Der Platz im Leben: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Platz im Leben: Roman' von Anna Quindlen
3.9
3.9 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Platz im Leben: Roman"

Bis zu jenem Tag, an dem ein brutaler Vorfall die Nachbarschaft erschütterte, glaubte Nora, dass sie glücklicher kaum sein könnte: Sie ist seit gut 25 Jahren mit Charlie zusammen, die Zwillinge sind auf hervorragenden Colleges, sie liebt ihre Arbeit im Museum of Jewelry, und mit einem stilvollen Haus in New Yorks bemittelter Upper West Side hat sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. Doch plötzlich hat das friedliche Miteinander in ihrer Straße ein Ende. Jeder ist gezwungen, Stellung zu beziehen – Gräben tun sich auf, zwischen Nachbarn, Freunden, Familien und auch in Noras Ehe, und sie muss sich fragen, wo ihr Platz im Leben wirklich ist.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:330
EAN:9783328600701

Rezensionen zu "Der Platz im Leben: Roman"

  1. Scharfsichtige und warmherzige Unterhaltung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Jan 2020 

    Der Roman „Ein Platz im Leben“ der Amerikanerin Anne Quindlen ist ein Plädoyer dafür, sich aufzuraffen und sich immer wieder neu zu erfinden, es ist ein Familienroman, ein virtuoser Gesellschaftsroman mit scharfem Blick auf eine zerbröselnde liberale Gemeinschaft und eine gelungene Hommage an die Stadt New York, das alles auf sprachlich hohem Niveau und sehr gut übersetzt von Tanja Handels.

    Von Anfang an nimmt das Buch den Leser gefangen, auch wenn nicht allzu viel passiert und sich vieles in einer Sackgasse der Stadt New York innerhalb einer ziemlich abgeschotteten Gemeinschaft abspielt. Aber genau darin liegt wohl der große Reiz der Geschichte, die von Nora Nolan und ihrem Ehemann Charlie erzählt, von ihren Nachbarn und Bekannten, die alle mehr oder weniger glücklich im Wohlstand in New Yorks Upper East Side in stilvollen Stadthäusern leben. Nora Nolan glaubt glücklich zu sein mit ihrer Ehe, mit den fast erwachsenen Zwillingen und ihrem Job im Museum of Jewelry. Alles scheint perfekt, angefangen von ihren Kindern, die an hervorragenden Colleges untergebracht sind bis hin zu ihrem Traumhaus, das herrschaftlich-stilvolles Ambiente für Nachbarschaftsfeste bietet. Alle halten sich für unglaublich liberal, zahlen sie doch ihren südamerikanischen Hausangestellten einen extra Weihnachtsbonus und behandeln den puertoricanischen Handwerker der Straße, Ricky, scheinbar wie einen Gleichgestellten. Doch die Gemeinschaft, in der sie sich mit ihrer Familie bewegt, bröckelt, so wie ihre Ehe und so wie auch der altherrschaftliche Stadtteil, und ein überraschend brutales Ereignis in der Nachbarschaft spaltet die Bewohner in Lager. Nora muss erkennen, dass die Krise des liberalen Amerika auch ihre ruhige Sackgasse erreicht hat, dass eben nicht überall gleiches Recht für alle gilt sondern große gesellschaftliche Abschottung zwischen Reich und Arm herrscht, die sie mitgetragen hat. Nora, in mittleren Jahren, sucht ihren Platz neu, und das nicht nur innerhalb der Nachbarschaft, sondern auch für ihr Eheleben und für ihren Job.

    Feinsinnig, mitfühlend, sprachlich virtuos und voller kluger Wärme nimmt die preisgekrönte Autorin den Leser mit, läßt an Noras Träumen und Wünschen teilhaben und erzeugt durch viele kleine Episoden Spannung beim Lesen. Man liebt die Protagonistin, die sich voller Mut aufrafft und den Gegebenheiten ins Auge sieht, einen völlig neuen Weg geht und das letzten Endes leichten Herzens und mit der nötigen Weisheit.
    Die Entwicklung der zusammengewürfelten Gemeinschaft wird sehr genau ausgeleuchtet, Scheinheiligkeiten haben keinen Platz mehr, und ohne viel Pathos mit scharfem Fokus verfolgt der Leser den Zusammenbruch dort, wo es eigentlich auch vor dem Schlüsselereignis kein Füreinander gab.
    Sprachlich großartig geschrieben ist das Buch für mich höchst unterhaltsam, hellsichtig und mit einem äußerst glaubwürdigen Ende verhaltener Hoffnung. Was will man mehr?

