Der letzte Überlebende: Wie ich dem Holocaust entkam

Rezensionen zu "Der letzte Überlebende: Wie ich dem Holocaust entkam"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Apr 2017 

    Der letzte Überlebende

    Sam Pivnik
    Der letzte Überlebende
    Theiss

    Autor: 1926 geboren, wächst Sam im schönen oberschlesischen Städtchen Bedzin auf. Am 1. September 1939, Sams 13. Geburtstag, überfallen die Deutschen Polen. Über das, was dann geschah, hat Sam Pivnik lange geschwiegen. Er lebt heute in einem Seniorenheim in London. (Quelle: Theiss)

    Sam lebt mit seiner Familie in Bedzin. An seinem Geburtstag 1939 spielt er mit seinen Freunden Fußball, als plötzlich der Trubel beginnt. Von einer Menschenmenge umringt setzen die Soldaten sich in Bewegung, denn der Einmarsch der Deutschen hat begonnen.

    Das Buch hat 16 Kapitel, die alle eine Kapitelziffer und einen Titel tragen. Der erste Buchstabe eines neuen Kapitels ist jeweils auch immer großgeschrieben bzw. geht über 2 Zeilen. Außerdem steht auf jeder Seite Links und Recht das jeweilige Kapitel nochmals. Dies hilft besonders, wenn man das Buch einige Zeit weglegt und weiterliest, da man so immer direkt sieht, wo man sich gerade im Buch befindet. Wie man schon auf dem Cover sehen kann, handelt es sich bei der Geschichte um eine wahre Begebenheit und der Autor ist gleichzeitig auch der Zeitzeuge. Da verwundert es wenig, dass sich das Buch wie eine Erzählung liest. Die Orte, Personen und auch Handlungen sind sehr detailliert beschrieben, was einem oftmals einen Schauer den Rücken runterlaufen lässt. Allgemein kommt man beim Lesen an einige Stellen, an denen man schlucken muss. Neben dem direkten Einblick in das damalige Leben erfährt der Leser auch einige geschichtliche Informationen. Viele der Informationen werden durch Bilder und/oder Dokumente bestätigt. Dabei befinden sich besonders in der Mitte des Buches, einige Seite, die nur Fotos zeigen. Was dem Leser außerdem hilft beim Lesen und Verständnis ist die Tatsache, dass die Namen der Städte in Klammern so stehen, wie man sie ausspricht.

    Cover: Auf der Vorderseite ist das Cover sehr dunkel und düster gehalten. Auf der Rückseite jedoch haben wir sehr helle Farben (Weiß und Blau). Wir sehen auf der Vorderseite einen Jungen in gestreifter Kleidung (die Kleidung der Inhaftierten eines Konzentrationslagers). Dieser Junge steht inmitten von Bahngleisen. Im Hintergrund erkennt man einige Baracken. Damit nimmt das Cover einen direkten Bezug zum Inhalt des Buches, denn dieses spielt die meiste Zeit in Arbeitslagern bzw. Konzentrationslagern. Was außerdem sofort ins Auge fällt, ist der rote Kreis indem geschrieben steht “Eine wahre Geschichte”.

    Fazit: Sicherlich gibt es schon genug Bücher, die genau dieses Thema behandeln. Trotzdem schafft es das Buch voll zu überzeugen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass man einen sehr genauen Einblick in die damalige Zeit bekommt, die nicht verschöntwird, sondern so erzählt wird, wie sie damals erlebt wurde. Von mir bekommt das Buch 5/5 Sterne.

    Klappentext: Sam Pivnik war gerade mal 13 Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Mit der Familie lebte er in einem oberschlesischen Städtchen, der Vater war Schneider und stopfte den Leuten die Hosen. Da wurde aus dem Städtchen ein Ghetto, und Sam, der damals noch »Szlamek« hieß, war mittendrin. Er überlebte - auch das Grauen von Auschwitz, die Selektion durch Mengele, die Zwangsarbeit, den Todesmarsch, den Schiffbruch der Cap Arcona. Unzählige Male entging er dem Tod. All das erlebte Sam in den kurzen Jahren seiner Kindheit und Jugend.
    Der Krieg ließ keine Möglichkeit, an ein Morgen zu denken. Und wen interessierte nach dem Krieg das Gestern? Am Ende seines unglaublichen Lebens gelingt es Pivnik, einem der letzten Überlebenden von Auschwitz, über seine Erlebnisse zu sprechen. (Quelle: Theiss)

    Autor: Sam Pivnik
    Titel: Der letzte Überlebende
    Verlag: Theiss
    Genre: Roman
    Seiten: 296
    Preis: 19,45
    ISBN: 9783806234787

    http://wurm200.blogspot.de/

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2017 

    Das Grauen bekommt ein Gesicht...

