Der Krieg mit den Molchen

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Krieg mit den Molchen' von Karel Capek
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5 von 5 (1 Bewertungen)

"Ich las Ihren Roman Der Krieg mit den Molchen, der glücklicherweise ins Deutsche übersetzt ist. Lange hat mich keine Erzählung mehr so gefesselt und gepackt. Ihr satirischer Blick für die abgründige Narrheit Europas hat etwas absonderlich Großartiges, und man erleidet diese Narrheit mit Ihnen, indem man den groteken und schauerlichen Vorgängen der Erzählung folgt, deren Phantastik ein durchaus zwingendes und notwendiges Leben gewinnt." -- Thomas Mann 1937 über das neueste Buch des tschechischen Autors.

Auf einer Südseeinsel wird ein Meereslebewesen entdeckt, das von Wissenschaftlern als eine Art Riesenmolch identifiziert wird, den man lange Zeit für ausgestorben gehalten hatte. Schon bald entdeckt man, dass die ungewöhnlich begabten und arbeitsamen Molche sich hervorragend für Unterwasserarbeiten eignen, und sie werden fortan von beinahe allen Ländern der Welt als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Dass die Molche meisterhaft mit Werkzeugen umgehen und zudem auch noch die Sprache der Menschen erlernen, ist für die Wissenschaft jedoch keineswegs ein Grund zur Annahme, es könnte sich um intelligente Wesen handeln.

Die Molche breiten sich in Windeseile über die Weltmeere aus, angetrieben von der Maschinerie menschlicher Habgier. Bereits nach kurzer Zeit ist die gesamte Weltwirtschaft von den Molchen und ihrer Arbeit abhängig und eine Katastrophe erscheint vorprogrammiert, sollten sich die Molche je ihrer eigenen Stärke bewusst werden.

Capek entwarf seine gesellschaftliche Utopie 1936 vor dem Hintergrund wachsender internationaler Spannungen und einem drohenden Weltkrieg. Wie Aldous Huxley in Schöne Neue Welt vier Jahre davor nutzt auch Capek die Gattung Science Fiction, um die technische und gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit in einem phantastischen Szenario zu problematisieren, das er in eine Satire gegen Fortschrittsoptimismus und Profitdenken verwandelt.

Im "Krieg mit den Molchen" gelingt ihm eine Karikatur der politischen Verhältnisse seiner Zeit, die auch heute noch in ihrer Klarheit und Präzision fasziniert -- vielleicht auch deshalb, weil sich seitdem erschreckend wenig verändert zu haben scheint. Nur allzuleicht erkennt der Leser in dem vorgehaltenen Spiegel seine eigene Welt wieder. --Sara Schade

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
EAN:9783864060779

Rezensionen zu "Der Krieg mit den Molchen"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Nov 2016 

    Den Molchen gehört die Welt!

    Es war einmal ein Riesenmolch der Spezies Andreas Scheuchzeri. Der lebte vor zig Millionen Jahren in Mitteleuropa. Mittlerweile ist er jedoch ausgestorben. Doch Karel Čapek ließ ihn in seinem Roman "Der Krieg mit den Molchen", den er 1936 geschrieben hat, wieder auferstehen. Bei Čapek haben es die Riesenmolche bis nach Indonesien geschafft. Auf der Insel Tana Masa nimmt Čapeks Geschichte um die Riesenmolche ihren Anfang. Dabei skizziert der Autor ein satirisches Endzeitszenario, das erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft aufweist.
    In der vorliegenden Ausgabe der Edition Büchergilde hat der Künstler Hans Ticha die Gesamtgestaltung des Buches übernommen. Diese Kombination aus bemerkenswertem Roman und hervorragender künstlerischer Arbeit machen aus diesem Buch ein Kultbuch.

    Worum geht es?
    Kapitän van Toch entdeckt auf einer Insel nahe Sumatra geheimnisvolle Tiere, die zunächst harmlos und primitiv wirken: Die Tiere besitzen besondere Fähigkeiten, die sich der Mensch zunutze machen könnte. Sie sind extrem widerstands- und anpassungsfähig. Darüberhinaus vermehren sie sich in einem atemberaubenden Tempo. Obwohl die Tiere unter Wasser leben, sind sie doch in der Lage, sich für eine begrenzte Zeit an Land aufzuhalten. Die Tiere lernen schnell mit Werkzeugen umzugehen und verrichten bald riskante Arbeiten für den Kapitän, wie z. B. das Perlenfischen. Der Kapitän wittert eine enorme Einnahmequelle und versucht, die entdeckten Molchkolonien auszubauen. Leider fehlen ihm noch die finanziellen Mittel, so dass er sich einen Geldgeber suchen muss. Dabei gerät er an einen Industriellen, der ebenfalls ein riesiges Potenzial in diesem Geschäft sieht und seine geschäftlichen Energien fortan der Professionalisierung der Molchzucht widmet.
    Mit der Zeit wird die Erde mit Molchen überschwemmt. Auf nahezu allen Erdteilen werden Molche angesiedelt und von den Menschen als billige Arbeitskräfte in sämtlichen Industriebereichen genutzt. Die Molche sind anspruchslos in der Haltung. Durch die Fortpflanzungsfreude der Tiere ist auch für ständigen Nachschub gesorgt. Die Welt erkennt schnell, dass Molche wichtiges „Material“ sind, um den Wohlstand der Erde zu garantieren. Dadurch werden die Tiere zur Handelsware – ähnlich wie Sklaven -, und werden sogar an einer eigenen Börse gehandelt. Mit steigendem Wert und Nutzen der Tiere beginnt schnell ein weltweiter Kampf um die Molche, der in manchen Erdteilen in Krieg ausartet. Sowie die Molche gelernt haben, mit Werkzeugen umzugehen, haben sie natürlich auch gelernt, Waffen zu benutzen. Die Molche werden in den Krieg geschickt. Aber wie in jedem Sklaventum, setzen sich die Unterdrückten irgendwann zur Wehr. Auf einmal wenden sich die Molche gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker.