  1. Raus aus der Sackgasse!

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Dez 2019 

    Eine kleine Sackgasse in einem besseren Viertel von New York City, dort leben Nora und Charlie Nolan schon seit vielen Jahren. Ihre Zwillinge sind dort groß geworden. Mit den Nachbarn haben sie regen Kontakt. Es ist eine gute Gegend für gehobene, gutverdienende, bildungsaffine Leute. So scheint es und es könnte besser wohl nicht sein. Bis ein außergewöhnlicher Akt der Gewalt, das Gefüge in der Gasse völlig auseinander reißt.
    Es sind Stadtneurotiker der nächsten Generation, die Anna Quindlen in ihrem Roman „Der Platz im Leben“ beschreibt. Nicht die intellektuellen Träumer im Aufbruch, sondern die die festgefahrenen, wohlstandssaturierten Langweiler und Spießer. Erst ein Anstoß von außen lässt die Fassade der Gemeinschaft, aber auch die persönlichen Bindung zwischen Nora und Charlie bröckeln. Anna Quindlen spielt mit Bildern, das Feststecken in der Sackgasse, der Unrat, der nach einem Gebrechen aus dem aufgebrochenen Asphalt quillt, Nora, die ein Puppenheim verlässt. Der eine Anstoß, der von außen kommt, veranlasst Nora ihre Ehe, ihre Berufswahl, ihr ganzes Leben überdenken.
    Die Geschichte, die zunächst sehr zäh und mit Klischees vollbeladen vor sich hin dümpelt, bietet nicht viel von Interesse. Belangloses Jammern auf sehr hohem Niveau über Parkplätze (!) beherrscht den Anfang. Gelegentlich geheimnisvolle Notizen eines unsichtbaren Grundstückseigentümers, sollen vielleicht gespanntes Interesse wecken. Die Auflösung dazu ist im Übrigen genauso trivial, wie rätselhaft platzierte Hundekotsäckchen. Diese Sorgen möchte wohl jeder gerne haben. Zeitweise fühlte ich mich wie in einer urbanen Wisteria Lane. Der „Vorfall“ der die schöne Welt zum Kippen bringt, bringt auch die Geschichte mehr in Fahrt. Ab da ging es mir mit dem Buch besser. Aber von der anfänglichen Schlafkrankheit habe ich mich bis zum Schluss nicht ganz erholt. Schade, denn ich hatte mir mehr von diesem Roman versprochen.

  1. Gepflegte Langeweile...

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 10. Dez 2019 

    Bis zu jenem Tag, an dem ein brutaler Vorfall die Nachbarschaft erschütterte, glaubte Nora, dass sie glücklicher kaum sein könnte: Sie ist seit gut 25 Jahren mit Charlie zusammen, die Zwillinge sind auf hervorragenden Colleges, sie liebt ihre Arbeit im Museum of Jewelry, und mit einem stilvollen Haus in New Yorks bemittelter Upper West Side hat sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. Doch plötzlich hat das friedliche Miteinander in ihrer Straße ein Ende. Jeder ist gezwungen, Stellung zu beziehen – Gräben tun sich auf, zwischen Nachbarn, Freunden, Familien und auch in Noras Ehe, und sie muss sich fragen, wo ihr Platz im Leben wirklich ist.

    Nora und ihr Mann Charlie leben bereits seit Jahren in einer Sackgasse eines gehobenen New Yorker Viertels. Die Nachbarschaft ist eine eingeschworene Gemeinschaft mit traditionellen Festen und Zusammenkünften. Als es zu einem unvorhergesehenen Zwischenfall kommt, gerät alles zunehmend aus den Fugen.

    Ricky, der hispanische Handwerker, der für die gesamte Nachbarschaft arbeitet, wird von einem der Nachbarn brutal mit einem Golfschläger zusammengeschlagen. Fortan kursieren zwei verschiedene Versionen des Geschehens, und die Anwohner der Straße teilen sich in unterschiedliche Lager auf, je nachdem, welcher Version sie Glauben schenken mögen. Ein feiner Riss zieht sich durch die Nachbarschaft und wird täglich größer - und macht auch vor der Ehe von Nora und Charlie nicht Halt...