    Als mein Sohn 13 Jahre alt war, ging er in die 7. Klasse des Gymnasiums, traf sich mit seinen Freunden, spielte Fußball und Gitarre und erkundete allmählich die Welt der Computer. Mädchen waren noch recht uninteressant für ihn, und von Politik wusste er gerade einmal, wie das Wort geschrieben wird.

    Sam Pivnik hatte auch eine ganz normale Kindheit, doch als er 13 Jahre alt wurde, bekam er die Folgen der Politik zu spüren. Die Wehrmacht marschierte in Polen ein, und das kleine oberschlesische Städtchen, in dem Sam mit seiner Familie wohnte, begann mit den Repressalien gegen die Juden. Zunächst schien der Alltag trotz allem weiterzugehen, doch schießlich wurden die Pivniks gemeinsam mit den anderen Juden in ein Ghetto gepfercht. Doch dabei blieb es nicht. Auschwitz, Mengele, Todesmarsch - nichts blieb dem Jungen erspart. Doch er lebte. Und überlebte. 14 Mal entging er dem sicheren Tod. Und entschloss sich mit seinen nunmehr 90 Jahren, das lange Schweigen über den Holocaust zu brechen.

    "Manchmal werde ich gefragt: 'Warum haben Sie so lange gebraucht, um Ihre Geschichte zu erzählen, Sam?' Das ist eine einfache Frage mit einer komplizierten Antwort."

    Chronologisch erzählt Sam Pivnik hier die Geschichte seines Lebens, angefangen bei seiner armen, aber glücklichen Kindheit im Kreise seiner kinderreichen Familie. Erstaunlich, an wie viele Details sich der alte Mann noch erinnern kann - aber letztlich sind Erinnerungen das einzige, was ihm aus seinem früheren Leben geblieben ist. Mit Beginn der Repressalien wird der Schreibstil zunehmend distanzierter, so dass es zeitweise kaum noch wie eine persönliche Erzählung wirkt - aber wer will es Sam Pivnik verdenken? Es reicht, das Geschehen einmal erlebt zu haben und in seinen Albträumen notgedrungen wiederkehren zu lassen, in seinen Schilderungen ist es daher mehr als legitim, die Gefühle, die Verzweiflung, die Todesangst weitestgehend außen vor zu lassen.

    "Was war das hier für ein Ort, an dem Männer mit dem Knüppel bewusstlos geschlagen wurden, nur weil sie eine höfliche Frage gestellt hatten? An dem Verrückte im Schlafanzug einem heimlich zuflüsterten, man solle ein falsches Alter angeben?" (S. 85)

    Trotz der distanzierten Schreibweise schildert Sam Pivnik schonungslos die Geschehnisse, und wenn ich mein Kopfkino nicht im Griff hatte, konnte es passieren, dass mir beim Lesen schlecht wurde. Deshalb war es mir auch nicht möglich, das Buch hintereinander weg zu lesen, so dass ich die Zäsur am Ende eines der 15 Kapitel jeweils für eine Pause nutzte.

    Eingebettet ist die persönliche Erzähung Sam Pivniks in die größeren politischen Ereignisse, die zu der jeweils geschilderten Zeit auftraten. So fällt es dem Leser leichter, das Schicksal des Autors in einen größeren Ereigniszusammenhang einzubetten. Zunächst fand ich das etwas irritierend, weil die Lektüre an diesen Stellen fast schon den Charakter eines Geschichtsbuchs erhielt, schließlich aber gefiel mir diese Vorgehensweise zunehmend gut.

    "Wir gingen alle durch dieselbe Hölle, und man hätte denken können, dass uns das verband, uns eine Art Wagenburgmentalität, ein Gefühl von 'wir und die' gab, aber so war das nicht. Die Angst spaltete uns, jeder kämpfte für sich allein." (S. 115)

    Sams Erzählung beschränkt sich nicht allein auf den Holocaust, auf die perfiden Foltermethoden der Nazis, die Willkür, die Unberechenbarkeit, die Entmenschlichung. Er berichtet auch von dem 'danach', denn obgleich der Albtraum ein Ende hatte, blieben die Narben, das Trauma, der Verlust. Die Orte von früher hatten ihre Seele verloren, und Sam hatte keine Idee, was er überhaupt tun, wohin er sich wenden sollte. Ohne Heimat, ohne Ziel war es für Sam schwer, überhaupt wieder Fuß zu fassen.

    Und dann die Sache mit der Gerechtigkeit. Im Nachkriegseuropa wollten weder die Verlierer noch die Gewinner etwas von diesen Erfahrungen wissen. Vieles wurde unter den Teppich gekehrt oder geleugnet, ein großes Interesse an der Aufklärung der Gräueltaten gab es nicht. Holocaustopfer mussten einfach weiterleben, wo und wie auch immer. Doch obwohl Sam Pivnik hier eher einen deprimierenden Abgesang präsentiert, verblüfft er zwischendurch mit dem Versuch eines Verständnisses.

