nora ab, nachdem er erfahren hat, dass sie ein Gespräch mit seinem Chef geführt hat: "strafendes Schweigen, Vorwürfe, Fragen, weitere Vorwürfe, strafendes Schweigen." (85) Während Nora beruflich gut dasteht, hat Charlie in letzter Zeit eine Flut von Enttäuschungen erlebt, das scheint er nicht zu verkraften.
    In den Mittelpunkt rückt neben diesen Konflikten auch die Stadt New York selbst, deren Veränderungen Nora beobachtet und die sie trotzdem über alles liebt - im Gegensatz zu Charlie, der sie lieber verlassen möchte. Sie erinnert sich zurück an ihre erste Zeit in New York, an ihr Zusammenleben mit ihrer besten Freundin Jenny und wie sie Charlie kennen gelernt hat und stellt fest, dass sie sich genau wie NY selbst verändert hätten - die "Ecken und Kanten, ihre Eigenheiten abgeschliffen" (106) - ihr jüngeres Ich würde sie nicht wiedererkennen.
    Und dann ereignet sich etwas, das die Idylle der Straße zu zerreißen droht. An einem Morgen im Dezember hört Nora auf der Straße ein Geräusch:

    "Am Anfang war nur ein durchdringendes Hämmern zu hören, hinter dem sie zunächst einen Pressluftbohrer vermutete (...). Erst als sie näher kam und die Schreie einsetzten, Schreie, die immer weiter und weiter und weiter gingen, bis sie sich am liebsten wie ein Kind die Ohren zugehalten hätte, wurde ihr klar, was dieses letzte Geräusch gewesen war: Jack Fisk [ein cholerischer Anwohner der Straße], der Ricky mit einem Golfschläger seitlich ans Bein hieb" (130), während Charlie versucht, ihn davon abzuhalten.

    Dieses Ereignis spaltet die Straße, unterschiedliche Geschichten des Ereignisses zwingen die Anwohner sich auf eine Seite zu stellen. Offen treten die sozialen Unterschiede zwischen der privilegierten Mittelschicht und denen, die für sie arbeiten, zutage. Auf welche Seite sich Nora stellen wird, ist aufgrund ihres empathischen Verhaltens offensichtlich, doch wie positionieren sich die anderen? Nicht zufällig sucht eine Rattenplage die Straße heim und trübt das bisher friedliche Zusammenleben.

    Der Vorfall hat Auswirkungen auf alle, auch auf die Ehe der Nolans und deren Familie.
    "Die Menschen gehen im dem Glauben durchs Leben, wie würden Entscheidungen treffen, dabei machen sie im Grunde nur Pläne, was keineswegs das Gleiche ist. Unterwegs nehmen sie ein wenig Schaden, es entstehen lauter kleine Risse, auch wenn sie ganz bleiben, sind sie doch ein wenig lädiert." (358)

    Ein kluger Roman über die unsichtbare Linie, die die sozialen Schichten in New York trotz aller Veränderungen immer noch trennt. Über die Frage, wie lange man eine Ehe aufrecht halten kann, darüber, wann man die Loyalität aufkündigen muss, um sich selbst treu zu bleiben.

    Klare Leseempfehlung!