Der Kinderzug: Roman

Rezensionen zu "Der Kinderzug: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Nov 2019 

    Lesetipp

    Michaela Küpper erzählt in ihrem 339 Seiten langen Roman einfühlsam und atmosphärisch von der zunächst für 3 Monate lang geplanten Kinderlandverschickung im zweiten Weltkrieg.
    Ein Thema, das mir bislang in Büchern nicht begegnet ist und mir gänzlich unbekannt war.
    Ein Thema, das bisher in der Öffentlichkeit vllt. zu wenig Beachtung fand und schon deshalb so bedeutsam ist, weil es nicht nur den geschichtlichen Horizont erweitert, sondern auch zum Nachdenken anregt.
    Zum Nachdenken z. B. darüber, wie Prägungen in der Kindheit transgenerationale Dynamiken erzeugen, die in der künftigen Gesellschaft im Großen und Kleinen eine bedeutsame Rolle spielen.

    Zunächst kurz zum Inhalt:

    Beim Aufschlagen des ersten Kapitels befinden wir uns im September 1945 in Bayern auf dem Kronenhof, einem Hotel, in dem die Amerikaner ihr Quartier aufgeschlagen haben. Wir treffen dort die 24-jährige Lehrerin Fräulein Barbara Salzmann und ihre zwölf 14jährigen Schülerinnen im Teenageralter. Sie werden dort bis zu ihrer Heimreise beherbergt. Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Die Amerikaner sind freundlich, machen Faxen mit den Mädels und schenken ihnen „chewinggum“. Das Ende des Krieges. Das Ende einer Odyssee.
    Aber ist das Grauen tatsächlich vorbei? Erst am Ende des Buches bekommen wir die Antwort. Erst am Ende des Buches schließt sich der Kreis. Dieses erste Kapitel endet nämlich mit einer Detonation, mit einer Stichflamme, mit tintenschwarzen Rauchwolken und mit den schrillen Schreien von Mädchen.
    Ab dem zweiten Kapitel begleiten wir die Protagonisten auf ihrer mühsamen und unheilvollen Reise ausgehend von Essen quer durch Deutschland.

    Der Leser bekommt auf dieser Reise einen eindrücklichen Einblick in die „vorsorgliche Umquartierung“ zum Schutz der Kinder vor Luftangriffen und er bekommt eine Vorstellung davon, wie es den Kindern in den strikt nach Geschlechtern getrennten Lagern ergangen ist.
    Trotz des tiefen Eintauchens in das Kapitel Kinderlandverschickung, wird nebenbei und drumherum viel Zeitgeschehen vermittelt.
    Der Roman von Michaela Küpper ist berührend, aber zu keinem Zeitpunkt rührselig oder gar kitschig. Er ist in einer schönen Sprache geschrieben und enthält treffende Bilder und Beschreibungen.
    Unterhaltsam, fesselnd, eindringlich, kurzweilig und ausdrucksstark sind weitere Adjektive, die mir zu dem Buch einfallen.

    Besonders gefielen mir die Wechsel der Perspektiven und Erzählweisen, sowie das Fokussieren unterschiedlicher Erzählstränge.
    Jedes Kapitel stellt eine andere Person, deren Gedanken, Gefühle und Erleben in den Mittelpunkt: Mal die Lehrerin Barbara, die sich um die Mädchen kümmert, mal die vorlaute Gisela oder die schüchterne Edith, deren jüngere Schwester, mal Karl aus dem Jungenlager.
    Mal lesen wir einen unverkrampft, wortgewandt und offen geschriebenen, z. T. gewitzten Tagebucheintrag von Gisela, mal erzählt uns ein allwissender Erzähler von den Geschehnissen.
    Auf diese Weise wird der Roman beeindruckend abwechslungsreich und kurzweilig.

    Die Geschichte beginnt gemütlich, gemächlich, interessant und unterhaltsam. Im Verlauf gelingt es der Autorin dann, die Spannung zu steigern und man fliegt neugierig, gespannt, manchmal verwundert, atemlos, bedrückt, empört oder erschüttert durch die Seiten.

    Man hält die Luft an, wenn man miterlebt, wie der kleine Otto fast ertrinkt und wenn der Direktor des Lagers einen Brief aus der Heimat öffnet, bevor er ihn dem Mädchen übergibt, an das er adressiert ist. Und man atmet erleichtert auf, wenn Otto gerettet wird und in dem Brief keine Hiobsbotschaft enthalten ist.
    Man kann nur staunen, wenn man liest, dass es viele der Kinder kaum erwarten können, sich im Kriegsdienst und an der Front nützlich zu machen und dass diejenigen, die das nicht wollen, als Muttersöhnchen, Feiglinge und Drückeberger verachtet werden.
    Man beginnt, sich Sorgen um Rudi, den verhaltensauffälligen, intelligenzgeminderten, vllt sogar geistig gestörten Sohn der Wirtin und um die kleine Edith, eine Bettnässerin, zu machen und man bangt mit den Protagonisten, wenn plötzlich Mädchen verloren gehen oder verschwinden.

    Michaela Küpper schafft es scheinbar mühelos, die Veränderung der Atmosphäre zu vermitteln. Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu Beginn, als die Kinder sich darauf freuen, eine schöne Zeit in einer Art Ferienlager zu verbringen. Dann eine zunehmende Ernüchterung: Heimweh, Angst um die Angehörigen zu Hause, Angst um ihr eigenes Leben.

    Die Kinder sind so tapfer und für die Lehrerin Barbara ist es eine große und schwere Herausforderung, ihnen Halt und Trost zu geben bei all den schmerzlichen Erlebnissen und Nachrichten von daheim.

    Trotz allem Ernsten und Bedrückenden gibt es auch immer wieder Momente zum Schmunzeln und Augenblicke einer Normalität, die die schreckliche Kulisse des Krieges kurz in den Hintergrund treten lassen.

    Herzerwärmend zu lesen sind Episoden, in denen man von freundlichen Menschen und vom Mut und der Hilfsbereitschaft mancher Zeitgenossen liest und erschütternd sind solche, in denen man Eigennutz, Selbstsucht und krimineller Energie begegnet.
    Beeindruckend ist es, vom großen Engagement und hohen persönlichen Einsatz der Lehrerin Barbara zu lesen, die mit der Übernahme der vollen Verantwortung für ihre Schülerinnen eine denkbar schwierige Aufgabe zu meistern hatte.
    Informativ und klar erzählt die Autorin mit einer angemessenen und ausgewogenen Mischung aus Sachlichkeit und Emotionalität von einer Unternehmung, die anfangs als Schutzmaßnahme für die Kinder und vordergründig zur Gewährleistung und Aufrechterhaltung des Schulunterrichts aber hintergründig zur Vermittlung ideologischer Werte, Indoktrination und Manipulation gedacht war, die aber letztlich dazu führte, dass tausende von Kindern den Krieg fernab von Familie und Freunden verbringen mussten, in den Wirren des Krieges vergessen wurden oder weitgehend sich selbst überlassen worden sind.

    Der Roman ist von Anfang an richtig gut und er wird im Verlauf sogar noch besser.
    Ein Must read!

    Noch ein Tipp am Ende: es lohnt sich, das informative und interessante Nachwort zu lesen!