    "... dass​ viele SS-Leute tranken, vor allem an den Nachmittagen und Abenden. Kein Wunder. Nach allem, was ich erlebt habe, empfinde ich kein Mitleid mit ihnen, aber heute ist mir klar, dass sie in demselben Albtraum gefangen waren wie ich." (S. 153)

    Alles in allem ist dies ein beeindruckendes Zeugnis eines der letzten lebenden Zeitzeugen des Holocaust - und es ist trotz der eher distanzierten Schreibweise erschreckend und berührend. Allemal lesenswert!

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Mär 2017 

    Ein erschütterndes Zeugnis eines der letzten Zeitzeugen

    "Die Leute fragen mich oft, warum ich so lange gewartet habe meine Geschichte zu erzählen. Das ist eine einfache Frage, aber die Antwort ist es nicht." (Sam Pivnik)
    Der 13-jährige Szlamek Pivnik, erlebte bisher eine unbekümmerte Kindheit in Bedzin. Doch dann musste mit ansehen wie die Deutschen am 1. September 1939 in Polen einmarschierten. Ab diesem Tag feierte man auch Sams Geburtstag nicht mehr, auch seine Bar Mizwa wurde nicht groß gefeiert. Doch das dies nur der Anfang sein sollte hatte Sam damals nicht gedacht, wie auch, er war noch ein Kind. Der Vater war Schneider, Mutter war eine gute jüdische Mutter, dann gab es noch die Schwestern Hendla, Chana und seine Brüder Majer, Wolf und Josek. Irgendwann kamen sie in das Ghetto in Kaminoka, Sam berichtet: "Da saß ich auf dem Dachboden mit seinen 17 Jahren, trank Pisse, hörte seine Familie schluchzen und draußen schossen die Deutschen". Doch auch diese Zeit verging und sie wurden in ein Lager abtransportiert. Dies war so ein Ort, wo man Männer zu Krüppel prügelte, nur weil sie eine höfliche Frage stellten. Dieser Ort war kein anderer als Auschwitz Birkenau, hier war Schlafen Luxus, Schläge waren an der Tagesordnung, Essen gab es nur spärlich, die Kälte grausam und wer nicht lernte, der starb. Die Hölle konnte nicht schlimmer sein als dieser Ort, aber das sollte nicht Sams letztes Martyrium sein was er erleben musste. Vierzehnmal kann er in dieser Zeit dem Tod entrinnen, er überlebt als einziger seiner Familie und dies ist seine Geschichte.

    Meine Meinung:
    Dieses Buch hat mich neugierig gemacht, da ich schon viele Berichte von Überlebenden gelesen habe. Ich kann Sam nicht oft genug danken, das er uns an seiner wahren Geschichte teilhaben lässt. Diese Berichte und Bücher wühlen und erschüttern mich jedes Mal aufs neue, auch wenn ich schon so viele gelesen habe. Gerade in der heutigen Zeit wo der Antisemitismus wieder zunimmt, müssen wir achtsam sein. Ich habe diese Gelände von Auschwitz vor Jahren besucht, habe selbst mit Zeitzeugen geredet und bin jedes Mal erschüttert was diese Menschen durchlebt haben. Deshalb kann ich Sam auch verstehen, warum er so lange geschwiegen hat. Viele Überlebende können über ihr Erlebnisses nicht reden, nicht mal mit ihren eigenen Kindern. Grausam waren die Bedingungen um das tägliche Überleben in dieser Zeit für Juden. Sam gibt uns in seinem Buch genügend Einblick dazu, auch wie er dies alles als Kind empfunden hat. Dieses Buch schildert Sams Leben zwischen 13 und 22 Jahren, es zeigt auf durch welche Hölle er ganz alleine gehen musste. Und da fragen wir uns allen Ernstes wieso wir immer noch für diese Menschen bezahlen müssen? Menschen, die unser Volk schlimmer behandelt hat als jedes Tier. Immer wenn diese Frage aufkommt, sollte man diesen Sams Bericht vorlesen. Ein Buch, das jeder lesen sollte, damit es nie wieder so weit kommt, das man einem Volk so was antut. Vergebung ist möglich, hat mal ein Überlebender zu mir gesagt, aber vergessen kann man nie. Wir sollten diesen Mensch aufmerksam zuhören, den es werden immer weniger die aus der Zeit berichten können. Deshalb sind diese Zeugnisse aus der Zeit, die Bücher die geschrieben werden um so wichtiger. Ich kann nur jedem raten sich einmal diese Lager anzusehen, manch einem werden da er die Augen geöffnet. Von mir für diesen eindrucksvollen Lebensbericht eine Leseempfehlung und 5 von 5 Sterne.

 
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