Der letzte Satz: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der letzte Satz: Roman' von Robert Seethaler
4.15
4.2 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der letzte Satz: Roman"

Gustav Mahler auf seiner letzten Reise – das ergreifende Porträt des Ausnahmekünstlers. Nach „Das Feld“ und „Ein ganzes Leben“ der neue Roman von Robert Seethaler. An Deck eines Schiffes auf dem Weg von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler. Er ist berühmt, der größte Musiker der Welt, doch sein Körper schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Während ihn der Schiffsjunge sanft, aber resolut umsorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er manchmal noch zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er längst verloren hat. Es ist seine letzte Reise. "Der letzte Satz" ist das ergreifende Porträt eines Künstlers als müde gewordener Arbeiter, dem die Vergangenheit in Form glasklarer Momente der Schönheit und des Bedauerns entgegentritt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:128
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446267886

Rezensionen zu "Der letzte Satz: Roman"

  1. Ein scheidender Künstler...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Aug 2020 

    Aufgrund der Buchpreisnominierung und da mir "Der Trafikant" schon so gut gefallen hatte, wollte ich mir den neuen Seethaler nicht entgehen lassen. Ich begab mich auf die Spuren von Gustav Mahler.

    In der Geschichte geht es um den berühmten Musiker und Dirigenten Mahler, der schwer krank mehr oder weniger auf seinen Tod wartet. Was für Gedanken gehen da einem durch den Kopf? Wie weit plant man sein Leben noch oder gibt man gänzlich auf?

    Robert Seethaler hat mit diesem Buch mal wieder ein Meisterwerk geschaffen, denn sprachlich ist es einfach eine Wucht. Beim Lesen musste ich immer wieder innehalten und tolle Sätze herausschreiben.

    Man bekommt durch den Roman ein Gefühl für Menschen, die ihrem Lebensende nah sind und zeitgleich einen kleinen Einblick in das Leben des Künstlers. Ausführliche, biografische Informationen sollte der interessierte Leser nicht erwarten, denn das Meiste spiegelt sich in Gedanken und Gefühlen wider.

    Auch wenn das Buch nur 126 Seiten hat, so ist es doch so viel mehr, da Emotionen aus einem herausgelockt werden beim Lesen. Man konnte den Schmerz des Künsterls in jeder Zeile spüren.

    Fazit: Eine tolle Geschichte, die zu Recht für den Buchpreis 2020 nominiert worden ist. Ihr solltet euch dieses Kleinod nicht entgehen lassen. Ich kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Spitzenklasse!

  1. Gustav Mahlers letzte Reise

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Aug 2020 

    Gustav Mahler verlässt New York, die Stadt, in der er große Erfolge als Konzertmeister und Dirigent feiern durfte, zum letzten Mal. Er ist chronisch krank, von Schmerzen gepeinigt, fiebrig und schwach. Auf dem Passagierschiff Amerika hat man eigens für ihn einen Teil des Sonnendecks abgetrennt, wo er sich gerne aufhält. Ein Schiffsjunge wurde abkommandiert, um sich um die Bedürfnisse des berühmten Gastes zu kümmern.

    Die Weite des Meeres lässt auch die Gedanken Mahlers durch die Zeit mäandern. Er erinnert sich an Stationen seines Lebens. Gerne war er in den Bergen, oft auf der Suche nach entscheidenden Inspirationen für seine Musik. Während seiner Arbeitsphasen erlebte ihn sein Umfeld oft als gereizt und launisch, alles musste sich der Kunst unterordnen – auch sein Körper. Gustav Mahler war ein Genie, ein Perfektionist, der auch anderen viel abverlangte.

    Einst konnte er die schönste Frau Wiens für sich gewinnen, Alma Werfel. Mit ihr hatte er zwei Töchter. Die ältere von beiden, Maria, starb noch im Kindesalter – ein Schicksalsschlag, den er nie verwunden hat. Die Ehe war anfangs glücklich, nutzte sich jedoch über die Jahre ab, nun ist sich Mahler sicher, dass Alma ein Verhältnis zu einem Baumeister hat.

    Mahlers Gedanken fließen aber auch an seine Wirkungsstätten. Er erinnert sich an seine Arbeit mit Orchestern, die er zu Höchstleistungen trieb und an seinen größten Erfolg, die Uraufführung der Achten Sinfonie der Tausend in Wien. Auch an einen Besuch bei Professor Freud erinnert er sich.