    Wer hier (wie ich) ein feinsinniges Kammerspiel erwartet oder gar ein spannendes Psychodrama, wird wohl eher enttäuscht. Stattdesssen entspinnt sich hier die langatmig erzählte Geschichte einer Ehe, die durch einen äußeren Auslöser zu zerbrechen droht. Rückblenden in die Vergangenheit gehören ebenso dazu wie Reflektionen über das Hier und Jetzt, Entscheidungen werden in Frage gestellt und bereits vorhandene Gräben anscheinend zunehmend unüberbrückbar.

    Eine gut situierte New Yorker Familie, deren Mitglieder sich auseinander entwickeln, zu unterschiedlich in ihren Lebensentwürfen und -planungen. Bewusste Entscheidungen werden dabei nur wenige getroffen, vieles geschieht einfach und muss dann hinsichtlich der Folgen näher betrachtet werden. Den einzigen Knall gibt es auf dem Parkplatz, auf dem Ricky brutal zusammengeschlagen wird. Alles andere ist - gepflegte Langeweile. Zumindest in meinen Augen...

    Stets habe ich darauf gewartet, dass etwas Spektakuläres geschieht, auf Streitigkeiten gelauert, doch gab es davon nur wenige. Eine unspektakuläre und lahme Handlung - dies war der Eindruck, der sich mir ständig wieder aufdrängte - meist schon nach wenigen Seiten.Entsprechend lange habe ich an diesem Roman gelesen, dabei stets auch darauf lauernd, womöglich eine versteckte Botschaft zu entdecken. Doch gefunden habe ich nichts...

    Eine zähe Handlung mit für mich unnahbaren Charakteren - hier gab es nichts, was mich zu dem Roman hinzog. Ob in China nun ein Sack Reis umfällt oder ich diesen Roman lese hinterlässt bei mir weitesgehend denselben Effekt: uninteressant...

    Schade - diesen Roman hätte ich gerne mehr gemocht...

    © Parden

  1. Ein Parkplatzvorfall mit Folgen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Nov 2019 

    In Anna Quindlens neuem Roman: "Der Platz im Leben" beginnt alles mit einem Parkplatz. Das Parkplatzthema taucht in der Originalausgabe bereits im Titel auf. "Alternate Side" bezieht sich auf Parkvorschriften in einigen Großstädten, bei denen man nach einem bestimmten System entweder auf der rechten oder linken Straßenseite parken darf.
    Die zentralen Figuren im Roman sind Nora und Charlie Nolan. Das Ehepaar wohnt seit vielen Jahren in einer wohlhabenden Gegend in New York, in ihrem eigenen schönen viktorianischen Haus. Sie haben dort ihre beiden Kinder groß gezogen und, auch mithilfe iherer Hunde, gute Beziehungen zu den Nachbarn aufgebaut. In dieser Straße, einer der wenigen Sackgassen in New York, dient ein unbebautes Grundstück als Parkplatz, auf dem allerdings nur sechts Autos Platz haben. Einen dieser Parkplätze zu besitzen ist also ein großes Privileg und mit hohem Prestige verbunden. Entsprechend begeistert reagiert Charlie, als er erfährt, dass er nach vielen Jahren nun endlich einen der Plätze mieten kann. Nun gehört er zur Elite der Straße.
    Am unteren Ende der Hierarchie dieser Nachbarschaft, die wie ein Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft wirkt, stehen die Kindermädchen, Köche, Haushaltshilfen und Handwerker, die für die Hausbesitzer arbeiten. Sie stammen typischerweise aus Lateinamerika oder Jamaika. Selbstverständlich dürfen diese unter keinen Umständen, auch nur kurzfristig ihre Autos auf oder vor dem Parkplatz abstellen. Ricky, der Hausmeister der Straße, missachtet dieses Tabu von Zeit zu Zeit, was immer wieder zu Konflikten führt, die in einem, von den Anwohnern so genannten "Parkplatzvorfall" gipfelt.

    Nach diesem Vorfall bleibt nicht mehr wie es war. Die Beziehungen in der Nachbarschaft beginnen sich zu verschieben, denn die Nachbarn ergreifen für die eine oder ander Seite Partei. Wie in dem Parksystem müssen sich alle Beteiligen für eine Seite entscheiden. Nora und Charlie sind auf unterschiedlichen Seiten, was zu Spannungen in der Ehe führt. Um die Ehe der Nolans stand es auch vorher nicht mehr zum Besten, die Ehe war mit den Jahren zur Routine geworden. Die mit dem Parkplatz verbundenen Emotionen bringen nun endlich die Energie für Entscheidungen.

