Der Lärm der Zeit: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Lärm der Zeit: Roman' von Julian Barnes
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Julian Barnes’ meisterhafter Roman über Dmitri Schostakowitsch
Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Der Mann ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen.
Die Gunst der Mächtigen zu erlangen, hat zwei Seiten: Stalin, der sich plötzlich für seine Musik zu interessieren scheint, verlässt noch in der Pause die Aufführung seiner Oper »Lady Macbeth von Mzensk«. Fortan ist Schostakowitsch ein zum Abschuss freigegebener Mann. Durch Glück entgeht er der Säuberung, doch was bedeutet es für einen Künstler, keine Entscheidung frei treffen zu können? In welchem Verhältnis stehen Kunst und Unterdrückung, Diktatur und Kreativität zueinander, und ist es verwerflich, wenn man sich der Macht beugt, um künstlerisch arbeiten zu können?
Im neuen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben von Schostakowitsch in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der die Frage der Integrität stellt und traurige Aktualität genießt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783462048889

Rezensionen zu "Der Lärm der Zeit: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Mär 2019 

    Verfolgung – Verängstigung - Vereinnahmung

    In seinem 2017 erschienenen Roman „Der Lärm der Zeit“ schildert Julian Barnes die Geschichte des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch in drei Stationen, die alle bezeugen, wie sein Leben und seine Kunst vom Leben in der Diktatur der Sowjetunion mit und nach Stalin überschattet und geprägt wird.
    Im ersten Teil erwartet Schostakowitsch fast zwangsläufig seine Verhaftung und die daraus erwachsenden Folgen, nachdem er Stalins öffentliches Missfallen an der schon international gefeierten Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ geerntet hat. Das reicht vollkommen aus, dass er fest mit seinem Ende rechnet, auch wenn er bis dahin ein erfolgreicher und angesehener Komponist ist, dessen „Lied vom Gegenplan“ zum Beispiel die ganze Nation mitsingen kann. Und so erwartet er seine Verhaftung jede Nacht und lauscht auf jede Bewegung im Treppenhaus und Lift.
    Teil 2: Aber nichts passiert. Die Verhaftung bleibt aus. Vielmehr verschwinden um ihn herum die Menschen in der Verbannung oder in staatlichen Lagern, von denen er seine Verhaftung eigentlich erwartet hatte. Und er erhält dogmatische Unterweisungen durch Privatstunden des Genossen Troschin, der ihm die Sowjetideologie nahe zu bringen versucht. Was bleibt ist die Angst und das Gefühl der ständig präsenten Bedrohung. Beides schlägt sich auf sein künstlerisches Schaffen deutlich nieder. Eine Oper jedenfalls gelingt ihm nie wieder.
    Teil 1 also schildert die konkrete Verfolgung, Teil 2 die Verängstigung und Teil 3 setzt sich fort mit der Vereinnahmung. In den vermeintlich einfacheren und sicheren Jahren nach Stalins Tod und unter Chruschtschow beginnt für Schostakowitsch eine neue Hölle. Die Mächtigen des Landes lassen nicht ab von ihm, aber nun droht ihm kein Lager, sondern etwas nicht minder schlimmes, nämlich der Verlust der eigenen Selbstachtung. Der Staat nutzt die Popularität des Künstlers auf internationalem Parkett, schickt ihn ins Ausland und diktiert dort sehr deutlich und wirksam das Geschehen und Gesagte. Das führt so weit, dass er sein Idol Strawinskij zu verleugnen hat. Und so weit, dass Schostakowitsch auch schließlich in die Partei eintritt. Und sich so fast sehnt nach der konkreten Bedrohung durch die Macht in seinem früheren Leben. Wie auch immer: Der Roman zeigt eines mehr als deutlich: Kunst braucht Freiheit und kann sich mit dogmatischen Ansprüchen eines diktatorischen Regimes nicht arrangieren. Und Freiheit ist eben immer die Freiheit der Andersdenkenden. Kunst als Instrument der Macht geht unter im Lärm der Zeit und kann kein Flüstern der Geschichte erzeugen.
    „Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins -, die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt.“
    Daran hält Schostakowitch fest.

    Fazit: Barnes hat hier einen sehr programmatischen Roman geschrieben. Seine Figurengestaltung ist dabei wenig psychologisch tiefgehend. Es geht ihm mehr um Situationen und Botschaften denn um eine Studie über Schostakowitsch selber.
    Ich hätte mir ein wenig mehr psychologische Färbung in dem Roman durchaus gewünscht, habe aber die andere, starke Seite von ihm mit viel Interesse und Schrecken gelesen.
    Eine Leseempfehlung mit 4 Sternen ist mein Fazit.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Aug 2017 

    Leben in einer Diktatur

    Julian Barnes beschreibt in dem biographischen Roman : "Der Lärm der Zeit" das Leben des russischen Komponisten Schostakowitsch. Der Einstieg ist sehr spannend: Schostakowitsch steht jede Nacht mit einem Koffer am Fahrstuhl in seinem Haus und wartet darauf von Stalins Geheimpolizei abgeholt, gefoltert und getötet zu werden. Wir Leser erfahren in Episoden und Rückblenden, jeweils aus der Innenperspektive des Komponisten, wie es dazu kam, wie er die Terrorzeit Stalins überlebt hat, bzw. wie es ihm unter der Chruschtschow- Ära erging.

    Julian Barnes beschreibt sehr differenziert und nuanciert die Gedanken und Gefühle eines Menschen, der sich verbiegen, anpassen und sich selbst verleugnen "muss" um zu überleben. Die Scham, und die Verzweiflung, die er empfindet.. Der Autor lässt seinen Protagonisten sogar selbstkritisch über seine Versuche, sich mit Ironie zu retten, nachdenken. Inwieweit eine ironische Haltung der Macht gegenüber überhaupt für ihn oder andere sichtbar und wirksam ist.

    Die Episoden sind alle mit leichter Hand geschrieben, mit viel Ironie, wobei es nur in der Mitte des Buches manchmal zu Längen oder Wiederholungen kommt. Dies ist allerdings nicht sehr störend, da der Roman eher schmal ist. Teilweise ist die Innenperspektive beim Erzählen nicht ganz durchgehalten worden, aber auch das stört nicht den positiven Gesamteindruck.

    Insgesamt hat mich das Buch beeindruckt. Es wird mit ineinandergreifenden Episoden, Erinnerungen, Anekdoten gezeigt,, wie die Machtmechanismen in Diktaturen funktionieren, wie wenig Möglichkeiten es gibt, sich der Macht entgegenzustellen. Bei mir kamen auch Erinnerungen an die Zeit des kalten Krieges auf, insbesondere an diese verlogene, scheinheilige Rhetorik der Kommunisten. Gerade bei Musik ist der Interpretationsspielraum noch viel größer als bei Literatur oder gar Journalismus, so dass die Gängelungen des Machtapparates noch willkürlicher erscheinen.

    Fazit: Ein schweres Thema sehr gelungen dargestellt.