    Diese Erinnerungsfetzen werden unterbrochen von Szenen auf dem Schiffsdeck. Bedingt durch seine Leiden ist die Stimmung melancholisch-gedrückt. Lichtblicke scheinen die Gespräche mit dem Schiffsjungen zu sein, auf den er regelrecht wartet und in dem er ein Stück der eigenen Jugend zu erkennen glaubt. Der Junge passt auf den Musiker auf, versorgt ihn und verwickelt ihn in Gespräche, die manchmal anrühren, manchmal aber auch barsch sind:
    „Was ist das für Musik, die sie machen? Erzählen Sie mir etwas darüber?“
    „Nein. Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ (S. 65)

    Für Mahler ist die Musik das Höchste im Leben: „Musik hat noch jeden Menschen hinter sich gelassen und braucht im Grunde weder Musiker noch Zuhörer. Musik braucht nichts und niemanden, sie ist einfach da.“ (vgl. S. 72)

    Robert Seethaler hat einen kleinen Roman über einen großes Genie geschrieben. Seine Prosa ist gewohnt eindringlich und verständlich. Man muss den Text langsam lesen, um das Zwischenmenschliche, die Stimmungen, das Ungesagte aufnehmen zu können. Man kann sich wunderbar in die Figur des Gustav Mahler hineindenken, dessen Krankheit so allgegenwärtig ist, dass der Tod während dieser Schiffspassage schon vor der Tür steht. Dem Komponisten ist klar, dass er in Kürze sterben wird. Insofern sind seine Gedanken auch als Resümee über sein Leben zu verstehen. Seethaler arbeitet mit Bildern, Stimmungen und Motiven. Das macht er sehr gekonnt, gerade die letzten Seiten haben es ungemein in sich… Im kurzen Epilog gelingt mit einem Perspektivwechsel noch ein Kunstgriff, den ich sehr gelungen finde und der einen zusätzlichen Nachhall beim Leser erzeugt.

    Der Roman ersetzt definitiv keine Biografie über den Komponisten oder seine Frau. Aber er macht neugierig, sich anschließend mit ihnen oder mit Mahlers Musik zu beschäftigen.

    Die Nominierung zur Longlist des DBP 2020 halte ich für sehr gerechtfertigt und wünsche dem Roman viele Leser.

  1. wunderschön geschriebener trauriger Rückblick

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Aug 2020 

    An Deck eines Schiffes auf dem Weg von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler. Er ist berühmt, der größte Musiker der Welt, doch sein Körper schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Während ihn der Schiffsjunge sanft, aber resolut umsorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er manchmal noch zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er längst verloren hat. Es ist seine letzte Reise.

    Fazit:
    Die letzte große Reise des Musikers und Dirigenten Gustav Mahler wurd in diesem Buch mit einem wunderschönen Schreibstil sehr detailliert und emotional beschrieben - das Buch lässt den Leser gemeinsam mit dem Musiker auf dessen Leben zurückblicken. In kleinen Abschnitt wird Glück und Unglück herausgehoben - die Emotionen sind beim Lesen richtig zu spüren - und das war für mich auch das richtig besondere an diesem Buch. Als Leser wird man komplett mitgenommen - absolut gelungen.
    Erwarten darf man keinesfalls eine ausführliche Biografie - es sind wirklich nur kleine Lebensabschnitte, die thematisiert werden.

  1. Ein melancholischer Rückblick

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Aug 2020 

    Gustav Mahler blickt während seiner letzten Schiffreise auf sein Leben zurück. So wie sein Blick über das endlose Meer schweift, schweifen seine Gedanken zurück und ermöglichen dem Leser einen Einblick in verschiedenste Episoden seines Lebens. All die Momente, die er mit seiner Frau Alma verbringen durfte, welche er so sehr liebt, das Glück, das er empfindet, wenn er seiner Tochter beim Spielen zusieht. Seine Zeit als Dirigent bei der Wiener Oper, verschiedene Reisen. Es ist ein wenig, als zöge sein Leben schon hier nochmals an ihm vorbei, denn Mahler ahnt, dass er nicht mehr lange zu leben hat.

    Das Buch lässt sich ganz wunderbar lesen, der Schreibstil Seethalers ist wirklich sehr angenehm. Auch das Episodenhafte des Buches, das Hin- und Herspringen zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit einem fließenden Übergang gefiel mir gut. Warum ich dennoch nur drei Sterne vergebe: Es war mir tatsächlich zu kurz. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich an die doch sehr exzentrische Art Mahlers zu gewöhnen, und ganz warmgeworden bin ich damit auch bis zum Schluss nicht. Vielleicht hätte ich einfach noch 100 Seiten mehr gebraucht, so aber habe ich mich nicht wirklich mit Mahlers Art anfreunden können. Es hat mich schlichtweg nicht so sehr berührt wie ich anfangs gehofft hatte, ich war beim Lesen eher ein neutraler Beobachter, der auf ein zweifellos interessantes Leben zurückschaut, an diesem aber nicht wirklich teilhaben kann.