    Anna Quindlens Roman: "Der Platz im Leben" ist eine Gesellschaftsstudie der New Yorker oberen Mittelschicht. Erzählt wird die Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Nora, einer überaus sympathischen Romanfigur. Nora ist klug, empathisch und vor allem mit einer feinen ironischen Distanz sich selbst und anderen gegenüber ausgestattet. "Ich bin New Yorkerin...Zynismus ist meine Religion."
    Erzählt wird in einer leichten, eingängigen Sprache, mit eingestreuten Rückblenden und Anekdoten. Zusammen mit dem immer wieder aufblitzendem feinen Humor wird so die Lektüre zu einem Lesevergnügen, zumal man sich über viele lebenskluge Formulierungen freunden darf. " In Wahrheit waren die meisten Ehen wie Luftballons: einige wenige platzen ohne Vorwarnung, aus den allermeisten aber wich langsam die Luft, bis nur noch ein trauriges, knittriges Etwas ohne jeden Auftrieb übrig war."

    Unter die Haut geht der Roman allerdings nicht - das will er auch gar nicht. Dafür handelt er zu sehr von Luxusproblemen, mit denen sich die reichen New Yorker beschäftigen, also Problemen, die nicht gerade existenziell wirken. Negative Seiten des Lebens im reichen New York wie die großen sozialen Unterschiede und der Erfolgsdruck, der auf allen lastet, werden leicht bekömmlich dargestellt.

    Insgesamt ein empfehlenswerter Roman, eine Gesellschaftsstudie und ein Stadtroman, geschrieben aus einer liebevollen und letzendlich versöhnlichen Perspektive.

  1. Wie willst du leben?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Nov 2019 

    Nora und Charlie Nolan führen ein scheinbar perfektes Leben. Sie wohnen in einem schicken Stadthaus, gelegen in einer Sackgasse in der Upper West Side von Manhatten. Charlie ist als Investmentbanker relativ erfolgreich. Ihre Kinder, die Zwillinge Rachel und Oliver besuchen angesehen Colleges. Und auch Nora hat einen glitzernden Job. Sie leitet ein Museum, in dem seltene und sehr teure Schmuckstücke – zumeist aus privatem Besitz – der Öffentlichkeit gezeigt und günstige Replikate im Museumsshop verkauft werden.

    Zu Anfang scheint die Atmosphäre harmonisch. Die in der Sackgasse wohnenden Familien kennen sich und bilden eine Art eingeschworene Gemeinschaft. Man trifft sich auf der Straße und plauscht; man läd sich gegenseitig ein − sei es zum Neujahrsempfang oder zum Straßenfest. Gegenüber Fremden, einschließlich Mietern, sind die Hauseigentümer dagegen reserviert. Selbst Charlie, der mit Nora und den Kindern schon seit Jahren in der Straße wohnt, fühlt sich erst richtig dazugehörig seit er einen der wenigen Freiluftparkplätze auf der einzigen Brachfläche in der Straße ergattern konnte.

    Der Parkplatz auf der Brachfläche ist also zunächst Grund zur Freude. Er ist aber auch Stein des Anstoßes. Denn Parkplätze sind in Manhatten knapp. Das bekommt insbesondere der Handwerker Ricky zu spüren, der für die Einwohner der Sackgasse regelmäßig, prompt und günstig Reparaturen erledigt. Er findet für seinen Transporter keinen Platz zum Parken und stellt ihn deshalb öfters vor der Brachfläche ab, wodurch die Parkplatzinhaber bei Verlassen des Parkplatzes gezwungen werden, um den Transporter herum zu fahren. Das empfindet insbesondere Jack Fisk, einer der Nachbarn, zunehmend als Affront. Als er sich eines Tages beim Herumfahren um den Transporter den Seitenspiegel abfährt, eskaliert die Situation. Fisk gerät derart in Wut, dass er sich einen Golfschläger aus dem Kofferraum holt und auf den Transporter eindrischt. Ricky, der aufgrund des Lärms herbeieilt, gerät unter die Keule. Ob Fisk absichtlich auf ihn einschlägt oder nicht, das bleibt letztlich streitig. Am Ende hat Ricky ein mehrfach gebrochenes Bein, muss operiert werden und einige Wochen im Krankenhaus verbringen.