    "Kurz, im Gegensatz zu der menschlichen Besiedlung der Welt wurde die Verbreitung der Molche planmäßig und großzügig durchgeführt; der Natur überlassen, hätte sie sich gewiss über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hingeschleppt; nein, die Natur war nie so unternehmend und zweckbewusst wie die menschliche Fabrikation und der menschliche Handel." (S. 160 f.)

    Čapek hat mit seinem Roman eine Satire geschrieben, die die Menschheit in ihrer ganzen Überheblichkeit und Dummheit aufs Korn nimmt. Der Traum von Macht und Reichtum auf Kosten anderer, macht den Menschen maßlos und blind gegenüber sämtlicher Risiken. In Anlehnung an die damalige politische Situation (Čapek hat den Roman 1936 geschrieben), findet man natürlich viele Parallelen zum Nationalsozialismus und Rassenwahn. Da sich der Mensch nicht ändert - auch wenn der Wille da sein mag - passt Čapeks Gesellschaftskritik uneingeschränkt in die heutige Zeit und ist aktueller denn je.

    "Je größer der Herr, desto weniger steht bekanntlich auf dem Schild an seiner Tür." (S. 35)

    Dieser ungewöhnliche Roman ist in 3 Teile gegliedert. Im ersten Teil - "Andreas Scheuchzeri" - geht es um die Entdeckung der Molche durch Kapitän van Toch und den Anfängen des Geschäftes mit den Molchen. Der 2. Teil - "Stufe um Stufe zur Zivilisation" - konzentriert sich auf die Entwicklung der Molche. Angefangen bei dem ursprünglichen Lebensraum bis hin zur Molchzivilisation. Molche sind sprachbegabt, haben künstlerische Talente, sind in den Naturwissenschaften bewandert. Die Molche haben es drauf, und stehen dem Menschen in Nichts nach. Wen wundert es da, wenn in Teil 3 - " Der Krieg mit den Molchen" - die Molche zu einer Bedrohung für die Menschheit werden. Die Frage der Molche nach dem Herrschaftsanspruch der Menschen scheint durchaus berechtigt.

    "... und weil diese Molchschulen nicht mit den alten klassischen Traditionen der menschlichen Schulen belastet waren, sondern die neuesten Methoden der Psychotechnik, der technologischen Erziehung, der vormilitärischen Ausbildung und andere letzte Errungenschaften der Pädagogik anwenden konnten, entwickelten sich aus ihnen bald das modernste, wissenschaftlich fortgeschrittenste Schulwesen der Welt, das mit Recht Gegenstand des Neides aller menschlichen Pädagogen und Schüler war." (S. 195)

    Die Ausgabe der Edition Büchergilde ist sehr fantasievoll gestaltet. Die Illustrationen von Hans Ticha sind ein Blickfang. Die Zeichnungen sind sehr plakativ gehalten und enthalten viele Elemente der Pop Art. In Anlehnung an die Bilder von Roy Lichtenstein finden sich einige Illustrationen, die dem Buch eine gewisse Dramatik verleihen.

    Im Mittelpunkt dieser Illustrationen steht natürlich der Molch.
    Ticha verleiht ihm eine große Portion Menschlichkeit: Aufrechtstehen, Gesichter, Arme und Hände. Man hat von Anfang an den Eindruck, dass der Molch nicht so blöd ist, wie er von den Menschen gern dargestellt wird.
    Bemerkenswert ist auch Hans Tichas Gesamtgestaltung des Buches. Neben den Illustrationen gibt es ein Sammelsurium an Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Arbeiten, Gesprächsprotokollen, Briefen und vieles mehr, selbstverständlich alle fiktiv. Allein die unterschiedlichen Druckbilder und Schriftarten dieser Textvielfalt machen die Gestaltung dieses Buches so einzigartig.
    Die unterschiedlichen Textformen und farbenprächtigen Illustrationen bringen den Leser dazu, sich bei der Lektüre sehr viel Zeit zu lassen und sich gern in dem Buch zu verlieren.

    Fazit
    Diese Satire zeichnet sich durch ihre Zeitlosigkeit aus und macht sie aufgrund ihrer Gesellschaftskritik aktueller denn je. Karel Čapeks Humor bringt den Leser auch 80 Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung seines Buches zum Lachen. Der Künstler Hans Ticha hat nicht nur dieses Buch illustriert sondern ist für die Gesamtgestaltung verantwortlich. Seine Arbeit an diesem Buch erstreckte sich über einen Zeitraum von 10 Jahren. Mit seinen plakativen Illustrationen und der Verwendung unterschiedlichster Textformen wird ein lesenswerter Klassiker zu einem absoluten Kultbuch.

    © Renie