    Nichtsdestrotrotz hat mir das Buch gefallen, und wer Gustav Mahler besser kennt als ich (für mich war das komplettes Neuland), der wird sicherlich seine Freude an diesem Buch haben!

  1. Annäherung an einen großen Künstler

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Aug 2020 

    Robert Seethaler ist ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Bisher hat er in seinen Büchern das Leben einfacher Menschen beschrieben, äußerst gelungen in „ Ein ganzes Leben“.
    In seinem neuesten Buch ( Roman wäre fast zu viel für diesen schmalen Band) steht ein berühmter Mann im Zentrum, Gustav Mahler, 1860 geboren, Komponist und der größte Dirigent seiner Zeit.
    Es ist im Februar 1911. Gustav Mahler sitzt in Wolldecken gewickelt auf dem Sonnendeck des Ozeandampfers „ Amerika“. Er ist auf der Heimreise von seinem zweiten Aufenthalt in den USA. Anstrengende Wochen voller Arbeit liegen hinter ihm. Mahler ist krank; ihn friert, er fühlt, dass es zu Ende geht.
    Ein Schiffsjunge kümmert sich fürsorglich um ihn, bringt ihm heißen Tee und Botschaften von seiner Frau Alma, die sich mit der sechsjährigen Tochter Anna unter Deck befindet. Ab und zu führen die beide kurze Gespräche über das Meer, das Wetter.
    Mahler sitzt hier und lässt sein Leben Revue passieren. Er erinnert sich an seine großen Erfolge, aber auch an Demütigungen und die dunklen Stunden im Leben.
    Er war schon immer in kränklicher Verfassung, litt zeitlebens an Migräne, Schlaflosigkeit und anderen Gebrechen. Trotzdem arbeitete er wie ein Besessener. Er war gefürchtet bei den Musikern, die er an ihre Grenzen brachte und darüber hinaus, „ ein Höllenhund am Pult“.
    Zehn Jahre lang war Mahler Direktor der Wiener Staatsoper, brach dort mit alten Konventionen und das Publikum war erst irritiert und dann begeistert. Allerdings gab es auch immer wieder antisemitische Diffamierungen. Zwei Amerika- Reisen folgten und Mahler feierte Triumphe an der MET und mit den New Yorker Philharmonikern.
    Aber nicht nur seine Gesundheit litt unter dem riesigen Arbeitspensum, sondern auch seine Ehe mit Alma. Wie glücklich war er , als er mit 42 Jahren die wesentlich jüngere Frau heiratete. Alma, Tochter aus gutem Hause, galt es die „ schönste Frau Wiens“. Doch bald merkt sie, dass die Musik immer die erste Stelle bei ihm einnimmt. Stehen keine Aufführungen an, zieht sich Mahler in seine Komponierhäuschen zurück.
    Dann folgt ein tragischer Schicksalsschlag. Die älteste Tochter Maria stirbt mit fünf Jahren an Diphterie. Das Paar entfremdet sich immer mehr. Und Mahler weiß, dass er seine Frau verloren hat. Durch einen irrtümlich an ihn adressierten Brief erfährt er von der Affäre seiner Frau mit Walter Gropius. Eifersucht und verletzter Stolz spricht aus ihm : „ Dein Baumeister ist ein Idiot. Du bist die Geliebte eines Idioten.“
    Alma bleibt bei ihm, aber Mahler macht sich darüber keine Illusionen. „Wahrscheinlich hatte seine Krankheit sie gehalten.“ „Sie würde bei ihm bleiben bis zum Schluss, das war mehr, als er erwarten durfte. Letztendlich war er derjenige, der ging.“
    Wir erfahren noch von Mahler’s Sitzung bei Rodin, der eine Büste von ihm machen soll; eine eher komische Szene. Und einen kleinen Auftritt hat Siegmund Freud, den Mahler in Leiden besucht und der ihm bei einem Spaziergang den Ratschlag „Arbeit und ein warmer Pullover“ mit auf den Weg gibt.
    Das letzte Schlusskapitel gehört dem fiktiven Schiffsjungen, der später vom Tod des berühmten Künstlers in der Zeitung liest.
    Die Eckdaten aus Mahler’s Leben bringt Seethaler in diesem kleinen Buch unter, auch trifft er gut das Wesen dieses schwierigen Künstlers. Allerdings fällt kaum ein Wort über Mahler’s Musik. Die Erklärung dazu liefert der Autor im Text selbst. Auf die Frage des Schiffsjungen : „ Was ist das für Musik, die Sie machen?“ lässt er Mahler antworten: „ Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“
    Robert Seethaler ist mit diesem Buch eine Annäherung an den großen Musiker Mahler gelungen. Er weckt des Lesers Interesse und macht Lust, Mahler zu hören. Ein Buch voller Melancholie und Atmosphäre, dicht und poetisch , das mich berührt hat und das ich gerne empfehle.