    Der Vorfall spaltet die Bewohner der Straße und auch die Familie Nolan. Charlie, der als einziger Zeuge den Vorfall beobachtet hat, bestätigt Fisks Version, dass es sich um einen unbeabsichtigten Unglücksfall gehandelt habe. Nora und die Kinder glauben dagegen Rickys Version, wonach Fisk absichtlich mit dem Golfschläger auf ihn eingeschlagen hat. Nora besucht Ricky im Krankenhaus, muss aber erleben, dass ihre mitfühlende Geste von Rickys Ehefrau als Eindringen in ihre Privatsphäre empfunden und keineswegs goutiert wird. Auch Sherry, Fisks Ehefrau, kritisiert Nora wegen des Krankenbesuchs, da dies die laufenden Schmerzensgeldverhandlungen zu Lasten ihres Mannes beeinflussen könnte.

    Der aufgebrochene Konflikt gibt allen viel zu denken, vor allem Nora. Sie erkennt, dass in ihrem Leben vieles bloß Fassade ist. Genau wie die Stadt Manhatten, ist die Fassade an der Oberfläche glatt und sauber. Aber wenn man darunter sieht, kommen die maroden Kabelschächte zum Vorschein. Nora analysiert ihre Ehe, ihren Job, und sie trifft Entscheidungen.

    Abgesehen von der Frage, ob und wo Nora ihren Platz im Leben finden wird, thematisiert der Roman für mich auch die Frage, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Unterschiedliche Vermögensverhältnisse haben offenbar zu einer Art sozialen Kastenwesen geführt. Jede soziale Schicht lebt in ihrer eigenen Welt und man begegnet sich nur noch auf vorgezeichnetem, bspw. beruflichem Terrain. Ein Überschreiten der Grenzen kann, selbst wenn es gut gemeint ist, schnell als Affront gewertet werden. Ob und gegebenenfalls wie man dem entgegenwirken soll, darauf gibt der Roman keine Antwort. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken.

    Von mir bekommt der Roman vier Sterne und eine Leseempfehlung. Der Stil ist locker und leicht, sodass der Roman mit Genuss gelesen werden kann. Außerdem mag ich Bücher, die mich zum Nachdenken bringen.

  1. Veränderungen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Nov 2019 

    Ein interessantes Buch, bei dem ich eine interessante Autorin kennenlernen durfte, die mir mit ihrer schon recht zynischen Schreibe sehr gefallen hat. Ein Blick auf eine Straße in der Upper West Side in Manhattan, ein Blick auf die wohlsituierten und weißen Einwohner dieser Straße und ihr ach so behütetes Leben, ein Blick auf die Familien und ihr Miteinander, gleichzeitig wirkt dieser Blick auch sehr klischeebehaftet und kleinstädtisch und irgendwie etwas überzeichnet/bildhaft. Die Idylle zerbricht an dem grenzüberschreitenden Gebaren eines der Bewohner der Straße, dass alle anderen Bewohner zwar verabscheuen, aber keiner schreitet ein und versucht das Gebaren dieses Ungeheuers zu beenden und das Ende ist der Verfall der Gemeinschaft der wohlsituierten Bürger dieser Straße. In meinen Augen ist dies ebenso ein Vergleich zu der momentanen Situation im Amerika und nicht nur da. Und der Roman ist eine Geschichte, die mir sehr gefallen hat!
    Innerhalb der Bewohner der Straße sticht die Familie Nolan etwas heraus, Nora und Charlie Nolan, seit 25 Jahren ein Paar, glücklich verheiratet, so meint man. Beide haben zwei Kinder, Zwillinge, Rachel und Oliver, beide sind aus dem Haus, sie studieren. Nora liebt ihren Job im Museum of Jewelry und ihre Familie, Charlie geht es da etwas anders, er ist unzufrieden, mit seinem Job und auch dem Erfolg der Ehefrau. Dann passiert das Unglück. Jack Fisk, Nachbar und Choleriker, überschreitet Grenzen und die Nachbarschaft muss Stellung beziehen. Und über diese Stellungnahmen tun sich Risse im Gefüge der Straße, aber auch im Zusammenleben der Nolans auf. Und die Gemeinschaft reagiert, jeder auf seine Weise.
    Diese Blicke auf die Menschen in New York und ihre etwas besondere Stellung und auch blicke auf New York und das Gefüge dieser Stadt gelingen Anna Quindlen meisterhaft. Sie versteht es sehr gut Menschen in ihren jeweiligen Situationen glaubhaft zu beschreiben und das Interesse des Lesers zu wecken undihre zynische Schreibe ist absolut perfekt dem Thema angepasst. Und ich bin neugierig auf weiteres aus der Feder dieser richtig guten Autorin geworden.

  1. In der Mitte des Lebens

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Nov 2019 

    Nora Nolan sollte zufrieden sein. Sie und ihr Mann Charlie gehören zur New Yorker Upper Middle Class, nennen ein schönes Haus in einer prestigeträchtigen Ecke Manhattans ihr Eigen. Die Kinder sind wohlgeraten und studieren an teuren Unis und beruflich sieht es für Nora ebenfalls sehr gut aus. Als Fundraiserin hat sie sich einen guten Ruf erworben und als sie die Leitung eines neuen Museums übernimmt, geht es noch eine Stufe aufwärts. Aber Charlie sieht es ein wenig anders aus, seine Laufbahn als Investmentbanker stagniert, jüngere, bissigere Leute sind an ihm vorbei gezogen. Noras Erfolg macht ihn neidisch.
    Dann erschüttert ein Vorfall die wohlsituierte Nachbarschaft. Jack Fisk ist mit einem Golfschläger auf den hispanischen Handwerker losgegangen, der seit Jahr und Tag sich um die Kleinreparaturen in der Nachbarschaft kümmert. Nun reißen plötzlich Gräben auf.

    Um es gleich vorweg zu sagen: der Roman hat mir außerordentlich gut gefallen. Er zeichnet ein präzises Gesellschaftsbild, jeder Satz sitzt und legt die Befindlichkeiten der Protagonisten bloß. Wenn zum Beispiel Charlie es als Ritterschlag ansieht, dass er nun einen Parkplatz auf einer begehrten Brachfläche bekommt, merkt man rasch um die Hohlheit seines Daseins. Als er seinen Nachbarn Fisk nach dem tätlichen Angriff noch verteidigt und den Vorfall als Versehen abtut, kommen Nora immer deutlicher Zweifel an Charlies Charakter.

    Ihre Ehe ist nicht mehr gut, sie ist zu einer Zweckgemeinschaft geworden und Nora überlegt, ob Charlies Charakter schon immer so war, oder ob er sich im Lauf der Jahre verändert hat. Aber die beiden Kinder, das gemeinsame Haus und nicht zuletzt der Hund, sind der Kitt der alles noch zusammenhält. „In Wahrheit waren die meisten Ehen doch wie Luftballons: Einige wenige platzten ohne Vorwarnung, aus den allermeisten wich aber langsam die Luft, bis nur noch ein trauriges, knittriges Etwas ohne jeden Auftrieb übrig war.“ oder „Vertrautheit erzeugt Verachtung“, diese Zitate machen Noras Gedanken schon sehr deutlich.
    „Der Platz im Leben“ ist ein Roman, der mich au
    f hohem Niveau bestens unterhalten hat. Ich mochte die Warmherzigkeit, mit der Anna Quindlen ihre Protagonisten beobachtet und denen sie trotzdem auch mit leiser Ironie begegnet. Der Roman ist auch ein Roman New Yorks oder besser Manhattans.

    Die Autorin hat den Pulitzer Preis für ihre journalistischen Arbeiten bekommen und ihre Romane sind Bestseller. Verdient wie ich finde.

  1. Am Scheideweg

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Nov 2019 

    Nora und Charlie Nolan wohnen zusammen mit Hund Homer in einer bevorzugten Wohngegend von New York. Ihre Kinder sind bereits zum Studieren ausgezogen, das Paar kennt sich seit 25 Jahren. Das Haus der Familie steht in einer zurückliegenden Sackgasse, die Nachbarn wechseln selten und kennen einander recht gut. Es gibt regelmäßige Zusammenkünfte, die das Gemeinschaftsgefühl fördern sollen. Der selbst ernannte Blockwart George überwacht mit Akribie, dass die Regeln eingehalten werden.

    Nora liebt New York, es ist ihre Stadt. Dennoch sieht sie die Entwicklung der Metropole, ihrer Bewohner und auch ihre reichen Nachbarn kritisch: „Aber so sehr sie New York auch liebte, manchmal hatte Nora doch das Gefühl, dass es wie die Liebe zu einer alten Freundin war, die sich im Laufe der Jahre sehr verändert und kaum noch Ähnlichkeit mit ihrem früheren Ich hatte.“ (S. 105)

    Nora hadert mit ihrem Platz im Leben. Sie ist genervt von den immer gleichen Gesprächsthemen der Upper-Class-Frauen. Auch ihre Ehe mit Charlie ist in die Jahre gekommen, Nora unterzieht sie im Verlauf des Romans einer aufrichtigen Analyse. Sie fühlt sich selbst zementiert, sieht keinen rechten Sinn in ihrem Job und lebt erst auf, wenn die Kinder nach Hause kommen.