  1. Licht und Schatten eines Musikerlebens

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Aug 2020 

    Die letzte Überfahrt Gustav Mahlers 1910 von New York nach Europa bildet den Rahmen für den nur 126 Seiten starken Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler. Der bereits vom Tode gezeichnete Dirigent und Komponist, der im Mai 1911 mit nur 50 Jahren in Wien verstarb, weiß um sein nahes Ende. Während seine Frau Alma und die sechsjährige Tochter Anna den Vormittag unter Deck verbringen, sitzt Mahler oben, eingewickelt in Wolldecken und umsorgt von einem kindlichen Schiffsjungen in feiner, viel zu großer Uniform, seinem einzigen Gesprächspartner:

    "Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete." (Romanbeginn S. 7)

    Zeit für eine Bilanz
    Eingebettet in diese Rahmenhandlung lässt Robert Seethaler Mahler auf die Licht- und Schattenseiten seines Lebens zurückblicken. Zeitlebens war er kränklich, litt unter dem "Desaster eines sich selbst verzehrenden Körpers" und seiner zarten Gestalt, unter Migräne, Schlaflosigkeit, Schwindelanfällen, Mandelentzündungen, Hämorrhoiden, Magen- und Herzbeschwerden. Trotz dieser körperlichen Einschränkungen und seiner jüdischen Herkunft stieg Mahler zum größten Dirigenten seiner Zeit und gefeierten Komponisten auf. An Deck wandern seine Gedanken zurück in seine Zeit als Direktor der Wiener Hofoper zwischen 1897 und 1907, zu seinem Wirken in New York, Konzertreisen in zahlreiche europäische Städte, Komponier-Sommer in Toblach sowie zur monumentalen Uraufführung der Achten Symphonie 1910 in München vor 4000 Zuhörern.

    Auf dem Höhepunkt seiner Macht als Wiener Operndirektor schien sein Glück vollkommen, als er 1902 mit der 19 Jahre jüngeren Alma eine der schönsten und begehrtesten Frauen Wiens heiratete. Alma stammte aus bestem Haus, war klug und Mahlers große Liebe. Nach dem frühen Tod der älteren Tochter Maria verschlechterte sich jedoch das Verhältnis der Ehepartner zu seinem großem Kummer zusehends und Alma verließ ihn nur wegen seines sich abzeichnenden Todes nicht für den „Baumeister“, den im Roman nicht namentlich genannten Walter Gropius:

    „Alles, woran ich einmal geglaubt habe, existiert nicht mehr. Vielleicht war es auch nie da. […] Ich wollte dich, du warst Gustav Mahler, das Genie, und ich habe mich in dich verliebt. In deine Hände. In deinen Mund. In deine idiotisch hohe Stirn. Es war ein Traum, und wir haben ihn eine Zeitlang gemeinsam geträumt. Aber jetzt bin ich aufgewacht.“ (S. 88/89)

    Mensch Mahler
    Mir hat dieses kleine Büchlein mit den meisterhaften Übergängen zwischen Gegenwart und Erinnerungen und Robert Seethalers beneidenswerter Kunst der knappen Worte gut gefallen, auch wenn es nicht an seinen überragenden Roman "Ein ganzes Leben" oder an "Der Trafikant" heranreicht. Viel Erfahren habe ich über den Menschen Gustav Mahler, sein Leben, seine Melancholie, seine Träume - so wie Seethaler sie sich vorstellt -, wenig dagegen über seine Musik, was Mahler dem Schiffsjungen aber plausibel erklärt:

    „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ (S. 65)

  1. Intensiv, dicht, poetisch

    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    „Dort draußen läuft ein Glück im Gras herum, und hier drinnen sitzt ein anderes mit mir am Tisch. Ich habe alles, was ich mir wünsche. Ich bin ein glücklicher Mann.“ (Zitat Seite 19)

    Inhalt
    Ein halbes Jahr nach seinem großartigen Erfolg in München reist Gustav Mahler an Bord der ‚Amerika‘ mit Alma und Anna wieder nach New York. Erst fünfzig Jahre alt, ist er nach wie vor voll musikalischer Schaffenskraft, ein unruhiger Geist, doch sein Körper ist von seiner schweren Krankheit gezeichnet und müde. Mit Blick auf das Meer denkt er über die vergangenen letzten Jahre nach.