    Charlie ist ein frustrierter Investmentbanker, der es nicht zu dem Erfolg gebracht hat, der ihm einst vorschwebte. Als er einen der begehrten Parkplätze auf dem brachliegenden Anlieger-Grundstück bekommt, ist er außer sich vor Freude, schließlich „gibt es doch kein klareres Symbol dafür, dass man in der Straße angekommen ist“. Nora kann diese Euphorie nicht nachvollziehen. Sie läuft täglich zur Arbeit und hält ein Auto für völlig überflüssig. Dieser Parkplatz wird zum zentralen Schauplatz, als der hispanische Handwerker Enrico brutal von einem der Nachbarn zusammengeschlagen wird. Wie es genau zu dem Vorfall kam, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Schnell entstehen zwei Fraktionen mit den dazugehörenden Wahrheiten, die die Gemeinschaft in der Straße spalten. Und nicht nur sie: Auch innerhalb der Nolans gibt es völlig unterschiedliche Ansätze, was die Wahrheit über den Vorfall betrifft.

    Durch den Konflikt treffen verschiedene Positionen aufeinander. Die Geschichte wird aus dem kritisch-zynischen Blickwinkel Noras erzählt, der mir aufgrund seiner Ehrlichkeit sehr gut gefallen hat. Der Leser erfährt einiges über die Vergangenheit und Entwicklung der Familie Nolan. Nora resümiert kritisch, ob sie auch zu der geworden ist, die sie immer hat sein wollen. Immer mehr Diskrepanzen fallen ihr auf, Veränderungen scheinen vorprogrammiert.

    Die Erzählweise des Romans hat mich sehr eingenommen. Es gibt Textstellen, über die man nachdenken muss, ebenso wie sarkastisch-humorvolle Formulierungen. Das Wesen der Ehe wird besonders mit herrlich einprägsamen Sätzen hervorgehoben wie z.B.: „In Wahrheit waren die meisten Ehen doch wie Luftballons: Einige wenige platzten ohne Vorwarnung, aus den allermeisten wich aber langsam die Luft, bis nur noch ein trauriges, knittriges Etwas ohne jeden Auftrieb übrig war.“ (S. 322)

    Anna Quindlen hat sehr empathisch einen amerikanischen Gesellschafts- und Eheroman geschrieben, der glaubwürdig den Fokus auf die Diskrepanz zwischen Wahrheit und Lüge, Schein und Sein, Anspruch und Wirklichkeit legt. Viele aktuelle Probleme sowie gesellschaftliche Strömungen tauchen auf und werden thematisiert. Der Mikrokosmos Straße scheint exemplarisch für große Teile der Gesellschaft zu stehen.

    Nora hat den Mut, ihr Leben noch einmal neu zu strukturieren. Der Weg dorthin bleibt bis zum Ende absolut nachvollziehbar und ergibt ein stimmiges Ganzes. Ich habe den Roman genossen und gebe gerne meine Leseempfehlung.

  1. Amerikanische Schein-Idylle

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Nov 2019 

    Im Mittelpunkt des Romans steht Nora Nolan, aus deren personaler Perspektive der Roman erzählt wird. Nora ist seit 25 Jahren mit ihrem Mann Charlie zusammen und sie leben in Manhattan, West Side, in einer Sackgasse, die wie ein abgeschlossener Lebensraum wirkt:
    "Wer hier ein Haus besaß, hatte nicht nur die eigenen, sondern auch die Kinder der anderen aufwachsen sehen, hatte die Hunde auf ihrem Weg vom Welpen bis zur Gebrechlichkeit und schließlich ins Krematorium auf dem Haustierfriedhof in Hartsdale begleitet. Jeder wusste, wer wann renovierte und wer es sich nicht leisten konnte. Sie hatten alle denselben Handwerker." (9)
    Man kennt sich also gegenseitig. Noras Kinder, die Zwillinge Rachel und Oliver gehen inzwischen aufs College, das Paar hat sich in der Ehe eingerichtet - "Das Eheversprechen, so empfand Nora es seit Langem, kam einem Loyalitätseid gleich." (24) - und auch in ihrem Leben: "Nora erinnerte sich noch gut, was sie selbst alles in den Sand ihrer Zukunft gemalt hatte. Weniger gut erinnerte sie allerdings, wann aus dem Sand Zement geworden war, aus "Der, die ich sein will" ein für alle Mal "die, die ich bin." (35)

    Ein freudiges Ereignis steht zu Beginn der Handlung. Charlie hat endlich einen Parkplatz innerhalb der Sackgasse erhalten - ein Triumph, der ihm zeigt, dass er jetzt wirklich dazugehört. Während er als Investmentbanker mehr oder weniger erfolgreich ist, arbeitet Nora in einem gut gehenden Schmuckmuseum. Alles scheint gut zu sein, doch Konflikte deuten sich an. Warum ruft Charlies Chef Nora an? Will er sie abwerben?
    Auch zwischen George, der sich selbst zum Aufseher über die Straße ernannt hat und den Nora nicht ausstehen kann, und dem Handwerker "Ricky", der lateinamerikanischer Herkunft ist, kommt es zu Unstimmigkeiten, da Ricky mit seinem Lieferwagen angeblich die Einfahrt zum Parkplatz versperrt.

    Auch in der Ehe der Nolans gibt es Konfliktpotential. Charlie straft Nora ab, nachdem er erfahren hat, dass sie ein Gespräch mit seinem Chef geführt hat: "strafendes Schweigen, Vorwürfe, Fragen, weitere Vorwürfe, strafendes Schweigen." (85) Während Nora beruflich gut dasteht, hat Charlie in letzter Zeit eine Flut von Enttäuschungen erlebt, das scheint er nicht zu verkraften.
    In den Mittelpunkt rückt neben diesen Konflikten auch die Stadt New York selbst, deren Veränderungen Nora beobachtet und die sie trotzdem über alles liebt - im Gegensatz zu Charlie, der sie lieber verlassen möchte. Sie erinnert sich zurück an ihre erste Zeit in New York, an ihr Zusammenleben mit ihrer besten Freundin Jenny und wie sie Charlie kennen gelernt hat und stellt fest, dass sie sich genau wie NY selbst verändert hätten - die "Ecken und Kanten, ihre Eigenheiten abgeschliffen" (106) - ihr jüngeres Ich würde sie nicht wiedererkennen.
    Und dann ereignet sich etwas, das die Idylle der Straße zu zerreißen droht. An einem Morgen im Dezember hört Nora auf der Straße ein Geräusch:

    "Am Anfang war nur ein durchdringendes Hämmern zu hören, hinter dem sie zunächst einen Pressluftbohrer vermutete (...). Erst als sie näher kam und die Schreie einsetzten, Schreie, die immer weiter und weiter und weiter gingen, bis sie sich am liebsten wie ein Kind die Ohren zugehalten hätte, wurde ihr klar, was dieses letzte Geräusch gewesen war: Jack Fisk [ein cholerischer Anwohner der Straße], der Ricky mit einem Golfschläger seitlich ans Bein hieb" (130), während Charlie versucht, ihn davon abzuhalten.

    Dieses Ereignis spaltet die Straße, unterschiedliche Geschichten des Ereignisses zwingen die Anwohner sich auf eine Seite zu stellen. Offen treten die sozialen Unterschiede zwischen der privilegierten Mittelschicht und denen, die für sie arbeiten, zutage. Auf welche Seite sich Nora stellen wird, ist aufgrund ihres empathischen Verhaltens offensichtlich, doch wie positionieren sich die anderen? Nicht zufällig sucht eine Rattenplage die Straße heim und trübt das bisher friedliche Zusammenleben.

    Der Vorfall hat Auswirkungen auf alle, auch auf die Ehe der Nolans und deren Familie.
    "Die Menschen gehen im dem Glauben durchs Leben, wie würden Entscheidungen treffen, dabei machen sie im Grunde nur Pläne, was keineswegs das Gleiche ist. Unterwegs nehmen sie ein wenig Schaden, es entstehen lauter kleine Risse, auch wenn sie ganz bleiben, sind sie doch ein wenig lädiert." (358)

    Ein kluger Roman über die unsichtbare Linie, die die sozialen Schichten in New York trotz aller Veränderungen immer noch trennt. Über die Frage, wie lange man eine Ehe aufrecht halten kann, darüber, wann man die Loyalität aufkündigen muss, um sich selbst treu zu bleiben.

    Klare Leseempfehlung!