    Thema und Genre
    Der Autor beschreibt einige Stunden im Leben des Komponisten Gustav Mahler, doch durch dessen Erinnerungen wird dieser Roman auch eine sehr persönliche Biografie des Künstlers.

    Charaktere
    Gustav Mahler wird als eigenwilliger, aber überzeugter Künstler geschildert, als Komponist ebenso innovativ, fordernd und auf der Suche nach der perfekten musikalischen Ausdruckskraft, wie als Dirigent. Gleichzeitig erfahren wir viel über den Menschen Gustav Mahler, seine Liebe zu seiner Frau Alma und zu seinen Töchtern, seine Begeisterung für die Natur und seinen Blick für das Glück der kleinen Dinge. Doch er erkennt auch, wie selbstverständlich es für ihn war, dass sich auch seine Familie seinem musikalischen Genie unterordnet.

    Handlung und Schreibstil
    Es sind nur wenige Stunden am Beginn eines neuen Morgens, in denen Gustav Mahler allein auf seinem persönlichen Lieblingsplatz auf dem Sonnendeck des Schiffes sitzt. Betreut von einem Schiffsjungen, hängt er seinen Gedanken nach und reist in der Erinnerung zurück zu den wichtigen Ereignissen der letzten Jahre.

    Fazit
    In seiner leisen, eindrücklichen Sprache erzählt der Autor auf nur 126 Seiten eine in ihrer Tiefe und Dichte beeindruckende Geschichte eines intensiv gelebten Künstlerlebens. „Ich hätte noch so viel mehr komponieren können. Es fühlt sich an, als hätte ich gerade erst angefangen, dabei ist es schon wieder zu Ende.“ (Zitat Seite 30)

  1. Schöne Worte des Bedauerns

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Aug 2020 

    Ein kranker Mann am Deck der America bei der Überfahrt von New York über den Atlantik. Es ist Gustav Mahler, der Komponist, der Dirigent, der Herr Direktor. Auf seiner letzten Reise, gezeichnet von Krankheit und Schwäche, betreut von einem Schiffsjungen, zieht er Bilanz über sein Leben, sein Schaffen, seine Ehe mit Alma.
    Mahlers letzte Reise ist Robert Seethalers „Der letzte Satz“. Es ist ein sehr melancholisches Kurzporträt eines begabten Künstlers, eines gebrochenen, müden Mannes.
    Gefangen in einem seit Kindheit kränkelnden Körper, getrieben von seinem musikalischen Ausnahmegenie erinnert sich Mahler an sein Wirken als Direktor der Wiener Hofoper. Wie jung er damals war, als alle dabei sein wollten, man „diesen kleinen, zappeligen Juden sehen (wollte), der es aus unerfindlichen Gründen geschafft hat, das beste und störrischste Orchester der Welt zu disziplinieren.“
    Doch das musikalische Werk Mahlers steht nicht im Vordergrund dieses schmalen Büchleins. Seethaler reduziert Mahler auf ein Minimum, auf Schmerzen, Schwäche, Schlaflosigkeit.
    „Nein. Man kann über Musik nicht reden. Es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“
    So sinniert Mahler über die Endlichkeit des Lebens und die Unendlichkeit des Meeres. Dieses Motiv der Weite, Kälte, Vielfalt und Tiefe des Meeres kommt immer wieder. Doch die schönen Worte des Bedauerns, die Seethaler dafür findet, erreichen diese Tiefe nicht.
    Immer wieder führen Mahlers innere Monologe zu vergangenen Ereignissen, versäumten Gelegenheiten. Der Verlust eines Kindes hat ihn schwer getroffen. Seine Ehe zu Alma besteht nur mehr aus Loyalität.
    Erstaunlicherweise erscheint Alma - die nicht nur Mahlers Frau war sondern später auch Muse, Geliebte, Ehefrau anderer namhafter Künstler der Wiener Secession und Bauhauszeit, wie dem „Baumeister“ Hans Gropius, Oskar Kokoschka, Franz Werfel…, war – sehr brav und bieder bis zu dem Moment, als Mahler sich Almas Affäre mit Gropius gemahnt.
    Nur flüchtig streift Seethaler am Antisemitismus an, mit dem Mahler konfrontiert war. Bedeutsame Begegnungen mit Auguste Rodin oder Sigmund Freud, sind nur kleine Gedankensplitter. Was von Mahler übrig bleibt, ist ein kleiner, rührseliger, einsamer Mann. Zu mehr hat die Kürze dieses Buches wohl nicht gereicht.